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Das Netzwerk des Proletariats

Antonio Negri ist ein weltbekannter Philosoph und Vordenker der Rolle des Arbeiters in der Wissensgesellschaft. Seit acht Jahren ist er in Rebibbia, Roms Gefängnis, inhaftiert, obwohl niemand genau weiß, warum.




Rebibbia ist Endstation. Der Ort am Ende der Metro-Linie B ist einer der Teile Roms, die einen vergessen lassen, dass man sich in der Ewigen Stadt befindet. Wer in der U-Bahn bis hierher sitzen geblieben ist, statt an Roms Prachtstraße Via Cavour auszusteigen oder am Colosseum oder am Circus Maximus, ist selbst schuld. Oder konnte nicht anders. Zum Beispiel, weil er hier wohnt oder im Knast sitzt.

Das Gefängnis heißt wie der Stadtteil, oder der Stadtteil heißt wie das Gefängnis; das ist nicht ganz klar, denn groß genug ist der Bau, um den ganzen Vorort danach zu benennen. Jeden Morgen um acht Uhr darf Antonio (Toni) Negri, der bekannte Philosoph, ehemals Professor in Padua, an der Pariser Universität VIII und am College International de Philosophie, Autor zahlreicher Bücher, erschienen in Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch und anderen Sprachen, neben anderen im Verlag der Harvard University Press, vor die Gefängnismauern treten und in seine Wohnung im pittoresken Stadtteil Trastevere fahren. Abends um zehn muss er zurück sein in seiner Zelle.

Antonio Negri ist jetzt 67 Jahre alt. Fast acht Jahre seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht; vier weitere werden es noch, wenn er nicht vorzeitig entlassen wird. Die Aussichten dafür sind jedoch schlecht. Die italienische Justiz hat einen spektakulären Schauprozess inszeniert, um ihn hinter Gitter zu bringen. Nun wird sie den Mann kaum laufen lassen, nur weil er die Pensionsgrenze überschritten hat.

Antonio Negri ist unbequeme Situationen gewohnt. Als Gründer der linksradikalen italienischen Studenten- und Arbeiterorganisation "Potere operaio" (Arbeitermacht) und später "Autonomia operaia" (Arbeiterautonomie) galt er denen als Vordenker, die einen Weg jenseits eines alles durchdringenden Kapitalismus suchten. Eines Kapitalismus, der dazu drängt, sich die Individuen bedingungslos verfügbar zu machen, um den Profit zu maximieren. Die aber auch einen Weg jenseits der vermeintlich sozialistischen Alternative suchten, welche sich als staatsbürokratische Sackgasse erwiesen hatte. "Operaismus" war der Begriff, der die Veränderungen und Wünsche bezeichnen sollte, die Negri und seine Mitstreiter ausgemacht hatten: Der "operaio sociale", der soziale Arbeiter mit seinem widerspenstigen Charakter, würde die Fähigkeiten entwickeln, dem kapitalistischen Kommando die Kontrolle über die Produktion zu entziehen und die der Gesellschaft neu zu organisieren: "Die Selbst-Verwertung des proletarischen Subjekts, das Gegenteil der kapitalistischen Verwertung, nimmt die Form der Selbst-Bestimmung seiner Entwicklung an." Damit, dass selbst vielen Linken dieses Denken als " Abenteurertum" und "Terrorismus" galt, hatte Negri wohl gerechnet. Dem italienischen Staat allerdings sollte so viel Autonomie ärger aufstoßen, als es dem Staatsrechtsprofessor lieb sein konnte. Am 7. April 1979 werden er und 70 weitere Linke - Aktivisten, Journalisten, Akademiker - verhaftet. Die Anklage gegen Negri: treibende Kraft gewesen zu sein bei der Entführung und Ermordung des ehemaligen italienischen Premierministers Aldo Moro, die Italien polarisierte, wie es die Ermordung Hanns Martin Schleyers in Deutschland tat.

Negri zwischen den Fronten: Dem italienischen Staat gilt er als Brandstifter, die Linken werfen ihm Entsolidarisierung vor.

Die Ermittler stützen sich auf die Tonbandaufnahme eines Anrufes bei Eleanora Moro, der Witwe Aldo Moros, in dem Negri angeblich als "Betreuer" ihres Mannes aufgetreten war. Vor Gericht kommt heraus, dass das Band niemals eingehend untersucht wurde. Die Anklage wird fallen gelassen, um sie gleich darauf durch den Vorwurf des "bewaffneten Aufstands gegen die Staatsgewalt" zu ersetzen. Nachdem auch dieser sich als unhaltbar erweist, hilft der Justiz ein Verbrechen. Carlo Fioroni, wegen Mordes zu 28 Jahren Haft verurteilt, erinnert sich Toni Negris als eines Komplizen. Er beschuldigt ihn, für einen weiteren Mord "moralisch verantwortlich" zu sein, bekommt seine Aussage mit Immunität vergütet, wird entlassen, mit einem Reisepass ausgestattet und darf das Land verlassen. Bei Antonio Negris Verhandlung muss er nicht aussagen.

Das tut allerdings Fioronis Verteidiger, der Antonio Negri für unschuldig erklärt - entgegen den Angaben seines Mandanten; die Aussage wird nicht zugelassen. Negri bleibt in Untersuchungshart. Und sieht sich gleichzeitig den Vorwürfen ehemaliger Mitstreiter ausgesetzt, die ihm übel nehmen, dass er sich vom Terrorismus distanziert, ihn in einem Manifest als " kriminogenen Faktor" bezeichnet. In der " Taz" bezichtigt ihn der radikale Historiker Karl Heinz Roth der "Entsolidarisierung", die ihn mitverantwortlich mache für die "Vernichtung der militanten Fraktion der Gefangenen" in den italienischen Zellen.

In einer Wendung, die nur in Italien möglich scheint, setzt die Radikale Partei "aus Protest gegen die Methoden der Justiz" Negri auf Platz zwei ihrer Wahlliste. Ein Akt, der den vermeintlichen Kopf der Roten Brigaden zum Abgeordneten für die Bezirke Rom, Mailand und Neapel macht und ihm parlamentarische Immunität verleiht. Viereinhalb Jahre nach seiner Verhaftung ist Antonio Negri auf freiem Fuß - um mit anzusehen, wie das Parlament sich daran macht, die Immunität wieder aufzuheben. Dieses Mal ist Negri allerdings schneller. Er verschwindet mit einem Boot nach Korsika. Er glaubt nicht daran, dass sich Politik und Justiz mit ihm aussöhnen wollen. Er soll recht behalten. Ein Jahr später wird er wegen "Bandenbildung" in Abwesenheit zu 30 Jahren Haft verurteilt. Amnesty International protestiert gegen die Prozesse. Negri und andere genießen in Frankreich inoffiziell Asyl.

Negris Leben zwischen den Fronten setzt sich in Paris fort. Zwar gehört er zu den intellektuellen Zirkeln der Stadt, lehrt an der Universität und hat, wie er selbst sagt, "eine schöne Wohnung". Seine Bücher und Zeitungsaufsätze allerdings sind eher dazu angetan, ihm den Widerspruch gleich mehrerer Fraktionen einzuhandeln. Am Beispiel des venezianischen Festlandes um Porto Maghera untersucht er, wie sich die Industriestruktur im Nordosten Italiens verändert, weg von den großen petrochemischen Fabriken, in denen einst 30000 Menschen in einer Produktion arbeiteten, die alle Merkmale fordistischer Organisation trug. Als nach Arbeitskämpfen und den Ölkrisen von 1973 und 1974 mehr als 10000 Arbeiter entlassen wurden, bildeten sich auch neue Strukturen der Arbeit heraus, die Negri und seine Kollegen "lavoro autonomo" nennen: autonome Arbeit. Die Industrie begann, die Fertigung an Klein- und Kleinstunternehmern zu vergeben, die früher in den großen Fabriken gearbeitet hatten. So entwickelte sich ein Netzwerk zahlreicher flexibler und spezialisierter Mini-Betriebe. So ist auch der Begriff vom Dritten Italien entstanden, der diese Veränderungen als Modell eines Weges in den postfordistischen Wohlstand, in die nachindustrielle Informations- und Dienstleistungsgesellschaft, verherrlichte. Andere sahen darin nichts anderes als einen verstärkten Zwang zur Selbstausbeutung der Arbeiter.

Die Arbeiter sind politische Unternehmer, nicht passive Opfer der Entwicklung.

Antonio Negri verweigert sich diesen Positionen, sieht in der "lebendigen Arbeit", die die Kleinstproduzenten im Gegensatz zur zerstückelten Arbeit tayloristischer Prägung seiner Ansicht nach darstellen, nicht nur das "Objekt dieses Übergangs, sondern ebenso sehr sein Subjekt". Sprich: Die Arbeiter sind nicht passive Opfer dieser Entwicklung, sondern gestalten sie mit, werden zu "politischen Unternehmern". Damit ging es allerdings rasch wieder zu Ende: Mitte der Achtziger wurden die kleinen und mittleren Unternehmen wieder ins "Korsett der Produktionsweisen gezwängt", unter anderem durch Firmen wie Benetton, die in verstreuten, aber zentral organisierten Betrieben produzieren ließ und lässt. Und damit als Vorreiterin in einem Prozess gilt, der heute Globalisierung genannt wird.

Derzeit reden alle von Netzwerken, von der Wissensgesellschaft, dem globalen Markt. Je nach Branche oder Produkt suchen sich Unternehmen ihre Standorte aus. Das Bild des Arbeitnehmers wird idealisiert: der gut ausgebildete, technisch versierte Dienstleister, vorzugsweise beschäftigt in einer Dot.com-Firma. Parteien und selbst der Staat geraten in Legitimationsschwierigkeiten. Wer soll die Interessen dieser Wunschgeschöpfe vertreten, die innerhalb einer Legislaturperiode in mehreren Staaten arbeiten und wohnen?

Solche Fragen kann und will Negri nicht beantworten. Seiner Ansicht nach werden die Antworten durch die sozialen Kämpfe gegeben, die derzeit überall auf der Welt stattfinden. Wie zum Beispiel in der Dot.com-Branche, die sich bereits jenseits von Gewerkschaften, Kündigungsschutz und Lohnverhandlungen wähnte. Ein Teil der Blase ist nun geplatzt. Aktienoptionen statt Lohn, Belegschaftsaktien statt Betriebsrat - sie sind zum Teil nicht mehr das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurden.

Antonio Negris neues Projekt analysiert diesen Vorgang. Vielleicht können Chancen und Möglichkeiten entdeckt werden, die genutzt werden sollten. Er steht auf der Seite der Arbeiter. Die Kämpfe sind Ausdruck des Versuchs, sich gegen die Ausbeutung und Disziplinierung des Kapitalismus zur Wehr zu setzen, nach Alternativen zu suchen. Sie werden kein eindeutiges Ergebnis haben, nur die Situation verandern und Ausgangspunkt für die nächste Runde sein. Man kann Entwicklungen nicht aufhalten, aber beeinflussen.

Vom Appellationsgerichtshof in Rom wurde Negri 1987 vom Vorwurf sämtlicher Anklagen freigesprochen, die auf seine Beteiligung am Terrorismus der Roten Brigaden zielten. Die Strafe wurde auf zwölf Jahre reduziert, die Verurteilungen wegen verbotenen Waffenbesitzes und " ideologischer Teilnahme an einer Entführung" blieben jedoch bestehen. Zehn Jahre später, im Juli 1997, entschloss er sich, aus dem französischen Exil zurückzukehren - begleitet von einem Appell für seine Amnestie, den 1650 Personen des öffentlichen Lebens unterschrieben hatten, von Jacques Derrida bis Hans Magnus Enzensberger. Negri musste trotzdem hinter Gitter. Und wartet auf seine Freilassung. Auf die Frage, ob er glaube, seine Arbeit habe etwas damit zu tun, dass er nicht begnadigt wird, antwortet er: "Das glaube ich kaum, denn das würde bedeuten, dass im Justizministerium irgendjemand meine Bücher liest. Ich habe das Gefühl, die lesen dort gar nichts." Die brand eins-Autoren Matthias Spielkamp und Andreas Eisenhauer sprachen mit Antonio Negri: 

brand eins: Professor Negri, Sie definieren Ihr Konzept der Immateriellen Arbeit als eine "kollektive, soziale Intelligenz, die erzeugt wird durch angesammeltes Wissen, Techniken und Know-how". Produkte, die durch die neue Arbeitsform erzeugt werden, sind aber genauso " Material" wie vorher. Was bedeutet es also, diese Arbeit sei immateriell?

Negri: Es ist offensichtlich, dass viele Produkte weiterhin Material sind. Der Begriff immateriell dient dazu, eine bestimmte Form zu unterscheiden von dem, was bislang als übliche Arbeitsform galt. Wenn Wir von immaterieller Arbeit sprechen, meinen wir die andere Natur dieser Arbeit. Das bezieht sich auf die Art der Aktivität und vor allem auf den Umgang mit Werkzeugen oder mit Arbeitsmitteln. Die Art der Arbeit hat sich dahingehend verändert, dass es eine Vorherrschaft der intellektuellen Aktivität gegenüber der physischen Aktivität gibt. Weiterhin bezeichnet immaterielle Arbeit zwei fundamental veränderte Momente: Auf der einen Seite eine wesensartige Transformation der Arbeit. Die produzierten Waren sind immer weniger physisch, also immer weniger Dinge, die man anfassen kann. Auf der anderen Seite gibt es eine anthropologische Differenz, das heißt, der Mensch selbst wird in diesem Verhältnis zur Arbeit modifiziert, das Produkt seiner Arbeit ist etwas, das er als ganzer Mensch selbst hergestellt hat.

brand eins: Aber es gibt weiterhin normale Jobs - Busfahrer, Fließbandarbeiter, nicht nur die Angestellten der New Economy.

Antonio Negri: Als ich jung war, stand ich oft vor den Toren der großen Fabriken, in denen damals eine Menge Menschen arbeiteten. Diese Menschen produzierten Waren, die in dieser Zeit tatsächlich die Gesellschaft veränderten, und es gab Leute, die mir damals die gleichen Fragen stellten, wie Sie es heute tun: " Warum gehst du vor die Fabriken, wo doch der wichtigere Produktionsbereich die Arbeit der Bauern ist, also einer ganz anderen sozialen Gruppe?" Heute steht außer Zweifel, dass von den dreißiger Jahren bis in die sechziger Jahre der zentrale neuralgische Punkt der Gesellschaft, um den herum die Produktion von Wert stattfand, wo die Innovation der Gesellschaft betrieben wurde, die Manufakturfabrik des Typus Großindustrie war - im fordistischen, tayloristischen Sinn. Heute ist dieser Ort ein Teil der Gesellschaft im Informationsnetz, das zusammengesetzt ist aus mehreren Personen, die miteinander kooperieren. Das gilt auch für die Produktion, auch die der sozialen Güter.

brand eins: Was passiert mit den Menschen, die so arbeiten?

Negri: Es findet eine anthropologische Veränderung der Menschen statt, die an den Computern arbeiten. Wenn ich heute in die Fabrik gehe, sehe ich das Band, das ein ganz normales Fließband geblieben ist, das aber kontrolliert wird von einer einzigen Person statt von Zehntausenden. Diese eine Person steht vor einer elektronischen Anlage, die das Fließband steuert und die Arbeitsaufträge erteilt. Die tatsächliche Arbeitsleistung desjenigen, der hier arbeitet, ist eine intellektuelle. Der Austausch mit dem Band ist informationsvermittelt. Die Person steuert Automaten und Produktionsabläufe, die komplett informatisiert sind. Sie tauscht Informationen mit dem Fließband aus, als eine Aktivität des eigenen Gehirns, das quasi inkorporiert wird durch die Maschine. Das ist die Art von immaterieller Arbeit, die man mit den eigenen Augen sehen kann.

brand eins: Und diese Art von Arbeit halten Sie für dominant?

Negri: Immaterielle Arbeit stellt eine Tendenz dar. Sie übernimmt aber zunehmend von der so genannten materiellen Arbeit den Teil der gesellschaftlichen Wertschöpfung, so wie es in der Auseinandersetzung zwischen Landwirtschaft und Industrieproduktion war. Sicher wird es immer jede Menge materieller Arbeit geben in der Welt, insbesondere in den armen Ländern, aber die gesellschaftliche Wertschöpfung, der gesellschaftliche Reichtum, wird durch die immaterielle Arbeit erzeugt werden.

brand eins: Was bedeutet diese Veränderung für den privaten Raum - Kindererziehung, Haushaltsrührung, Pflege von kranken Familienangehörigen ?

Negri: Immaterielle Arbeit bezeichnet eine Form von Arbeit, die durch ein Höchstmaß an Kooperation gekennzeichnet ist. Nehmen wir als Beispiel die Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder. Diese Tätigkeit ist auch physische Arbeit, aber vielmehr immaterielle Arbeit: Die Mutter erzieht das Kind, das Kind reagiert auf die Unterweisung, die Mutter stellt sich jeweils auf die neue Situation ein, so wie sich ihre Verbindung zum Kind verändert. Das ähnelt der Situation innerhalb der Netze; auch die Beziehung mit der Maschine scheint interaktiv zu sein. Man muss das Konzept des Privaten und des Öffentlichen in Frage stellen, weil tatsächlich viele Personen, mit denen ich arbeite, anfangen darüber nachzudenken, dass über dem Ganzen ein Gewebe aus Kooperation existiert, ein Gewebe eines Gemeinwesens, und dass das Gemeinwesen weder öffentlich noch privat ist, beziehungsweise jenseits der Unterscheidung in öffentlich und privat.

brand eins: Aber wie wird diese immaterielle Arbeit bezahlt? Wenn alle immer zur Wertschöpfung beitragen und man nicht festlegen kann, in welcher Art das geschieht, bedeutet das, dass alle bezahlt werden? Die Folge müsste ein Existenzgeld sein oder ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Negri: Wenn man davon ausgeht, dass die immaterielle Arbeit tendenziell vorherrschend wird, geht man auch von dem Umstand aus, dass die soziale Kooperation immer wichtiger wird. Das heißt: Die immaterielle Arbeit erzeugt einen immer größeren Teil des produzierten Mehrwerts, dieser Mehrwert entsteht durch die Kooperation. Offensichtlich ist an diesem Punkt das zentrale Problem, wie die Produktivkraft bezahlt wird. Wenn wir weiter davon ausgehen, dass die Produktivkraft eine kooperierende, kooperative, gemeinschaftliche Arbeitskraft ist, dann muss das Gehalt für alle garantiert sein, also eine Form der Gehaltszahlung, die nicht mehr das Individuum beachtet, sondern das Gemeinwesen.

brand eins: Also wird es ein Existenzgeld für alle geben?

Negri: Als Marx von der Transformation der Gesellschaft sprach, sprach er davon in dem Sinn, dass die Arbeit notwendigerweise Bedürfnisse und Kämpfe organisiert. Es ist nicht so, dass wir darauf warten, dass irgendetwas kommen wird. Betrachten wir zum Beispiel die Transformation vom Fordismus zum Postfordismus. Der Übergang war kein automatischer, sondern bestimmt durch Kämpfe, durch soziale Bewegungen. Wir haben dafür ein Datum: Das 20. Jahrhundert endet 1968, es beginnt die große Transformation. Betrachten wir den Übergang von der materiellen Arbeit, die fordistisch war - sie wurde zerstört durch die Kämpfe der Arbeiter. Ich glaube, sie wollten nicht weiter auf diese Art und Weise arbeiten, die Arbeitsverweigerungen im Italien der siebziger Jahre - es gab diese Form der großen Kämpfe, der wilden Kämpfe in den Fabriken. Aber auch hier muss man vorsichtig sein: Das war keine Maschinenstürmerei, keine anarchische Sabotage. Es gab die Idee, dass die Arbeit transformiert werden könnte, hin zu einer weniger ermüdenden, weniger zerstörerischen für den Menschen und hin zu mehr Selbstbestimmung. Die technologische Entwicklung wurde stark von den Inhalten dieser Kämpfe geprägt.

brand eins: Wer waren die treibenden Kräfte in dieser Entwicklung?

Negri: Man muss sich klar machen, dass eine solche Entwicklung immer ein Verhältnis von Kräften ist. Auf der einen Seite gibt es die Arbeiter, die nicht mehr in der bisherigen Art arbeiten wollen, auf der anderen Seite sind die Arbeitgeber, die eine gewisse Anzahl von alternativen Technologien zur Verfügung haben und anwenden wollen, um die Entwicklung zu kontrollieren. Die fundamentale Idee des Kapitalisten ist es, die Kreativität der Arbeit zu kontrollieren. Er will die Arbeit in ihrer lebendigen Form im Zaum halten, domestizieren. Aus dieser Sicht ist klar, dass die Kämpfe Gleichgewichtsverhältnisse bestimmen, von denen niemand sagen kann, wie sie sich entwickeln werden - egal, wie lange man sie untersucht. Es gibt keine vorbestimmten Notwendigkeiten, es gibt einfach nur diese Arbeitskraft mit ihrer alltäglichen Rebellion, mit ihrer alltäglichen Form der Nichtunterwerfung, und der gegenüber findet sich das Kontrollinteresse, um die Kapazität der Ausbeutung zu erhöhen. Dabei handelt sich aber nicht um individuelle Kräfte, sondern vielmehr um kollektive Kräfte.

brand eins: Also der alte Kampf zwischen Kapital und Arbeit?

Negri: Das Kapital ist eine Relation zwischen dem Willen zur Ausbeutung und dem Widerstand der Ausgebeuteten. Das Kapital ist nichts, was beschrieben werden könnte in objektiven Begriffen wie eine Notwendigkeit, wie eine transzendente Macht, es ist immer das Ergebnis eines Verhältnisses von Kräften. Um in diesen Begriffen weiter fortzufahren: Es gibt offensichtlich eine gegenseitige Bezugnahme, eine reziproke Transformation. Es existiert eine andere Anthropologie, es gibt wirklich eine Veränderung des Menschen, nicht einfach nur der Arbeit. Im Italienischen reden wir von einer technischen und einer politischen Form. Wenn man technische Form sagt, meint man die technische Analyse aller Zusammenhänge, in denen der Arbeiter arbeitet. Wenn man politische Form sagt, meint man die Analyse aller Bedürfnisse, der Wünsche, der Formen der Organisiertheit, der Reproduktion, der familiären Erziehung, in denen der Arbeiter lebt. Und wenn man jetzt vom sozialen Arbeiter spricht, müssen wir auf der einen Seite die technische Form, die fundamental verbunden ist mit der immateriellen Arbeit, definieren, und auf der anderen Seite die politische Zusammensetzung. Das ist sehr schwierig, denn bisher hatten wir einen bestimmten Typus der technischen Zusammensetzung, der gekennzeichnet war durch Zusammenballungen in den großen Fabriken.

Dieser korrespondiert mit einer politischen Zusammensetzung, etwa mit den großen Sozialquartieren, der Bildung und Reproduktion in der Arbeiterklasse. Dazu hatten wir die Form der Gewerkschaften, die Form der Parteien. Heute finden wir uns wieder in einem Verhältnis, das absolut nicht im Gleichgewicht ist. Wir wissen relativ gut, was es bedeutet, in dieser neuen Art zu arbeiten, aber wir haben keine adäquaten politischen Formen. Ein großer Teil unserer Untersuchungen bildet die Erforschung genau dieses Typus von Verhältnis, das sich etabliert zwischen dem Arbeiter in seiner technischen Form der Produktion und seiner politischen Form der Organisation, seiner sozialen Form der Organisation. Ein Großteil der Krise der Linken wurde dadurch hervorgerufen, dass sie nicht weiß, wie sie die politische Form an die technische Form anpassen soll.

brand eins: Ist es denn dann überhaupt noch möglich und sinnvoll, von sozialen Klassen zu reden?

Negri: Ich denke, es geht darum, die sozialen Klassen neu zu bestimmen. Das Konzept des Proletariats muss redefiniert werden. Es ist klar, dass das Konzept der Arbeiterklasse, das wir bisher hatten, nun zerstört ist. Die Arbeiterklasse, die wir kennen gelernt haben, war auch damals ein Verhältnis sehr verschiedener Dinge. Wir unterscheiden normalerweise mindestens drei sehr unterschiedliche Phasen ihrer Entwicklung. Die erste Phase war die undifferenzierte Arbeiterklasse. Von 1848 bis 1870 haben wir den ersten Arbeiterprotest, die erste Arbeiterrevolution. Von 1870 an haben wir den Typus des allgemeinen Arbeiters. Dieser Typus Arbeiter hatte eine spezifische Organisation, nämlich die Konstituierung der ersten Arbeiterorganisation. Diese zweite Periode dauert von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg und der russischen Revolution. Damals bildete sich die moderne Struktur des Proletariats heraus. Es ist ein Proletariat, das große technische Fähigkeiten erlangt. Es gründet Gewerkschaften, bildet Parteien, die klassische Sozialdemokratie beispielsweise. Auf der anderen Seite konstruiert es sich eine Führungsideologie, das heißt, die technisierten Arbeiter denken, sie könnten rühren, sie könnten die Produktion selbst leiten.

Danach, in der dritten Phase nach 1917, beginnt die große tayloristische Revolution. Die Arbeiterklasse stellt die Mehrheit des Proletariats und wird gleichzeitig reduziert auf eine nichtqualifizierte Arbeiterklasse. Die Qualifikationen, die die politischen Kräfte etabliert haben in der zweiten Phase, werden zerstört. Jetzt haben wir die tayloristische Arbeitskraft, den Massenarbeiter, der das rundamentale Element der Produktion darstellt, mehr oder weniger von den Dreißigern bis in die sechziger Jahre.

brand eins: Wie stellt sich die Situation Ihrer Ansicht nach heute dar?

Negri: Seit 1968 gibt es noch eine Veränderung, in der wir jetzt stecken. Was war das denn, diese enorme Transformation im Proletariat, in der Passage von der materiellen zur immateriellen Arbeit? Eine neue Hegemonie, die aufs Neue die Qualifikation von Arbeit in Frage stellt. Was ist das Verhältnis zwischen dieser Qualifikation und den anderen Arbeiten, die immer noch in den materialen Begriffen arbeiten? Als Beispiel kann man die große Proletarisierung der Dienste anführen, der sozialen Bildungs- und Gesundheitsdienste. Was ist das Verhältnis der Produzenten von intellektuellen Waren, die auch Kinder sein können, die erzogen werden, und den Produzenten von technischen oder materialen Waren? Das sind die Fragen, die man sich stellen muss.

brand eins: Welche Rolle spielt dabei die Globalisierung, wenn es sie überhaupt gibt?

Negri: Natürlich gibt es eine Globalisierung. Aber das, was interessant ist, ist die Form der Souveränität, des Staates und die juristische Form der Globalisierung. Es gibt keinen globalen Markt, es gibt aber bereits eine Form der globalen Souveränität. Die Globalisierung ist kein ökonomisches Problem. Viele alte Marxisten sagen, solange es das Kapital gebe, gebe es die Globalisierung. Das Kapital habe immer die globalen Märkte konstituiert. Aber das ist nicht wahr. Es gibt eine extrem andere Form, die Form der spontanen Globalisierung, und nur in bestimmten Linien, von den realen und imperialistischen Nationalstaaten geführt. Aber es ist viel mehr ein globales, imperiales System mit einer einzigen Quelle von Souveränität, mit einer einzigen Form der Organisation, die sich immer weiter ausdehnt. Der wichtige Punkt ist, dass man sich diesen Markt nicht als etwas Automatisches vorstellen darf. Er würde nicht existieren, wäre er etwas Automatisches. Ein Markt ist immer bereits bestimmt durch die Gesetze, die ihn definieren.

brand eins: Sie gelten als erklärter Gegner des Kapitalismus. Was wollen Sie gegen einen alles umfassenden Markt unternehmen?

Negri: Die These, die wir unterstützen, lautet: Gegen die Globalisierung kann man nicht im Rahmen des Nationalstaates vorgehen. Man muss sich in das Innere dieses großen Weltmarktes begeben. Aber welche Parteien die Normen im Inneren dieses Raumes definieren, wissen wir nicht. Das kann nur die Erfahrung klären. Wir haben gesehen, etwa 1995 in Frankreich, dass sich das Volk in einer Reihe von Demonstrationen bewegt, die sich hier und da ereignet haben. Das sind immer sehr elementare Ereignisse, auch wenn es nur Symptome und keine strategischen, fundamentalen Dinge sind. Wir haben große Kämpfe erlebt, hauptsächlich im ostasiatischen Raum, in Indonesien. Das sind hochinteressante Kämpfe. Gegen die Globalisierung, aber als ein Teil der Globalisierung. Auf diese großen Kampferfahrungen der Neunziger kann man aufbauen.

brand eins: Herr Negri, Sie sind seit 1997 wieder in Rom im Gefängnis. Hoffen Sie darauf, begnadigt zu werden?

Negri: Es war keine gute Entscheidung, nach Italien zurückzukehren. Ich habe das aus persönlichen Gründen getan und auf eine Amnestie gehofft. Aber es wird keine geben.

Antonio Negri, Maurizio Lazzarato, Paolo Virno: Umherschweifende Produzenten - Immaterielle Arbeit und Subversion. ID Verlag, 1998; 126 Seiten; 24 Mark Antonio Negri: Ready-Mix - Vom richtigen Gebrauch der Erinnerung und des Vergessens. B-Books, 1998; 91 Seiten; 19,80 Mark Antonio Negri, Michael Hardt: Die Arbeit des Dionysos - Materialistische Staatskritik in der Postmoderne. ID Verlag, 1996; 190 Seiten; 32 Mark Michael Hardt, Antonio Negri: Empire. Harvard University Press, 2000; 512 Seiten; 35 Dollar