Partner von
Partner von

Das Fräulein regt sich

In Mecklenburg-Vorpommern regiert der Osten. Hoch dotierte DDR-Wissenschaftler, die nach der Wende verstoßen wurden, lassen sich nicht einschüchtern. Sie setzen auf Versöhnung, nicht auf Hass. Sie wollen dem Land dienen, nicht sich selbst. Und machen so die richtige Wirtschaftsförderung. Mecklenburg-Vorpommern ist der Aufschwung Ost. Kommt langsam, aber gut.




Mecklenburg-Vorpommern fängt immer mit der Landschaft an. Erst kommen Felder, die sich zu weiten Wellenbergen aufwerfen, kreuz und quer wie die See kurz vor einem Sturm. In den Talkesseln hocken Dörfer, Richtung Osten schrumpfen sie, und die Felder werden größer. Dazwischen stehen Alleen, denn es ist windig. Alte Bäume, junge aus der Baumschule oder frisch gestutzte Weiden, die wie Rasierpinsel in dieser Landschaft herumstehen. Im Norden: alte Bäder, türkisfarbene Ostseestrände, friesisch gekreuzte Dachgiebel, Schinkel-Bauten auf Rügen und wuchtige Leuchttürme. Im Süden: Seen und Schilf.

Zwischen all den Wellen, dem Wind und Wetter leben ein paar Menschen, 1,8 Millionen insgesamt, und warten auf das Wirtschaftswachstum. Viele hoffen auf Arbeit. Andere kümmern sich um die jungen Projekte, die wie Spargelspitzen aus der Landschaft gucken - teuer, langfristig geplant und zerbrechlich. Alle aber warten auf den Verkehr. Auf die A 20, die den Fortschritt langsam Richtung Osten schieben soll. Auf den Flughafen, der endlich mit München und Frankfurt verbindet. Vielleicht noch auf dieses eine große Unternehmen, das hier ein Werk bauen könnte. Ein Magnet für mehr. Aber egal, ob sie in Greifswald sitzen, in Rostock oder einem dieser Dörfer, die auf -ow oder -itz enden, ob sie Wirtschaftsminister, Biophysiker oder Geschäftsführer sind: An ihren Wänden hängt immer diese Landschaft. Felder, Seenplatten und Leuchttürme, an die das Wasser schlägt.

Da guckt auch Rolf Eggert gerade drauf und sagt: " Der Strukturwandel ist noch nicht abgeschlossen." Der Wirtschaftsminister sitzt in seinem Büro in Schwerin. Früher war hier eine Kaderschule der SED untergebracht. Weiter unten, am anderen Ufer eines Schilfteiches liegt das Schweriner Schloss, eine märchenhafte Stilmischung aus fast tausend Jahren Geschichte. Von dort aus regiert im Landtag eine große Koalition aus SPD und PDS. Anfang Januar schrieb Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in einem internen Papier: "Eine ehrliche Bestandsaufnahme muss feststellen, dass die wirtschaftliche und soziale Lage in Ostdeutschland auf der Kippe steht." Auch für Mecklenburg-Vorpommern sehen die Wirtschaftsdaten nicht besonders rosig aus. Arbeitslosigkeit: 20 Prozent. Selbstständigenrate: weit unter Durchschnitt. Wirtschaftswachstum: vorhanden, doch langsamer als im Westen. Auf 1000 Beschäftigte kommen weniger als 20 Industriearbeitsplätze, erklärt der Wirtschaftsminister. Damit bilde das Bundesland sogar im ostdeutschen Vergleich das Schlusslicht. Der Durchschnitt liege dort bei 40, erklärt Eggert, bundesweit jedoch bei rund 80 Industriearbeitern.

Industrie war im Norden nie ein großes Thema. Preußen belohnte hier seine Offiziere und Neuadeligen mit Großgrundbesitz. Mecklenburg bleibt freigeistig-hanseatisch geprägt - Rostock ist die älteste Universitätsstadt Norddeutschlands -, Pommern wird Kornkammer. Erst mit den Nationalsozialisten kommt nennenswerte Schwerindustrie an die Küste. An der Ostsee baut das Dritte Reich den größten Teil der deutschen Luftwaffe. Nach dem Weltkrieg verlieren rund 50 000 Arbeiter im Flugzeugbau ihre Jobs, und mit der DDR kommt der zweite Strukturwandel über die Region. Rostock wird Überseehafen, die östlichen Häfen werden Militärstützpunkte für die Sowjetunion. Die Küstenlinie ist das Tor zum befreundeten Baltikum, den Weltmeeren und dem Welthandel. Um das Inland wirtschaftlich zu stärken, siedelt Ostberlin Nahrungsmittelkombinate, Hydraulikwerke und Produktionsbetriebe zwischen verschlafene Nordnester und weite Felder.

Das Land wird nicht von Politikern regiert, sondern von einem Sachverständigenrat mit politischer Bildung.

1989 arbeiten über 50000 Menschen allein im Schiftbau und seinen Satelliten. 2001 sind es gerade mal 6000 Arbeiter und Angestellte in den Werften zwischen Rostock und Wolgast. Diese Zahl beschreibt den Schmerz des Wandels. Mehr werden nicht gebraucht, in fast allen Betrieben und Branchen. Zuerst gehen sie in den Vorruhestand, dann folgen Entlassungen und die Abrissbirne. Jetzt ist für die Jungen kaum Platz zum Nachrücken da. Wer keine Lehrstelle bekommt, geht ins Ausbildungszentrum. Oder er haut ab. Mecklenburg-Vorpommern hat die höchste Abwanderungsrate bei den bis zu 25-Jährigen. Doch trotz Zahlen und Opfer: Der Aufschwung Ost ist noch nicht an die Wand gefahren. Alte wie neue Systemgegner sind zwar gleichermaßen enttäuscht, aber das macht sie pragmatisch. " Versöhnen statt spalten", gab Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) 1998 nach dem Wahlsieg als Devise für die Koalition aus.

In Mecklenburg-Vorpommern liegt der Aufschwung Ost in den Händen des Ostens, wirtschaftlich wie politisch. Vom Ministerpräsidenten über seinen Wirtschaftsminister (SPD), den Arbeitsminister (PDS) und den Umweltminister (PDS), kaum ein Mitglied der Regierung, das nicht einen Doktor- oder Professorentitel hält, erworben noch zu Ostzeiten in Wismar, Warnemünde, Rostock oder Greifswald. Das Land wird nicht von Politikern regiert, sondern von einem Sachverständigenrat mit politischer Bildung. Zahlreiche Gründer in diesem Lande sind ehemalige Studenten oder Doktoranden. Diese Regierung weiß nicht nur, was sie fördert, sondern auch wen.

Die Zukunft liegt in mittelstandsorientierten Wettbewerben. Bioregio, Euregio heißen die oder wie im letzten Jahr: Innoregio. Innoregio wollte gerade im Osten Innovation aus alten Beständen heraus fördern. Mit Erfolg. Das Land hat jetzt zum Beispiel Disco, ein Diabetes-Informations- und Servicecenter, das die zahlreichen älteren Touristen auch (oder gerade) im Urlaub mit modemer Therapie versorgt. Das Kunststoffzentrum Westmecklenburg belebt eine alte planwirtschaftlich entstandene Kompetenz der Region. Und schließlich Nukleus, ein Netzwerk für Präzisionsmechanik. Aus den weit verzweigten DDR-Wurzeln sprießen wieder ein paar frische Triebe. "Gerade die alten Standbeine, verbunden mit neuen Strukturen, ermöglichen, den Wandel positiv abzuschließen", sagt Rolf Eggert in seiner Mecklenburger Art, einer Mischung aus finnischer Sanftmut und holsteinischem Starrsinn, und lächelt wie die Bilder an seiner Wand, friedlich und stark.

Wie Jahresringe liegen die Wachstumsstufen um die Städte. Innen ein schöner mittelalterlicher bis preußischer Stadtkern, mehr oder weniger gut erhalten, je nachdem, ob Amerikaner (mehr) oder Russen (weniger) einmarschierten. Dazwischen sozialistische Einwüchse, Mahnmale an den Rändern selbst des letzten Dörfchens: Plattenbauten. Die meisten Fassaden sind sozial bunt und wärmedämmend renoviert, doch darunter bleiben sie, was sie sind: dunkle Grabplatten für einen verstorbenen Kaninchenstaat, tausendfach über das Land verstreut. In den jüngsten Außenbezirken ist das Raumdiktat umgekehrt, und die Stimmung wird amerikanisch. Einkaufscenter breit wie Einflugschneisen, Verkehrsführungen, als hätte jemand Land verschenkt, dazwischen steht moderne Profit-Architektur herum, die sich schnell rentieren muss. Das passt natürlich alles nicht zusammen, aber Harmonie kommt von Verwachsen - dauert eben noch ein Weilchen.

Der aus Kiel zugezogene Jürgen Michael Gahrau, Leiter der Wirtschaftsförderung des Landes, steht vor der Landkarte in seinem Büro, zückt die Fembedienung seiner Autostandheizung, zieht die Antenne heraus, entziffert die klein gedruckten Ortsnamen und zeigt, wo der Wandel wächst. Er tippt mit der Antenne auf die Standorte der zehn Technologiezentren, tippt in die Mitte des Landes zwischen Kartoffel- und Gurkenfelder, wohin Kühne und Pfanni ihre Hauptsitze verlagert haben. Gahrau zeigt auf Greifswald, eine alte Universitätsstadt südlich von Rügen. Dort sitzt das erste Biotechnikum des Landes, und vor den Toren der Stadt liegt das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, dessen Dach sich genauso wellt wie die Landschaft drum herum. Hier startet 2006 ein Fusionsexperiment, an dem europaweit 20 000 Wissenschaftler arbeiten, 300 von ihnen sitzen in Greifswald. Dauer des Experiments: 20 Jahre. Jürgen Michael Gahrau kommt nun zu den Rekorden, die jede Region vorzuweisen hat, vom europaweit größten und modernsten Holzsägewerk in Wismar bis hin zur Gummibär-Factory in Boitzenburg, tippt auf die fünf Call Center, die allein Telegate im Lande betreibt, und landet bei den Statistiken, die Hoffnung machen. Zweistellige Zuwachsraten im Tourismus, ein zwar unterdurchschnittliches, aber doch beschleunigtes Wirtschaftswachstum, sechs Prozent der Landwirtschaft ist biologisch geführt - Platz eins bundesweit.

Horst Klinkmann empfing schon hochkarätige Gäste, als Wirtschaftsminister Rolf Eggert noch im Plattenbau wohnte.

Doch die besten Zahlen für Mecklenburg-Vorpommern stammen aus einer anderen Branche: Biotechnologie. 71 biotechnologische Unternehmen, 982 Angestellte. Die Start-up-Rate liegt auf Platz vier (derzeit 16 Firmengründungen pro Jahr), hinter Berlin, Hamburg und Hessen. Zwei Universitäten, drei Fachhochschulen, fünf Forschungsanstalten und über zehn Institute, die sich als "Bioregio Mecklenburg-Vorpommern" auf dem Weg zum "Biocon Valley" vermarkten. Internationale Konferenzen in Rostock, eine strategische und exklusive Allianz mit dem schwedischen "Medicon Valley", einer der Top-5-Life-Science-Regionen Europas, runden das Bild ab. Das "Jahrbuch Biotechnologie 2000" meldet Mecklenburg-Vorpommern gemessen an der Zahl der Biotech-Unternehmen pro Einwohner auf Platz zwei, direkt hinter Berlin. Doch wer hinter den Erfolg und all die Diagramme schaut, den erwartet ein Durcheinander aus Andeutungen, die Scham und Schmerz verbergen. Eine Geschichte, die sich nach der Wende tausendfach ereignet hat und die erklärt, worum es geht, wenn man im Osten Jahre nach der Wende von Versöhnung spricht.

Die Geschichte der Biotechnologie in Mecklenburg-Vorpommern ist kompliziert und einfach. Kompliziert, weil jeder sie anders erzählt. Ein gutes Zeichen für ein natürlich gewachsenes System mit vielen Partnern, informellen Wegen und wenig Protokoll. Sie ist einfach, weil stets dieselben Namen kommen: Horst Klinkmann, Wolfgang Schütt und Hans-Georg Neumann, den alle bis zum Wirtschaftsminister nur als "Jimmy" kennen. Reden sie über sich selbst, kommt immer dieses Wort: Truppe. Ein Wort für Leute, die zusammenhalten. Nach der Wende jedoch stand es für diejenigen, die unter einem Hut steckten, die weg mussten, und zwar ganz fix.

Horst Klinkmann redet, wie sich das für einen 65-Jährigen gehört: anekdotenreich, mit Bedacht und Nachsicht. Lange, kreuz und quer über die kahle Stirn gekämmte Haare, Lesebrille auf der Nase - ein gestandener Wissenschaftler. Er sitzt im Wohnzimmer seiner Villa in Rostock. Hier empfingen er und seine Frau schon hochkarätige Gäste, als der jetzige Wirtschaftsminister Rolf Eggert noch als wissenschaftlicher Oberassistent an der Hochschule Wismar lehrte und in einer engen Plattenbauwohnung in Rostock-Lichtenhagen hausen musste. Horst Klinkmann war ein hohes Tier. Für Wissenschaft, Forschung und die DDR.

Im Sessel neben Klinkmann sitzt sein "Schüler und Ziehsohn". Wolfgang Schütt hat Pflaster an den Fingern, am Wochenende war er mal wieder mauern. Dabei kann er wunderbar entspannen, sagt er. 30 Patente hält der 50-Jährige, und nicht wenige sind ihm am Betonmischer eingefallen. Schütt ist Doktor und Professor für Biophysik. Wenn er seinen Teil der Geschichte erzählt, ist er zurückhaltend bis schüchtern. "Höchstdekorierter Wissenschaftler der DDR war er", wirft Klinkmann ein, doch gestern, als Wolfgang Schütt im Biomedizin-Technikum in Teterow (BMTT) saß und in seinem Redefluss plötzlich auf die Wende kam, stockte er mitten im Satz, denn es gibt ja kein Wort für das, was ihnen damals passierte - er sagte "Umstrukturierung" und erzählte weiter, eisig im Ton, vor allem, als es um Klinkmann ging.

Als Präsident des Rates für medizinische Wissenschaft der DDR stellt Klinkmann Anfang der achtziger Jahre Naturwissenschaftler mit Ärzten gleich, holt Biophysiker in seine Rostocker Klinik und revolutioniert so die Forschung für künstliche Organe, Dialyse und innere Medizin. Professor Dr. Horst Klinkmann ist weltweit ein gefragter Fachmann. Er ist Präsident der Europäischen Dialyse- und Transplantationsgesellschaft und der Internationalen Gesellschaft für künstliche Organe, Vorstandsmitglied und Repräsentant aller wichtigen internationalen Gesellschaften. Er schüttelt die Hand des Papstes, trinkt Sake in Tokio, fehlt auf keiner Konferenz. Auch sein Team glänzt international. Seit er Direktor der Klinik für Innere Medizin der Universität Rostock ist, besitzt er ein Parteibuch, denn nur so kann er die Reiseanträge seiner Truppe genehmigen. Und wie sie reisen, die DDR-Wissenschaftler. Sie machen Projekte mit der NASA - Schütts Erfindungen statten Weltraumexperimente aus - und automatisierte Tests für Zellkulturen. Eine Marktversion entwickelt er mit 150 Mitarbeitern von Zeiss Jena innerhalb von neun Monaten. Ständig halten sich US-Amerikaner, Japaner und Russen für Forschungszwecke am Rostocker Klinikum auf.

Das Wort heißt Umstrukturierung und meint: Verbannung, Verachtung, Respektlosigkeit. Schmerzen des Wandels.

1990 wird Horst Klinkmann Präsident der Akademie der Wissenschaften (AdW), frei gewählt, nicht ernannt. Der zentrale Forschungsrat der DDR, hervorgegangen aus der preußischen Leibniz-Akademie, besteht aus 57 Instituten und 25 000 Mitarbeitern, ein Riese, der im Westen keine Entsprechung hat. Gemeinsam mit den Wissenschaftsministern beschließt der neue Wissenschaftsrat eine großflächige Evaluation der Ost-Institute.

Ein Jahr später gibt der Wissenschaftsrat die Auflösung der Akademie bekannt, die Hochschulen sollen reformiert werden, die meisten Institute werden aufgelöst, Fraunhofer- und Max-Planck-Gesellschaft verleiben sich die Reste ein, andere werden außeruniversitären Einrichtungen zugesprochen. Die Wissenschaftler, die nicht in den Vorruhestand gehen können, sollen in einem Wissenschaftler-Integrations-programm (WIP) aufgefangen werden. Das Ergebnis ist ein Desaster. Ehrenkommissionen, die den politischen Doping-Verdacht gegen zahlreiche DDR-Forscherkader klären sollen, geraten zu Tribunalen. 1992 wird Horst (Info) Hansa Rostock und die Prinzipien des Horst Klinkmann Prinzip eins: unternehmerische Weitsicht mit Gemeinwohl verbinden. Mitte der fünfziger Jahre gab es in Sachsen zwei Fußballvereine, einer reich (Wismuth Aue), einer arm (Empor Lautern). Der frisch gebackene Überseehafen Rostock brauchte ein Identifikationsobjekt. "Wir kaufen euch da raus" , sagte Klinkmann, und seine Delegation aus Norddeutschland zog einen Deal mit dem Fischereikombinat aus der Tasche. Aus Empor Lautern wurde Hansa Rostock. Gründungsmitglied Klinkmann ist heute Aufsichtsratsvorsitzender.

Prinzip zwei: integrieren, nicht spalten. Hansa Rostock hat sich gerade von seinem Vorsitzenden getrennt. Der Mann, gleichzeitig Vorsitzender der schwachen CDU-Fraktion im Landtag, hoffte, wenigstens im Fußball ein großes Rad zu drehen.

Klinkmann als Chef der Klinik abgesetzt, wegen eines Verfahrensfehlers bei der Wiederwahl, die Nachtschwestern hatten nicht mitgewählt. Auch Schütt verliert seine Professur und geht nach New York an die Cornell Universität.

Die internationalen Kollegen protestieren und überschütten Klinkmann mit Präsidentscharten und Auszeichnungen, aktuell sind es 13 Doktortitel und drei Professuren. Die Kultusministerin des Landes juckt das nicht. Er und seine Truppe "gehören zum alten System", bescheinigt sie ihm, zu Hause habe sie einen großen Pappkarton, da wandern die ganzen Beschwerdebriefe mit den bunten Stempeln aus Übersee hinein - ungeöffnet.

Statt sich einzuigeln oder auszuwandern, gingen die Wissenschaftler aus sich heraus. Schütt klagt seinen Job ein, 1995 sitzt er wieder auf seinem Posten. In der Zwischenzeit überziehen sie Mecklenburg-Vorpommern mit Ideen und Unternehmen, als wollten sie nicht sich selbst heilen, sondern das Land, das sie verstoßen hat. Zuerst gründen sie natürlich ihr eigenes Institut, das IFAB, Institut für angewandte Biowissenschaften, als Dachverband für die zahlreichen Wissenschaftler, die in den verlassenen Labors der Fakultäten ihre Unternehmensideen ausreiften. Dann kommt das Biotechnikum Greifswald, Schütts Idee, als nächstes ein Biomedizinisches Forschungszentrum in Warnemünde. Aktuell prozessiert Schütt wieder gegen die Universität Rostock. Sie will seine Freistellung als Professor aufheben und teilt ihm schriftlich seine Pflichten mit: "Gerätewartung und Laborpflege".

Horst Klinkmann wuchs in Teterow auf, einer krisengeschüttelten Kleinstadt mit einer Arbeitslosenrate von fast 40 Prozent. Seit 1998 hat auch Teterow mit dem BMTT ein Biomedizin-Technikum. Noch während der Bauphase kommt die erste große Ansiedlung eines Partners: Plasmaselect, ein Münchner Spezialist für Blutreinigung, zieht mit 150 Mitarbeitern auf den Hügel, und der Bürgermeister, ein ehemaliger Doktorand Klinkmanns, freut sich über das erste börsennotierte Unternehmen der Mecklenburger Schweiz. Das Geld für das BMTT kommt zum Teil aus Schwerin, zum Teil aus Japan. Parallel haben Schütt und Klinkmann Cob gegründet, ein Joint Venture mit dem japanischen Medizinkonzern JMS. 4400 Mitarbeiter in acht Ländern. In Rostock baut der Konzern die erste Forschungseinrichtung außerhalb Japans, eine Art Durchlaufstation für die Forschungen und Entwicklungen aus der Region. Dann initiieren sie das Bündnis mit Medicon Valley. 1999 meldet Horst Klinkmann die Markenrechte für eine neue Idee an: Biocon Valley.

Jimmy Neumann erzählt Geschichten von früher. Der Arbeiter- und Bauernstaat wird zur lakonischen Farce.

1992 kam eine von Klinkmanns Ideen zu Hans-Georg Neumann: Der war SED-Mitglied seit seiner Habilitation, seit 1983 war er Forschungsdirektor für Physik an der Universität Rostock. Hans-Georg Neumann sitzt in der Küche seines Firmenneubaus. Der 62-Jährige ist fast zwei Meter groß, hat graue kurze Haare, trägt einen grauen Pulli und Jeanshose. Seine Uhr steht auf Sommerzeit, das ganze Jahr über. Weil es ja schön sei, zwischendurch zu merken, immer noch eine kleine Reserve zu haben, sagt er, grinst und wird zu Jimmy Neumann. Seine Sätze sind kurz und konkret wie der Spaten, der im Sitzungsraum unten an der Wand hängt. Zwischen seinen riesigen Händen, mit denen er die Geschichten einwickelt, die er so erzählt, schrumpft der Arbeiter- und Bauernstaat wieder zu der kleinbürgerlichen Farce, die er so oft war.

Natürlich war Neumann SED-Mitglied und Sicherheitsbeauftragter. Sein Institut hatte ja sensible Informationen, und als Chef musste er sich um seine Mannschart kümmern, sagt Neumann mit Trainerstimme: "Das war wie auf einem U-Boot. Einmal im Monat kam der Stasi-Beauftragte vorbei, erkundigte sich nach dem Wohlbefinden. Wir wollten Disharmonien vermeiden, die zu Lecken führten." Dann trank man Schnaps zusammen und heulte übers System. Er erzählt, wie sie den SED-Schergen aus Sachsen abwählten, weil der den liberalen Norddeutschen zu zackig war, wie er in Äthiopien eine Klinik aufbaute, vom Botschafter beobachtet, der wiederum von der Stasi beobachtet wurde.

Jimmy Neumanns Fachgebiet ist Mikrophysik. Als er 1992 rausfliegt, ruft er Klinkmann an: Was könnte man machen? Er solle sich mal Implantate angucken, meint Klinkmann, die Oberflächen seien alle Mist. Das Konzept schreibt er über Nacht, dann gründet er mit seinen Ex-Doktoranden Dot - Dünnschicht- und Oberflächentechnologie. Den fertig getippten Einspruch gegen den Beschluss der Ehrenkommission schmeißt er einfach weg. Heute ist Neumann Sprecher des IFAB. Dot ist Weltmarktführer, die ersten Ausgründungen wachsen und gedeihen prächtig.

"Der monatliche Bruch der Planzahlen wird mit Prämien belohnt", sagt Neumann und muss grinsen, weil er ja weiß, wie schön sich das nach DDR anhört. Die Produktionszahlen hängen für alle gut sichtbar am schwarzen Brett, und sobald ein Bereich wächst, wird er als Einheit ausgelagert, damit alles in überschaubaren, selbstverantwortlichen Teams umgesetzt werden kann.

Wenn Neumann erzählt, wie er sich um seine Leute kümmert, dann scheint einer der edleren Aspekte des Sozialismus durch: das dienende Moment der Oberklasse. Vier Gesellschafter gibt es, gleiches Stimmrecht, geteilte Verantwortung, Beschlüsse nur einstimmig, regelmäßige Gespräche mit den Mitarbeitern über ihre Perspektiven, Sorgen und Klagen, gern beim Schnaps, denn da kommt natürlich mehr: "Und hinterher kümmert man sich drum", sagt er, "unauffällig." Neulich hatten sie einen Fall von "innerer Wiedervereinigung im eigenen Betrieb". Dot war eine Zeit lang zwischen Rostock und Warnemünde geteilt, und es war schon komisch, wie schnell sich durch diese Distanz ein Wir und Ihr zwischen den Mitarbeitern entwickelt hat. Als sich die Leute nach der kurzen Trennung hier im neuen Gebäude wieder gegenüberstanden, so von Angesicht zu Angesicht, gab es "gewisse kulturelle Bereinigungsprozesse". Jetzt grinst er wieder, der Jimmy Neumann. Er weiß ja, wie das ist.