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Die ganz große Oper

Bei der Mafia ist alles anders: die Einrichtung barock, die Statussymbole üppig, das Geld in bar. Kein Wunder, dass Mafia-Filme so sind wie der Mafia-Mythos: monumental. Mit großer Geste wird von einer komplizierten Welt erzählt, in der das Glück der Familie und der Firma eins sind. Nur die Moral ist letztlich simpel: Wer etwas hat, hat etwas zu verlieren. Und jeder hat ein Leben.




Tom Hanks in "e-mail für Dich" (1998) " 'Der Pate' ist das I-Ging des amerikanischen Mannes. Alles, was du über das Leben wissen musst, findest du im ,Paten'." Die "New York Times" zur TV-Serie "The Sopranos" (1999) "Tony Soprano unterscheidet sich nicht groß von den Wall-Street-Typen, die ein paar Straßen weiter wohnen. Die einzige Differenz ist, dass er eine Waffe hat und die nicht." Zu Beginn der zweiten Episode der US-Mafia-Fernsehserie "The Sopranos" sieht man die Hauptfigur Tony Soprano - in gewisser Weise der Geschäftsführer seines Mafia-Clans - mit einigen Vertrauten in einem schmucklosen Hinterzimmer an einem Tisch hocken. Sie zählen einen großen Haufen Geldnoten, während sie im Fernsehen ein Expertengespräch über die Mafia verfolgen. Ein Staatsanwalt stellt bei der Mafia "Verwirrung und Instabilität" aufgrund der harten Regierungspolitik fest. Der Gesprächsleiter meint, dass das vor allem an der Struktur der Mafia selbst liege, "an der Nichtachtung der Regeln des alten Don", und lässt einen "Former Soldier", einen Aussteiger, nachlegen. "The Party 's over" , meint der selbstsicher. "Das liegt am Drogenhandel. Die Strafen dafür sind so hoch, dass sich alle gegenseitig verraten." Tony Soprano, gespielt von James Gandolfini, lässt die Schultern fallen: " Treffer!" Dem Zuschauer dagegen ist es recht: Verrat, jawoll, großartig. Das ist das Salz in dieser Minestrone.

Verrat an der Autorität, Verrat an der Familie, Intrigen unter Geschäftsfreunden. Die Verletzung des Schweigekodexes, der Omertà, zählt zu den schlimmsten Verstößen im System der Mafia. Doch je strenger ein Regelwerk geknüpft ist, desto spannender sind die Regelverletzungen und ihre Bestrafung. Für eine filmische Dramatisierung sind solche traditionellen Ordnungssysteme natürlich ideal. Man erzählt in einem Film schließlich auch kein Eifersuchtsdrama mit Anhängern der freien Liebe.

Der Versuch, geschäftlichen Erfolg mit privatem Glück zu verbinden, endet für einen Mafiosi oft recht prekär.

Um die Mafia in all ihren komplexen Facetten zwischen Familie und Politik zu schildern, bedarf es der epischen Form. Dementsprechend hat es sich eingebürgert, Filme über das italo-amerikanische Verbrechermilieu erst Mafia-Filme zu nennen, wenn sie Überlänge haben. Das ist natürlich in keiner Filmtheorie festgeschrieben, doch seit 1971 "Der Pate" - nach einem Roman von Mario Puzo - mit einer Länge von 176 Minuten sowohl cineastische als auch finanzielle Erfolge feierte, gilt der offizielle Genre-Ausdruck Gangsterfilm als zu eng für solche Epen (Das "Lexikon des Internationalen Films" aus dem Rororo-Verlag nennt "The Godfather" einen "gewaltigen Gangsterfilm" ).

Das Eigentümliche des Mafia-Films ist die unverblümte Darstellung eines unlösbaren Dilemmas in einer Welt, in der alle nach oben streben: die Unvereinbarkeit von Geschäftserfolg und Privatglück. Es ist die teuerste Limousine, die garantiert von Gewehrsalven durchlöchert oder in die Luft gesprengt wird. Über jedem Statussymbol hängt das Damoklesschwert seines möglichen Verlustes. Zudem ist die Mafia im Film ein sich selbst bekämpfendes Zwitterwesen, definiert über die auf Wohl und Weh sich gegenseitig fördernde und zerstörende Verschmelzung von Verbrecherund Familiendasein, zusammengezwungen im Begriff des Clans.

Die Rituale dieser beiden Daseinssphären werden umso lustvoller und opulenter dargestellt, je stärker sie von dem jeweils anderen ausgehöhlt und verraten werden. Die schicke Mätresse im nobelsten Apartment, ohne die ein Mafia-Mann gar nicht erst an die Karriereleiter heranzutreten braucht, bedeutet eben auch permanenten Stress, da sie vor den Frauen der Familie geheim gehalten werden muss. Und wenn der brutale Handlanger Tommy De Vito (Joe Pesci) in "Good Fellas" (145 Minuten) sich im besten Anzug, den er bekommen kann, stolz seiner Mutter vorstellt, weil er gleich in einer Zeremonie in den Clan aufgenommen werden soll, wird er in der nächsten Szene in genau diesem Anzug von genau jenem Clan blutig hingerichtet.

Der Verrat ist überall, aber ein Ausstieg geht nicht. Du bleibst dabei, bis sie dich raustragen.

Keine der in der sizilianischen Tradition verankerten großen Familienfeiern wird in Mafia-Filmen als Situation des puren Glücks inszeniert. Hinter den üppigen Dekors, den verschwenderisch zubereiteten Speisen und der opulenten Ausstattung lauert immer das Zerwürfnis, der Verfall. Dazu muss nur ein kurzer Blickaustausch zwischengeschnitten werden, ein Tuscheln, eine rituell durchgeführte Umarmung. Das reicht als Vorahnung einer Katastrophe. In "Der Pate, Teil 2" (200 Minuten) zieht Michael Corleone (AI Pacino) die logische Konsequenz und opfert seine Familie schließlich den Geschäften: Er setzt die Frau vor die Tür, er lässt seinen Bruder ermorden.

Es verwundert nicht, dass es oft allein die Szenen in schummrigen Hinterzimmern sind, in denen eine entspannte Atmosphäre herrscht. Da hängen sie rum, die italo-amerikanischen Mafia-Männer, im Trainingsanzug oder Unterhemd, bei Fastfood oder Spaghetti und Tafelwein. Zoten reißend, Karten spielend oder, wie Tony Soprano und seine Spießgesellen in der eingangs beschriebenen Szene, beim Geldzählen. Die Wirkung des Fernsehbeitrags hat bei ihnen im übrigen rasch nachgelassen. " Heiter mich auf, Sil", motzt Soprano kumpelhaft. Und Sil, gespielt von dem Rockgitarristen Steve van Zandt, steht auf und grunzt gekonnt AI Pacino nach: ,Just when I thought I was out - they pulled me back in." Wer in der Mafia steckt, kommt eben nie wieder heraus. Das ist auch bei den Sopranos so: Mittlerweile wird die dritte Staffel der vielfach ausgezeichneten Serie gedreht.