Die Geschichte des eCash ist eine Geschichte der Flops. Das kann sich aber ändern. Banken zittern vor der Zukunft.

eCash besteht aus Nullen und Einsen. Und wenn es geklaut wird, ist es weg. Ganz normales Geld also.

Auf den meisten EC-Karten befindet sich mittlerweile ein Chip. Den kann man am Geldautomaten füttern und mit eGeld aufladen. Ist die Karte aus irgendwelchen Gründen futsch, ist das elektronische Geld weg. Gerade so, als wäre man seines Portemonnaies verlustig gegangen. eCash ist nicht versichert, man kann damit ohne PIN bezahlen, beispielsweise am Fahrkartenautomaten. Steckt man die EC-Karte dagegen an der Supermarktkasse in ein Lesegerät und gibt den PIN-Code ein, funktioniert das zwar auch elektronisch, mit eCash hat es allerdings nichts zu tun. Im Hintergrund fließt das gute alte Buchgeld von Konto zu Konto.

Mittlerweile sind rund 60 Millionen EC-Karten mittels Chip zur ePurse mutiert. Die allermeisten werden nie genutzt. Die "GeldKarte", von der deutschen Kreditwirtschaft 1997 ins Rennen geschickt, ist ein Flop. Mit eCash sind bislang nur wenige Menschen glücklich geworden.

Ein Blick auf die Micropayment-Systeme der Neunziger lässt einen erschaudern: wie umständlich! Zuerst musste man auf seinem Rechner eine Software installieren. Dann bekam man bei der Bank ein eCash-Konto. Die versorgte den Rechner mit der neuen Währung. Das Bezahlen im Netz bedeutete Stress pur - immer hatte man das Gefühl im Nacken: Gleich sind meine eMoneten weg. Die Deutsche Bank fand das damals ganz toll.

Bargeld ist intelligent: Es braucht keinen Strom, keinen Computer, keinen Speicher. eCash hat es dagegen schwer.

Die meisten, die heute etwas im Netz bestellen, wollen erst mal die Ware sehen, und dann erst zahlen sie, per Rechnung. An zweiter Stelle steht die Lastschriftabbuchung. Platz drei hält die Kreditkartenzahlung. Ganz am Ende der Statistik rangieren eCash-Verfahren. Der Käufer ist ein konservatives Wesen. Selbst die Computerfreaks, die sonst bei jedem Beta-Test mitmachen, zeigen sich beim eCash auffällig träge.

Beim Geld hört der Spaß auf.

Wenn man heute die ganzen eCash-Pilot-Projekte Revue passieren lässt, kommt man nicht umhin, dem - unbekannten - Erfinder des Bargelds Hochachtung zu zollen. Cash braucht weder Computer, Lesegeräte noch Strom. Jeder will es, jeder nimmt es. Kindern kann man einfach ein paar Mark in die Hand drücken. So mancher Schein wechselt auch im Koffer den Besitzer. Datenschutz garantiert! Und wenn das Auto kaputt ist, macht ein Frickler das Ding wieder heil. Für ein paar Blaue, am Wochenende und schwarz. Das Bild von der bargeldlosen Gesellschaft hat etwa so viel Realitätsgehalt wie das papierlose Büro.

Doch siehe da, in der beklagenswerten Welt des eCash gibt es ein Modell, das funktioniert. Es ist sogar ein glatter Erfolg. Ziemlich weit entfernt, fast auf der anderen Seite des Globus: in Hongkong. Dort hat sich das Octopus-System etabliert. Das System läuft über eine Prepaid Card, ähnlich der Geld-Karte, ist aber technisch den entscheidenden Schritt weiter: Die Octopus-Card funktioniert kontaktfrei. Wenn man in Hongkong Bahnen, Busse oder Fähren besteigt, zieht man das Ding einfach an einem Lesegerät vorbei - und fertig; dabei kann die Karte sogar in der Tasche bleiben.

Derzeit sind etwa sieben Millionen Karten in Umlauf. Da Hongkong rund 7,1 Millionen Einwohner hat, hat sich mittlerweile offenbar jeder eine Karte zugelegt. Auch bei Kindern ist die Octopus-Card beliebt. Weil sie problemlos zu nutzen ist. Und weil sie etwas bringt. Dutzende verschiedener Anbieter im Nahverkehr haben sich auf das System geeinigt. Die Karte macht die Dinge tatsächlich einfacher.

Nur handfeste Vorteile können Kunden bewegen, ihre Gewohnheiten zu ändern. Wofür braucht man eCash eigentlich? Für Micropayments, Pfennigbeträge, vor allem im Netz. Dort, wo die Transaktionskosten ins Gewicht fallen und die Kreditkarte nicht lohnt. Ein Text für 15 Pfennige, ein Bild für eine Mark, ein Song für 2,50 Mark. Das Bedürfnis der Netz-Wirtschaft, endlich, endlich Geld zu verdienen, darf dabei getrost unterstellt werden.

Mittlerweile geht's auch bedienerfreundlich.

Etwa bei der Firstgate Internet AG aus Köln mit ihrem Click-&-Buy-System. Der User darf damit beim Content-Anbieter -der Stiftung Warentest, der Deutschen Post und N-TV zum Beispiel - ausgepreiste Dateien herunterladen. Vorausgesetzt, er hat sich bei Firstgate angemeldet; die Beträge werden monatlich vom Konto abgebucht. Vorteil für den Anbieter: Er muss sich nicht selbst mit Software-Problemen herumschlagen; ein Link auf seinen Seiten genügt.

Das derzeit umsatzstärkste Modell in der eCash-Family sind vorausbezahlte Karten fürs Handy, die so genannten Scratch-Cards. Man rubbelt eine PIN-Nummer frei, übermittelt sie der Telefongesellschaft und kann dann sein Guthaben vertelefonieren. Die ideale Lösung für alle, die keinen Handy-Vertrag abschließen wollen - oder können. Auch Jugendliche in Russland gehören zu den Fans.

Mit der aus Österreich stammenden Paysafe-Card wurde dieses Prinzip aufgegriffen, ins Netz verlegt - und so ein neues Zahlungsverfahren kreiert. Es gibt Karten im Wert von 50 und 100 Mark. Auf der Rückseite schabt man den 16-stelligen PIN-Code frei. Damit kann man dann im Internet auf Shopping-Tour gehen. Der Online-Anbieter fordert den Betrag von dem zur Nummer gehörenden Konto ein. Man kann auch mehrere Karten für ein und denselben Kaufakt nutzen. Ganz ohne Konto und anonym. Von Datenschützern immer wieder kritisierte Schattenkonten, auf denen die Einkaufsgewohnheiten der Kunden protokolliert werden, sind hier nicht möglich. Von Nachteil sind die hohen Logistikkosten, die durch den Vertrieb der Karten entstehen.

Die interessantesten Entwicklungen spielen sich derzeit im M-, dem Mobile-Commerce ab. Mit dem deutschen Paybox-System kann man per Handy im Internet einkaufen. Das Procedere läuft so: Der Kunde muss sich bei Paybox anmelden und eine Einzugsermächtigung erteilen. Daraufhin bekommt er eine PIN-Nummer. Will er nun etwas im Internet erstehen, gibt er einfach seine Mobil-Telefonnummer an. Der Händler leitet sie an Paybox weiter. Der Käufer bekommt einen Anruf. Mit Eingabe seines PIN-Codes auf dem Mobiltelefon gibt er dann die Transaktion frei. Das Geld wird per Lastschriftverfahren eingezogen.

Das Verfahren wirkt noch kompliziert und ist für Micropayments kaum geeignet. Bereits heute kann man aber damit in vielen deutschen Städten immerhin sein Taxi bezahlen. In Finnland per Handy die Cola aus dem Automaten ziehen. In Dänemark die Benzinrechnung begleichen. In den Niederlanden die Gebühren fürs Parkhaus. Überall wird an neuen Geschäftsmodellen gefeilt. Die eCash-Szene lebt.

Wozu, fragen sich die Menschen, die elektronische Bezahlsysteme nutzen, brauchen wir noch eine Bank? Gute Frage.

Im vergangenen Jahr sammelte das Fundbüro der Londoner U-Bahn mehr Handys ein als Schirme. Wenn nun zwei Schwergewichte, Nokia und Visa, eine strategische Allianz schmieden, um ein WAP-gestütztes, multifunktionales Payment-Tool zu entwickeln, ahnt man, wohin die Reise geht.

Geplant ist ein Handy mit doppeltem Slot: der eine für die SIM-Card, mit der sich der Nutzer gegenüber dem Telefonanbieter identifiziert - ganz wie bisher. Daneben die WIM-Card (Wireless Identity Module), mit deren Hilfe sich der Käufer bei Kreditzahlungen ausweist.

Am Horizont leuchtet die multifunktionale ePurse, mit der man Micropayments per eCash leistet, sowohl im Netz wie auch direkt am Point of Sale; plus Kreditkartenfunktion für höherpreisige Waren.

Visa hat mittlerweile noch andere mit ins Boot geholt: IBM, Microsoft und Sun Microsystems, um nur einige zu nennen. Vielleicht werden die Karten auch ganz neu gemischt. Die Telefongesellschaften fragen sich mittlerweile: Wofür brauchen wir eigentlich noch die Bank, wenn wir die Transaktion auch allein machen können? Eine gute Frage.

Die Technik stellt kein Problem dar. Die Spieler haben sich bereits aufgestellt. Der Bratenduft ist bereits in der Nase.