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Das Saarland. Eine Million Einwohner, erst seit 1957 per Volksentscheid kleinstes deutsches Bundesland, stellte mal einen Kanzlerkandidaten. Und ist auf dem Weg raus aus der Kohle, rein in die Zukunft. Was nicht so einfach ist in einem Land, in dem die IHK lange Zeit die einzige Opposition war.

Nikolaus Jung thront in seinem Sessel, kleiner Mann, bunter Schlips, seit 13 Jahren ist er hier der Chef. Chef von Lebach, 23 000 Einwohner, 20 Kilometer nördlich von Saarbrücken. "Lebach lebt" heißt der Slogan der Stadt, "Lebach bebt" wäre passender. Über 30-mal hat seit Anfang des Jahres die Erde gewackelt. Der Bergbau ist schuld, in der Nähe läuft ein Flöz, schräg darüber eine Sandsteinplatte. Der Berg rutscht nach, und hier oben knallt die Luft, Spitzenwerte: 2,7 auf der Richterskala. Es fallen keine Häuser um, aber es rappelt das Geschirr, vereinzelt reißen die Fassaden. Eigentlich besteht kein Grund zur Panik. Doch wo ein Riss, egal, ob in einer Fassade oder der Gesellschaft, ist Platz für eine Geste. Platz für Nikolaus Jung, Bürgermeister von Lebach.

Lebach zahlt. Der Betreiber des Bergwerks ist die DSK, die Deutsche Steinkohle AG in Herne. Und jedem Bürger, der die DSK verklagen möchte, zahlt die Stadt Anwalt, Prozess, Beratung. "Damit nicht der Kleine gegen den Riesen dasteht", sagt Jung, erhebt sich, marschiert langsam hinter seinem segelbootgroßen Schreibtisch hervor und diktiert: "Wir lassen prüfen, ob bei der Genehmigung die Tektonik pflichtgemäß und richtig gewürdigt worden ist. Fragezeichen!" Die nächsten Rs stelle man sich stark gerollt vor, Saarlandisch: Sächsisch ohne das Nasale, jedes t wird zu d, jedes ch zu sch. Ein Mann, ein Diktat, weiter: "Dass hier noch nichts im Sinne des StGBs passiert ist", Jung hebt Füllfederhalter und Augenbrauen, er sagt tatsächlich StGB, schließlich ist er Anwalt. Und wie reagieren die Leute so?, fragen wir. "Die Leute haben Angst. Sie wissen, das kommt vom Bergbau." Bergschäden im Saarland. Auch der Rückhalt für den Bergbau bröckelt. Peter Müller (CDU), der Ministerpräsident, steht für den Ausstieg. So gewann er die Wahl im September 1999. Aber rund 3200 Kumpel arbeiten noch im Bergbau, insgesamt hängen noch 10 000 an der Kohle. Also propagiert auch Müller den sanften, langsamen "Gleitflug". Zu langsam für Lebach, zu langsam auch für Fürstenhausen. Dort sackt ein ganzes Dorf in sich zusammen, ganz langsam, Tag für Tag. Die Abbaubeschlüsse sind von 1997, Müller kann nichts machen. Also predigt er Geduld.

Das Saarland nennt sich "Aufsteigerland". Das sagt vor allem, wo man steht: ganz unten.

"Saarland, Aufsteigerland" heißt der Slogan der Regierung. Endlich weiterkommen wollen sie hier, Zukunft machen, Saar/Lor/ Lux aufbauen, weg von der Randregion, auf nach Europa, Biotechnologie rein, Kohle raus, was immer nötig ist zum Strukturwandel. Doch " Aufsteigerland" sagt vor allem, wo man steht: ganz unten. Vorletzter auf der Rangliste des Wirtschaftswachstums der westlichen Bundesländer, um genau zu sein. "Aufsteigerland" beschreibt den Weg und nicht das Ziel. Streit über das Tempo, die Richtung und die große Frage: Fahren wir mit dem alten oder nehmen wir den neuen Wagen? Müller will den neuen, so wie die meisten im Saarland. Aber der ist noch nicht so weit. So schlägt jedem, der in das Saarland kommt, ein feiner, aber übler Hauch von Streit ins Gesicht. Risse in den Häusern, Risse im Saarland.

Zurück nach Lebach. Die DSK brauchte wie üblich eine Weile für ihr Schuldgeständnis. "Die erste Aussage von denen war: ,Wir haben nichts damit zu tun'", sagt Jung. "Dann sagten sie: Ja, wir waren das. Um weitere Schäden auszuschließen, werden wir kontinuierlich, also in drei Schichten abbauen.' Pfeifedeckel!", schreit Nikolaus Jung, reißt beide Arme in die Luft: "Es wurde schlimmer! Jetzt bieten sie an: ,Wir bauen nicht mehr nachts ab'." Nikolaus Jung lächelt sich eins und verlässt den Raum.

13 Jahre lang hat Oskar Lafontaine das Land regiert. Aber wer hat wen geprägt?

Der Pressereferent erläutert die Umstände. Wenn jemand ein Haus baut, baut er das natürlich für sein Leben. Was da wackelt, sei eben mehr als nur Mauern und Zement. 200 Häuser sind betroffen, allein in Lebach. In Fürstenhausen wird gerade eine psychosoziale Beratungsstelle eingerichtet. Im April gab das Verwaltungsgericht sogar der ersten Klage aus Lebach nach. Die Folge: Kurzarbeit für 1800 Bergarbeiter. Der Bürgermeister triumphiert. Eine gute Woche später hebt das Oberverwaltungsgericht Saarlouis den Bescheid wieder auf und überprüft die Rechtsmäßigkeit der Rechtsbeihilfe durch die Stadt Lebach.

Erneut Auftritt Jung, ein Herr im Schlepptau, bordeauxfarbenes Jackett. Der setzt sich auf den Bürostuhl vor Jungs Schreibtisch, lehnt sich zurück, Beine breit, wird nicht vorgestellt. Wieso auch, die Vorstellung läuft ja bereits. "Ich wusste ja nicht, dass wir hier auf Pfahlbauten wohnen sollten wie in der Südsee", ein Blick zum Kollegen, der kennt den Witz, freut sich noch mal mit. Wie Jung den Strukturwandel in Lebach bewerkstelligen wolle, fragen wir. Die Hände des kleinen Königs wandern in die großen Hosentaschen, er schiebt den Bauch vor. Er sehe keine Möglichkeit, sich aktiv am Strukturwandel zu beteiligen, sagt der Lokalpolitiker. "Da muss man sich von Seiten des Landes und der Bundesregierung was einfallen lassen. Aber mal was anderes", Hände wieder raus, "im Bergwerk Ensdorf haben sie 300, 400 Polen eingeflogen, um die Kohle abzubauen. Früher hatte man Türken. Die waren kleinwüchsig", der Blick verschwörerisch: " Wie Sie das bewerten, überlasse ich Ihnen", sagt Nikolaus Jung, der Bürgerrechtler von Lebach.

Tja, wie bewertet man das? Irgendwie denkt man da an Oskar Lafontaine. Empörung, Profilierungsgeilheit, hysterisches Verantwortungsbewusstsein vermischen sich zu einem volksnahen Tatendrang, dem es jedoch vor lauter Feindbildern völlig die Vision verhagelt. 13 Jahre hat Lafontaine das Land regiert. Aber wer hat wen geprägt? Auch Peter Müller, der neue Ministerpräsident, erinnert ein wenig an Lafontaine. Volksnah, selbstbewusst, humorig. Müller und Lafontaine waren Skatbrüder.

Als Müller die Wahl gewann, baute er blitzschnell um. Ministerien und Ausschüsse sind heute kompetent besetzt, die Ämter positionieren sich als Dienstleister. " Saarland 21" heißt das Programm, das den Wandel nach vom treiben soll. Inzwischen ist das Saarkabinett zur ersten digitalen Kabinettssitzung zusammengekommen: Die Runde tagte mit Notebooks, Entwürfe kamen per eMail. Ein politisches Symbol für den Wandel zur Informationsgesellschaft, den auch Peter Müller so schnell wie möglich vorantreiben will.

Das Problem jedoch: Man sieht ihn nicht, man spürt ihn kaum, den Wandel. Sicher, auch hier gibt es Technologiezentren in alten Industriekomplexen und dergleichen. Doch wer die Autobahn 620 befährt - das ist die Stadtautobahn, die parallel zur Saar, parallel zur Bahnlinie, parallel zur Industrieschneise führt - der fährt die Geschichte des Saarlandes entlang und sieht ein Weinland, über das die Schwerindustrie kam. Der blickt in offene Industrielandschaften, die von Städten nicht zu unterscheiden sind, weil sie derart stark miteinander verwachsen sind, dass sie nur durch höchst riskante Operationen voneinander zu trennen wären. Stattdessen bleiben sie am Tropf.

Zum Beispiel Völklingen: Von der Autobahn aus betrachtet ein einziges Stahlwerk, die Stadt ist Randerscheinung. Sieben Jahre war die Saarstahl AG im Konkurs, dieses Jahr soll sie in die freie Wirtschaft entlassen werden. In der Mitte des Werkes stehen vier verrostete übergroße Zäpfchen, das "Weltkulturerbe", alte Hochöfen, ein Industriedenkmal. Das Denkmal wie das Werk: architektonische Zeugen eines Umbaus, der Flüsse zu Kanälen begradigt hat und in den sanft geschwungenen Hügeln vor allem Verkehrshindernisse sah. Irgendwann verklärte sich das zur Heimat, die SPD machte daraus Folklore. Und Lafontaine Marketing: Noch 1997 ging er mit zigtausend Kumpeln für eine Kohledemo auf die Autobahn und blockierte den Verkehr. Für eine Industrie von gestern.

Saarbrücken, das Zentrum der Macht, in dem sie Güter als Heimat verfeuern: mittags Kohle, abends Wein.

Doch wie gesagt, das Alte bröckelt, Lafontaine ist untergetaucht. Er lässt sich nicht mehr in den Kneipen blicken, versackt nicht mehr am Tresen und läuft auch nicht im Napoleon-Kostüm zum Faschingsball, wie früher. Sie ließen ihn einfach fallen, erzählt Petra Zalud von der Zentrale für Produktivität und Technologie. Sie leitet das Nanobionet, ein nanobiotechnologisches Netzwerk aus Unternehmen, Instituten und Wirtschaftsförderung, deren Verknüpfung bis nach Rheinland-Pfalz reicht. "Man hat ihm das sehr übel genommen, als er anfing, das saarländische Image zu beschädigen", sagt Petra Zalud. Und nach ihr sagen das noch ein paar andere: Es ging um Image. "Alles hier ist monopolistisch angelegt", erzählt Zaiud weiter, deren Wettbewerb einer der großen Image-Bringer für das Land darstellt. "Es gibt eine Universität, eine Stadt, eine Wirtschaftsförderung. Jeder sitzt bei jedem im Aufsichtsrat." Und alles blickt auf Saarbrücken.

Die Struktur des Saarlandes gleicht einem Sonnenaufgang. Saarbrücken ist die Sonne, der Horizont, die Grenze zu Lothringen, dem "Sibirien Frankreichs", ein wüstenartiges Häuserchaos mit dem Charme eines Dauercampingplatzes. Im Norden der weit-buckelige Hunsrück, im Osten drückt die Pfalz, undurchdringbar wie ein deutscher Märchenwald, auf der Rückseite Weinberge. Je näher man Saarbrücken kommt, umso mehr verdichten sich Straßen, Wege und Wasserläufe zu einem widersprüchlichen Stück Stadt. Idyllische Hügel, Sandsteinbauten in der Altstadt, hässliche Uferpromenade an der Saar. Zentrum der Macht, Zentrum der Kraft, in dem sie sonderbare Stoffe verfeuern: mittags Kohle, abends Wein.

Das Saarland ist ein bisschen wie Sizilien. Jeder kennt jeden, jeder checkt jeden. Strukturwandel ist also Schwerstarbeit.

Die Restaurants sind französisch, Kellner und Speisekarten auch. Seitenlange Listen von Bordeauxweinen nach Untergebieten wie Paulliac, St. Emilion und St. Estéphe, Preise bis weit über tausend Mark. Die Mineralwasserflaschen, Marke Bad Camberger Taunusquelle, sehen aus wie rundliche Damenparfümflaschen. Allerorts werden sie, ist der Drehverschluss mal ab, mit Stopfen aus Plastik verschlossen. Diese Saarländer, sind sie in Wirklichkeit nur tagsüber sensible Beitrittsdeutsche? Abends aber euphorische Freizeitfranzosen?

Erst 1957 kam das Saarland per Volksentscheid zu Deutschland. Der Staatsvertrag zwischen den beiden Nationen war dicker als die Verträge von Versailles. Wichtig für die Franzosen: Sicherung der wirtschaftlichen Ausbeutung deutscher Kohlefelder für die nächsten 25 Jahre. Tragisch für das Saarland. Da war nichts mit Strukturwandel. Innovativ aber war der Passus, der die Warenwirtschaft zwischen Frankreich und dem Saarland regelte: auf hohem Niveau. Der Austausch floriert. Das Saarland ist das Fenster zu Frankreich. Heute sind die meisten Förderprojekte Saar/Lor/Lux-orientiert. Es gibt einen grenzüberschreitenden Businessplan-Wettbewerb, Busse und Straßenbahnen fahren über die Grenze, und im 12. Schuljahr macht man hier Abibac, eine Mischform aus Abitur und Baccalauréat.

"Wir sind keine Franzosen", meinte Zalud gestern, "uns kommen die Deutschen zwar oft fremder vor als die Franzosen. In Wahrheit sind wir aber sizilianisch strukturiert. Es gibt hier eine sehr durchorganisierte Nachbarschaftshilfe. Man kennt immer jemanden, der einen kennt. Jeder checkt jeden." "Strukturwandel", warf ihr Kollege ein, " ist hier also Schwerstarbeit" und grinste. Ob wir schon ein gutes Restaurant für den Abend hätten, fragte Zalud, als wir uns verabschiedeten.

Die Saarländer, die Sizilianer Deutschlands? Tatsächlich besitzt das Saarland die höchste Vereinsdichte. Auch Politik findet hier unter intensiver Beobachtung statt. Die Medien, der moderne Marktplatz, sind immer dabei. In Sizilien schneiden Messer, hier tun es Worte. Der Ton ist hart, nicht herzlich. Peter Müller über den Oppositionsführer der SPD, Heiko Maas: " Ich bin es gewohnt, dass der Oppositionsführer der SPD dummes Zeug redet, statt sich mit dem Problem auseinander zu setzen." Letzteres versucht Heiko Maas gerade. "100 Tage Heiko Maas" steht auf den Mappen aus weißer Wellpappe, deren Inhalt dünner ist als der Umschlag. Vom am Podium zwischen SPD-Funktionären und Hajo Hoffmann, dem frisch wiedergewählten Oberbürgermeister von Saarbrücken, sitzt Heiko Maas und macht Politik. Das heißt, er diktiert zitierfähige, in seinem Fall ziemlich handzahme Ansichten, in die Blöcke der anwesenden Presse. Und das Erste, was man als Besucher denkt, ist: Mein Gott, ist der jung. Ein Drittel der Sätze steht am nächsten Tag in der Zeitung. Viel Neues ist nicht dabei.

Ein Tag später, unterwegs zum Büro des SPD-Fraktionsführers hinter dem Landtag. Kein Parkplatz vor dem Gebäude, denn wie gesagt, es regnet. Der Landtag sieht aus wie ein bankrottes Staatstheater, daneben steht das Gebäude der Industrie- und Handelskammer (IHK) des Saarlandes, ein modernistischer Glasbau, innen genauso modern, drinnen trafen wir vorgestern Petra Zalud. Als die SPD das Land noch fest im Griff hatte, galt die IHK Saarland als einzige Opposition. Heute ist ihr ehemaliger Präsident Hanspeter Georgi Wirtschaftsminister. Kein Bändiger also, seine Aufgabe liege eher darin, "die Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Tun zu verbessern".

Georgi zählte die Eckpunkte herunter, klassische Hebel des Wandels. Erwartbare, wichtige und auch typische Restrukturierungen nach 14 Jahren SPD-Monokultur. Bei näherer Betrachtung lassen sich kaum Unterschiede zu modernen Positionen der SPD feststellen. Übrig bleibt einzig die unterschiedliche Zielgruppe. Die SPD kümmert sich um alle, die Angst vor der Veränderung haben, also die da unten. Die CDU vereinigt den Mittelstand und alle, die sich ausgebremst fühlen und nach oben wollen oder schon dort sind. Doch das Saarland ist klein. Bei einer Million Einwohnern lässt sich kaum von Landespolitik reden. Eigentlich dürften hier, mit dem Rücken zur Wand, diese Unterscheidungen nicht zählen.

Politiker aus dem Saarland mischen sich gern in die Bundespolitik. Das profiliert.

Aber im Saarland streitet man, denn das profiliert auf Bundesebene. Müller legt ein Zuwanderungskonzept vor, Maas mischt sich in die Gen-Debatte ein. Und deswegen, weil er zwischen gestern und heute hängt, zwischen alter SPD, die ihn immer wieder zurückpfeift, und sich selbst, betont Heiko Maas auch in seinem Büro lieber den Besitz eines Zettelkastens und beginnt für sein Alter traurig viele Sätze mit: "Ich sage immer...", statt seinen jugendlichen Biss mit dem von Müller zu kombinieren. Aber Müller nimmt ihn eh nicht für voll, ignoriert den jungen Nachwuchspolitiker ostentativ und wo er nur kann. Wie damals Lafontaine die CDU. Zu Müller gefragt, sagt Maas: "Wir sind, glaube ich, menschlich sehr verschieden..." Die zweite Natur des Saarlandes: Luftige Landschaft, es riecht nach Benelux und Europa.

Das Tonband ist aus. Wir verabschieden uns, und Heiko Maas wird zu Heiko Maas. Ein sicher noch junger, aber was viel wichtiger ist, interessierter Mann. Er will uns noch etwas zeigen, sagt er und führt uns eine Treppe runter, dann links um die Ecke. Vor uns liegt ein langer Tunnel, das Echo ist atemberaubend. Der Tunnel steht knöcheltief unter Wasser, denn es hat seit Tagen geregnet, die Saar ist überschwemmt, der Tunnel auch.

Den haben sie gebaut, grinst Heiko Maas, zur Zeit der Attentate. Die Abgeordneten hatten Angst vor Heckenschützen, die aus den umliegenden Gebäuden auf sie schießen könnten, wenn sie vom Fraktionsgebäude die zehn Meter zum Landtag rüberliefen. Also bauten sie diesen Tunnel. Wird der heute noch benutzt? Nur bei Regen, sagt Maas. Aber momentan, das sehen wir ja, geht das nicht, bei diesem Sauwetter. Dann guckt Heiko Maas uns an, als wolle er sagen; "Schauen Sie: So war das früher. Wie Sie das bewerten, das überlasse ich Ihnen." Am nächsten Tag fahren wir noch einmal die Stadtautobahn entlang, Richtung Nordwesten nach Mettlach. Je weiter wir uns von Saarbrücken entfernen, umso stärker tritt die zweite Natur des Saarlandes hervor. Plötzlich wird dieses Eckchen Deutschland luftig, es riecht nach Benelux und nach Europa. Zwischen den Hügeln klemmen keine Werke, da ist mal nur Landschaft. Klöster, Kastelle, Hermann-Hesse-Kulissen. Wir kommen nach Mettlach, und zum ersten Mal ist eine Ortschaft schön, wenn man reinfährt. Die Sonne bricht durch riesige Parkbäume, Sandsteinmauern, ein Hauch von Idylle. Seit 250 Jahren regiert hier Villeroy & Boch, ein Unternehmen mit ähnlich deutsch-französischer Geschichte wie die Region. Der Hauptsitz ist ein altes Kloster, direkt an der Saar, die hier wieder Fluss ist. Im Klostergarten steht ein riesiger Vogelmensch. Teil einer Expo-Installation von Andre Heller und Stefan Szczesny, dem Living Planet Square. Beim Betreten des Kreises aus gefliesten Wandtafeln ertönen Tiergeräusche.

Im zweiten Stock des Klostergebäudes sitzt der Vorstandsvorsitzende Wendelin von Boch-Galhau und ist nervös. Strukturwandel ist auch in Mettlach Thema. 1,8 Milliarden Mark Umsatz macht Villeroy & Boch jährlich, 62 Prozent davon auf dem Weltmarkt. Das Herz des Unternehmens bleibt an der Saar, doch entscheidende Teile der Produktion tragen sich hier nicht mehr. Was tun mit den leeren Werken?

Wendelin von Boch-Galhau, grüne Krawatte, Jagdtuch im Revers, darauf sind Hirsche, sieht aus, als käme er gerade von seinem Jagdsitz. Das Büro ist voller Geschichte und moderner Kunst, als Kind hat er hier gespielt. Er spricht schnelle unfertige Sätze. Gedankenballons, die er einen nach dem anderen in den Raum entlässt. Wohin die fliegen, weiß er auch. Angenehm.

Am Abend präsentiert von Boch-Galhau seinen Plan für 15 Hektar Industriebrache in Mettlach vor Bürgern und Politikern. Er hat einen Film drehen lassen, eine 3D-Animation seiner Vision, Andre Heller baut einen Erlebnispark, in der Mitte steht der Vogelmensch. Wohnen, arbeiten, einkaufen und erleben sollen in den alten Gebäuden neu verbunden werden, eine Salonversion, edler und kleiner als die bombastische Autostadt Wolfsburg. Heute abend ist Premiere, und niemand hat bis jetzt gesehen, was Wendelin von Boch-Galhau da so vorstellt. Er hat Ärger mit dem Denkmalamt, weil der Vogelmensch nicht im Park stehen dürfe. Oder mit dem Bürgermeister, der sich ein Denkmal setzen und den Ortseingang mit einem "Bürgerzentrum" verbauen will. "Mal gucken", sagt er, "das kann auch nach hinten losgehen", und lächelt selbstbewusst und sympathisch, Gutsherrenart.

Wendelin von Boch-Galhau kennt seine Saarländer: Wer den Wandel will, muss Fakten schaffen.

Abend-Termin, Hotel Saarpark, Mettlach, "Grünes Sofa". Das Licht im Saal geht wieder an, der Film ist zu Ende, das Publikum applaudiert, verhalten, aber lange. Wendelin von Boch-Galhau gibt das Mikrofon an den Moderator neben ihm auf der Couch. Der fragt die Diskussionsgäste auf der Bühne, was sie von der Idee halten. Als Erstes den Bürgermeister, ob er etwas davon gewusst hätte. "Ach i wo!", sagt Bürgermeister Manfred Zimmer und neigt sein Kinn nach unten, "mich fragt ja keiner." Reinhard Halberstadt (FDP), Gemeinderat, meint, grundsätzlich sei das Projekt zu begrüßen. "Die Aufarbeitung industrieller Geschichte in neue Arbeitsplätze zu überführen ist wichtig und richtig", sagt Hans-Georg Stritter, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Erneute Frage an den Bürgermeister: "Herr Zimmer, passt Ihnen das in die Gesamtplanung? Ist das kommod?" Der Bürgermeister hat sich offensichtlich gefasst, ergreift das Mikro: "Das ist das gewaltigste Bauteil, das wir in meiner Amtszeit erlebt haben. Wir haben hier bis jetzt 4000 Arbeitsplätze abgebaut. Das hier ist nicht kommod. Das ist die Lösung!", donnert Zimmer: "Das muss gelingen, sonst waren 20, 25 Jahre Wandel umsonst. Was wir heute gesehen haben, ist der krönende Abschluss." Joachim Badelt, "Freie Bürger Mettlach": "Ein Glück, dass wir das nicht in die öffentliche Hand gegeben haben. Die Unterstützung der Mettlacher Bürger haben Sie auf alle Fälle dafür." Den letzten Satz jedoch, den hört kaum noch einer. Denn es gibt gerade niemanden im Saal, der nicht klatscht. Bis auf Wendelin von Boch-Galhau natürlich. Der freut sich. Dass mal endlich wieder alle einer Meinung sind. Kein Wunder. Saarbrücken und die Kohlefelder sind weit.