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Blut ist dicker als Wasser - aber das hilft auch nicht immer

Der Tod des Fiat-Erben Edoardo Agnelli, und was er über den Zustand Italiens erzählt.




Die Familie ist der beste Freund und der ärgste Feind des Menschen. Sie sät Liebe, Stärke und Moral. Sie gebiert Märtyrer, Genies und Milliardäre. Die Familie aber pflanzt auch Hass, Angst und Verachtung und ist die Brutstätte für Demagogen, Psychopathen und Massenmörder. Die Familie begleitet einen Menschen durchs Leben, einige verfolgt sie sogar. Und manchen schaufelt die eigene Familie das Grab.

Als Edoardo Agnelli, 46, gefunden wurde, lief der Motor seines Autos noch. Der einzige Sohn von Giovanni Agnelli, 79, war am 15. November 2000 früh aufgestanden, so wie er es immer tat, weil er das Naturschauspiel am Morgenhimmel liebte. An jenem Tag verließ er bereits um 7.15 Uhr seine Villa bei Turin im Piemont. Er setzte sich in seinen Fiat Croma und fuhr auf die Autobahn in Richtung Savona. Per Mobiltelefon fühlte er einige Gespräche, unter anderem mit einem Freund. Der sagte später, Edoardo habe einen normalen Eindruck gemacht. Keine Depression. Kein Lamento. Keine Auffälligkeit. Sie hatten sich für den Nachmittag verabredet.

Um 10.30 Uhr fand die Autobahnwacht die Leiche von Edoardo Agnelli. An seinem Auto entdeckten die Ermittler keine Spuren eines Unfalls, auch die Leitplanken der Straße wiesen keine Schäden auf. Er hatte seine Fahrt in aller Ruhe auf dem Viadukt Generale Romano unterbrochen, war er über die Planke der Brücke geklettert und hatte sich 80 Meter in die Tiefe gestürzt. Die Polizei fand in den Taschen des Agnelli-Erben keinen Abschiedsbrief. Er trug an jenem Morgen Sportkleidung, darunter seine Pyjama-Jacke. Für seine Familie war Edoardo Agnelli nicht, was man gemeinhin das " Schwarze Schaf" nennt. Er war mehr als das: Für die mächtigste Industriellenfamilie Italiens muss Edoardo Agnelli wie ein Verräter gewesen sein.

Das Wohl des Kollektivs geht vor. Edoardo Agnelli ist dafür der nicht mehr lebende Beweis.

Die Familie ist das machtvollste Beziehungsgeflecht, in das Menschen in ihrem Leben hineingeraten. In Italien ist sie - vielleicht mehr als in anderen westlichen Industrienationen - noch heute das stärkste soziale und auch ökonomische Mikrosystem innerhalb der Gesellschaft. Sie ist für jedes Mitglied eines Clans wie ein Bollwerk gegen die Außenwelt. Die Geborgenheit aber, die sie gibt, hat einen Preis: Wie in jeder sozialen Gruppe wird auch hier das Zusammenleben durch einen Kodex reglementiert. Und der funktioniert in vielen Familien in etwa so: Die Familie gibt ihren Mitgliedern emotionale Stabilität und wirtschaftliche Sicherheit. Das Wohl des Kollektivs steht über dem des Individuums. Wird ein Clan von außen oder von innen gefährdet, rückt er zusammen, denn Dichte erzeugt Kraft. Alles, was die Familie bedroht, wird abgewehrt, bekämpft oder verstoßen. Innerhalb des Clans bringen sich die Mitglieder Loyalität und Respekt entgegen. Probleme werden intern geregelt, nach außen gilt das Gesetz der Verschwiegenheit. Diese Regeln gelten für Arbeiterfamilien genauso wie für Industrieclans.

Zum Clan der Agnellis schauen viele Italiener auf wie zu einer Königsfamilie. Sie sind für die meisten Arbeiter so etwas wie eine Metafamilie, ein Industrieclan, der das Überleben sichert, weil er ihnen Arbeit gibt. Die Agnellis haben den Automobilhersteller Fiat gegründet, sind noch heute der größte Anteilseigner des Weltkonzerns und somit verantwortlich für weltweit um die 220 000 Arbeitsplätze. So wie die Kennedys in den USA, stehen auch die Agnellis ständig im Interesse der Öffentlichkeit.

Bereits vor Jahren hatte der Vater seinen Sohn als Erben des Unternehmensgeflechts abgeschrieben, und das nicht nur, weil der kaum Interesse an den Geschäften seiner Familie gezeigt hatte. Edoardo hatte weder Management noch Wirtschaft studiert, wie sein Vater es wünschte, sondern Philosophie, Theologie und Literatur. Außerdem fiel Edoardo seiner Familie in Interviews immer wieder in den Rücken, wie damals, als ein anderer Agnelli-Erbe verstarb, oder als er selbst für den Vorstand des familieneigenen Fußballklubs Juventus Turin nominiert wurde.

Am 13. Dezember 1997 starb Edoardos Cousin Gianni Alberto mit 33 Jahren an Darmkrebs. Den Sohn seines Bruders Umberto hatte der alte Agnelli dazu auserwählt, eines Tages die Geschäfte des Imperiums zu übernehmen, weil ihm sein eigener Sohn für diese Aufgabe nicht geeignet erschien. Beide, Gianni Alberto und Edoardo, waren die ältesten Söhne der alten Gebrüder Agnelli. Nur wenige Tage nach dem Krebstod seines Neffen nominierte der Firmenpatriarch den 21-jährigen Sohn seiner Tochter Margherita, John Elkann, zum Nachfolger von Gianni Alberto. In einem Zeitungsinterview kritisierte Edoardo damals die Entscheidung seines Vaters. Er sagte: " Mein Cousin ist nur wenige Tage tot, und schon steht sein Nachfolger fest: Das ist respektlos. Zudem bürdet mein Vater einem 22-Jährigen eine große Verantwortung auf. Er riskiert, ihn zu verheizen." Einige Jahre zuvor, 1985, war Edoardo Agnelli im Alter von 31 Jahren selbst für eine quasi familieneigene Unternehmung nominiert worden. Er rückte in den Vorstand des Fußballvereins Juventus Turin. In der Tageszeitung "La Repubblica" vergab er nur wenige Wochen nach seinem Einstand Noten an Spieler, Trainer und den Präsidenten Gianpiero Boniperti. Edoardo sagte damals, was er für die Wahrheit hielt, er hätte es aber lieber lassen sollen: Niemand des Agnelli-Clans wäre jemals auf die Idee gekommen, den Präsidenten in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Boniperti ist in Italien eine Fußball-Legende. Er spielte selbst jahrelang für Juventus Turin, als Giovanni Agnelli noch Präsident des Klubs war. Präsident Boniperti genoss den Schutz Giovanni Agnellis. Er gehörte zwar nicht zur Familie, war aber ein Manager, den der Patriarch in seine " Firma" geholt hatte. Boniperti schuldete der Familie zwar einerseits Loyalität. Andererseits konnte er aber genauso viel Respekt erwarten wie jedes andere Mitglied der Familie. Edoardo Agnelli wurde wenige Tage nach dem Interview von den Bossen des damaligen Hauptsponsors Fiat des Postens enthoben und somit von seinem eigenen Vater gefeuert.

Der Generationskonflikt der Agnellis spiegelt das Dilemma wider, in dem viele italienische Industrieclans stecken: Die Familienbetriebe bilden die stärkste Säule der italienischen Wirtschaft. Etwa 60 Prozent aller Unternehmen und 95 Prozent derer mit maximal neun Angestellten sind im Besitz von Familien. 85 Prozent dieser Firmen werden von Patriarchen geleitet. Allein in Venetien, der Lombardei und im Friaul sind etwa 150 000 Familienbetriebe ansässig. In diesen Regionen ist die Produktivität doppelt oder gar dreimal so hoch wie in anderen Teilen des Landes. Die Arbeitslosigkeit in den norditalienischen Regionen liegt angeblich bei null Prozent.

Die Scheidungsrate steigt, die Geburtenrate sinkt. Und die großen Clans zerbrechen im Kampf.

Die Fusion von Familie und Unternehmen hatte bisher viele Vorteile. Sie erzeugte im Bewusstsein der Mitglieder eines Clans eine Gefühlseinheit und bot somit allen Beteiligten Sicherheit und Rentabilität: Die Familie ist die Firma, und die Firma ist die Familie. Kein Sohn würde unter diesen Umständen seinen Vater prellen, kein Bruder seine Schwester düpieren, keine Mutter ihre Tochter neppen. Zudem fließen alle Gewinne in die Familienkasse.

Doch wie eine Seuche überziehen Fanlilienkrisen seit Mitte der neunziger Jahre das Land. Italien verzeichnete 1998 die höchste Scheidungsrate aller Länder der Europäischen Union. In keinem anderen Staat der westlichen Welt wurden im selben Jahr so wenig Kinder geboren. Demografen haben errechnet, dass in 50 Jahren Italiens Bevölkerung um 20 Prozent geschrumpft sein wird. 2050 werden demnach nur noch 45 statt wie heute 57,6 Millionen Menschen in Italien leben. Galten die Familienbetriebe lange als Wirbelsäule des italienischen Kapitalismus, drohen Generationenkriege und Interessenkämpfe innerhalb vieler Clans der Wirtschaft das Rückgrat zu brechen.

Da ist zum Beispiel die Familie Coin (Vertriebsgewerbe). Piergiorgio war 23 Jahre lang Präsident der venezianischen Coin-Gruppe. Nun will ihn sein Bruder Vittorio aus dem Unternehmen werfen, weil ihre Vorstellungen von der Internationalisierung des Konzerns unvereinbar sind. Mit Hilfe eines Gerichts will Vittorio seinen Bruder Piergiorgio zwingen, dessen Firmenanteile im Wert von 800 Millionen Mark abzugeben. Da ist zum Beispiel die Familie Veronesi (Agrarindustrie) in Verona. Sie zählt zu den größten Agrarproduzenten Italiens. Auf den Höfen der Veronesi werden jeden Tag allein 320 000 Küken geboren. Der Jahresumsatz der Firma beträgt sechs Milliarden Mark. Apollinare Veronesi, 89, hatte vor kurzem seinen drei Söhnen die einzelnen Firmensegmente vermacht: Giordano bekam das Futter, Bruno die Hühner und Carlo die Schinken. Als die drei ihrem Vater nahe legten, das Unternehmen zu modernisieren, um es an die globalisierten Marktbedingungen anzupassen, soll der Alte gesagt haben: "Wenn ihr die Firma an die Börse bringt, steche ich euch die Augen aus." Für viele Familien lauert zudem der Feind nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern auch vor der Tür. Viele Patriarchen betrachten die Globalisierung als Bedrohung, weil sie sie dazu zwingt, ihr Unternehmen nach außen zu öffnen. Das aber widerspricht dem Selbstbild vieler Clans und somit auch dem Selbstverständnis ihrer Firmen: Fremde sollen nicht ihre Nase in Angelegenheiten stecken, die sie nichts angehen. Viele Betriebe wurden aus diesem Grund in den letzten Jahren Opfer einer so genannten "passiven Globalisierung". Italienische Finnen werden immer häufiger von ausländischen Unternehmen kontrolliert, wie zum Beispiel die der Familie Riello.

Das Unternehmen der Riellos ist bei der Produktion von Heizbrennern Marktführer in Europa. Zwischen den Cousins Pilade und Ettore loderte es schon lange. Nun bespucken sich beide vor einem Gericht mit Feuer und Flamme. Ettore hält seinen Cousin für einen miesen Geschäftsmann, weil - so behaupten böse Zungen - der mehr Interesse daran habe, mit seinem Fernrohr tagsüber die Vogelwelt zu beobachten, als sich um die Geschäfte zu kümmern. Ettore will ihm 250 Millionen Euro auszahlen und zum Teufel jagen. Doch während sich die Familienmitglieder vor einem Gericht verzehren, berichten Brancheninsider, sollen amerikanische Unternehmen über einen geschlossenen Fonds die Macht im Riello-Imperium übernommen haben.

Das gute Beispiel Benetton: Eine einige Familie schafft auch die Globalisierung Nur wenigen italienischen Familien ist es gelungen, ihr Unternehmen erfolgreich der Globalisierung anzupassen. Die Benettons (vier Brüder und 14 Erben) gehören dazu. Sie haben ihr Unternehmensspektrum vergrößert. Für 250 Millionen Euro kaufte die Familienholding 1998 weltweit führende Sportartikelhersteller wie Rollerblade, Nordica, Killer Loop und Prince. Die Produkte dieser Unternehmen firmieren jetzt unter der Dachmarke Playlife. Benetton ist heute einer der weltweit größten Anbieter von Sportbekleidung und -ausrüstung. In Italien ist der Konzern mittlerweile die viertgrößte unter Familienkontrolle befindliche Börsengesellschaft. Vor ihr in der Rangliste rangieren die Familien Olivetti (Computer und Büromaschinen), Pirelli (Gummi) und an erster Stelle die Agnelli-Dynastie.

Die Wurzeln der Agnellis reichen zurück ins 16. Jahrhundert. Der Erfolg der Familie gründet sich auf ihr vor allem im letzten Jahrhundert immer dichter werdendes Beziehungsgeflecht mit Wirtschaftsbossen und Politikern. Schlüsselpositionen in verbundenen Unternehmen besetzten die Oberhäupter der Agnellis stets mit Familienmitgliedern. Zu seiner besten Zeit besaß der Clan ein Viertel aller Aktien der italienischen Börse. Heute gehören 140 Menschen zur Familie. Die meisten von ihnen, vorwiegend die Männer, besetzen wichtige Funktionen in den Firmen des Clans im Bank- und Versicherungsgewerbe, im Verlagswesen und der Autoindustrie. Das berühmteste Unternehmen der Familie ist Fiat (Fabbrica Italiana di Automobili Torino). Es wurde vom Kavallerieoffizier Giovanni Agnelli Sr. 1899 gegründet und war die Ausgangsbasis für den heutigen Reichtum der Dynastie.

(Info) Fiat Der Automobilhersteller aus dem Piemont wurde im Jahr 1899 von Giovanni Agnelli Sr. gegründet. Jahrzehntelang war der Konzern der wichtigste Arbeitgeber Italiens. Setzt man traditionelle Maßstäbe an wie Umsatz und Mitarbeiterzahl, ist Fiat noch immer der wichtigste Konzern im Land. Die Marktkapitalisierung allerdings beträgt gerade einmal 10 Milliarden Euro. Damit gehört der Automobilhersteller nicht mehr zu den zehn größten Unternehmen in Italien, Fiat-Präsident Paolo Fresco strukturiert das Unternehmen seit einiger Zeit um: Im Frühjahr letzten Jahres hat er Fiat durch eine strategische Partnerschaft mit General Motors (GM) verbunden. GM hat sich mit 20 Prozent an der Autosparte beteiligt, im Gegenzug hat Fiat 5,1 Prozent des weltgrößten Autoherstellers erworben. Durch die Allianz will Fresco 500 Millionen Euro einsparen. Bis 2005 sollen die Synergien auf zwei Milliarden Euro pro Jahr gesteigert werden. Heute hat der Konzern zehn Tätigkeitsbereiche. Das Gewicht der Autosparte liegt bei 43 Prozent. Die übrigen Segmente sind Leasing und Finanzierung, Versicherungen sowie Entsorgung von Industrieabfall. Verkauft wurden Aktivitäten, die nicht zu den neuen Kompetenzen des Konzerns gehören, wie der Einzelhandel, der Ingenieurbau und die Bahnsysteme. Die Familie Aqnelli ist mit 31 Prozent an Fiat beteiligt.

(Info) Juventus Turin FC Italiens erfolgreichster Fußballverein wurde 1897 ins Leben gerufen. Der Fiat-Gründer Giovanni Agnelli Sr. fühlt sich von Beginn an dem Verein verbunden. 1923 wird sein Sohn, Edoardo Agnelli, zum Präsidenten von Juventus Turin gewählt. 1947 folgt dessen Sohn, Giovanni Agnelli, auf den Präsidentenposten des Fußballvereins. Zwei Jahre zuvor war er Präsident von Fiat geworden. Mit Giovanni Agnelli an der Spitze legte Juventus in den vierziger Jahren das finanzielle und sportliche Fundament für eine in Italien unvergleichliche Fußball-Ära. 1971 übernimmt Giampiero Boniperti das Ruder. Unter seiner Regie gewinnt Juventus Turin in 15 Jahren neun Meistertitel, alle europäischen Wettbewerbe und den interkontinentalen Supercup. 1985 wird Edoardo Agnelli, Sohn des heutigen Fiat-Ehrenpräsidenten, in den Vorstand des Traditionsklubs berufen und kurze Zeit später wieder freigestellt.

Seit einigen Jahren wird der Klub an der Börse gehandelt. Der Umsatz des Vereins belief sich 1999 auf 140 Millionen Euro (Vorjahr 88 Millionen Euro). Der Gewinn betrug 5,5 Millionen Euro. Der Automobilhersteller Fiat gehört seit Jahrzehnten zu den Sponsoren des Klubs. In Italien trägt Juventus Turin den Kosenamen "La Signora", die alte Dame.

Verhältnisse wie bei Shakespeare im Hause Agnelli: Geschwisterkriege, Sexaffären, unzählige Todesfälle. Und im Zentrum: ein Generationskonflikt.

Seitdem hat der Agnelli-Clan viele Schicksalsschläge durchlitten. Er überlebte Geschwisterkriege, Sexaffären, Todesfälle, Bestechungsskandale und andere Desaster. Die meisten Unglücke geschahen in der Familienlinie des heutigen Fiat-Ehrenpräsidenten. Sein Vater, Edoardo, starb 1935 bei einem Flugzeugunglück. Dessen Witwe, Virginia, erlag 1945 einem Autounfall. Nur wenige Tage später verstarb der Fiat-Gründer. 1965 schied im Alter von nur 36 Jahren Giorgio dahin, einer der zwei Brüder des derzeitigen Ehrenpräsidenten.

Ein Jahr später übernahm Giovanni Agnelli mit 45 Jahren das Erbe des Großvaters. Um ihn ranken sich viele Mythen: Giovanni Agnelli war ein Hedonist. In der Jet-Set-Gesellschaft der fünfziger Jahre war er ein gern gesehener Partygast. Frauen soll er geliebt haben, mehr noch als Autos, und das hat etwas zu sagen. Gerüchten zufolge hatte er Affären mit den Schauspielerinnen Rita Hayworth und Anita Ekberg. Während einer seiner vielen Liebeleien soll er seinen Ferrari zerlegt haben, als er wohl nicht mehr daran dachte, dass seine Hände ans Lenkrad gehören. Mit 120 Kilometern pro Stunde raste er in einen Lastzug. Später heiratete er Marella Caracciolo di Castagneto, eine Frau, die den Partylöwen Agnelli zähmte und sich selbst geschickt aus den Schlagzeilen der Klatschpresse hielt. Sie gebar ihm eine Tochter, Margherita, 45, und einen Sohn, Edoardo. Das Erbe schien gesichert, der Mythos der Agnellis konnte weiterleben.

Familienmythen werden im positiven Fall vererbt wie Reichtümer, im negativen aber wie Krankheiten. Kinder leben häufig unbewusst Lebensprogramme ihrer Eltern weiter. Dabei bürden die Alten ihrem Nachwuchs ihre Ich-Ideale auf. Familienforscher nennen dieses Phänomen "Delegation". Edoardo Agnelli war ein Gefangener seines Vaters. Als einziger Sohn des Fiat-Ehrenpräsidenten sollte er Industrieboss und Familienoberhaupt werden -ein Führer, so wie der Alte. Aber Edoardo mochte nicht einmal Autos. Er war auch kein Partylöwe, er war ein Einzelgänger. Er war geprägt von den Idealen der 68er-Generation, deren erstrebenswerteste Utopie es war, vor allem zwei Dinge abzuschaffen: das Geld und die Familie.

Das Geld eliminierte Edoardo Agnelli, indem er sich vom Reichtum seiner Familie abwandte. Die Geschäfte und auch das Erbe von etwa zehn Milliarden Dollar interessierten ihn nicht. Er verachtete den Kapitalismus und machte in Interviews keinen Hehl daraus, dass er Geld für den Stuhlgang von Kapitalisten hielt, und Kapitalisten für Menschen, die mit ihrer Maximierungsmentalität der Welt auf Dauer Unglück, Not und Elend bringen. An den Lehren des Wirtschaftstheoretikers Keynes interessierten ihn die Gedanken des Philosophen Kant. Anstatt sich mit der Wirtschaft und dem Geld zu beschäftigen, befasste er sich lieber mit der Welt und den Menschen. Edoardo Agnelli reiste durch Indien, Afghanistan und durch Afrika. In Kenia wurde er 1990 verhaftet, weil er Drogen bei sich hatte. Edoardo war ein Sympathisant der Antiatomkraftbewegung und ein gläubiger Mann. Er war Anhänger des Franziskaner Ordens.

Eine Ideologie oder eine Religion kann man anziehen und ablegen wie ein Hemd oder eine Unterhose. Seine Herkunft aber kann niemand abstreifen. Mit fortschreitendem Alter muss sich Edoardo immer weniger als Teil jener Gesellschaft empfunden haben, die seine Familie war. Vor allem die toxische Verbindung zwischen Edoardo und seinem Vater Giovanni Agnelli wurde für den Sohn unerträglich. So begrub er das Seeleneigentum seines Herrn in sich. Und trug es in den Tod.

(Info) Franziskaner Orden Der Franziskaner Orden ist nach Franz von Assisi benannt. Der Ordensgründer wurde 1181 oder 1182 als Sohn reicher Kaufleute geboren. Nach dem Bruch mit seinem Vater legte er seine zivile Kleidung ab. Er trug ein Büßergewand aus brauner Wolle und lebte zurückgezogen in Höhlen und alten Kapellen. Zwölf Freunde schlossen sich ihm an. Gemeinsam verkündeten sie die Botschaft Gottes. 1217 wurde beschlossen, auch in Deutschland, Frankreich und Spanien Gruppen zu gründen. 1223 bestätigte Papst Honorius III. die Lebensregeln des Ordens, der in Armut lebt und den Frieden predigt. Franziskus selbst nannte sie die "Minderbrüder" . Zwei Jahre nach seinem Tod wurde Franz von Assisi heilig gesprochen. Heute ist er der Schutzpatron Italiens. 1986 fand das große Friedensgebet aller Weltreligionen in Assisi statt, der Geburtsstadt des Ordensgründers. Edoardo Agnelli besuchte das Treffen. Seitdem suchte er häufig die Nähe zum Orden.