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Go East

Zuerst schickten die Deutschen nur Programmier-Aufträge ins indische Bangalore, inzwischen kommen sie selbst. Davon haben alle Vorteile: Die Firmen bekommen für relativ wenig Geld hoch begabte und qualifizierte Mitarbeiter. Und die Inder brauchen nicht ins ungastliche Deutschland zu reisen. Lust dazu hätten die meisten ohnehin nicht gehabt.




Es ist von Vorteil, auf Tradition zurückgreifen zu können. Wie das Unternehmen Siemens etwa, das bereits vor mehr als hundert Jahren die erste Telegrafenleitung von Delhi nach Kalkutta verlegt hat. Oder Ericsson. Die Schweden versorgen Indien seit den dreißiger Jahren flächendeckend mit Telefonbuchsen. Deshalb werden die Anschlüsse hier längst mit den Namen des Unternehmens bezeichnet. Philips ist der Begriff, wenn es um hochwertige Radios geht.

Trotzdem, die Vergangenheit und Infrastruktur in Form von Landesgesellschaften sind nicht der Grund, warum die drei Unternehmen ihre Software-Töchter jetzt in Bangalore angesiedelt haben. "Wir hatten überhaupt keine andere Wahl", sagt Bob Hoekstra, 55, Chef des Philips Software Centre. "Auf der ganzen Welt herrscht ein akuter Mangel an Programmierern, und hier sitzen wir sozusagen direkt an der Quelle." Vor 15 Jahren, als kaum jemand in Deutschland Mäuse mit Computern assoziiert hätte und Informatik auf der Studenten-Beliebtheitsskala unter "ferner liefen" rangierte, beschloss der Bundesstaat Karnataka, seine Fünf-Millionen-Hauptstadt in Programmier-Polis zu verwandeln. Hintergrund war der große Erfolg eines Mitte der achtziger Jahre von Texas Instruments eingerichteten Forschungslabors. 1991 wurde die Gründung privater Computer-Colleges erlaubt, ein Jahr später die regierungseigene Institution Software Technology Park of India (STPI) gegründet. Hauptaufgabe: für einen einwandfreien Datentransfer zu sorgen. 1997 kam dann noch ein politisches Rahmenprogramm dazu, das ausländischen Firmen unter anderem zollfreie Hardware-Einfuhr erlaubt und Einkommenssteuerfreiheit bis 2010 garantiert.

1992 haben gerade mal 13 Firmen die STPI-Dienste in Anspruch genommen, heute sind knapp 400 registriert. Die Liste liest sich wie das Who is Who der IT-Industrie: Cisco, Hewlett-Packard, Sony, Motorola, Sun Microsystems, Novell, Epson, Oracle. 75 000 hoch qualifizierte Software-Ingenieure sind bereits auf dem Markt, und jedes Jahr spucken renommierte Schulen wie das Indian Institute of Science oder SSI, NIIT und Aptech 1000 neue aus. Schätzungsweise eine Milliarde US-Dollar wurden insgesamt investiert. Und bis zum Jahr 2008 soll der Software-Export von derzeit sechs Milliarden Dollar auf knapp das Dreifache steigen.

Nach Deutschland? Wozu, fragen sich viele begabte junge Inder und sagen sich: Irgendwann kommen die sowieso zu uns.

Als die deutsche Politik sich in Detailvoraussetzungen für die Green-Card-Vergabe an indische Computeringenieure verlor, verglich das US-Magazin " Newsweek" Bangalore längst mit dem kalifornischen Silicon Valley. Auf der Einkaufsmeile Brigade Road saß der Programmiernachwuchs morgens mit Muffin und Caffe Latte im Coffeehouse, zum Abendessen bei "Pizza Corner" oder "Wimpy" und danach vor einem Bier in Bars und Clubs, die "Underground" oder "180 Proof" heißen, junge Männer und Frauen in Jeans und T-Shirt mit Rucksack und Handy. Manchmal fuhr ein Mercedes mit weiß livriertem Chauffeur vorbei, und im Fond saß ein Milchgesicht mit Baseball-Kappe, das es schon nach ganz oben geschafft hat. Und für das Gros der begehrten Kräfte galt vor einem Jahr und jetzt immer noch: Wenn sie ihr geliebtes Land verlassen, dann nur Richtung Amerika. Deutschland? Never! Früher oder später, das wissen sie, stehen die, die sie brauchen, ohnehin vor der Tür.

Udo Urbanek, 40, war unter den Ersten, die anklopften. Heute ist er Direktor des SAP-Labs und residiert im Discoverer-Gebäude, einem der drei funkelnagelneuen, futuristisch anmutenden Bürotürme des International Technology Park im 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernten Whitefield. 1995, als er nach Bangalore kam, um für die Firma Kiefer & Veittinger ein Entwicklungszentrum aufzubauen, war für dieses Vorzeigeobjekt noch nicht einmal der Grundstein gelegt.

Wer in Indien Erfolg haben will, der muss die Gepflogenheiten kennen. Und die Preise für einen Gefallen.

Also suchte er zunächst geeignete Räume in der Nähe der Mahatma Gandhi Road, die einmal quer durch die Innenstadt führt, und mietete die hiesige zweifelhafte Stromversorgung quasi gleich mit an. "Zweimal am Tag gibt es hier einen Power Cut, wir brauchten also einen Dieselgenerator." Und zwar ein richtig großes Ding. Weil der Lärm dann auch dementsprechend war, musste noch ein Akustikgehäuse drum herum gebaut werden. "Sonst hätten sich die Nachbarn quergestellt", sagt Urbanek.

Hürde Nummer zwei war die Firmengründung. "Ein endloser Papierkram", sagt er. Wer jemals die verstaubten Zettelgebirge in indischen Behörden gesehen hat, weiß, was Bürokratie-Vergötterung anrichten kann. "Wir hatten zum Glück einen fähigen Anwalt, der sich mit den Verhältnissen auskannte und an den richtigen Stellen vorgesprochen hat", sagt Urbanek. "Ohne den wäre unser Antrag bestimmt langsam, aber sicher verrottet." Punkt drei auf der Stolperstein-Liste: das richtige Equipment. "Ich musste erst mal lernen, was man hier kaufen kann und was nicht", sagt er. "Die Rechner habe ich schließlich alle importiert." Hätten wir also ein eingetragenes Unternehmen mit qualitativ hochwertiger Gerätschaft an zuverlässiger Stromleitung. Bliebe noch die Sicherstellung einer störungsfreien Kommunikation. Urbanek stehen heute noch die drahtigen Haare zu Berge, wenn er daran denkt, wie schwierig es war, einen eMail-Account zu ergattern. "Es ist zwar eigentlich kaum zu glauben, aber das hat Ewigkeiten gedauert", sagt er. Schließlich konnte er sich dem eigentlichen Sinn und Zweck des ganzen Aufwands widmen: der Rekrutierung der Mitarbeiter.

Dabei ist einiges zu beachten. Zum Beispiel, dass die Menschen hier ungern zugeben, irgendetwas nicht zu wissen. Und dass ein Kopfnicken eigentlich alles bedeuten kann. Nach dem ersten Einstellungsgespräch war Udo Urbanek fassungslos. "Wir hatten dem Bewerber fünf Fragen in Hinblick auf seine Kenntnisse gestellt, die er alle mit Ja beantwortet hat", sagt er. "Und als es am Ende darum ging, ob er für uns arbeiten will, hat er nur den Kopf geschüttelt." Mittlerweile kennt Urbanek die Mentalität, weiß, wie am besten damit umzugehen und worauf zu achten ist.

Urbaneks heutiger Arbeitgeber, die SAP, sah sich zur gleichen Zeit mit einem ähnlichen Problem konfrontiert wie Kiefer & Veittinger. Das Wachstum ließ sich mit den vorhandenen Personalkapazitäten nicht halten. Einen Ausweg bot auch für SAP der Standort Bangalore, und im November 1998 setzte sich die Firma quasi ins gemachte Nest, indem sie Kiefer & Veittinger kurzerhand aufkaufte. Die Zahl der Mitarbeiter ist in den vergangenen Jahren von 100 auf 400 gestiegen, 2001 sollen noch einmal 170 bis 180 dazukommen, und Pläne für ein eigenes Gebäude liegen bereits in der Schublade.

Im Großen und Ganzen unterscheidet sich die Erfolgsgeschichte von SAP in Bangalore nicht von der von Philips, Siemens oder Ericsson, wenn man mal davon absieht, dass die Konkurrenz beim Aufbau ihrer Software-Zentren nicht auf den Kauf einer Firma setzte, sondern Erfahrung, Räumlichkeiten oder Basisausstattung anderer Unternehmenszweige genutzt hat. Andererseits sollten die phantastischen Wachstumsraten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Alltag immer noch Herausforderung ist: etwa, die Philips-Zentrale telefonisch zu erreichen - weil permanent besetzt ist. "Ich bin ja schon froh, dass nicht mehr das Freizeichen ertönt, wenn die Verbindung mal wieder zusammengebrochen ist und jeder den Eindruck bekommen muss, hier würde nicht gearbeitet", sagt CEO Bob Hoekstra. "Hier hilft nur eins: die Dinge positiv betrachten." Hoekstra blickt vom Büro im sechsten Stock des frisch bezogenen Firmenkomplexes am Ulsoor Lake, in dem rund 700 Menschen arbeiten, der für 1000 ausgelegt ist und der in zwei Jahren schon wieder zu klein sein wird, direkt auf ein großes Slumgebiet. Wellblechhütten, nackte Kinder mit filzigen Haaren, die in braunen Pfützen baden. Schmutz und Elend. "Ich finde es traurig, dass Europäer immer nur die negativen Punkte sehen wollen", sagt er. "Sicher, Indien hat viele Seiten, die wir schlimm finden, aber es gibt immer auch das andere Extrem." Wie sehr Vorurteile sich zum eigenen Nachteil auswirken können, musste kürzlich der Philips-Ableger im niederländischen Hilversum feststellen. "Wir haben denen am Freitagnachmittag neue Software geliefert. Sie fanden einen Fehler und schrieben am Montag eine wütende eMail, dass sie zwei Tage hätten warten müssen, bevor sie jemanden erreichen konnten, um das Problem zu lösen" , sagt Hoekstra. "Dabei haben meine Leute hier das ganze Wochenende gesessen, für den Fall, dass etwas nicht in Ordnung sein sollte." Christoph John, 57, Direktor von Siemens Communication Software, kann den hohen Arbeitseinsatz der Inder nur bestätigen. " Unsere Mitarbeiter sind ungeheuer motiviert", sagt er, "das Engagement ist hier viel stärker ausgeprägt als in Deutschland, Zeit spielt keine Rolle." Diese Erkenntnis gehört zu den positiven Aspekten des Postens, den er 1999 antrat. Andererseits gibt es vieles, mit dem er sich nach wie vor nicht identifizieren kann. John fällt spontan das Hochleistungsglasfaserkabel ein, das die drei Gebäude an der Mahatma Gandhi Road, in denen Siemens verteilt ist, vernetzt. Dieses Kabel läuft über öffentliches Gelände, deshalb konnte es nicht von einer privaten Firma, sondern nur von der staatlichen Telefongesellschaft verlegt werden. "Wir hatten unsere gesamten Abläufe auf das Datum hin koordiniert, an dem die ganze Sache installiert werden sollte", erzählt John. "Zwei Tage vorher hat man uns gesagt, dass sich alles um mindestens sechs Wochen nach hinten verschiebt." Zum Glück wusste der für die Technik zuständige Mitarbeiter, welche Zuwendung an welche Stelle zu fließen hatte.

Mit so etwas muss man sich abfinden, wenn man weiterkommen will. "Wir Ausländer müssen ja regelmäßig unsere Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen", sagt er. "Dafür sind normalerweise recht viele Bescheinigungen vorzuweisen, aber wenn ein gelber oder ein rosa Umschlag beiliegt, dann geht es eben auch ohne, und man spart eine Menge Zeit." Er könnte die Liste beliebig verlängern, bis hin zum Dieselgenerator, ohne den Siemens natürlich auch nicht auskommen kann.

Klar, indische Mitarbeiter sind billiger als Deutsche. Aber auch in Bangalore gilt: "If you feed peanuts, you get monkeys".

Es gibt noch vieles, das den internationalen Software-Bossen, die schon vor einiger Zeit regelmäßige Treffen ins Leben gerufen haben, auf der Seele liegt: dass Bangalore immer noch keinen internationalen Flughafen hat, dass die innerindischen Linien sich fast immer verspäten. Oder dass die Verkehrssituation für einen durchschnittlichen Europäer oder Amerikaner Horrorqualität hat.

Vasuderao Shyam, 40, General Manager von Ericsson Communications, kann seine Kollegen gut verstehen. Aber es hilft nichts: "Wer anfängt, sich über den permanenten Stau aufzuregen, hat schon verloren", sagt er und blickt auf die smogverhangene Mahatma Gandhi Road, an der sich auch die Schweden, die momentan überlegen, ihre Düsseldorfer Dependance ebenfalls nach Bangalore zu verlegen, vor drei Jahren niedergelassen haben. Die ständig hupenden Rikschas, Lastwagen, Autos und Motorräder sind bis in den sechsten Stock zu hören. "Sicher, ich habe das Glück, diese Kulisse gewöhnt zu sein", sagt der Mann, der sich weder in Verhalten noch Kleidung von seinen nichtindischen Pendants unterscheidet. "Aber grundsätzlich ist alles nur eine Frage der Wahrnehmung." Darin liegt für ihn das Hauptproblem. "Wissen Sie, der erste Eindruck, den die meisten Europäer hier bekommen, ist: Mein Gott, diese Arbeitskräfte sind unglaublich billig", sagt er. "Und dann denken sie: Lass uns versuchen, sie noch mehr zu drücken." Laut Shyam ein falsches Konzept. Denn: "If you feed peanuts, you get monkeys!" Andererseits ist diese Goldgräberstimmung sowieso langsam am Abklingen: Die wie Pilze aus dem Boden sprießenden Startups und die enorme Expansion nicht nur der Multinationals, sondern auch indischer Softwaregiganten wie Wipro oder Infosys verschieben Angebot und Nachfrage zu Ungunsten der Unternehmen. SAP hält seine Fluktuationsrate nur deshalb auf für hiesige Verhältnisse geringen 20 Prozent, weil die Firma mit einem Wechsel in das Lab in Palo Alto locken kann. Siemens setzt diesbezüglich auf familiären Einfluss. "In Deutschland lädt man bei gewissen Anlässen die Ehefrauen ein", sagt John. "Aber die haben hier nichts zu melden, deshalb bitten wir die Eltern zum Tag der offenen Tür. Denn wenn die meinen: Junge, das ist eine gute Firma, dann richtet der sich danach." Philips schmückt sich mit seinem SEICMM Level 5, einer Art Goldmedaille für Programmierer. Das kommt bei den karriereorientierten Indern gut an, die mit Hingabe an ihrem Lebenslauf basteln. Und Ericsson ist entsprechend bemüht, möglichst viele Prestigeprojekte in Bangalore erledigen zu lassen. Grundsätzliche Tendenz: Hightech - High Class.

Fassen wir also zusammen: Gegen Bangalore sprechen neben dem zunehmenden Rennpferde-Gebaren der Softwarespezis der verrückte Verkehr, verschiedenfarbige Briefumschläge, Strom-Stop-and-go und ein löchriges Telefonnetz.

Dagegen scheinen die Anfangsschwierigkeiten hinsichtlich Firmengründung heute nicht mehr von großer Bedeutung zu sein. Zumindest hat der Datenverschicker STPI sein Angebotsfeld dahingehend erweitert, und der 33-jährige Direktor, der sich noch gut an Udo Urbanek und seine Sorgen erinnern kann, verspricht, dass heute alles ratzfatz geht: "Wir bieten Rundumbetreuung, Interessenten müssen sich nur um drei Dinge kümmern: Geld, Geschäft und Personal." Außerdem will die bayerische Landesregierung, die im November mit einer Abordnung unter Leitung von Staatskanzleichef Erwin Huber vor Ort und, wie Siemens-Direktor John es ausdrückt, "naiv beeindruckt" war, im kommenden Monat ein Büro eröffnen, das deutschen Firmen helfen soll.

Für den Standort Bangalore sprechen im Vergleich zu Deutschland immer noch drei- bis viermal niedrigere Personalkosten und moderate Büromieten - fünf Mark pro Quadratmeter in Electronic City, einem zehn Jahre alten Industriepark, 20 Mark an der Gandhi Road und 40 Mark in Whitefield. Sowie eine mit viereinhalb Stunden eher geringe Zeitverschiebung.

Ob das Bangalore-Engagement lohnt, hängt für Udo Urbanek von zwei Punkten ab: "In Bangalore sollte selbstständig entwickelt werden, ohne enge Verzahnung mit einer anderen Abteilung zu Hause." Und: " Man muss Mitarbeiter finden, die nach Indien wechseln wollen und Lust auf Abenteuer haben." Aber letzten Endes sind die Pros und Cons egal: Denn, wie sagte Philips' Bob Hoekstra so schön: Es bleibt sowieso keine andere Wahl.