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Kleine Strolche

Fast alle Menschen finden, sie hätten ein bisschen mehr verdient, als sie bekommen. Also besorgen sie es sich – als Einzelgänger oder im Rudel. Die Erwerbstaktik von "Dazuverdienern" erinnert an die grundsätzliche Verwandtschaft von Mensch und Tier.




(Info) Literatur Gerald Mars: Cheats at work - An Anthropology of Workplace Crime. Aldershot: Allen & Unwin, Dartmouth Press, 1994; 44,95 Dollar "Quanto es?" Als Antwort deutet der Taxifahrer in Mexico City freundlich auf die Digitalanzeige neben sich. Der Fahrpreis ist doppelt so hoch wie gewöhnlich. Kein Wunder, versucht der geschäftstüchtige Fahrer doch dem Touristen die Frequenzanzeige seines Autoradios als Taxameter zu verkaufen. Business as usual, wenn man bedenkt, dass laut anonymen Umfragen zwischen 75 und 92 Prozent von uns illegale Einnahmen haben. Damit ist nicht Geldwäsche im großen Stil gemeint, sondern die ganz gewöhnlichen kleinen Tricks und Manipulationen, die in keiner offiziellen Statistik und Geschäftsprüfung auftauchen, die aber integraler - und oft auch stillschweigend akzeptierter - Bestandteil vieler Tätigkeiten sind.

Der britische Ethnologe Gerald Mars hat Gauner am Arbeitsplatz beobachtet und verschiedene Typen herausgearbeitet: Falken, Esel, Wölfe und Geier. Wer wie trickst, hängt ihm zufolge weniger vom Einkommen, sozialen Hintergrund oder der psychologischen Disposition ab, sondern davon, wie die Arbeit organisiert ist, und wie viel Autonomie der Arbeitnehmer hat. Falken haben große Spielräume. Viele ihrer Kunden zahlen für die Leistung statt für die aufgewendete Zeit. Die lässt sich dann flexibel berechnen: Eine Anwältin stellt eine Woche in Rechnung für eine Arbeit, für die ihr Referendar zwei Tage gebraucht hat. Wenn der Kunde mit dem Ergebnis zufrieden ist, wird er nicht meckern. Motto: "Dann kann man verlangen, was man für angemessen hält. Oft nehmen sie deine Arbeit sowieso nur ernst, wenn du teuer bist." Der "Nebenerwerb" ist nicht nur materieller Natur. Es geht auch um Anerkennung oder einen Ausgleich für unangenehme Arbeitsbedingungen.

Unter den Falken finden sich Manager, Unternehmer, Anwälte und Journalisten, aber auch kleine Geschäftsleute oder Angestellte - Individualisten, die entweder selbstständig arbeiten oder in großen Organisationen unglücklich sind und sich deren Regeln nach eigenen Bedürfnissen biegen. Wie der Angestellte, der beim Firmenwechsel seine alten Kunden mitnimmt und privat vom Büro seiner neuen Firma aus weiterbetreut.

Nur die Falken selbst haben den Überblick über ihre Aktivitäten. Ein Selbstständiger mit mehreren Klienten kann seine Ausgaben auch mehrfach in Rechnung stellen. Und wer weiß schon, ob die Arbeiten auch wirklich ausgeführt wurden. "Eine gute Geschichte verdient gute Spesen", sagt ein Journalist. "Du beantragst eine Zugfahrt erster Klasse und fährst mit dem Kollegen im Auto mit." Offizieller Verdienst, Spesen und doppelte Rechnungsstellung zusammen ergeben erst das Einkommen, das der Falke verdient zu haben meint. "Das ist kein Betrug, eher eine Art Bonus für gute Arbeit", lautet seine typische Rechtfertigung.

Unter ganz anderen Konditionen tricksen Esel. Die Arbeit von Kassiererinnen, Sicherheitsbeamten oder Fließbandarbeitern ist strengen Regeln unterworfen und weitgehend fremdbestimmt. Mars traf eine Supermarktangestellte, die täglich das Fünffache ihres Tageseinkommens aus der Kasse entwendete. Warum? Sie hasste es, von ihrem Chef wie ein Roboter behandelt zu werden. Stehlen machte ihre monotone Arbeit erträglicher, gab ihr ein neues Ziel und traf zugleich ihren Chef da, wo es ihm weh tat.

Um Kontrolle über ein System zu gewinnen, das sie als erdrückend empfinden, feiern Esel krank, tricksen oder greifen zur Sabotage. Sie arbeiten und betrügen isoliert. "Wir reden nicht übers Klauen. Anfänger müssen das selbst herauskriegen", sagt eine Kassiererin. Auch wenn einer auffliegt, ist er allein.

Wölfe andererseits arbeiten und klauen in Rudeln. Sie sind Hafen- und Minenarbeiter, Müllmänner, Arbeiter auf der Ölplattform, am Flughafen oder im Krankenhaus. Nach außen gibt sich das Rudel als eine Gruppe Gleichgestellter mit einem Anrührer, de facto herrscht eine klare Arbeitsteilung. Wenn was läuft, sind alle mit dabei, jeder an seinem festen Platz. Ein Vorarbeiter im Hafen von St. Johns, Neufundland, meldet die Ankunft einer Ladung Herrenanzüge. Das Entladungsteam beschädigt "versehentlich" zwei Kisten. Ein paar Leute stehen Schmiere. Die Staplerfahrer schichten die übrigen Kisten so auf, dass die beiden beschädigten ungestört ausgeräumt werden können; unter den Overalls verschwindet die Beute. Am nächsten Tag meldet der Vorarbeiter den Verlust von zwei Kisten. Die können irgendwo zwischen Einschiffen und Ausladen verschwunden sein, denn für Güter im Transit ist niemand so richtig verantwortlich.

Wölfe beziehen ihre Stärke aus dem Team. Während Falken allein den Überblick über ihre diversen Tätigkeiten behalten, ist hier die Gruppe voll im Bild. Und da ihr Zusammenhalt lebensnotwendig ist, müssen Rivalitäten unterdrückt und die Solidarität zementiert werden. Zum Beispiel durch Trinkrunden nach Arbeitsschluss und eine strenge Hierarchie.

Auch Geier - Handlungsreisende, Kellner, Hotelangestellte, Lkw-Fahrer oder Boten - sind auf Informationen und Rückhalt durch eine Gruppe angewiesen, aber sie betrügen selbstständig. Diese Mischung aus Konkurrenz und Kooperation ist brisant, und Geiergruppen sind oft turbulent und instabil.

Viele Geier-Arbeitgeber drücken bei deren Schwindeleien ein Auge zu, denn auch sie profitieren davon. " Mach's, aber erzähl mir nicht wie", heißt es. Die Leidtragenden sind meist die Kunden, zum Beispiel, wenn Kellner die Weinreste zusammenschütten und als Hauswein verkaufen. Oder wenn Vertriebshändler Angestellte bestechen, damit die die neue Computeranlage bei ihnen kaufen.

Geier erhalten meist ein umfassendes "training on the job". Nach dem Erwerb der fachlichen Grundkenntnisse folgt die Einweihung in die semi-offiziellen Aspekte der Arbeit: "Jeder macht mal Fehler bei der Addition", heißt es dann mit einem aufmunternden Lächeln. Und nach einiger Zeit verlieren krumme Dinger ihr Stigma und werden als notwendige Anpassung an den Job gesehen.