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Schwieriger Kunde

Auf eine halbe Billion Mark schätzt der Bundesverband der Deutschen Industrie das Einkaufsbudget der öffentlichen Hand – ein gigantischer Markt, der gut und günstig übers Internet abgewickelt werden könnte. Nur der Kunde blockt noch ab.




Im 34 Grad warmen Solebad wirkt das Leben schwerelos. Rentnerinnen spielen toter Mann, Mütter plaudern und planschen im brusthohen Wasser, Väter werfen ihre quietschenden Kinder durch die tropische Thermenluft. Burckhard Schilling steht mit Krawatte und kariertem Wollsakko am Beckenrand und guckt gar nicht vergnügt. Es ist nicht die Hitze, die ihm zu schaffen macht, es sind allein die baulichen Mängel, für die er Augen hat: Etliche Fliesen sind herausgebrochen; das salz- und schwefelhaltige Solewasser hat sich in die Fugen gefressen und das Blau der Kacheln gebleicht. An der Decke verbreiten kugelige Papierlampions Siebziger-Jahre-Studentenbuden-Romantik, eine einsame Palme wirkt zerrupft, obwohl sie aus Plastik ist.

Schilling, Leiter des Gysenbergparks in Herne, sagt: "Wir machen alles neu." Der Ingenieur vom beauftragten Planungsbüro sekundiert: "Neues Becken und eine Lichtdecke, die kann zum Beispiel Sonnenlicht imitieren. Ein Bildschirm, auf dem Videoclips laufen, Sprudelliegen und vieles mehr." Schilling nickt. "Solche Events braucht man heute." Freizeittechnisch ist die einstige Bergarbeiterstadt Heme Ödland. Der Gysenbergpark, einer von fünf Revierparks im Ruhrgebiet, die von den Kommunen und dem Kommunalverband Ruhr verwaltet werden, ist auf 32 Hektar mit Therme, Kart-Bahn und Eissporthalle die einzige Attraktion.

B2G - Business-to-Government. Für die einen die dritte Internet-Revolution, für die anderen zumindest eine gute Idee.

Der Parkleiter nimmt seine Verantwortung als exklusiver Freizeit-Provider ernst: Er ist stolz darauf, 1978 eines der ersten Solebäder der Republik eingerichtet zu haben und von allen Revierparks die meisten Besucher anzuziehen. Damit das so bleibt, will er noch mehr investieren als bisher. Neben dem Solebecken für 1,2 Millionen Mark lässt er für zwölf Millionen Mark ein neues Saunaareal bauen. Obwohl sinkende Zuschüsse und steigende Energiekosten seinen Handlungsspielraum einengen. " Wir können nicht mehr nur alle 20 Jahre erneuern", meint Schilling. "Die Kunden werden anspruchsvoller." Händeringend sucht er nach Einsparungsmöglichkeiten, gefunden hat er eine neue Internet-Dienstleistung: Projektausschreibung und Auftragsvergabe auf elektronischem Weg.

B2G heißt das Zauberkürzel, Business-to-Government. Es wird nach B2C (Business-to-Consumer) und B2B (Business-to-Business) als die dritte Revolution der New Economy gepriesen. Es soll helfen, Zeit, Kosten und Personalaufwand bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand zu reduzieren.

Staat, Länder und Kommunen sind verpflichtet, Aufträge ab etwa 50 000 Mark öffentlich auszuschreiben. Bisher schalten sie teure Zeitungsannoncen, Unternehmen, die sich darauf bewerben, bekommen eine genaue Beschreibung des anstehenden Jobs, die bei Bauleistungen locker hundert Seiten umfasst, und eine Kopie der Vergabeordnung. "Auf konventionelle Art", sagt Schilling, "bedeutet das: drucken oder kopieren, sortieren, heften, eintüten, frankieren, wegschicken. In doppelter Ausrührung." Der interessierte Unternehmer, der zuvor Bundesanzeiger, Kommunalblätter und Tageszeitungen nach öffentlichen Ausschreibungen durchforstet hat, trägt seine Preise meist handschriftlich in die zugesandten Unterlagen ein, schickt sie per Post wieder zurück, so dass der Mann in der Beschaffungs- und Vergabestelle alle Angaben in den Computer eingibt, um sie mit anderen Bewerbern zu vergleichen und den günstigsten zu ermitteln. Für den Bürger steht das Verfahren für: schleppende Auftragsvergabe, überhöhte Preise, Korruption und Kungelei.

Muss alles nicht mehr sein, meint Birger P. Priddat, Wirtschaftsprofessor an der Universität Witten/Herdecke und Autor des dieser Tage erscheinenden Buches " Electronic Government". Europaweite Ausschreibungen auf den Marktplätzen externer Internet-Dienstleister machten den personal- und zeitaufwändigen Papierkram überflüssig und würden viel mehr Unternehmer erreichen. Absprachen ortsansässiger Betriebe machten keinen Sinn mehr, der erhöhte Wettbewerb werde die Preise drücken, meint Priddat. "Nach amerikanischen Erfahrungen um bis zu 30 Prozent" - bei einem laut BDI-Schätzung staatlichen Beschaffungsvolumen von einer halben Billion Mark jährlich. B2G schaffe den Kommunen ungeahnte Freiräume, schreibt Priddat. "Ein Oberbürgermeister, der seinen Bürgern ein paar Projekte anbieten kann, an die niemand mehr zu glauben wagte, macht alle glücklich und den Staat beweglich." Die Anfänge sind bescheiden, aber erfolgreich. Die digitale Feuerprobe hat der Herner Revierpark mit seiner neuen Heizungsanlage bestanden. "Am 11. Dezember war die Ausschreibung im Netz, am 9. Januar sollte die Vergabe sein", erinnert sich Hugo Schafranitz vom Heizungs- und Sanitärbetrieb WWEL in Wanne-Eickel. "Doch dann ging alles hopplahopp. Am 18. der Notruf: ,Die Kessel sind kaputt! Wir brauchen die Angebote bis morgen.' Ja, und dann haben wir zwischen Weihnachten und Neujahr mal eben die Kessel ausgewechselt." Erst kurz zuvor hatte der Student die Firma seines Vaters mit einem Internet-Anschluss versorgt. "Vom Sinn her", ruhrpöttelt Hugo Schafranitz, "ist datt 'ne verdammt jute Sache." Auch Parkleiter Schilling, ehemaliger Berufsoffizier, gibt sich entschlossen: " Wer mit uns zusammenarbeiten will, der soll gefälligst ins Netz gehen." Stephan A. Jansen hört so etwas gern. "Das sind unsere liebsten Kunden, die so offensiv sind." Die meisten seiner Kunden sind Beamte mit eher zurückhaltendem Naturell, das Jansen und den anderen vier Gründern der Firma Cosinex völlig fremd scheint. "Eine ganz andere Welt" sei das, sagt der 24-jährige Utz Helmuth. "So langsam." Cosinex stellt seit Juli vergangenen Jahres die Internet-Plattformen bereit, auf denen die öffentliche Hand und Unternehmer ihre Geschäfte abwickeln sollen. Hinter Portalen wie "Bäder, Sport- und Freizeitanlagen", "Kultur und Entertainment" oder im übergreifenden " Kommunalen Ausschreibungsticker" sind aktuelle Ausschreibungen veröffentlicht, die jeder, der sich bei Cosinex hat registrieren lassen, herunterladen kann. Bedarf besteht beispielsweise nach Brandmeldeanlagen für einen neuen Omnibusbetriebsbahnhof, Verkehrsleitschildern, einem 700 Quadratmeter großen Turnhallenboden, Abbruch einer Laubenkolonie, Organisation zweier Open-Air-Filmnächte, nach Uniformen und Kampftragetaschen oder nach Nassraummöbeln für ein Altenpflegeheim.

Insgesamt zwölf branchenorientierte Portale sind geplant, garniert mit Studien zur Zukunft des Electronic Government und Artikeln aus Fachzeitschriften, die Cosinex als Kooperationspartner gewonnen hat. Unternehmer von diesem System zu überzeugen fällt nicht schwer. Rund 350 Betriebe sind bereits Kunden. Die Registrierung geht schnell und kostenlos; die Gebühren, um Ausschreibungen herunterzuladen, liegen bei zehn bis 50 Euro und sind damit geringer als jene, die Kommunen für die herkömmliche Zusendung der Unterlagen in Papierform fordern.

Überzeugungsarbeit ist bei der öffentlichen Hand gefragt. Stephan A. Jansen und Utz Helmuth tingeln Tag für Tag durch jene fremde Welt der Amtsstuben, der sie sich ein bisschen anzupassen versuchen, indem sie ihren grauen und dunkelblauen Business-Anzügen das Logo ihrer Firma ans Revers stecken. "Bei den Stadtverwaltungen tragen die auch alle so was", sagt Helmuth. Das Rote Kreuz, das Stadtwappen, das Emblem des Gesangsvereins oder das der Taubenzüchter. Die beiden verrichten eine Arbeit, die sie sich bis vor kurzem nicht vorstellen konnten: Klinkenputzen - "bei einer der ältesten und behäbigsten Formen der Old Economy überhaupt: dem Staat." Cosinex will die Kommunen ins Netz bringen. Da ist es gut, in Witten/Herdecke zu starten, wo man schön bescheiden bleibt.

Dagegen brannte in Stanford die Luft. Jansen, mit 29 Jahren mehrfacher Buchautor, wissenschaftlicher Assistent und Gründer des Institute for Mergers & Acquisitions an der Universität Witten/ Herdecke, war als Forschungsmitglied einige Monate an der kalifornischen Eliteschmiede. Am Nachbartisch in der Bibliothek arbeiteten die Gründer der Suchmaschine Google.com ihren Business-Plan aus. Venture-Capitalisten streunten auf dem Campus herum, und es schien, "als brauchte man nur Laptop und eMail-Adresse, schon flossen Millionen an 25-Jährige, die sie mit größter Selbstverständlichkeit vernichteten. Es war der Wahnsinn." Es war die Zeit des Business-to-Business-Hype. Doch seit sich Jansen im Achter mit Steuermann bis zum finalen Wettkampf um die deutsche Meisterschaft vorgerudert hat und Vierter wurde, hat er auf aussichtslose Rennen wenig Lust. Der B2B-Markt sei "bereits zu eng", befanden er und einige Studenten der Wittener Privat-Universität und gründeten im Frühjahr 2000 Cosinex. Damit bewiesen sie vielleicht Weitsicht - die Risikokapitalgeber jedoch "hingen immer noch der B2B-Mode nach". Unter B2G konnten sie sich nichts vorstellen, und an der Börse kollabierte gerade die New-Economy-Euphorie.

Glück im Unglück bescherte ihnen ein geduldiger privater Investor, der ihnen Liquidität für die nächsten Jahre versichert hat. In Witten, wo Cosinex nach eigenen Angaben das einzige Dot.com-Unternehmen weit und breit ist, haben sich die 36 Mitarbeiter im Erdgeschoss einer gediegenen Villa der Flachglas AG aus der Zeit der ersten industriellen Revolution eingerichtet. Ab und zu würden sie schon die junge, dynamische, feierbereite Start-up-Szene eines Berlin-Mitte vermissen. Im Grunde aber seien sie froh über ihren Standort im Ruhrgebiet, immerhin dem größten Siedlungsgebiet Europas mit den meisten Kommunen, Firmen und Menschen. Und die - seien es Bürgermeister, Handwerker oder die eigene Mutter - würden einem immer wieder klarmachen, dass man Internet-Kenntnisse nicht voraussetzen könne.

(Info) Buchtipp Stephan A. Jansen, Birger P. Priddat: Electronic Government - Potenziale für einen modernen Staat. Erscheint im Frühjahr bei Klett-Kotta, Stuttgart (Info) Kontakt Cosinex, Otto-Seeling-Str. 2, 58455 Witten, Telefon: 02302/2822441, Fax: 02302/2824455, www.cosinex.de; Universität Witten/Herdecke, eMail: wiwidekanat@uni-wh.de Im Revier bleibe man angenehm bescheiden oder, wie Jansen es ausdrückt: "down to earth".

Erdverbundenheit und Geduld sind beste Voraussetzungen im Umgang mit dem Amtsschimmel. Studien zeigen, dass zwar der Wille da ist, die Verwaltungsmühlen auf digitalen Betrieb umzustellen, doch gemahlen wird nach wie vor langsam.

Anlässlich der Weltkonferenz zur Zukunft der Städte im vergangenen Sommer in Berlin hat die internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price-Waterhouse-Coopers 90 Bürgermeister der 200 größten deutschen Städte zum Thema Digitalisierung befragt. Danach sind immerhin 71 Prozent davon überzeugt, dass eGovernment mehr ist als nur eine Modeerscheinung, 85 Prozent sehen darin die Chance für einen Reformschub. Allerdings hat sich bisher nur jede zehnte Stadt die Mühe gemacht, eine eGovernment-Strategie auszuformulieren. Genauso dürftig sieht es bei der Bereitstellung von Personal, Zeit und Budget aus.

Als Hauptursache für diesen Mangel nennt die überwiegende Mehrheit der Verwaltungsspitzen die unzureichenden rechtlichen Rahmenbedingungen und - wenig überraschend - die leeren Kassen. Erstaunlich jedoch, dass nur jeder Dritte durch eGovemment Einsparungen erwartet und sogar nur jeder Zehnte neue Einnahmen. Erfolg versprechende Referenzprojekte der Amerikaner beeindrucken hiesige Beamte wenig.

Das kurzärmelige Freizeithemd spannt im Bauchbereich bedrohlich, als sich Rüdiger Klimach zurücklehnt. " Wer mögliche Einsparungen quantifizieren will", so der Leiter der Beschaffungs und Vergabestelle, "der lügt sich in die Tasche." Auf seinem Schreibtisch lagern halb ausgepackte Marmeladekrapfen. Hinter ihm an der Magnetwand haftet die Gummi-Miniatur einer Pommes-Tüte, darüber groß der Innenstadtplan von Witten, darauf farbig markiert sind die GVFG(Gemeinde-Verkehrs-Finanzierungs-Gesetz)-Maßnahmen. Die Verknüpfung von Hauptbahnhof und Zentralomnibusbahnhof steht an, die Sanierung von Ruhrstraße und Fahrradstation, die Beschleunigung der Straßenbahnlinie 310 und der Umbau von Tiefgarage und Marktplatz vor dem Rathaus direkt unter Klimachs Fenster. "Allein im Baubereich setzen wir jährlich 20 Millionen Mark um", sagt er. Hinzu käme die Beschaffung von Büromöbeln und Computern bis zum Papierhandtuch. "Das alles wollen wir komplett über Cosinex abwickeln." Doch was sie dadurch an Zeit und Personal einsparen würden, sei minimal. "Wir erhoffen uns vor allem ein breiteres Angebot an Zulieferern und dadurch günstigere Preise." Die Stadt Witten ist einer der ersten Kunden von Cosinex und Vorreiter in Sachen Internet. Seit zwei Jahren fördert sie mittelständischen eCommerce, hat bereits zwei Drittel ihrer Arbeitsplätze computerisiert, bald alle Schulen ans Netz geschlossen und ein "Amt für Statistik, Internet-Service und Wahlen" geschaffen. Dessen Leiter arbeitet hinter stets verschlossenen Jalousien, "weil wir hier keine behördentypischen Arbeitszeiten haben" und es ihn kaum interessiere, ob es "draußen gerade Sommer oder Winter, dunkel oder hell ist". Sein Amt richtet auf der städtischen Web-Seite ein Bürgerinformationssystem nach dem so genannten "Lebenslagenprinzip" ein. Der Bürger muss nicht mehr nacheinander zum Finanzamt, zum Einwohnermeldeamt und zum Standesamt rennen, sondern kann sich nach Kategorien wie "Ehe", " Umzug" oder "Arbeit" entsprechende Formulare gesammelt herunterladen und ausfüllen. Abgeben muss er sie allerdings als unterschriebenes Papier.

Ausschreibung per Internet - klingt gut. Aber wie schafft man es, die komplizierten Geheimhaltungsvorschriften einzuhalten?

Genau das ist einer der Punkte, die Cosinex noch eine Weile beschäftigen werden. Die digitale Signatur, um Verträge mit Verwaltungen im Internet abzuschließen, wird voraussichtlich erst in einem Jahr zulässig sein. Zudem verlangt das Vergaberecht für Ausschreibungen neben der rechtsverbindlichen Unterschrift und der Unverfälschtheit der Daten absolute Geheimhaltung während der Angebotsfrist. Konventionell schicken die konkurrierenden Bieter ihr Angebot in verschlossenen Briefumschlägen, die alle am festgelegten Termin von einem Beamten im Beisein der Bieter geöffnet werden. Submission nennt man diesen Moment. Ein Spiel mit verdeckten Karten, das Absprachen verhindern und den Beamten vor Korruption schützen soll. Nachverhandeln ist nicht erlaubt.

Um dieses Pokern um öffentliche Aufträge über eine Internetplattform sicherzustellen, müsste ein elektronisches Siegel die gemailten Angebote verschlüsseln und mit einer Art Zeitzünder versehen, der die Öffnung erst bei der Submission erlaubt. Diese Technik gibt es jedoch noch nicht. Und selbst wenn es sie gäbe -"wir können Unternehmer nicht zwingen, sie anzuschaffen", gibt Klimach zu bedenken. Anders als der Revierparkleiter Schilling, der als Leiter eines öffentlichen Profitcenters keine Bedenken hat, künftig nur noch mit elektronisch kompatiblen Unternehmen zu arbeiten, fühlen sich die meisten Kommunen einer Vater-Staat-Mentalität verpflichtet. Sie verbietet es ihnen, kommunikationsrückständige Betriebe auszuschließen. "In der Vergangenheit", erzählt Klimach, "haben wir probeweise Ausschreibungsunterlagen in schriftlicher Form und als Diskette versandt - der Diskettenrücklauf war unter zehn Prozent. Wir werden in nächster Zukunft zweigleisig fahren müssen." Bescheidene Anfänge: Ludwigshafen startet einen Versuchsballon mit der Ausschreibung von 8500 Aktenordnern.

Im Rathaus von Witten fallen den Beamten der Vergabe- und Beschaffungsstelle, der EDV-Lenkungsgruppe oder der Arbeitsgruppe Digitale Signatur eine Menge Einwände gegen die so einfach klingende Idee des vernetzten Staates ein; und es wird klar, warum Utz Helmuth und Stephan A. Jansen ihre Firma Cosinex "nicht als reine Internet-Firma" betrachten. Jansen: "Wir beschäftigen uns vielmehr mit einem sozialen Phänomen." Beispiel Käufer-Pooling: Wenn mehrere Kommunen ihren Bedarf zusammenlegen, müssten sich doch Rabatte herausschlagen lassen, so die BZG-Theorie. " Dortmund und Gelsenkirchen haben einmal zusammen 1,5 Millionen Bleistifte und Toilettenpapier gekauft", hält ein langjähriger Beschaffer dagegen. "Dadurch haben sie keinen Pfennig gespart. Stattdessen hatten sie enorme logistische Probleme, die Sachen wieder auseinander zu dividieren." Und dann sei da noch das diffizile Vergaberecht. Es gelte zu unterscheiden zwischen der Verdingungsordnung für Bauleistung, für Leistung (ausgenommen Bauleistung) und für freiberufliche Leistungen. Außerdem zwischen der öffentlichen, der beschränkten und der freihändigen Vergabe. Da könne man nicht pauschalisieren, da mache das Internet nicht immer Sinn. Die Männer in der Verwaltung sind nicht nur paragraphensicher, sondern auch Pragmatiker. "Wenn ich zwei Fernseher kaufen will", sagt ein Beamter, "gehe ich doch gleich zum Händler vor Ort." Der sei vielleicht hundert Mark teurer, aber in Garantiefällen schnell zur Stelle. Oder: "Wenn am Freitag bei der Feuerwehr das Blaulicht kaputtgeht, kann ich nicht auf ein günstiges Angebot im Internet warten." Oder: "Bei Sanitärarbeiten in Witten ist es doch witzlos, dass die Handwerker aus Oberbayern anreisen." In England wickelt die öffentliche Verwaltung bereits 90 Prozent aller Beschaffungen übers Internet ab, die USA wollen ihre BZG-Aktivitäten bis 2006 verfünfzehnfachen, in Finnland sind Verwaltungsleistungen sogar per Handy abrufbar. Mit Electronic Government soll alles schneller, serviceorientierter, günstiger, transparenter werden. Und der Bürger am Bildschirm darf - so die Vision - mitentscheiden, wem die Einsparungen zugute kommen; neue Kita oder Ausbau der Fußgängerzone?

Der technikbegeisterte, ehemalige amerikanische Vizepräsident AI Gore sah im eGovemment bereits das goldene Zeitalter einer neuen "athenischen Demokratie" heranziehen. "Das ist der radikalste Ansatz im eGovernment", beschwichtigt Jansen. Mit B2G will er nach B2C und B2B auch " keinen dritten Hype der New Economy" ausrufen. Seine Erfolgsmeldungen klingen bescheidener: Die Stadt Lohmar habe ein Feuerwehrhaus bestellt, mit Köln stünde Cosinex in intensiven Verhandlungen, Ludwigshafen habe einen Versuchsballon gestartet mit der elektronischen Ausschreibung von 8500 Aktenordnern.

Die Begegnungen mit der "fremden Welt", der langsamen "very Old Economy" bereiten Utz Helmuth und Stephan Jansen unerwartete Freude. Täglich laden Kommunen sie ein, ihren Internet-Marktplatz vorzustellen, Oberbürgermeister schmücken sich mit ihnen als Geschäftspartner. Insgesamt 20 Kommunen wickeln inzwischen ihre Geschäfte über Cosinex ab, vor kurzem hat die Bundeswehr das junge Unternehmen zu ihrem offiziellen Makler befördert. "Das ist für uns wie ein Sechser im Lotto", freut sich Helmuth. Vor allem die Beamten in den Beschaffungsstellen sind begeistert. Wie den Frühling genießen sie das exotische Flair der New Economy, den die Cosinex-Botschafter in die Verwaltungsstuben tragen. "Die finden das toll, umsorgt zu werden", hat Helmuth beobachtet. " Die haben das Gefühl: ,Ich, Sachbearbeiter, bin plötzlich sexy'."