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Verbrechen, gut organisiert

Loyalität, klare Regeln und schnelle Entscheidungen bilden die Basis für den Erfolg von Mafia, Cosa Nostra und anderen organisierten Kriminellen. Mit den alten Tugenden lassen sich weltweit operierende Konzerne schlank und effizient führen.




"Verdammt noch mal, wo kommen wir eigentlich hin?", tobte John Gotti. Jedes verfluchte Mal, wenn ich mich umdrehe, lässt Sammy da 'ne neue Firma aus dem Boden schießen. Der hat sich 15 Firmen zugelegt. Und ich habe keine einzige. Wo kommen wir denn da hin, Frankie? Wer sind wir denn, verdammt noch mal?" Ja, wer sind "wir"? Ein Konzern, dessen Vorsitzender sich über die Alleingänge seines Finanzvorstands aufregt? Ein Unternehmen, bei dem einer der Niederlassungsleiter Geschäfte auf eigene Rechnung macht? Eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die viel Wert auf die Einhaltung ihrer Firmengrundsätze legt?

Alle drei Antworten sind richtig. Tatsächlich stand John Gotti, der Mann, der über die Tricks seines Partners Salvatore "Sammy the bull" Gravano so in Rage geriet, bis 1992 einem verschachtelten Wirtschaftsunternehmen vor, das jährlich Millionen Dollar verdiente und einflussreiche Verbindungen in die Spitzen von Staat und Gesellschaft unterhielt. Ins Who's who des amerikanischen Big Business hat er es dennoch nicht geschafft, denn John Gotti war mehr Familienvater als seriöser Unternehmer - als Oberhaupt des Gambino-Clans (siehe das Diagramm auf Seite 92) war er einige Jahre lang der mächtigste Mafia-Pate New Yorks.

Amerikanische Cosa Nostra La Cosa Nostra ist der Sammelbegriff für die US-amerikanischen Syndikate, die sich in fünf große Familien mit Regionalschutz und differenzierter Arbeitsteilung gliedern. Straff geführt ist das in den zwanziger Jahren von Lucky Lucchiano und AI Capone ins Leben gerufene Consiglio d'Amministratione, das Beratungsgremium, das Geschäftsbereiche klärt, Regionen zuweist und Konflikte zwischen den Clans lösen soll. Die Cosa Nostra agiert in der legalen wie illegalen Welt. Zum einen sind legale Unternehmen Tarnorganisationen für Geldwäsche, zum anderen ermöglichten zahlreiche Deals mit dem FBI die Überführung illegaler Gelder in legale Unternehmen.

Was Gotti so stark und mächtig werden ließ, war die straffe Organisation seiner "Familie", die er mit eiserner Hand führte. Ein Modell für die Wirtschaft? Keine Gewerkschaften, die gegen Überstunden protestieren, kein Betriebsrat, der sich Kündigungen entgegenstellt, kein Aufsichtsrat, der penibel Rechenschaft über die investierten Gewinne verlangt. Und: Was sich nicht regeln lässt, sich nicht von selbst erledigt oder nicht automatisch erledigt wird, das lässt sich kaufen.

Doch John Gotti machte Fehler. Zu seinen größten gehört das eingangs zitierte Gespräch mit seinem Stellvertreter Frankie Locascio vom 12. Dezember 1989, in dem er sich über den Finanzchef des Clans, seinen Consigliere (Berater) Sammy Gravano, beklagt. Gotti ahnte damals nicht, dass die amerikanische Bundespolizei FBI wenige Wochen zuvor sein Büro in der New Yorker Mulberry Street verwanzt hatte. Die so genannten Gotti-Tapes, auf denen der Boss der Bosse über seine Gefolgsleute herzieht und mit seinen Morden und Killeraufträgen prahlt, wurden dem Paten schließlich zum Verhängnis: Am 2. April 1992 befand ein New Yorker Geschworenengericht die gesamte Führungsebene des Gambino-Clans des Mordes und der Verschwörung für schuldig und verhängte lebenslange Haftstrafen.

Mehr als zehn Jahre hatte das FBI gebraucht, um die Gotti-Truppe zur Strecke zu bringen. Über eine Million Dollar verschlang eine Sondereinheit, die mit Spitzeln und Abhörtechnik den Gambino-Clan verfolgte. Am Ende war es dem FBI endlich gelungen, in die geheimen Strukturen und den kulturellen Kodex einer Familie einzudringen, die sich jenseits des Atlantiks nach dem Vorbild der sizilianischen "Società Onorato", der ehrenwerten Gesellschaft, organisiert hatte, jedoch eine eigene, dem amerikanischen Wirtschaftswesen angepasste Struktur fand.

In New York City etablierten sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts fünf solcher Familien aus eingewanderten Sizilianern und Neapolitanern. Sie hatten bis in die neunziger Jahre hinein die Unterwelt der Millionenstadt unter sich aufgeteilt: der Gambino-Clan, die Genoveses, Bonannos, Lucheses und Colombos. Alle fünf "crime families", wie sie in den USA genannt werden, gehörten zur Cosa Nostra, der italo-amerikanischen Spielart der sizilianischen Mafia. Ende des 20. Jahrhunderts wurden in den gesamten USA 26 Familien von den Ermittlungsbehörden zur Cosa Nostra gezählt. Als ein Charakteristikum der Cosa Nostra bezeichnet die Mafia-Expertin Hannelore Gude Hohensinner die Einheit der drei Ms: "Moxie, Muscles, Money" (Verstand, Muskeln, Geld). Nur wo diese drei Ms Hand in Hand gehen, habe man eine prosperierende Unterwelt vor sich, schreibt sie in ihrem Buch über den New Yorker Genovese-Clan.

Das gilt für fast alle Verbrecherorganisationen. Denn es gibt heute kaum ein Land, in dem nicht Geheimbünde existieren, die mittels einer kriminellen Geschäfts- und Lebensphilosophie eine brutale Schatten-Marktwirtschaft betreiben. Gegenstand ihres Geschäftsgebarens sind Konsumgüter und Dienstleistungen, für die es zwar jede Menge Kunden gibt, die aber vom Gesetzgeber verboten sind: Es geht um Drogen und Prostitution, um Falschgeld und illegales Glücksspiel, um Geldwäsche und Aktienbetrug, um Korruption und Betrug, um Kreditwucher und Pornografie. In all diesen Geschäftsgebieten ist eine prosperierende Schattenwirtschaft entstanden, die außerhalb der normalen Gesellschaft mit ihren Regeln und Vorschriften existiert.

Doch anders als die Profite, die durch allerlei Tricks aus der Schattenwirtschaft in die legale Welt herübergeschafft werden können, lassen sich ihre Konflikte nicht nach Recht und Gesetz lösen. Keine Polizei käme zu Hilfe, wenn eine konkurrierende Familie das Geschäftsmonopol im eigenen Territorium angreift. Kein Gericht wäre zuständig, wenn ein Pate zu wenig Geld von seinen Untergebenen bekommt. Solche Fälle müssen dort gelöst werden, wo sie entstehen - in der konspirativen Nebenwelt der Geheimbünde.

Russische Mafia Die Russenmafia ist Chaos mit Methode, ein aus ethnischen Gruppen zusammengewürfelter Haufen vieler Syndikate, von denen allerdings vor allem die in Moskau, St. Petersburg und dem russischen Mafia-Eldorado Jekaterinburg Ansässigen weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus für Angst und Schrecken sorgen. Eine zentrale Organisation fehlt. Die Folge: Wesentlich mehr Gang-Leader werden erschossen, Konflikte brutal statt durch Verhandlungen gelöst. Die Geschäftsleute der osteuropäischen Syndikate fallen durch Illoyalität auch öfter den Kriminalisten in die Hände. Wer sich nicht organisiert, verliert - zumindest auf lange Sicht. Da nützt keine Knarre.

Sizilianische Mafia Die Sizilianische Mafia ist der Prototyp einer Verbrecherorganisation. Der Aufbau der Mafia erinnert weniger an eine Ganoventruppe als an ein hierarchisches, staatsähnliches Gebilde, an dessen Spitze die Cupola, ein Verwaltungs- und Führungsgremium, steht, in dem die Chefs der neun Provinzkommissionen versammelt sind. Die Cupola ist der Aufsichtsrat der ehrenwerten Gesellschaft, während die Exekutiv-Bereiche von der Commissione Provinciale wahrgenommen werden. Schmutzig wird das Geschäft ab der Ebene der Capodecini, die Verbrechen planen, und den ihnen unterstellten Ebenen. Den ausführenden Managern wie dem Capo, dem Capo Mandamento und den Mitgliedern der Cupola und dem Commissione Provinciale ist praktisch nie etwas nachzuweisen.

Die Bünde zeichnen sich durch eine totalitäre Struktur und einen extrem restriktiven Verhaltenskodex aus. Sie haben sich ihre eigenen Gesetze und Ersatzautoritäten geschaffen, die für eine spezielle Ordnung sorgen. Ihre Führungsebene, eine Art subkulturelle Regierung, trifft wirtschafts- und machtpolitische Entscheidungen, geht Bündnisse ein, führt Kriege und spricht Recht. Bei der Mafia sind es regionale Familien, die an die Stelle des Staates treten. Aber auch bei den teilweise bis ins 17. Jahrhundert zurückzuverfolgenden Gruppen der chinesischen Triaden und japanischen Yakuza findet man eine vergleichbare hierarchische Struktur, die an die feudale Lehenspyramide erinnert, hat Hannelore Gude Hohensinner recherchiert: "Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Führung und Untergebenen rezipiert die alte Feudalrelation von Schutz im Gegenzug für Rat und Hilfe." Wie kann man sich den Staatsaufbau in einer solchen Familie vorstellen? An der Spitze steht der Capo oder Patrone, in den USA auch der Boss genannt, der seinem Clan häufig (aber nicht immer) den Namen gibt. Der Capo ist Herrscher über Leben und Tod. Aber den Weg nach oben meistert nicht nur derjenige, der am schnellsten schießt oder der im richtigen Moment am richtigen Ort ist. Integrative Fähigkeiten sind gefragt. Brutales sind für die Machtergreifung wichtig, Manager des Syndikats dafür, die Macht zu bewahren. Zu dieser Gruppe gehören die Sotocapos. Der Sotocapo einer Familie ist der Stellvertreter des Chefs und übernimmt die Führung, wenn der Capo auf Urlaub oder im Knast weilt. Der " Underboss" fungiert auch als Ansprechpartner für die niederen Familienränge, die von sich aus niemals den Capo behelligen dürfen. Das Schicksal des Stellvertreters ist eng mit dem seines Bosses verbunden - kommt es zur Palastrevolution, wird das Führungsduo meist im Doppelpack erledigt.

Ungefährlicher lebt da der Consigliere (in den USA: Counselor), auch wenn er sich auf der gleichen Ebene wie der Sotocapo bewegt. Der Consigliere ist ein meist älteres und ebenso lang gedientes wie angesehenes Mitglied der Familie. Seine Funktion ist die des Beraters und Schlichters bei Auseinandersetzungen, weil er den Respekt aller Fraktionen genießt. Es ist ein Job wie für Anwälte geschaffen, und fast immer sind die Cosa-Nostra-Consiglieres durchaus angesehene Juristen. John Grishams "Der Klient", bei dem eine Rechtsanwalts-Kanzlei als Consigliere-Truppe für die Syndikate tätig ist, bildet im Kern Realität und Praxis des organisierten Verbrechens ab. Der Consigliere muss eine Respektsperson sein, er muss sich im Gesetz und in der guten Gesellschaft bewegen können: Nach außen hin pflegt der Consigliere die Verbindungen zu Politikern, Richtern und zur Polizei und sichert - bei Bedarf mit Bestechungsgeldern - die ungestörte Arbeit der Familie.

Bei dem im Mafia-Milieu vorherrschenden K.-o.-System, das von Zeit zu Zeit gewaltsame Führungswechsel mit sich bringt, ist die Position des Consigliere zweifelsohne die erstrebenswerteste. Nur selten verlieren die weisen alten Herren bei den "shootouts" ihr Leben; eher werden sie in Pension geschickt und mit einer ansehnlichen Rente ruhig gestellt. Zu erwähnen wäre da schließlich noch eine weitere Personengruppe, die im Gerüge der kriminellen Organisation eine wesentliche Funktion innehat, dennoch aber nicht in die interne Hierarchie eingeflochten ist: die Rechtsanwälte. Der "Mobster", wie er in den USA geringschätzig genannt wird, agiert in der Grauzone zwischen Komplizenschaft und Rechtsbeistand. Seine Tätigkeit beschränkt sich häufig nicht nur auf die Verteidigung seines Mandanten. Der Jurist ist auch Handlanger bei der Gründung von Scheinfirmen und beim Waschen kriminell erlangter Gelder.

In der Welt des organisierten Verbrechens gibt es Respekt und Dankbarkeit. Respekt und Folgsamkeit werden auf der dritten Ebene der Familie eingefordert. Hier rangieren die Capodecini oder Lieutenants, wie sie in den USA heißen. Der Capodecina befehligt ein Heer von " Soldati" oder "Made Men", die der Familie zu dienen haben. Dass sind die eigentlichen Werktätigen des kriminellen Verbunds. Sie treiben Schutzgeld ein, stehen an den Schaltern der illegalen Wettbüros, leiten Bordelle und erledigen die Schmutzarbeit mit Baseballschläger und Revolver.

Wenn man das hierarchische Gerüge der Familie mit einem Wirtschaftsunternehmen vergleichen wollte, dann wäre der Capo der Vorstandsvorsitzende, Sotocapo und Consigliere fungierten als Vorstandsmitglieder und die Capodecini als die Manager der einzelnen Unternehmensbereiche. Die Soldati schließlich wären die Angestellten, die Lohnganoven der Mafia, die ihre riskante Selbstständigkeit gegen ein einigermaßen beschütztes Arbeitsrechtsverhältnis eingetauscht haben.

Zur Legendenbildung um die kriminellen Bruderscharten wie Mafia, Triaden (China) oder Yakuza (Japan) trugen aber weniger ihre straffen Hierarchien und arbeitsteiligen Strukturen bei als vielmehr die geheimnisvollen Zeremonien und ritualisierten Ehrerbietungen. Mit Schaudern gar vernimmt der Außenstehende oft Berichte über die internen Sanktionierungssysteme, die Verrätern und Abtrünnigen brutale Bestrafungen auferlegen.

Die Weihe eines neuen Mafia-Mitglieds etwa wird mit einem Ritual vollzogen, das erstmals 1884 beschrieben worden ist. Vor der versammelten Familie sticht der Capo dem Kandidaten in den Finger, mit dem dieser gewöhnlich den Abzug seines Revolvers betätigt. Das austretende Blut wird auf einem Heiligenbild verschmiert, das in der Hand des Geweihten verbrennt. "So wie dieses Heiligenbild und die Tropfen meines Blutes verbrennen, so werde ich mein Blut für die Bruderschaft vergießen", schwört das neue Clan-Mitglied. Und der Capo spricht die rituelle Mahnung: "Wenn ihr je die Bruderschaft verratet, wird eure Seele verbrennen wie dieser Heilige." Danach wird das neue Familienmitglied von allen Umstehenden auf beide Wangen geküsst - der berühmte Mafia-Kuss, den einst auch Giulio Andreotti, der frühere italienische Ministerpräsident, von einem Paten empfangen haben soll. Als Mitglied der Familie gibt es nun kein Zurück mehr: Wenn der Boss einen Mord befiehlt, muss getötet werden - sofort und ohne nach dem Grund zu fragen.

Es braucht Loyalität und Glauben an dieses System, um all die Regeln und ewigen Mafia-Gesetze mit dem stoischen Gleichmut zu ertragen, der für das Überleben in der Familie nötig ist. So ist es beispielsweise ebenso unzulässig, die Frau eines Mafia-Bruders zu begehren wie ein anderes Familienmitglied zu bedrohen oder einzuschüchtern. Das Töten eines Clan-Angehörigen gar ist das größte Verbrechen - es sei denn, die Familie hat dem Ansinnen vorher zugestimmt.

Klar geregelt ist auch die finanzielle Versorgung des Familienoberhaupts. Die Soldati liefern den größten Teil ihrer Einnahmen bei ihren Capodecini ab, die von dem Geld 20 Prozent behalten dürfen. Der Rest geht bar an den Chef. Dessen Geburtstag und Weihnachten sind Anlässe für Gratifikationen, mit denen die Capodecini das Wohlwollen ihres Bosses steigern können. John Gotti beispielsweise, der New Yorker Pate, kassierte auf diese Weise in seinen besten Jahren zwischen zehn und 20 Millionen Dollar, errechnete das FBI.

Peanuts im Vergleich zu dem, was das global agierende organisierte Verbrechen heutzutage umschlägt. Die anonyme Globalisierung des organisierten Verbrechens im Internet-Zeitalter bietet keinen Raum mehr für die patriarchalischen Strukturen der Mafia. Langsam verschwindet die alte Cosa Nostra hinter dem neuen Markt der Cosa Internazionale.

Den entscheidenden Schub bekam das global organisierte Verbrechen mit dem Zusammenbruch des Ostblocks. Kaum war die Mauer in Berlin gefallen, trafen sich zu Ostern 1990 Vertreter der sizilianischen Mafia, der neapolitanischen Camorra, der russischen und polnischen Unterwelt sowie der kolumbianischen Kartelle in einem Wiener Luxushotel zum Strategiegespräch. Allianzen wurden geschmiedet, Claims abgesteckt, Arbeitsteilung vereinbart. Seitdem blüht der weltweite Handel mit Menschen, Drogen, Rohstoffen, Geld und Waffen. Die Unterschiede zwischen den alten westlichen Mafia-Gruppierungen und der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem nach Westeuropa und in die USA drängenden Russenmafia (ein Sammelbegriff für die fünf großen Syndikate im GUS-Bereich) sind ansehnlich.

So verhandeln zwar die Georgier, Tschetschenen und Aserbaidschaner wie die im russischen Jekaterinburg residierenden Capos der Russenmafia mit internationalen Branchenkollegen der Cosa Nostra und der Mafia, doch untereinander gibt es - im Gegensatz zu Italien und den USA - kein gemeinsames Gremium, sondern harteste Konkurrenz. Die Russenmafia ist eine ungeheure, Zehntausende Mitglieder umfassende Organisation, die die Schattenwirtschaft Russlands regiert und organisiert. Schon in Zeiten des Kommunismus agierten die Syndikate, die damals wie heute als "Diebe im Gesetz" in Partei, Staat und Wirtschaft fest eingebunden sind. Kein Wunder, dass nach dem Ende der UdSSR immer wieder führende Politiker - bis hinauf zur Ebene der Präsidenten Boris Jelzin und Vladimir Putin - als mafiafreundlich angesehen wurden.

Auch John F. Kennedy und seinem Bruder, dem 1968 ermordeten US-Justizminister Robert Kennedy, wurden vom FBI immer eine Nähe zur Cosa Nostra nachgesagt - wenngleich die Brüder auch mit zahlreichen neuen Gesetzen den Wirkungsbereich der ehrenwerten Gesellschaft stark behinderten. Definitiv bewiesen ist die Verbindung zwischen dem Organisator der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung, Jimmy Hoffa, und diversen Ostküsten-Syndikaten, die auch für sein Verschwinden 1975 verantwortlich sein dürften. Hoffa durfte beim Aufbau der Transportarbeitergewerkschaft, der bis heute mächtigsten Arbeitnehmervertretung der USA, auf die Unterstützung der Syndikate zählen. Schutzgelderpressung und Druck für die gewerkschaftlichen Forderungen wurde in einem Aufwasch erledigt. Dafür halfen die "Teamster", wie die organisierten Transportarbeiter genannt wer den, den Mobstern vom Syndikat mit allerlei logistischen Spezialleistungen. Eine Hand wusch die andere, bis Hoffa vom US-Kongress als Zeuge geladen wurde. Es ging um die Verbindung zwischen Teamstern und Cosa Nostra. Ein Risiko, das das Syndikat nicht tragen wollte und Hoffa nicht überlebte.

Aus großen Cosa-Nostra-Syndikaten wie dem New Yorker Gambino-Syndikat lagerten sich in den siebziger Jahren ganze Unternehmensbereiche aus: Die engagieren sich seither - legal -beim Bau und Betrieb von Krankenhäusern, in der Mullentsorgung und der Textilindustrie. Dahinter stecken auch Deals mit dem FBI, die einer Art Kronzeugenregelung für ganze Familien gleichkommen. Den Clans wurde damals angeboten, sich aus den vom Staat besonders gefürchteten Bereichen wie Drogen- und Waffenhandel zurückzuziehen. Die zuvor erwirtschafteten Erträge konnten in einer Art Konversion in legale Firmengründungen eingebracht werden. Mit staatlicher Unterstützung kam auch die Russenmafia an die Macht. Immer wieder wurden ehemalige leitende Parteifunktionäre und andere Machtträger der alten Ordnung in neuen Gesellschaften geortet, die beispielsweise im Telekommunikationsbereich, aber auch im Geschäft mit Öl und Gas in den GUS-Staaten tätig sind. Gewaschenes Geld der Russenmafia findet sich nach Meinung von Nachrichtendiensten in ganz Westeuropa, vor allem in neuen Handelsunternehmen, die ihren Sitz gern in Zürich, Berlin und Wien aufschlagen, dem goldenen Dreieck der neuen westeuropäischen Mafia-Strukturen. Allein in den ersten vier Jahren nach dem Ende des Sowjetreiches, so schätzen Experten, wurden in Deutschland von Mafia-Gruppen rund vier Milliarden Mark Gewinn erwirtschaftet. Und in Ländern wie Russland und Georgien geht, wie einst in Italien, ohne organisierte Kriminelle so gut wie nichts mehr.

Da nehmen die Kriminalisten die Warnungen wie jene des ehemaligen CIA-Direktors James Woolsey vor dem US-Senat ernster als je zuvor: "Das international organisierte Verbrechen bedroht die Stabilität ganzer Regionen, zerstört die Lebensfähigkeit von ganzen Ländern." EHRENWERTE GESELLSCHAFTEN Triaden, China Sitz der rund 300000 Mitglieder umfassenden, weltweit operierenden chinesischen Mafia-Triaden ist Hongkong. Die Triaden sind ein Sammelbegriff für einzelne Syndikate wie Sun Yee On (30000 Mitglieder, Einsatzbereiche: vor allem Drogenhandel, Waffenhandel) und die als Killerkommando gefürchtete Triaden-Gruppe 14 K, die über 20 000 Experten verfügt. Triadengruppen aus Taiwan wie die United Bamboo Gang kontrollieren weite Teile des Glücksspiels und des Waffenhandels in den arabischen Emiraten. Weltweit sind die Triaden in Chinarestaurants engagiert, vor allem mit Schutzgelderpressung. Vielfach werden die Gaststätten aber auch zur Geldwäsche genutzt. In Amerika sind die chinesischen Gemeinschaften in Vancouver und San Francisco massive Vorposten der Triaden-Kriminalität. Die Triaden gehören zu den grausamsten Syndikatsgruppen. Mit der Übergabe der portugiesischen Kolonie Macao an China erhielten eine halbe Million Chinesen auch die EU-Bürgerschaft. Die wird, so sind sich Experten sicher, für eine Expansion nach Deutschland genutzt.

Yakuza, Japan 3000 Gangs mit zusammen 50000 Mitgliedern bilden den Kern der japanischen Mafia, der Yakuza. Das größte Syndikat, Yama-guchi-gumi, ist in der Stadt Kobe beheimatet. Drogen und Prostitution sowie legale und illegale Pornografie gehören zu den Spezialitäten der ehrenwerten Gesellschaft. Die Yakuza hat strenge Rituale. Wer Fehler macht, muss sich zum Beispiel selbst verstümmeln - das Abschneiden von Ohren, Fingern und ganzen Armen ist seit dem 17. Jahrhundert ein schöner Brauch. Zahlreiche Politiker und Manager wie auch größere Industrieunternehmen werden in Japan der Yakuza zugerechnet. Als erfolgreich bewährt sich dabei die Strategie, junge, viel versprechende Talente anzuwerben, zu initialisieren und in machtvolle Positionen in Staat und Wirtschaft zu bringen. In den USA kontrollieren die Yakuza wichtige Teile des Geschäfts mit japanischen, chinesischen und anderen aus Asien einreisenden Touristen. Sie werden vornehmlich in von der Yakuza kontrollierte Hotels und Restaurants vermittelt. In Deutschland sind den Ermittlern Yakuza-Aktivitäten in Düsseldorf bekannt.

(Info) Buchtipp Giovanni Falcone, Marcelle Padovani: Inside Mafia. Authentisches vom berühmtesten Mafia-Jäger, der 1992 ermordet wurde. Herbig-Verlag, München, 1992; 24 Mark