Partner von
Partner von





Dieter Burmester baut die besten Audioanlagen der Welt. Und die teuersten dazu. Für knapp 100000 Mark bekommt man nur die Mittelklasse. Warum braucht man so etwas? Um zu prahlen, zu besitzen? Den letzten Superlativ auszureizen? Oder um beim Hören den letzten Vorhang zur Seele wegzuziehen.

Hannes' Sandalen sind ein Unding. Kein Rock 'n' Roller trägt solche Latschen. Mit beigefarbenen Söckchen drunter. Aber macht nichts, es ist ja nur Probe, und das Keyboard-Solo von "Route 66" jagt Hannes wie 'ne Eins runter. Der Volker legt dem Frank ein blauweiß gestreiftes Handtuch übers weiße Hemd. "Guckt mal, sieht aus wie ein Matrosenanzug", sagt er und lacht. "Matrosenanzug, wisst ihr noch, das war das Größte, als ich acht oder zehn war." Ist lange her.

Die Luft im Übungsraum der Fabriketage ist heiß und klebrig, die Klimaanlage macht nur Krach, das Bier ist wieder mal warm, und der Sound stimmt noch nicht. Past Perfect, Berliner Musiker um die 50, spielen Monsterhits - Stücke aus jener Zeit, als sie mit ihren ersten Combos durch die Tanzsäle und Schützenhäuser zogen. Frank, der die Gitarre spielt, sieht etwas in seinem Bier schwimmen und schüttet den Rest des Flascheninhalts aus dem Fenster. "Vielleicht ist das Haltbarkeitsdatum überschritten", meint Volker, der Sänger. " Nur nicht am Bier sparen", ruft der Bassist. Dann prügelt er das Intro zu "Keep on Running" aus seinem Instrument.

Sparen. Ein Wort, das zu Dieter Burmester, dem Mann an der Bassgitarre, etwa so passt wie Hannes' Sandaletten zu Mick Jagger. Burmester spart nicht. Sonst könnte er wohl nicht Deutschlands beste Hi-Fi-Anlagen bauen. Manche halten sie sogar für die besten der Welt. Das Edelste und Teuerste ist ihm gerade gut genug. In seiner Hightech-Manufaktur im Berliner Bezirk Schöneberg entstehen Ikonen akustischer Perfektion. Burmester, das steht für absolute Avantgarde, für einen ins Unglaubliche gesteigerten technischen Aufwand, für kompromissloses Streben nach Qualität. Koste es, was es wolle. Fast 50 Menschen können davon auskömmlich leben, seine Firma bringt es auf einen Jahresumsatz von mehr als zehn Millionen Mark, Tendenz steigend. Natürlich reinigt Burmester den Strom aus der Steckdose, weil er ihm nicht gut genug ist. Störende Gleichstromanteile werden aus dem Wechselstrom gefiltert, damit es immer gleich perfekt klingt. Natürlich hat all das seinen Preis. Die Anlage der Reference Line - das Ultimative aus dem Hause Burmester - steht mit knapp über 350 000 Mark in der Preisliste. Dafür bekommt man in Vorpommern ein hübsches Einfamilienhäuschen. Oder ein paar hundert Sonderangebots-Stereoanlagen vom Discounter.

Seit er vor 24 Jahren sein erstes Gerät vorstellte, hat Dieter Burmester im In- und Ausland ungezählte Testsiege eingefahren, von der Fachwelt ist er mit ziemlich allen Preisen ausgezeichnet worden, die es zu verteilen gibt. "Deutschlands bester Lautsprecher", jubelte die Fachpresse, "Bestes CD-Laufwerk der Welt" oder schlicht "Simply the best!" Ein Tester aus den USA verglich die Klangorgien aus Burmesters teuerstem Verstärker mit Licht, "weich und sahnig, fast weiß wie das Sommerlicht in Ontario, nicht einmal übermäßig scharf oder hell, sondern gewissermaßen schmeichelnd, ohne allerdings die Musik weich zu machen". Aber was sagt das schon? Eines ist klar: Man kann nicht über Burmester schreiben, wenn man noch nie Burmester gehört hat.

Der Chef hat den Vorführraum verlassen, mich allein gelassen mit seiner Technik und meiner mitgebrachten Lieblingsmusik. Ich bin entschlossen, mich nicht anstecken zu lassen. So viel Geld für Kästen aus Blech, mit Trafos und Leiterplatten drin. Sünde, das alles, einerseits. Andererseits: Für uns, die vor 20 Jahren in den Schulferien malochen gingen, um anschließend einen 500-Mark-Murksverstärker zu kaufen, damit die beste Rock-'n'-Roll-Band der Welt mit ordentlich Saft aus den Boxen knallte, waren Geräte von Burmester ein Faszinosum. Lichtjahre entfernt. Unerreichbare Träume aus Chrom. 11000 Mark kostete damals Burmesters Vorverstärker-Ungetüm. Und nun das erste Mal eintauchen in diese Dimension. Dieter Burmester hat nicht einmal sein schwerstes Geschütz aufgefahren, sondern " nur" die "Top Line", seine E-Klasse sozusagen, ein 95 000-Mark-Paket. Diese chromblitzende Geräte-Armada soll meine Zweifel zermalmen. Was wird jetzt passieren?

Ganz einfach. Ry Cooders Gitarre schwebt. Da ist auf einmal Luft zwischen den Instrumenten. Woher kommt die bloß? Cooders "Go Home, Girl", bestimmt hundertmal gehört, seit das Album "Bop till you drop" 1979 herauskam. 1979? Ach, sie hieß Angele, und sie war die Göttin in diesem Sommer, im Freibad unter den Trauerweiden. Sie kam ein- oder zweimal die Woche, er kam jeden Tag, damit er sie auch nicht einmal verpasste. Zu Hause saß er dann mit der Gitarre, die nur noch vier Saiten hatte, und spielte traurige Liebeslieder nach. Er hat's ihr nie gesagt, nicht in diesem Sommer und später auch nicht. Warum denke ich jetzt daran?

Natürlich könnte Dieter Burmester problemlos einen mehrstündigen Vortrag über die technischen Vorzüge seiner Geräte halten. Schließlich ist er der Ingenieur, der Innovator. Doch er redet kaum über Technik, sondern viel lieber über Klangwolken, die den Hörer einhüllen. Von Kraft ist da die Rede, unbändige Kraft, die spürbar sein sollte etwa bei der Wiedergabe des Anschlags einer Klaviersaite und von der Gänsehaut, die seinen Rücken herunterrieselt, wenn ihm beim Hören bewusst wird, wie unglaublich nah er mit seinen Geräten dem Original bereits kommt.

"Burmester verkauft Emotionen", schrieb das "FAZ-Magazin" einmal. Wie das? Gibt es etwas Emotionsloseres als einen leiterplattenbestückten, zehn Kilo schweren Kasten, an dem ein paar Lämpchen glimmen? Ganz einfach, erklärt Dieter Burmester. Wer bei ihm für 20 000 Mark einen Verstärker kauft, tue dies doch nur, weil er Musik erleben möchte, in höchster Perfektion eben. Weil er in Klangwolken versinken will. Der Apparat, eine Blechkiste letzten Endes, sei lediglich Mittel zum Zweck, alle Technik nur Beiwerk.

Leider wird Dieter Burmester nie die Zeit haben, die Messdaten-Fetischisten seiner Branche mit folgendem Experiment ein für allemal zu widerlegen. Er würde gern zwei Verstärker bauen, völlig unterschiedliche Geräte, aber mit identischen Messwerten. Und dann zum Hörtest einladen. "Sie würden sehen, die klingen völlig unterschiedlich." Weil die technischen Parameter seiner Ansicht nach nur wenig über den Klang aussagen und vollends nichts über das Vermögen, Emotionen zu produzieren, gibt Burmester sie - mit Ausnahme von Größe und Gewicht - gar nicht an. "Mit den Daten", sagt er, "demonstriere ich lediglich, dass ich mein Handwerk verstehe. Da sind wir über jeden Zweifel erhaben. Wer das nicht schafft, kann in dieser Branche einfach nicht solche Preise verlangen." Man muss gar nicht mit der Lautstärke klotzen, die Feinheiten sind trotzdem präsent, das Sirren von Cooders Gitarrensaiten, das filigrane Schlagwerk. Die Band löst sich von den Lautsprechern, scheint urplötzlich im Raum zu stehen. Burmesters Musikwiedergabemaschinen zaubern tatsächlich Gefühle in den Hörraum. Da verlässt jemand seinen Schatz für immer, sagt "Go home, girl", weil sie die Liebste seines besten Freundes ist. Und die Liebe eines Mädchens, das weiß man wohl, kann eine echte Männerfreundschaft niemals aufwiegen. "Girl, you can't go right with me anymore" - Burmester schickt die Botschaft direkt ins Blut. Der Zuhörer leidet mit und nickt mit dem Kopf. Ja, Mädchen, so ist das nun mal. Auch wenn's das Herz bricht. Und Angele? Im nächsten Sommer kam sie nicht mehr. Aber da waren auch die Trauerweiden gefällt, für die neue Umgehungsstraße. Sie hat zwei Kinder, heißt es, geschieden ist sie auch. Sag mal, Angèle, hattest du eigentlich braune Augen?

Müsste Burmester nicht ehrlicherweise einräumen, dass er teure Illusionen verkauft, mehr noch als Emotionen? Selbst wenn er den Aufwand ins Unermessliche steigert, selbst wenn er demnächst eine Anlage baut, die eine Million kostet, über ein "Als ob" wird er nie hinauskommen. Er mag dem Original gefährlich nahe kommen, vielleicht näher als sonst irgendjemand. Erreichen wird er, kann er es nicht. Das Erlebnis im Konzertsaal als Ganzes verweigert sich der Reproduktion. Den Turm zu Babel kann auch ein Dieter Burmester nicht bauen. Ist alles Streben nach Perfektion also sinnlos, letztlich, jedenfalls nach den absoluten Maßstäben eines Perfektionisten?

"Das sehe ich ganz anders", sagt Burmester, der Emotionsverkäufer. Kein Wort über Technik. Natürlich sei das Fluidum eines Konzertbesuches etwas ganz Besonderes, keine Frage, aber wie oft stellt es sich denn tatsächlich ein, so wie man es sich vorgestellt hat? "Vielleicht finden das Orchester und der Gast-Solist genau an diesem Abend nicht so recht zusammen", sagt Burmester. "Vielleicht hatten Sie ausgerechnet am Tag des Konzerts Ärger in der Firma und sind im Kopf nicht frei. Dann sitzen Sie im Konzertsaal herum und haben überhaupt nichts davon. Es findet für Sie einfach zur falschen Zeit statt." Die Burmestersche Alternative? Er überlegt, aber nicht lange. "Ein verregneter Sonntagnachmittag. Sie knien vor Ihren Platten und stellen sich Ihr ganz eigenes Musikprogramm zusammen. Sie öffnen eine gute Flasche Rotwein, setzen sich aufs Sofa, rauchen eine Zigarre. Dann vertiefen Sie beim Hören die Emotionen, die Sie gerade haben, mit Wonne und mit jedem Stück mehr." Marianne Faithfull singt eine Heilige Messe. John Lennon hat sie einst geschrieben für den "Working Class Hero", dieses arme Schwein, klein gemacht von Geburt an, bis er völlig abgestumpft ist, den sie als Kind zu Hause treten und in der Schule schlagen, den sie hassen, wenn er klug ist, und verachten, wenn er dumm ist, den sie betäuben mit Religion und Sex und Fernsehshows. Faithfull singt kein Loblied, keine Hymne, nicht getragen und feierlich. Nein, mit Burmester wird es zum Kampflied, vorgetragen mit brüchiger Stimme, die von allen Alkohol- und Drogenhöllen kündet, durch die sie getaumelt ist, eskortiert von donnerndem Schlagzeug und grollendem Bass, "and you think you're so clever and classless and free". Den Lautstärkeknopf nach rechts gedreht, die Augen geschlossen. Jetzt schlägt die Vorstellung Kapriolen, lässt einen imaginären Chor auf einer Empore erscheinen, den Chor der Fabrikarbeiterinnen. Sie schreien es heraus, mit Stimmen wie Rasierklingen, " but we're still fuckin' peasants as far as I can see", laut und immer schneller, sie beugen sich nach vom, mit weit aufgerissenen Augen und Gesichtern nass vom Schweiß. "A working class hero is something to be, a working class hero is something to be." Er erinnert sich noch gut an jene Rückfahrt vom Blechbieger, 1980 war's. Der Mann sollte fünf Gehäuse bauen - für den ersten von Dieter Burmester entwickelten Vorverstärker. " Nimm gleich 20", sagte der Blechbieger, "es kostet das Gleiche, du bezahlst nur das Blech extra." Burmester willigte ein, fuhr nach Hause und dachte: "Na ja, macht nix, wenn keiner die Geräte kauft, schmeiß' ich die restlichen Gehäuse eben weg." Der 35-Jährige, damals Chef eines kleinen Ingenieurbüros für medizinische Messtechnik, hatte etwas geradezu Skandalöses gebaut: einen Vorverstärker, der allein 11000 Mark kosten sollte. Falls sich überhaupt jemand finden sollte, der so etwas kauft. Eigentlich hatte Dieter Burmester das Gerät ja nur für sich selbst gebaut. Seine Hi-Fi-Anlage, für die er viel Geld ausgegeben hatte, war kaputt gegangen. Er suchte nach Ersatz, schaute in das Innere teurer Geräte und war entsetzt, welch billiges Elektronikwerk er dort hineingestopft fand. Also beschloss er, selbst einen Verstärker zu bauen. "Was das kostet, interessierte mich überhaupt nicht. Ich hatte ja gar nicht vor, das Ding zu verkaufen. Das wollte ich nur für mich, als das Maß aller Dinge." Der Tester einer Hi-Fi-Zeitschrift, der den Boliden als Erster zu hören bekam, gab noch am gleichen Tag das Rauchen auf. Er brauchte Geld für den Burmester.

Jenes Gerät, das Burmester einst nur für sich baute, begründete den Ruf seiner Firma. In der Szene ist es längst zur Legende geworden. Heute kostet es 33 000 Mark. In 21 Jahren wurde es über tausendmal verkauft.

"Da Wind treibt a Zeitung / die Stroß'n entlang / wo i flach lieg wenn's mi wieder / b'soff'n g'mocht hob'n." Tom Waits, der das englische Original von "Durt bin i daham" komponierte, hat die kaputtere Stimme, keine Frage. Aber Burmesters Geräte lassen keinen Zweifel, dass auch Wolfgang Ambros schwere Zeiten hinter sich hat, sie schicken den Zuhörer auf eine Reise in die abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit. Der gestrichene Kontrabass stimmt schon düster ein, er kriecht unters Brustbein, die Trompete verkündet Unheil. Und dann erzählt Ambros mit novembertrübem Timbre der Freitage, die zum Sterben sind, vom Blöden nebenan, der schon wieder seinen Hund verdrischt, und von den Nutten bei der Kirche, die ihn auslachen. Dieses Stück will man nie wieder anders hören. Schade, dass es noch viel zu früh für einen Whisky ist. Ein schwerer Malt würde gut passen, direkt aus dem Fass, knapp 60 Prozent, nichts für Verzagte, der kommt geradewegs aus der Hölle.

Vor zwei Jahren ging Burmester zum ersten Mal unters Volk, mit einer Nobelklasse-Einstiegsdroge, zu haben ab 23 000 Mark. Komplett, eine ganze Anlage. Die High-End-Fetischisten witterten schon den Ausverkauf seiner Koste-es-was-es-wolle-Philosophie und orakelten todtraurig: Burmester goes billig. Doch natürlich war Burmester sich treu geblieben. Er hatte nur abgespeckt, Schnitte ins Fleisch ließen sich vermeiden, gerade noch, mit vielen Klimmzügen.

Weniger Burmester darf nicht sein, sagt Burmester. Deshalb baut er keine Anlagen für 5000 Mark und erst recht keine für 1000. Vermutlich könnte er das, aber er macht es einfach nicht. Er denkt nicht mal darüber nach. Weil er einen Anspruch hat, sagt er, an seine Firma und an sich selbst. Jedes Gerät wird in Handarbeit hergestellt. Bevor es im Last-Test fünf Tage gequält wird, fragt der Computer bis zu 300 Messdaten ab. Später kommt es noch einmal an die Messapparate. Nur wenn es innerhalb streng vorgegebener Toleranzen bleibt, darf es überhaupt zum Hör- und Praxistest. Dort wird jede Taste, jeder Schalter, jede Buchse getestet. Sind die Leuchtdioden alle gleich hell? Haben alle Tasten beim Drücken das gleiche Antastgefühl? Lässt sich der Lautstärkeregler satt drehen, oder schleift da vielleicht etwas?

All das kostet mindestens vier, fünf Arbeitsstunden pro Gerät. "Diese Arbeitskraft ist so teuer", sagt Burmester, "wenn Sie solchen Aufwand betreiben, schaffen Sie einfach keine Anlage für 5000 Mark." Derartige Dinge würden doch von keinem Menschen angefasst, das sei vollautomatisches Bestücken und Verpacken. Auf Schrott, und nichts anderes bekommt man seiner Meinung nach zum Discount-Preis, würde er seinen Namensschriftzug niemals eingravieren. Ende der Debatte.

Ich hatte es stets für Rauschen gehalten, aber jetzt höre ich zum ersten Mal, dass es die Besen des Schlagzeugers sind, die ganz leicht über das Fell der Snare streicheln. Schade eigentlich, dass eine Anlage 95 000 Mark kosten muss, um solche Details zu entdecken. Chef Baker, das Furchengesicht, der Hagere mit den zurückgekämmten strähnigen Haaren, der ist völlig am Ende, kauert auf einem Plastikstuhl, nuschelt seinen Text ins Mikrofon, hängt irgendwo zwischen der Erinnerung an den letzten Schuss und dem Gedanken an den nächsten. So ähnlich muss es bei den Aufnahmen zu diesem alten Cole-Porter-Stück gewesen sein. Burmester schafft es, solche Bilder zu erzeugen, die Illusion, direkt daneben zu sitzen, wenn Chet seine Trompete nimmt und ein Solo spielt, mit dem Gesicht zum Boden, ganz für sich, gebrochen, aber voll Wärme. "Every time we say goodbye I die a little." Wenige Monate nach dieser Aufnahme starb Chet Baker. Er stürzte aus einem Hotelfenster, seine Trompete im Arm.

Hat Dieter Burmester schon einmal Geräte gehört, die besser waren als seine eigenen? "Na klar", sagt er, "in über 20 Jahren einige Male. Es gibt sicher Leute, die einzelne Dinge besser machen als wir. Ich könnte auch ganz gut mit Anlagen zu Hause leben, die Mitbewerber herstellen." Das Wort " Konkurrenten" vermeidet er. Es ist ohnehin ein überschaubarer Kreis. "Die (Kontakt) Burmester Audiosysteme GmbH Kolonnenstraße 30 G 10829 Berlin Telefon: 030/7879680 Internet: www.burmester.de eMail: mail@burmester.de (Musik) Die ausgewählten Musikstücke Ry Cooder: Go Home, Girl aus: Bop till you drop (1979) Marianne Faithfull: Working Class Hero aus: Blazing Away (1990) Chet Baker: Every time we say goodbye aus: Let's Get Lost (1989) Wolfgang Ambros: Durt bin i daham aus: Nach mir die Sintflut. Ambros singt Waits (2000) Giuseppe Verdi: Dies irae aus: Requiem, Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks, Dirigent: Sir Colin Davis (1992) Van Morrison & The Chieftains: Carrickfergus aus: Irish heartbeat (1988) ernst zu nehmenden direkten Mitbewerber, das mögen vielleicht fünf sein, weltweit." Geräte der Konkurrenten sucht man in Burmesters Manufaktur vergeblich. Es reicht ihm, sich auf Messen anzuhören, wo die anderen stehen. "Ich weiß, wo ich hinwill, und gehe meinen Weg. Was die anderen machen, interessiert mich eigentlich gar nicht so sehr." Da spricht jemand, der begeistert ist von seinen Geschöpfen und von der Suche nach Vollkommenheit. Natürlich geht die Konkurrenz auf Ausstellungen auch zu Burmesters Stand. "Dann hören sie unseren CD-Player und bestellen ihn, weil sie ihre Verstärker oder Lautsprecher nur mit dem besten CD-Abspielgerät der Welt vorführen wollen." Das ist, als würde Mercedes-Benz seine Motoren für die S-Klasse bei BMW kaufen. Der Gipfel der Ehrerbietung.

Absolute Sicherheit, der Erste und Beste zu sein, gibt es nicht unter jenen Wenigen, die das Nonplusultra wollen, auf Dauer schon gar nicht. Schließlich geht es um feinste Klangdifferenzen, um Nuancen in der unterschiedlichen Annäherung an das nie erreichbare Original und letztlich auch um ein Geschmacksurteil. Mag sein, dass ein Burmester-Verstärker den Streichern etwas mehr Wärme zubilligt als einer der Konkurrenz, einen infinitesimal kleinen Hauch nur. Wer will schon, wer kann überhaupt beurteilen, welches von beiden dem Ideal näher kommt?

Der Tag der Rache ist angebrochen. Da peitschen Bläser zur Attacke, Pauken schlagen zum Jüngsten Gericht, düster und mächtig weist der Chor den Sündern ihr Schicksal zu: "Welch ein Graus wird sein und Zagen / Wenn der Richter kommt mit Fragen / Streng zu prüfen alle Klagen." Nie war das "Dies irae" aus Verdis Requiem so beklemmend, so bedrohlich, so nah - außer im Konzertsaal. Wem nach einer Totenmesse zumute ist, der findet in Burmesters Apparaten das perfekte Equipment für die ganz private Katharsis. Es gibt kein Entrinnen. Und, um Himmels willen, es ist einfach schön. "Laut wird die Posaune klingen / Durch der Erde Graber dringen / Alle hin zum Throne zwingen." Ein neu entwickeltes Gerät zum ersten Mal zu hören, sagt Dieter Burmester, nach drei, vier Jahren gedanklicher Vorarbeit und zwei weiteren Jahren auf den Labortischen, das ist wie die Probefahrt im neuen Auto. Kaum ausgesprochen gefällt ihm der Vergleich doch nicht so gut. "Nein, vielleicht ist es eher wie die Geburt eines Kindes, wenn man bei einer hundertmal gehörten CD innerhalb von Sekunden spürt, dass sich eine neue Welt auftut, wieder ein Vorhang weggezogen wird." " Hören Sie das wirklich?

"Ja, sofort. Es ist unglaublich." "Und wenn Sie es nicht hören?" "Dann bringen wir das Gerät nicht auf den Markt. Es hätte keine Daseinsberechtigung. Fast jeder, der zu uns kommt, hat eine Anlage, die beinahe schon unser Niveau erreicht. Warum sollte jemand noch einmal 10000 oder 40000 Mark für ein Gerät ausgeben, das ihm keine Verbesserung bringt?" Burmester hat mal einen Rundfunkempfänger entwickelt, Jahre hat es gedauert und einige hunderttausend Mark verschlungen. Schließlich war das Gerät fertig, doch der Hörtest fiel ernüchternd aus. Dieser Tuner würde die audiophile Welt nicht einen Schritt weiter bringen, befanden Burmester und seine Leute. Er kam nie auf den Markt. "Als 37. Firma etwas zu machen, was die anderen genauso können, das reicht mir nicht", sagt Burmester. "Da würde ich meinen Laden schließen und aufhören." Der Erste sein, das noch nicht Dagewesene zum Klingen bringen -das ist Burmesters Raison d'etre.

Aber gibt es für einen Perfektionisten denn überhaupt keine Grenze der Perfektion? Burmester sagt manchmal, er wolle alles "noch idealer machen". Sprachlich geht das nicht, technisch eigentlich auch nicht. Oder doch?

"Herr Burmester, wenn Sie in der Lage wären, einen Verstärker zu bauen, der besser ist als dieser hier für 30 000 Mark - wäre das allein für Sie ein Grund, ihn zu bauen, auch wenn er 200000 Mark kosten würde?" Da muss Dieter Burmester nicht überlegen. ,Ja, den würde ich wohl bauen. Auch wenn es nur zwei oder drei Exemplare davon gibt. Aber ich", sagt er und lacht, "ich hätte eines davon." Die Geige spielt nicht einfach irgendwie. Burmester lässt sie schluchzen, er lässt die Harfe perlen und Van Morrison, den Meister, den lässt er eins werden mit dem alten Vagabunden, den er besingt, der sich wünscht, er könnte noch einmal seine Liebste aus Jugendtagen in den Armen halten. Der durch Ozeane schwimmen und sogar das Saufen drangeben würde, um bei ihr zu sein, nur eine letzte Nacht, und danach zu sterben. Wenn Van Morrison zum Schluss singt, dass seine Tage nun gezählt sind und ein paar junge Männer kommen mögen, um ihn zum Sterben zu betten, möchte man mit anpacken. Ach, könnte man doch solche Lieder schreiben! Ach, hätte man doch ein paar Geräte von Burmester daheim stehen!

Burmester macht süchtig. Das ist das Problem. Kurzfristig gesehen, stellt sich die Frage, wann ich meine bescheidene Anlage zu Hause wieder anschalte. In der nächsten Zeit will ich mir das nicht antun. Langfristig gesehen, wird unsere Tochter, die ist sieben, irgendwann auch eine Anlage brauchen. Ich könnte ihr meine schenken. Dann brauche ich eine neue.