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Chaos und Kontrolle

Kein Business-Plan, keine Marketingstrategie, nicht einmal klar definierte Geschäftsfelder: Das niederbayerische Unternehmen Biologik arbeitet nach dem Prinzip des organisierten Chaos. Und damit genau so, wie es sich sein Vorstandsvorsitzender Hannes Schürger immer erträumt hat.




Auch nach drei Stunden, in denen Vorstandsvorsitzender Hannes Schürger und sein Vorstandskollege Hans-Peter Anders von ihren diversen in Planung befindlichen, unterschriftsreifen oder bereits angelaufenen Projekten erzählt haben, weiß man noch nicht, womit die beiden eigentlich ihr Geld verdienen. Nach vier Stunden glaubt man, eine schwache Ahnung zu haben. Nach fünf Stunden ist auch die weg.

Entwicklung von Projektverfolgungssoftware, Klärwasseranlagen in Südafrika. Biologik wächst, wie es kommt.

Wenn man dann, ins beige-rot-quietschgrüne Sofa gesunken, auf dem schon Franz Josef Strauß bei Jagdbesuchen geruht haben soll, einen Blick in seinen mittlerweile bis an den Rand vollgekritzelten Notizblock wirft, wird alles nur noch schlimmer.

"Aktuelle Projekte: Steuerung für ökologische Klärwasseranlage, Krüger Nationalpark, Südafrika", steht da. "Städtebauliche und städtebaurechtliche Überplanung der Chemiestandorte Leuna (600 Hektar) und Bohlen (1700 Hektar). Partnerbüros in Mecklenburg-Vorpommern, Krakau und Bangkok. Optimierung von Daten- und Abwasserflüssen für Kommunen (Ingolstadt). Selbst entwickelte Projektverfolgungssoftware für Architekten- und Consultingbüros (geplanter Markteintritt: 2001). Elektronisches Steuerungsmodul "Biologik SMB-Box". Tochter in Krakau (Immobilienentwicklung). Testprojekt zur Verstromung von Deponie-Gas im Raum Bangkok, Machbarkeitsstudie eines Eco-Industrial-Parks im Raum Rayong/Thailand." Und so weiter. Seitenweise.

"Klingt alles ziemlich chaotisch, was?", fragt Hannes Schürger mitleidig. Hinter seinem linken Kopf ragt das Geweih eines kapitalen Dreizehnenders hervor. Die ganze Villa ist voll davon. Der Eigentümer des Anwesens im niederbayerischen Eggenfelden, Graf von Lösch, ist leidenschaftlicher Waidmann. Als ihm der Unterhalt für die Villa zu teuer wurde, vermietete er sie an eine Handvoll Start-ups. An der Rezeption steht noch sein Waffenschrank. Draußen auf dem gefrorenen Wassergraben laufen Kinder Schlittschuh. Schnee liegt auf den hohen Tannen. Stille.

Das Geschäft des hier ansässigen Unternehmens hingegen brummt heftig. Biologik - Die Netzwerk AG funktioniert als ein unberechenbarer Organismus, der wie eine Mischung aus Chamäleon, Tausendfüßler und Bienenstock durchs Wirtschaftsleben mäandert. Für jedes Projekt organisieren sich seine zwölf Mitarbeiter in einem neuen, autarken Team, das Aufwand, Erfolg und Gewinn eigenverantwortlich managt. Dabei kooperieren sie nach Bedarf mit einem beziehungsweise mehreren Partnern des Firmennetzwerkes, von denen einige wiederum Biologik als Aktionäre verbunden sind. Diese über die halbe Welt verstreuten Partner stammen aus völlig unterschiedlichen Branchen - ein polnisches Werttransportunternehmen ist darunter, eine bayerische Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, ein Spezialist für Pflanzenkläranlagen aus Mecklenburg-Vorpommern. Sie alle haben eigentlich nur zwei Gemeinsamkeiten: Sie befassen sich irgendwie mit Umwelttechnologie oder mit Raumplanung. Und: Sie sind Teil des Biologik-Netzwerkes, das zumindest von außen wie ein unentwirrbares Knäuel wirkt.

(Info) Biologik - Die Netzwerk AG Hans-Peter Anders, 59, war Geschäftsführer eines Maschinenbauunternehmens und Manager auf Zeit für diverse Unternehmen in der Bundesrepublik. Sein Partner Hannes Schürger, 38, studierte nach einer Ausbildung als Landschaftsgärtner Landschaftsarchitektur und arbeitete danach als freier Mitarbeiter für diverse Ingenieurbüros, bevor er Anfang 1999 gemeinsam mit Hans-Peter Anders die Firma Biologik gründete. Heute halten die Vorstände jeweils 16,67 Prozent der Aktien an der Biologik AG, das restliche Aktienkapital liegt in den Händen von sieben weiteren Aktionären. Das Nominalkapital des Unternehmens beträgt 300000 Euro, der Umsatz des Jahres 2000 knapp eine Million Euro. Nach Auskunft ihres kaufmännischen Vorstandes schreibt die Firma von Beginn an schwarze Zahlen. Das Motto der Gründer: "So komplex die Dinge heute auch sein mögen, morgen wird alles noch komplexer sein." Schuld an dieser Unübersichtlichkeit ist Kevin Kelly. Oder, um genau zu sein, sein Buch "Out of Control", das 1994 in den USA erschien und dort zu einer Art Bibel der New Economy avancierte. Kelly, Teilnehmer des Biosphere-2-Experiments und späterer Chefredakteur von "Wired", beschreibt darin, wie Technologie und Natur verschmelzen und warum in dieser Symbiose unsere Zukunft liegt: "Die Welt, die wir geschaffen haben, ist so kompliziert geworden, dass wir uns der Welt des Geborenen - also der Natur - zuwenden müssen, um ihre Steuerung zu verstehen. Je mechanistischer wir unsere gefertigte Umwelt gestalten, desto biologischer wird sie schließlich sein müssen, wenn sie überhaupt funktionieren soll, postuliert er. Anders gesagt: Von einem Ameisenhaufen können wir mehr über Organisationsformen und Prozessabläufe lernen als durch Rechenmodelle." Auf Biologik-Vorstand Hans-Peter Anders wirkte der 700-Seiten-Wälzer "wie ein Blitzschlag. Mir wurde plötzlich klar: Ja, genau, das ist doch das, was ich all die Jahre immer gedacht habe!" Das war 1997. Anders arbeitete damals als Controller in einem längst außer Kontrolle geratenen Ingenieurbüro. Für ihn gab es keinen Zweifel: Wer als Berater seinen Kunden mehr als Schubladenlösungen bieten will, braucht ein Netzwerk. "Komplexe Lösungen schafft man nur als Generalist. Weil aber niemand alles gleich gut kann, braucht man eben Partner mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen." Die flexible Vielgestaltigkeit, das lockere Kooperieren-und-wieder-Auseinandergehen, das von außen chaotisch wie ein Ameisenhaufen anmutet, so was wie Biologik also, wäre demnach das Business-Modell der Zukunft.

Wahrhaft komplexe Systeme wie eine Zelle, eine Weide, eine Volkswirtschaft oder ein Gehirn (natürlich oder künstlich) verlangen nach einer konsequent nichttechnologischen Logik, las Anders weiter bei Kelly. "Wir erkennen heute, dass keine Logik außer der Bio-Logik einen Denkapparat oder nur ein funktionierendes System von beliebiger Größe zusammensetzen kann." Organisation, Planung und so weiter - damit kann man Komplexität nicht wirklich beikommen. Besser ist das Chaos.

Manche würden das, was Anders in diesen Tagen lesend inhalierte, als volkswirtschaftlichen Zen-Buddhismus bezeichnen: Alles ist mit Allem verbunden, die großen Antworten finden sich im Kleinen und so weiter. Kelly bezeichnet es als die Blaupause für unsere wirtschaftliche Zukunft. Die Welt des Menschengemachten wird bald wie die Welt des Geborenen sein: autonom, anpassungsfähig und kreativ, aber konsequenterweise auch außerhalb unserer Kontrolle, schließt er. "Ich denke, das ist ein großartiges Geschäft", sagt Anders Das dachte sich auch Hannes Schürger, ein ehemaliger Landschaftsgärtner und -architekt, der damals im gleichen Ingenieurbüro wie Anders arbeitete. Anfang 1999 stiegen die beiden aus und gründeten mit sechs Mitarbeitern ihr eigenes Unternehmen, das den Ideen der Natur, der Bio-Logik, folgen sollte - daher auch der Name. Kernkompetenz: Mess- und Regeltechnik sowie Verfahrenssteuerung. Spezialität: Komplexe Lösungen. Organisiert als ein Verbund von Fachleuten mit einem Höchstmaß an Flexibilität und Eigenverantwortung (Die Arbeitsverträge der Biologik-Mitärbeiter sind gerade mal eineinhalb Seiten lang). "Unsere Mitarbeiter müssen Selbstläufer sein", erläutert Anders, und ständig kontrollieren könne und wolle er seine Leute auch nicht. Um dennoch wirtschaftlich planen zu können, entwickelte der Controller eine Projektverfolgungssoftware, mit der sich Status quo und Ertrag eines jeden Projektes fortlaufend darstellen und an seinen Plangrößen messen lassen. Bei Abweichungen, erläutert Anders, "ist es an jedem Mitarbeiter selbst, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen." Bisher hat es funktioniert.

(Info) Vorbild Natur: "Die Schnellen besiegen keineswegs die Langsamen. In der Evolution hat sich durchgesetzt, was wir gemischte Strategien nennen. Nur die gemischten Strategien geben Menschen, Tieren und Pflanzen jene Elastizität im Verhalten, die sie brauchen, um wechselnden Umwelteinwirkungen zu begegnen. Unser Verhalten spielt sich in Balancen ab. Einseitig ausgerichtete Strategien waren immer zum Untergang verurteilt." Hans Mohr, Biologieprofessor, in brand eins 07/00 "Wenn wir die menschlichen Anstrengungen betrachten, komplexe mechanische Dinge zu schaffen, kommen wir immer wieder auf die Natur zurück, um uns den Weg weisen zu lassen. Die Natur ist folglich mehr als eine vielfältige Gen-Bank, die unentdeckte Heilkräuter für zukünftige Krankheiten beherbergt - obwohl sie dies sicherlich auch ist. Die Natur ist genauso eine ,Mem-Bank', eine Ideenfabrik. In jedem dschungelähnlichen Ameisenhaufen sind vitale, postindustrielle Paradigmen verborgen. Das wieselnde Gewimmel von Insekten und Kräutern sowie die Eingeborenenkulturen, die dieses Leben sinnhart gedeutet haben, sind es wert, geschützt zu werden, und sei es nur der postmodernen Metaphern wegen, die sie uns noch nicht verraten haben." Kevin Kelly: Out of Control - The New Biology of Machines, Social Systems and the Economic World. Addison-Wesley, Taschenbuch 1995, 18 Dollar Ihre ersten beiden Aufträge - Nutzungsplanungen für die ehemaligen Chemiestandorte Leuna und Böhlen - nahmen die Bio-Logiker von ihrem alten Arbeitgeber mit. Raumplanung war jedoch nur der Anfang. "Wir haben uns dann einfach im Bereich Umwelt und Technik nach interessanten Aufgaben umgeschaut", erzählt Hannes Schürger. Irgendjemand brachte sie mit einem Spezialisten für Pflanzenkläranlagen zusammen, der, wie sich herausstellte, für seine Anlagen noch nach einem preisgünstigen Steuerungsmodul suchte. Seitdem baut Biologik elektronische Steuerungsboxen aus gängigen Industriebauteilen, die günstiger sind als alles, was auf dem Markt ist. Über das Thema Abwasser kamen Anders, Schürger und ihre Partner wiederum mit Gemeinden ins Gespräch, die mit der digitalen Steuerung ihrer Abwasserflüsse überfordert waren "- seitdem berät Biologik Kommunen. Gleichzeitig kamen sie über ihren Gesellschafter in Krakau an ein " Sahne-Grundstück", das sich entwickeln ließe ... Und so ging es eben immer weiter.

Auf die Art wucherte der Organismus schnell in völlig verschiedene Richtungen, wobei er sich beständig mit artverwandten Organismen zu einem Netzwerk verband, das sich mit Ideen, Kompetenzen und Aufträgen versorgt. Komplexität entsteht, indem man sie nach und nach aus einfachen Modulen zusammensetzt, welche unabhängig voneinander operieren können, heißt es bei Kelly. " Unser Problem", so Hans-Peter Anders, "ist mittlerweile die Koordination zwischen den Partnern. Eigentlich müssten wir jemanden einstellen) der sich ausschließlich um die Kommunikation zwischen den Netzwerkmodulen kümmert. Wir selbst kommen kaum noch dazu." Dabei wollen Schürger und Anders weiter wachsen. "Unsere Themen Energie und Wasser stehen einfach auf der Tagesordnung. Weltweit. Und so wie wir bisher gewachsen sind, werden wir es auch in Zukunft tun. Ganz Von allein." Vom Eggenfelder Start-up gibt es daher auch keine Werbematerialien, keine Präsentation, keine Flip-Charts, nicht mal einen Prospekt. Im Internet wird man das Unternehmen genauso vergeblich suchen wie in Wirtschaftsinformationsdiensten oder Zeitungsarchiven. Und säße nicht diese Handvoll Enthusiasten in einem umgewidmeten Landsitz vor einem - es gäbe keinen Beweis, dass diese Firma existiert.

Keine Workshops, keine Strategierunden - weil es wider die Logik der Natur ist. Ob das gut geht, soll das Leben zeigen.

"Wir brauchen das einfach nicht", erklärt der Vorstandsvorsitzende, "und wir wollen es auch nicht." Er habe lang genug im Beratungsgeschäft gearbeitet, sagt Schürger, um alles, was nach Marketing, Leitbild oder Strategiepapier klinge, gründlich zu hassen. "Mein Partner und ich wollen keine Zeit mehr verschwenden mit Workshops, Moderationen, Strategierunden. Ich verabscheue das immer mehr, weil es vollkommen gegen das Wohlbefinden und die innere Ruhe und Zufriedenheit geht." Wohlbefinden. Innere Ruhe und Zufriedenheit. So redet der gebürtige Eggenfelder nicht nur, so denkt er auch. Manchmal, wenn er schnell denkt, verfällt er in den warmen Dialekt seiner Heimat. "Mir san sympathisch", sagt der 38-Jahrige dann, und das merkten die Leute. "Das ist auch ein Teil unseres Erfolges, denke ich." Controller Anders berichtet stolz, dass die Firma Biologik von ihrem ersten Tag an schwarze Zahlen geschrieben habe.

Und in Zukunft? Vorausgesetzt, das Netzwerk hält: In welche Form wird es in zwei, drei Jahren gewachsen sein? Diese Frage verblüfft die beiden Unternehmensgründer. "Woher sollen wir das wissen?", fragt Anders zurück. "Ich denke, wir werden weiterhin irgendetwas mit Umwelttechnologie tun. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes." Fest stehe nur: Auf mehr als 30 Mitarbeiter könne ein Unternehmen mit ihrer Organisationsform nicht anwachsen - das wollten sie auch gar nicht. Schürger ergänzt: "Wir überlassen die Entwicklung, wie in der Natur seit Urzeiten bewährt, dem Leben." Indem sie das sagen, wirken die beiden so seltsam gleichmütig wie jemand, der sich gerade seelenruhig in einen reißenden Fluss gleiten lässt. Der dabei zuversichtlich die Arme ausbreitet und seine Augen schließt, weil er sich zweier Dinge ganz sicher ist. Erstens; Ich bin ein guter Schwimmer. Zweitens: Dieser Fluss fließt in die richtige Richtung. Und solange ich schwimme, wird er mich dorthin tragen, wo ich hingehöre. Ganz von allein.

(Info) Kontakt Biologik- Die Netzwerk AG, Hofmark 50, 84307 Eggenfelde, Telefon: 08721/95867-50, Fax: 08721/95867-80