Was ist eigentlich ... Bluetooth?

Das Ende des Kabelgewirrs, der Beginn eines neuen Standards für Geräte im Büro, im Auto und zu Hause. Und ein Versprechen der Industrie, dass alles gut wird. Diesmal darf man es sogar glauben.




Der Wikingerkönig Harald Blaatand war eine Art Bismarck des mittelalterlichen Skandinaviens. Er vereinigte die untereinander verfeindeten Stämme der Dänen und Norweger zum Wikinger-Königreich. Das geordnete Miteinander führte die Wikinger zu ihren größten Erfolgen. Kein fremdes Volk, kein Hausrat, der vor ihnen sicher gewesen wäre. Gemeinsam waren sie stärker, zugegeben, auch um einiges brutaler, aber das war sozusagen nur ein Nebeneffekt.

Ordnung, Einheit und Verständigung machten Wikinger mächtig; Computer, Telefone, Drucker, Faxe und PCs könnten sie etwas nützlicher machen. Denn da herrscht ein Durcheinander zum Durchdrehen. Blaatand heißt auf Deutsch Blauzahn und auf Englisch Bluetooth. Das System unter dem Namen des Wikinger-Einigers soll nun für ein besseres Verständnis zwischen Kommunikations-, aber auch Haushaltsgeräten sorgen.

Dass der Name des Skandinaviers gewählt wurde, liegt an den Ur-Vätern des Bluetooth-Standards, dem schwedischen Ericsson-Konzern und der finnischen Nokia-Gruppe. Beide sind in der Mobilwelt ganz groß. Als man 1998 den Standard zur vollständig drahtlosen Übertragung von Daten aller Art ins Leben rief, kam so der alte Wikingerkönig zu neuen Ehren. Es geht um einen Funk-Standard, der Kabel überflüssig macht, was an sich schon recht angenehm ist. Weiterhin aber, noch wichtiger, kann durch den Einsatz eines kleinen Chips, eben des Bluetooth-Chips, der nicht teurer als fünf Dollar ist, praktisch jedes Gerät in das Bluetooth-System aufgenommen werden. Man kann also eine Vielzahl bestehender Geräte, vom Computer zum Drucker, Scanner, Fax, Modem und Handy, Telefon und Videorekorder, DVD-Spieler und Kassettendeck etc. ganz einfach miteinander verbinden.

Bluetooth ist kabellos. Es ist kein Mobilfunk-Standard wie GSM. Es vernetzt Geräte dort, wo sie meist stehen: im Büro.

Es geht um zweierlei Bedeutendes: Erstens gibt es keine Kabel mehr, weniger Haushaltsunfälle und durch Kabelgewirr irritierte Benutzer, denen beim Anblick der hinteren Computerpartien regelmäßig übel wird. Zweitens, genauso wichtig, wenn nicht wichtiger: vollständige Kompatibilität. Alle Geräte können mit anderen im System befindlichen Geräten kommunizieren. Das ist heute keineswegs selbstverständlich. Seit der Massencomputerisierung zur Mitte der achtziger Jahre war Kompatibilität ein brennendes Thema. Hersteller A bastelte famose Hardware, die sich aber nicht ohne weiteres mit dem Betriebssystem oder der Software des Herstellers B vertrug. An die Anbindung von Geräten, die nicht ausdrücklich für den Computer geschaffen waren, etwa ein Telefon oder ein Mobilfunkgerät, war nicht zu denken, und die Steuerung eines Haushaltsgerätes durch den Computer ohne weitere Umrüstarbeit wurde als schiere Spinnerei abgetan.

Das Chaos war die einzige verlässliche Konstante der Informationstechnik - die Hersteller haben dafür einen guten Grund.

Standards haben nicht immer die Aufgabe, die einzelnen Bestandteile eines Systems zueinander passend zu machen, sondern sind in der Industriegeschichte meist dazu missbraucht worden, das eigene Produkt zu schützen. Kauf dir einen Rechner eines bestimmten Herstellers, dann läuft er nur mit Druckern, die diesem Hersteller genehm sind. Ganz zu Beginn des Computerzeitalters waren nicht einmal die Geräte ein und desselben Herstellers zueinander kompatibel.

Bei Zubehörgeräten - etwa bei Druckern - ist das bis heute so. Zehn Modelle, zehn verschiedene Druckerpatronen. Nachahmer müssen die unterschiedlichen Formate kopieren. Das erhöht die Kosten und macht es für die Alternativanbieter schwieriger, das Original abzuservieren. Das Internet und Betriebssysteme wie Windows haben das Chaos entschärft, doch einfach ist das Zusammenspiel verschiedener Komponenten bis heute nicht: Es gibt Dutzende von Anschlussnormen für Kabel, parallele und serielle, SCSI und USB, DIN und Scart, Cinch und RJ-11 und IrDA und weiß der Geier.

Bluetooth hat einen völlig anderen Ansatz: Daten werden normiert, standardisiert, durch die Luft gejagt, wobei das keine Übertreibung ist, weil Bits und Bytes bei Bluetooth mit Geschwindigkeiten von mehr als 700 Kilobit in der Sekunde, also zwölffacher ISDN-Geschwindigkeit, ausgetauscht werden.

Jeder Chip ist gleichsam Sender und Empfänger dieser Daten. Das Bluetooth-System organisiert den Austausch und sagt uns, was gerade alles gemacht werden könnte. So wie ein Chat-Programm im Internet uns mitteilt, welche Leute gerade online sind und zum Plaudern zur Verfügung stehen, meldet Bluetooth auf dem Display der Geräte, etwa dem Handy, dem Personal Digital Assistant oder dem Computerbildschirm, dass nun Geräte zum Drucken, Faxen, Scannen oder Brennen von CDs, zum Videoabspielen und zur Kontrolle der Kühlschranktemperatur zur Verfügung stehen. Das tut das System innerhalb einer so genannten Pico-Zelle, der Empfangs- und Sendeeinheit im Bluetooth-System. Diese Pico-Zelle kann einen Durchmesser von zehn bis zu hundert Metern erreichen. Das reicht immer aus, um alle verfügbaren Geräte in diesem Umfeld zu nutzen. Im Prinzip ist das genauso wie mit GSM-Mobilfunkzellen, die dicht gedrängt nebeneinander Sprache und Daten übertragen.

Ideen für den TÜV von morgen: Der Bluetooth-Chip meldet, wenn mit dem Auto etwas nicht stimmt.

Die Technologie ist also clever, bloß die Vermarktung war es bisher nicht. Schon vor vier Jahren wurde Bluetooth lautstark angepriesen - zu früh, denn erst jetzt sind Geräte auf dem Markt. Bei der Informationstechnik meint der Kunde dann, es wird nichts mehr. Meistens hat er Recht. Doch die mit 200 Weltunternehmen bestückte Bluetooth Special Interest Group (SIG) lässt hoffen, dass aus dem Standard doch etwas werden kann. Von BMW über Sony, Nokia, Ericsson und IBM, Philips und Hewlett-Packard bis zur japanischen Matsushita-Gruppe (z. B. Mitsubishi, Panasonic) haben sich alle auf Blauzahn eingeschworen.

Warum ein Automobilhersteller wie BMW dazugehört? Autos sind mit elektronischen Analysegeräten voll gepackt, verfügen heute über mehr elektronische Bestandteile als die erste Mondlandefähre. Vom Luftdruck der Reifen bis zu Problemen mit der Zündung wird alles auf Messcomputern ausgelesen. Das ist aber, wenn man das mit Drähten macht, mordsumständlich. Ein Bluetooth-BMW fährt einfach in die Nähe einer mit Bluetooth-Chip ausgestatteten Empfangsanlage, zum Beispiel zu einem Computer in einer Werkstätte oder einem mobilen Notebook des ADAC. Der spuckt aus, was dem Auto fehlt oder auch nicht, und informiert schnell und ohne Aufwand über den Zustand. Abgesehen davon, kosten dann auch die netten Nebeneffekte wie Internet im Auto und "mobiles Büro", ob man sie nun braucht oder nicht, weniger Aufwand. Unter dem Strich ist das alles recht praktisch.

Fehlt dem Wagen etwas, kann der drahtlose Standard dafür sorgen, dass ein Ersatzteil angefordert wird - nicht durch langes Rumtelefonieren, sondern durch digitales Nachfragen und promptes Bestellen beim nächsten verfügbaren Ort. Das wird aber recht selten nötig sein, weil sich Probleme über das Diagnosesystem zu einem früheren Zeitpunkt ankündigen; eine Reparatur ist dann oft gar nicht mehr nötig. Wenn ein Teil falsch eingestellt und damit crash-anfällig ist, wird es automatisch neu ausgerichtet. Das geht in den meisten Fällen ganz einfach.

Vor dem Hintergrund des bluetooth-bestückten Automobils kann man ermessen, dass so etwas auch im Haus praktisch ist. Bluetooth hat eine glänzende Zukunft vor sich: Elf Millionen Geräte sollen in diesem Jahr abgesetzt werden, zehnmal mehr in 2002. Das sind zwar Prognosen, die man grundsätzlich mit Vorsicht genießen sollte, die aber angesichts der Tatsache, dass der Chip marktreif ist und der Standard klaglos funktioniert, auch nicht ganz aus der Welt sind. So hat Ericsson bereits ein Headset für rund 400 Mark auf den Markt gebracht, das Handy und Computer verbindet, das aber auch ganz problemlos im Auto als Freisprechanlage getragen werden kann. Das ist praktisch, und das Nützliche setzt sich ja manchmal durch.