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Schluss mit lustig

Noch nie gab es so viele Unzufriedene und Depressive. Das haben wir schon oft gelesen. Aber eines ist neu: Von Zweifeln geplagt sind ausgerechnet die, die eigentlich keinen Grund dazu haben sollten – die Jungen, Erfolgreichen und Wohlhabenden.




Die Wirtschaft boomt. Luxus, wohin man blickt. Wir erfreuen uns historisch vorbildloser Prosperität und Lebenserwartung. Wir erleben die längste Friedensperiode jüngerer deutscher Geschichte. Wir gehen nicht ins Kaufhaus um zu bekommen, was wir wollen, sondern um zu entdecken, was wir wollen.

Warum aber sind dann viele Menschen so depressiv? Überall die gut genährten, gut gekleideten, erfolgreichen und missgelaunten Menschen. Als säße man in lebensgeschichtlichen Ausnüchterungszellen. Überdruss aus Überfluss?

In einer neun Nationen der westlichen Welt umfassenden Studie fand die Sozialforscherin Myrna Weissman von der Columbia-Universität heraus, dass die nach 1945 Geborenen dreimal mehr depressive Zustände erfahren als die vor 1945 Geborenen. Interessanterweise besonders die Jungen und Wohlhabenden. In der Tat: Selten fand ich so viel Zynismus und Selbstabwertung wie bei den " Erfolgreichen". Intellektuell abgefedert haben sie argumentativ alles im Griff. Doch viele von ihnen glauben an nichts, sie erleben sich selbst nicht als vertrauenswürdig, nützlich. Gescheit gescheitert - verschüttet unter Gelingenstrümmem?

Wohlstand hat offenbar seinen Preis. Er macht einsam. Niemals zuvor haben mehr Menschen allein gelebt. Niemals zuvor wurde so viel Isolation erfahren. Unser Streben nach Geld weitet die Kluft zwischen uns und den anderen. Die Bindung zur Herkunftsfamilie lockert sich. Kinder "hat" man; man erlebt sie kaum mehr. Und wachsendes Fremdsein erzeugt ein Gefühl sozialer und geistiger Leere. In sozialen Schichten mit hohem Einkommen nimmt die Scheidungsrate überproportional zu. Gerade in der Schicht mit wachsendem Einkommen. Die Kunst des optimalen Grapschens erzeugt psychosoziale Obdachlosigkeit.

Das Internet, vielfach gepriesen als weltumspannender Kontakthof, der die kommunikativen Modernisierungsverluste kompensiert, ist es mehr als ein Turbo-Warenhaus ohne Ladenschluss? Natürlich, man kann mit lausenden Menschen in Kontakt bleiben. Aber wie sieht dieser Kontakt aus? Kommt zu den orthografischen Katastrophen noch die emotionale? Gewiss, man kann Unternehmen virtualisieren. Aber ist das ein Gewinn? Wo einst einige wenige Menschen waren, die viele Rollen ausfüllten, mit denen man Nachbarschaften, ja Heimat entwickelte, haben wir uns effizient mit einer Unmenge von Spezialisten umgeben, die wir nur für diese eine Dienstleistung ein- und ausschalten können. Das ist mindestens so viel Verlust wie Gewinn.

Es geht weniger darum, was uns zugestoßen ist, als vielmehr, was nicht. Etwas fehlt. Etwas Wesentliches wurde ersetzt durch etwas Hohles. Wir vertrauen auf eine Rekordzahl von Drogen: Kokain, Alkohol, Arbeit. Auch die Börse hat, glaubt man den Abhangigen, Suchtpotenzial. Die umgreifende Banalisierung: Wo wird noch laut und schallend gelacht? In vielen Unternehmen ist gute Laune schlechtes Benehmen. Nur noch leere Augen, die vorüberfliegen. Jedermann hypnotisiert von Arbeit und Wohlstand. Leben im Großkonsens des mittleren Unglücks.

Für zahllose Menschen in Start-ups, aber auch in vitalisierten Unternehmen der Old Economy, hat die Lust am Geld und an Rekordzeit-Restrukturierungen eine dunkle Seite. Der Tag hat zu wenig Stunden. Die Woche zu wenig Tage. Die Projekte stapeln sich. Bis in die späten Abende wird gearbeitet, die Wochenenden hinzugenommen. Und immer versichern wir uns und anderen, dass uns das alles Spaß macht, dass wir gern tun, was wir tun -es gehört zum guten Ton, "committed" zu sein.

Wer aber in seiner Arbeit den einzigen Identitätsanker sieht, steht gleichsam auf einem Bein. Es bleibt kaum mehr Zeit für ein komplexes Leben jenseits der Arbeit. Hobbys sind nur noch ferne Erinnerungen. Wollte ich nicht mehr Sport treiben? Mein Instrument wieder einmal hervorholen? Wann habe ich eigentlich das letzte Mal die heilende Wirkung wirklich unberührter Natur gespürt? Achselzuckende Resignation. Das Durchgeplante hat das Spontane tot organisiert. Jeder frage sich selbst, wie oft er noch für alte Freunde spontan erreichbar ist oder diese für erreichbar hält. Für die letzten 25 Jahre liegen Forschungsergebnisse vor: Überraschende Besuche bei der Familie oder bei Freunden haben dramatisch abgenommen. Freundschaften außerhalb der Arbeit werden kaum noch gepflegt. Sie lassen sich fast nur noch mit Arbeitskollegen aufrechterhalten. Mit denen dreht man die immer gleichen Business-Gebetsmühlen, hält man das Wirtschaftsgeschehen für die einzig existierende Wirklichkeit und die Börsennachrichten für die einzig legitime Schicksalsnotierung. Das ist die neue Weltfremde.

In vielen Menschen nagt der Zweifel: Wieso bin ich so freudlos? Wieso genieße ich das Leben nicht mehr?

Noch vor einem Jahr wagte diese Frage kaum jemand ernsthaft zu stellen. Denn viele dachten, sie hätten ihn kapiert, den Trick mit der New Economy: raus aus der Normalspur. Sprint zur IPO-Auszahlungskasse. Arbeiten bis zum Umfallen. Equity Stories, Fantasien, Marktanteile produzieren. Das Mögliche plündern. Mit 35 die Arbeit anderen überlassen. Da war es einfach zu glauben, dass nur die Halbherzigen oder Unfähigen eine Pause zum Durchatmen brauchten.

Dann brachen die Märkte ein. Ganz so einfach scheint der Trick nicht zu sein. Was sein Gutes hat: Zeit, die Richtung neu zu kalibrieren. Sich zu fragen: Worum soll es in meinem Leben gehen? Was will ich erreichen? Was heißt für mich persönlich Erfolg und persönlicher Erfolg? Und wer diese Frage beantwortet hat, kann sich fragen: Bekomme ich hier das, was ich wirklich will? Bin ich auf dem richtigen Weg?

Wir sollten uns nicht vom Geld dazu verleiten lassen, Dinge zu tun, die wir nicht wollen. Der Ökonom John Maynard Keynes sagte einst: "In the long run, we are all dead." Dieser Satz war wissenschaftstheoretisch gemeint, hier sei er in erweiterter Bedeutung zitiert. Und unterstrichen. Muss man reich sein, um so denken zu können? Vielleicht. Aber auch Enttäuschungen sind dafür eine Chance.