Erneuerbare Energie

Zukunftsperspektive: Erneuerbare Energie




Gute Ideen haben manchmal eine erstaunlich lange Inkubationszeit. Bereits 1839 erfand der Waliser Physiker William Robert Grove das Prinzip der Brennstoffzelle, die Verwandlung von Wasserstoff in Strom und Wärme. Eine elegante Form der Energiegewinnung: effizient, leise, vibrations- und abgasfrei - es entweicht reiner Wasserdampf.

Mit Ausnahme weniger Anwendungen in der Raumfahrt und in U-Booten spielt die "kalte Verbrennung" bis heute kaum eine Rolle. Das wird sich ändern: Weltweit werden Milliarden in die Technik investiert. Den Startschuss gab 1996 das Parlament des US-Staates Kalifornien: Ab 2004 müssen dort zehn Prozent aller Neuwagen abgasfrei fahren. In den Autokonzernen begann man fieberhaft am Brennstoffzellen-Antrieb zu arbeiten - kein Hersteller kann es sich leisten, auf diesen Markt zu verzichten.

Heute hat Daimler-Chrysler die Nase vom. Konzernchef Jürgen Schrempp sieht in der Technik eine realistische Alternative zur "bisherigen Monokultur Erdöl". Wirklichkeit wird sie auf Island, wo vom kommenden Jahr an die ersten Wasserstoffbusse über die Straßen surren sollen. Die Isländer haben ein ehrgeiziges Ziel: Mit dem natürlichen Energiereichtum der Insel - Wasserkraft und Erdwärme - soll Wasserstoff im großen Stil erzeugt und das Land in spätestens 30 Jahren völlig unabhängig vom Öl werden. Andernorts ist das schwieriger: Der Natur Wasserstoff zu entreißen, kostet erst einmal viel Strom. Wenn der nicht aus sauberen Quellen stammt, sieht es mit der Öko-Bilanz der kalten Verbrennung nicht mehr so gut aus. Die meisten Brennstoffzellen-Autos werden ihren Treibstoff dann auch zunächst aus wasserstoffreichen Gemischen wie Erdgas oder Methanol erzeugen, immerhin den umweltfreundlichsten fossilen Energieträgem.

Denselben Weg gehen Heizungsbauer, die eifrig an stationären Brennstoffzellen arbeiten: Kleinstkraftwerke für Gewerbe und Haushalte, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen und einen Wirkungsgrad von bis zu 90 Prozent erreichen. Vaillant, deutscher Marktführer für Gasthermen, hat bereits ein Modell entwickelt. An das öffentliche Netz angeschlossen, könnten tausende solcher Anlagen ein virtuelles Kraftwerk bilden, so Michel Brosset, Chef des Unternehmens. Ein Verbund, der an das Internet erinnert - und ebenso wenig verwundbar wäre. Ein Vorteil in Zeiten, in denen man darüber nachdenkt, Atommeiler mit Boden-Luft-Raketen vor terroristischen Attacken zu schützen.

Dass small beautiful sein kann, finden mittlerweile selbst Stromkonzern-Manager, die auf dem liberalisierten Markt um ihr Geschäft fürchten. Dietmar Kuhnt, Chef von RWE, sinnierte öffentlich darüber, dass "die Zeit der Großkraftwerke möglicherweise vorbei ist". Sein Unternehmen errichtet im Ruhrgebiet und Holland 50 abgasarme Kleinkraftwerke. Insgesamt will RWE knapp 200 Millionen Mark in die Brennstoffzellen-Technik investieren. Im Jahr 2015 sollen etwa zehn Prozent des hier zu Lande verbrauchten Stroms aus dieser Quelle stammen. Schon deutlich früher werden die Mini-Kraftwerke umweltschädliche Batterien und Akkus in Notebooks, Camcordern und anderen mobilen Geräten ersetzen. Mit den neuen Speichern fällt dann der lästige "Memory-Effekt" weg, der zu immer kürzeren Nutzungszeiten führt.

Politischer Druck macht die Energiekonzerne erfinderisch.

Über die Chancen neuer Techniken entscheidet auch im globalen Kapitalismus maßgeblich die Politik. Auf dem Energiesektor hat die Klima-Debatte und die grundsätzliche Einigung der Staatenmehrheit, den Kohlendioxid-Ausstoß zu senken, Ingenieuren neue Arbeitsfelder beschert. Von Sonnenenergie bis Erdwärme, von Grubengas bis Gülle, es gibt keine regenerative Quelle, die nicht irgendwo angezapft wird. Im kommenden Jahr soll vor der englischen Küste das erste Meeresströmungs-Kraftwerk in Betrieb gehen. Politischer Druck macht erfinderisch - oder beschleunigt zumindest einen ohnehin notwendigen Prozess.

Selbst Dissidenten in der Wissenschaft, die die Erderwärmung für natürlich halten, und eine US-Regierung, die aus der Klima-Koalition ausgeschert ist, kommen um eine grundsätzliche Erkenntnis nicht herum: Gas, Öl, Kohle und Uran sind endlich. Ob die Vorräte noch 100, 200 oder 300 Jahre reichen, darüber streiten die Experten. Sicher ist: Der Umgang mit den fossilen Energieträgern ist äußerst kurzsichtig. Auch weil es - noch - keine realistischen Preise gibt: Seit zwei Jahrzehnten ist Öl billig wie nie zuvor. So verbrennt die Menschheit an jedem Tag mehr schwarzes Gold als in vielen tausend Jahren entstanden ist. 65 Prozent der bekannten Reserven liegen im Nahen Osten, der Großteil in Saudi-Arabien, wo ein Regime herrscht, dessen Steinzeit-Ideologie sich nicht wesentlich von der der Taliban unterscheidet.

Gute Gründe, den Tanker Energiepolitik umzusteuern. Das wird ohnehin lange genug dauern. Zumindest in den kommenden hundert Jahren werden wir nach Berechnungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover nicht auf fossile Energieträger verzichten können. Die entscheidende Frage ist, wie schnell die Wende eingeleitet wird und wer von ihr profitieren wird: Das Jahrhundertproblem ist auch ein Jahrhundertgeschäft. In Deutschland brummt es bereits dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, eine der wenigen erfolgreichen rotgrünen Reformen. Sie garantiert Öko-Strom-Erzeugern höhere Preise, ohne die Verbraucher spürbar zu belasten. Und hat einen beispiellosen Boom ausgelöst. Beispiel Windkraft: Allein im vergangenen Jahr wurden rund 1500 Mühlen errichtet; nirgendwo auf der Welt gibt es mehr Kapazitäten. Mittlerweile sind die Claims auf dem Festland vergeben, jetzt werden Parks auf hoher See geplant; 2007 soll der erste vor Borkum in Betrieb gehen.

Die Global Player haben das Geschäft mit grünem Strom längst entdeckt. Shell, ebenso wie der Konkurrent BP Amoco bei allen regenerativen Energiequellen aktiv, will bis 2005 eine führende Rolle bei der Offshore-Technik einnehmen. Allein in China, der weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft, könnte Windkraft künftig ein Fünftel des Energiebedarfs decken. Länder wie Dänemark und Deutschland, in denen die Technik früh gefördert wurde, haben Wettbewerbsvorteile und schaffen Arbeit: Die Windenergie-Industrie beschäftigt hier zu Lande mit rund 30000 Mitarbeitern mehr Menschen als die Werftindustrie.

Die Öko-Energie-Branche erweist sich als Job-Maschine.

In ökonomisch eher trüben Zeiten wächst die Öko-Energie-Branche wie keine andere (+ 18 Prozent im vergangenen Jahr) und erweist sich als Jobmaschine. Mit Sonnenenergie verdienen bereits mehr als 10000 Menschen ihr Geld, obwohl noch nicht einmal 0,1 Prozent des deutschen Stroms solar erzeugt werden. "Schon wenn wir 0,4 Prozent Anteil erreichen, werden es 50000 sein", sagt Andreas Pawlik, Geschäftsführer bei Shell Solar Deutschland voraus. Fotovoltaik stehe vor dem Durchbruch. Dasselbe gilt für Biomasse: In den vergangenen acht Jahren hat sich die Verstromung von Holz, Stroh, Gülle, Klärschlamm und anderem organischen Material bei uns mehr als verfünffacht. Es vergeht kaum eine Woche, in der kein Biokraftwerk ans Netz geht.

Im Weltmaßstab spielen erneuerbare Energien noch eine untergeordnete Rolle. Dass sich das ändern wird, hat man in manchen Unternehmen früher erkannt als in der Politik. So prophezeite Mike Bowlin, Chef des US-Ölkonzerns Arco, der heute zu BP Amoco gehört, bereits im Februar 1999: "Entweder wir akzeptieren den wachsenden Bedarf nach einem breiten Spektrum von Energiequellen, oder wir ignorieren die Realität und werden langsam, aber sicher zurückbleiben." Das größte Potenzial ist das Sparpotenzial. Allein in Deutschland gehen jährlich zwei Millionen Kilowatt für Stand-by-Schaltungen von elektronischen Geräten drauf. Mit einem simplen Chip ließe sich das Problem lösen, gleich mehrere Großkraftwerke könnten vom Netz gehen. Studien der deutschen Klima-Enquete-Kommission zeigen, dass nach derzeitigem Stand der Technik eine Absenkung des Primärenergieverbrauchs von bis zu 40 Prozent ohne Einbuße an Lebensqualität möglich ist.

Die Wirtschaft geht in Sachen Effizienzsteigerung übrigens mit gutem Beispiel voran: Der Stromverbrauch pro 1000 Mark Bruttoinlandsprodukt ist im vergangenen Jahrzehnt bereits um acht Prozent gesunken.