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Irre im Netz

Vor einigen Jahren flatterte etlichen Bundesbürgern ein Zahlschein ins Haus. "Letzte Chance für die Einzahlung: 31.03." stand da drauf, und es ging um 121,50 Mark. Von Kontonummer und Bank abgesehen, fanden sich keine weiteren Informationen auf dem Zahlschein. Wieso? Warum? Weswegen? Viele Fragen. Kein Zahlungszweck. Mehr als 40000 Mark gingen innerhalb weniger Stunden auf dem Konto ein. Wochen, Monate später fragten sich dann doch einige Einzahler: Wofür haben wir bezahlt? Betrug! Allein: Der Staatsanwalt hatte es schwer, daraus eine Anklage wegen Betrugs zu stricken. Denn getäuscht wurden die Geldgeber nicht. Zahlungen, die nach dem 31.03. aufgegeben worden waren, hatte der Erfinder der brillanten Einzahlidee kommentarlos zurückgebucht. Die letzte Möglichkeit, 121,50 Mark zu zahlen, war der 31.03. Und von etwas anderem war nie die Rede. Dankeschön, der Nächste bitte. Heute geht das vollautomatisch, übers Netz. Und es heißt auch nicht mehr "ein paar Idioten anscheißen". Die Methode heißt " vergingem". Man braucht dazu ein paar Millionen Leichtgläubige aus der so genannten Web-Generation, die zu den " Information Rich" gehören, weil sie die reichlich aus dem Netz sprudelnden Informationen alle für bare Münze nehmen - was sie langsam, aber sicher um ihr Erspartes bringt. Dazu noch ein paar in der Recherche leichtfüßige wie auch durch technische Phantasien beeindruckbare Journalisten und verdiente Helden des informationstechnischen Gewerbes, die über jeden Ruf erhaben sind, und sei es ein noch so guter. Dann macht es Klick. Dean Kamen ist ein Ingenieur aus dem Silicon Valley, 49 Jahre alt und ein Kumpel des Apple-Gründers Steve Jobs und des Amazon-Vormanns Jeff Bezos. Wir wissen, dass Apple gerade wieder einmal routinemäßig in die Miesen geraten ist und bei Amazon.com auch etwas am Dampfen ist, was man des guten Tons halber mit eCommerce umschreiben könnte. Haben Steve und Jeff schon wenig zu lachen, hat bei Dean Kamen Freund Trübsal längst festes Quartier genommen. Der Mann ist gut, doch seine Erfindungen werden nicht so richtig verstanden - und vor allem nicht finanziert. Zum Beispiel hat Kamen einen geländegängigen Rollstuhl und ein tragbares Dialysegerät erfunden, was für Nierenkranke sehr praktisch ist, wovon Gehirnkranke aber leider gar nichts haben. Das ändert sich gerade, denn Kamen hat ein Geheimprojekt namens Ginger, das er mehreren Reportern unter Abnahme des großen Journalistenehrenworts ansatzweise so darstellte: "Es ist sensationell, es wird die Welt verändern, lässt sich in zehn Minuten zusammenbauen und kostet weniger als 2000 Dollar." Die renommierte Harvard University Press weiß auch nicht mehr und hat schon mal Dean Kamen für die Rechte an "Ginger - Das Buch" 250000 Dollar bezahlt. Macht nichts. "Wired", das müde gewordene Kampfblatt der Web-Opas, macht hinter Kamens Kampagne die " Neuauflage des energiesparenden Stirling-Motors" aus, möglicherweise aber ist es auch ein "motorisiertes Kickboard". Und Kamen-Finanzier John Doerr, ein alter Silicon-Valley-Venture-Capitalist, findet, dass Kamen Henry Ford und Thomas Alva Edison in den Schatten stellen und überhaupt bald reicher sein wird als Bill Gates - womit wir übrigens an die Grenzen der Physik stoßen, was in diesem Zusammenhang weder überrascht noch vom Schreiben abhält: Das keiner Innovation ausweichende "Hamburger Abendblatt" mutmaßt nämlich, dass Kamen möglicherweise eine " Anti-Schwerkraft-Maschine" entwickelt hat. Die Folgen dieser Schwerkraftzersetzung, wie brand eins-Kollege Peter Lau das nennen würde, zeigen sich eindrucksvoll: Internet-Auktionsdienste vertickern die Vorkaufsrechte für Ginger, und Tausende steigern mit, zahlen bis zu 500 Dollar für etwas, wovon sie nicht wissen, was es ist. Was?! Würden Sie nie machen?! Obacht. Denn immerhin haben sich Steve Jobs und Jeff Bezos bereit erklärt, Millionen in die Ginger-Entwicklung zu pumpen. Mensch! Da müssen sie dabei sein! Sonst werden wieder nur die beiden Ami-Oberschrate reich und Sie schon wieder nicht! Oder sollten wir uns des Dichterworts erinnern: Der Laie staunt, der Fachmann kichert - hoffentlich gehirnversichert. Wir meinen: Ja. Denn Kamen, Jobs und Bezos machen sich nur einen kleinen globalen Jux. Hunderttausende, wenn nicht mehr, haben Millionen, sicher nicht weniger, für etwas bezahlt, was man eine " Killer Application" nennt, eine revolutionäre Neuerung, von der niemand weiß, was sie ist. Eine Killer Application kann man salopp mit tödlicher Anwendung übersetzen. Das heißt, dass die Anwendung tot ist, bevor sie jemand benutzen kann, was entweder daran liegt, dass es die Anwendung nicht gibt oder aber dass sie nicht funktioniert, wobei die Chancen erfahrungsgemäß fifty-fifty stehen. Unter dem Motto "Dumme muss es immer geben, denn wir müssen schließlich leben" haben die Gentlemen das einigende Merkmal vieler so genannter Net-Investoren und ihres kleinanlegerischen Anhangs, Leichtgläubigkeit, zum Wohle der behinderten Menschheit ausgenutzt, die mit ihnen endlich wieder mal etwas zu lachen hat. Mögen die Bilanzen von Apple und Amazon auch trostlos sein, Bezos, Jobs, Kamen, Doerr und ein paar ältere Jungs aus dem Valley lachen insgeheim bis der Arzt kommt oder sich die Schwerkraft aufhebt, weil jemand einen Stirling-Motor-Witz erzählt hat oder vom motorisierten Kickboard gefallen ist, nachdem er mit einem Dollarhaufen, der aus den Vorbestellungen von Ginger stammt, kollidierte. Bleibt zu hoffen, dass die lustigen Burschen des Silicon Valley ihren treuen Aposteln in aller Welt bald schon etwas zeigen, was man aufblasen kann oder lutschen oder Opa in den Bart kleben, wenn der nicht ins Internet will. Danke, liebe Ginger-Boys. Denn: Dämlich währt am längsten.