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unentschlossen

Letztlich habe ich nur eine Frage: Was hast du eigentlich zu verlieren? Warum versuchst du es nicht einmal? Na gut, es könnte ein Fehler sein, es wäre vielleicht eventuell möglicherweise nicht perfekt. Aber ist dein Leben wirklich so voll mit Glück, dass du dich, müsstest du dich irgendwann für etwas Neues entscheiden, es nur tätest, wenn alles richtig wäre, wenn Gott persönlich herabsteigen würde, auf dem Kopf eine Baseballkappe mit dem Logo GOD, und er sagte: "Hier, das ist das Leben, das dir versprochen war." Soll es so sein? Und wenn Gott nur einen Witz macht? Dann doch lieber gar nicht entscheiden, oder?




Da war einmal ein Mann, der war ziemlich dick. Dann wurde er bekannt, stand auf der Bühne des öffentlichen Lebens, und da entschloss er sich, dünner zu werden. Er begann zu laufen. Langstrecke. So wurde aus dem gemütlichen Öko Joschka Fischer der verschlankte Staatsmann, der es der ganzen Welt gezeigt hatte: Wenn ich mich für etwas entscheide, zieh ich das durch. Und siehe da, so blieb es:Joschka Fischer entschied sich für eine Frau, für einen Krieg, für eine Politik. Vielleicht waren seine Entscheidungen nicht immer richtig, aber hey!, wer sich entscheidet, macht Fehler. Was, Fehler sind nicht erlaubt? Wieso denn nicht?

Ach ja, Joschka Fischer. Er hat also eine Vergangenheit. Das ist natürlich blöd. Hätte er sich doch bloß ein Vorbild genommen an Friedrich Merz. Der hat keine Vergangenheit, der musste sich sogar seine jugendlichen Saufgelage ausdenken. Ich kannte auch mal so jemanden. Der hatte drei LPs, damals, Ende der Siebziger, als ich das erste und einzige Mal bei ihm zu Besuch war: eine von Supertramp, eine von Genesis und ein Album vom Alan Parsons Project. Das war die absolut mittelmäßigste Zusammenstellung, die man damals überhaupt besitzen konnte. Außerdem war er bei der Jungen Union. Ehrlich, das habe ich mir nicht ausgedacht! Stellvertretend für solche Menschen, für die zeit-, raum- und eigenschaftslose Mitte Deutschlands, kann Friedrich Merz wohl tatsächlich sagen: Eine Vergangenheit ist nicht entschuldbar. Denn eine Vergangenheit zeugt von Entscheidung. Wer sich aber früher schon mal entschieden hat, der könnte das wieder tun. Und das ist gefährlich. Wieso? Weil: Als ich den Jungen mit den drei Platten kannte, war ich ganz ganz klein, aber eines war mir da schon klar: Er wollte geliebt werden. Er hoffte, die fremden Kinder würden ihn lieben, würde er nur mögen, was sie mochten, was alle mochten. Doch hätte das bei Joschka Fischer geklappt? Ich glaube eher nicht. Wäre da einer mit der vermeintlich konsensfähigen Musik in dessen einstige Demo-WG gekommen, hätte es vermutlich eher, wie man früher sagte, im Karton geraucht. Das war die Streitkultur, und die erschreckte viele kleine Menschen. Denn sie war relativ neu in dieser Bundesrepublik, die noch komplett durchsetzt war von ehemaligen Bürgern des Deutschen Reichs, wo der Patriarch noch Patriarch war und sein Wort galt: " Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast..." Und die Kinder nickten, denn so bekamen sie die Liebe des Vaters. Die wollten auch geliebt werden, die Kinder des Vaters. Das will doch jeder. Oder? Na ja, damals eben nicht mehr. Die Streitkultur vermittelte: Ich will vielleicht geliebt werden, aber nicht um jeden Preis und nicht von jedem. Was im Umkehrschluss bedeutete: Ich werde dich nicht einfach so lieben. Die notorisch Ungeliebten erzitterten.

Das Modell des Patriarchen starb zwischen der Entschlossenheit der Emanzipationsbewegung und der Beliebigkeit der Medien. Sein Nachfolger war die Orientierungs- und Entscheidungslosigkeit: Auf Helmut Schmidt folgte Helmut Kohl. Die gesellschaftlichen Strukturen zerbröckelten, Werte, Meinungen, Ansichten wurden relativ, die Ordnung war dahin. Vor allem die Männer hatten es schwer. Mit Frauen! Die etwas wollten. Und es sagten. Die ihre Meinung änderten. Steigende Scheidungsraten. Dialoge: "Aber du liebst mich doch?" "Ich habe dich geliebt, nun liebe ich dich nicht mehr." Hinfort mit der inneren Sicherheit. Wie günstig, dass zur selben Zeit die Welt immer unübersichtlicher wurde. Wie passend, dass es so schwierig wurde, sich zu entscheiden, und damit so einfach, sich nicht zu entscheiden. Einfach alles beim Alten belassen. Die deutsche Mitte war eine Gruppe, die sich selber liebte. Und jeder durfte ihr beitreten, für einen Preis, der gar nicht so hoch erschien: stillhalten.

Und nun stehst du da und entscheidest dich, bevor du dich entscheiden musst, lieber dafür, dich nicht zu entscheiden. Weil das Unbekannte. Weil dann lieber wie bisher. Und weil doch alle. Alle? Wer interessiert sich denn noch für den Stein, den Joschka Fischer geworfen hat und den man, hätte ihn nur irgendwer aufgehoben, heute im Deutschen Museum ansehen könnte? Niemand will das wissen. Hat er sich eben falsch entschieden, der Fischer. Kann doch vorkommen. Und der Merz, der ist gekommen, aber der kann auch wieder gehen. Dagegensein reicht nämlich nicht mehr, man muss auch für etwas sein. Wie bitte, Herr Merz? Sie sind für sich selbst? Der Merz, welch ein Scherz: einer, der Nostalgie betreibt, während sich die Welt umkrempelt.

Zeitenwende. Zeit der Entscheidungen. Es gibt gute, teure Produkte, die ein Leben lang halten. Für die man sich entscheiden muss. Und sieh an: Das geht. Andere Menschen heiraten. Nicht wegen der traditionellen Werte. Sondern weil sie sich entscheiden. Wollen. Müssen. Können. Auch das geht. Wieso? Was weiß ich! Vielleicht, weil wir uns alle langsam an die Unsicherheit der Freiheit gewöhnen. Vielleicht, weil wir gemerkt haben, dass ein Leben mit Entscheidungen einfacher ist als eines ohne: Lieber sofort den falschen Pullover kaufen, als sich wochenlang mit potenziellen Stoffmustern herumärgern. Vielleicht, weil wir sehen, dass einer, der sich immer entschieden hat, dafür!, dagegen!, und, logisch, nicht immer richtig, es trotzdem bis zum Außenminister bringen kann - früher schaffte man ja mit Entscheidungsfreude nicht mal die einfache Beamtenlaufbahn. Und vielleicht auch, weil wir nicht mehr die Liebe des Vaters suchen. Sondern notfalls uns selbst genügen. Und du? Liebst du dich eigentlich? Ich könnte dir ein paar gute Gründe sagen.