Biotech-Medizin

Zukunftsperspektive: Biotech-Medizin




Ian Wilmuts Schaf Dolly, Insulin, Schönheitscremes, Waschmittel, daumennagelgroße Bio-Chips, gläserne Plättchen, auf denen 20 bis 30 000 DNA-Streifen kleben, die rot, grün oder gelb leuchten, wenn eine bestimmte Substanz auf sie geträufelt wird. Für jede Frage des Lebens scheinen die Biotechniker eine Lösung zu finden. Welthunger, Krankheiten, Alter - sie werden es schon richten. Einfach so. Dafür arbeiten allein in Deutschland 322 private und öffentliche Biotech-Unternehmen wie besessen - und mit gutem Grund.

Biotechnologie ist pure Hoffnung. Dabei ist unklar, was sich hinter dem Begriff alles verbirgt. "Gemeinsam ist allen Bereichen der Biotechnologie, dass sie einen enormen Erkenntniszuwachs ermöglichen", fasst Detlev Ganten, Gründungsdirektor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch, das Chaos zusammen. Einen Erkenntniszuwachs, der aus dem engen Zusammenspiel vieler verschiedener Disziplinen wie Informatik, Genetik, Biochemie und Medizin herrührt. "Wir müssen nicht länger von außen zuschauen, sondern verstehen langsam, was im Kleinen passiert, wieso beispielsweise eine bestimmte Zelle so und nicht etwa anders funktioniert." Doch auch wenn dieser Erkenntniszuwachs den Italiener Severino Antinori zu gottgleichem Streben animiert und er in Kürze den ersten geklonten Menschen präsentieren will, kommt die Rettung der Normalverbraucher aus einer anderen Ecke der Biotechnologie. Schnelle und effiziente Steigerung des Wohlergehens hat die pharmazeutische Biotechnologie zu bieten. Unternehmen wie Evotec AOI und Medigene haben das rechtzeitig erkannt. Sie gehören zu den Hoffnungsträgern der Biotech-Unternehmen, allein deshalb, weil sie mit modernen Methoden potenzielle Arzneimittel auf ihre Wirkung bei speziellen genetischen Typen testen. Das Konzept ist revolutionär.

Früher, in der Pillenzeit, schoss man mit Kanonen auf Spatzen. Ein Medikament, das irgendwie gegen ein Symptom half, wurde für alle Patienten gleichermaßen eingesetzt. Biotechnologie aber kann wirksame Substanzen patienten-maßgeschneidert herstellen. Das ist die Zielvorstellung. Und heute? "Die Wirkung eines Arzneimittels hängt stark davon ab, wie der einzelne Mensch es verstoffwechselt", erklärt Ganten. Ob der Körper die Substanz schnell oder langsam abbaut, zu möglicherweise schädlichen Stoffen umwandelt oder ungenutzt wieder ausscheidet, hängt entscheidend von seiner genetischen Information ab. Mit einfachen Gentests suchen Forscher das Erbgut nach der Information für bestimmte Transportmoleküle und Enzyme ab und wissen dann, zu welcher genotypischen Gruppe der Patient gehört und welches Medikament bei ihm in welcher Dosis exakt die gewünschte Wirkung auslöst.

Maßgeschneiderte Medikamente für jeden Genotyp.

Ein Paradebeispiel ist Herceptin. Das Brustkrebs-Medikament schlägt nur bei 16 Prozent der Patientinnen an. Aber für wen ist es gut? Ein Gentest kann nun die Frauen bestimmen, bei denen Herceptin wirkt. Das gleiche Szenario bei dem Schmerzmittel Codein: Normalerweise baut es der Körper in das schmerzlindernde Morphin um. Jedem zehnten Schmerzpatienten fehlt aber die Bauanleitung für das umwandelnde Enzym - Codein kommt für ihn nicht in Frage.

In Zukunft soll ein Arztbesuch mit einem Genotypisierungs-Test enden. Ein kleiner Piks, ein Tropfen Blut, eine Runde Warten, und als Belohnung winkt ein individualisiertes Rezept. Arzneimittel der kommenden Generation könnten aus einem Kombi-Pack von Wirkstoff und Gentest bestehen. Allerdings nur, wenn sich die Krankenkassen davon überzeugen lassen, dass die Kosten solcher Zukunfts-Pharmaka durch die Ersparnisse bei Folgebehandlungen und Behandlungen von Nebenwirkungen wettgemacht werden.

Pharmaunternehmer sind schon heute begeistert von den neuen Möglichkeiten. Weil die für bestimmte Genotypen hergestellten und nur für sie zugelassenen Medikamente aufwändige präklinische und klinische Studien an Menschen wesentlich verkürzen, könnten einer Studie von McKinsey zufolge bei der Produktion jährlich etwa 60 Millionen US-Dollar weltweit eingespart werden.

Was die Arzneimittelforscher jedoch in der Seele schmerzt, ist, dass alles noch besser funktionieren könnte - wäre da nicht die Stammzelldebatte. Das Potenzial, bestimmte Krankheiten mit Stammzelltherapien zu heilen, ist vorhanden. "Es ist natürlich viel sinnvoller, eine Zelle so zu programmieren, dass sie richtig funktioniert, als viele Proteine immer und immer wieder einzuschleusen und damit eine wesentlich schlechtere Wirkung zu erzielen". sagt Bernd Otto, Leiter der Abteilung Gentechnik des Fraunhofer Instituts für Grenzflächen und Bioverfahrenstechnik in Hannover. " Zurzeit kursiert in Forscherkreisen die Theorie, dass überall im Körper Stammzellen sitzen, die über genetische Manipulation dazu angeregt werden könnten, krankes oder verletztes Gewebe durch neues zu ersetzen." Doch Stammzellen-Forschung ist vielen zu nah an Gott. Sie verbinden mit dem Reizwort die Vorstellung. der Mensch könne mit dem Wissen, woraus er besteht, dem "Schöpfer" ins Handwerk pfuschen. Auch eine andere Heil versprechende Sparte der Biotechnologie hat mit der Stammzelldiskussion zu kämpfen: Tissue Engineering, der Gewebeersatz aus körpereigenen Zellen. Mit anerkannten Methoden können Mediziner heute bereits ihre Patienten mit künstlicher Haut, Zahnfleisch und Knorpelgewebe behandeln.

Bei Brandverletzungen werden den Patienten beispielsweise Hautzellen entnommen, in der Laborschale auf feinsten Trägermaterialien vermehrt und anschließend auf die verletzten Flächen transplantiert. Der Vorteil: Der eigene Körper lässt sich überlisten und nimmt das extern vermehrte Gewebe als körpereigenes an - Abstoßungsreaktionen sind selten. Seit vergangenem Jahr sind auch biotechnologisch hergestellte Herzklappen auf dem Markt, allerdings mit weniger Erfolg. Die beiden australischen Patientinnen, deren Herzen als erste von der neuen Technik profitierten, sind nicht geheilt. " Ein großes Problem des Tissue Engineering ist die Vaskularisierung, die Versorgung der Zellen mit Gefäßen", sagt Heike Mertsching vom Leibnitz Forschungslaboratorium für Biotechnologie und künstliche Organe in Hannover. Weltweit arbeiten etwa 50 Arbeitsgruppen daran, dieses Problem in den kommenden zwei bis drei Jahren aus der Welt zu schaffen.

Die Rettung kommt aus dem Abfalleimer.

Nabelschnurblut hingegen ist eine extravagante Alternative zur embryonalen Stammzelltherapie. Nach der Geburt landet es normalerweise im Abfalleimer. Wird es aber in speziellen Blutbanken tiefgekühlt aufbewahrt, kann es bei Leukämie-Erkrankungen die langwierige und oft erfolglose Suche nach passenden Knochenmark-Spendern ersetzen. Knapp 2000 dieser Therapien wurden bisher durchgeführt, in 85 Prozent aller Fälle erfolgreich. Trotz der geringen Menge - eine Nabelschnur wirft nur etwa 200 Milliliter Blut ab - ist dieser Lebenssaft vor allem deshalb interessant, weil er in hoher Konzentration Vorläuferzellen enthält, die sich nicht nur zu Blutzellen, sondern theoretisch auch zu allen anderen Zellarten entwickeln können.

Und künstliche Organe? "Die nächsten Erfolge werden wir wohl mit Gefäßen und Nervenzellen erzielen", hofft Mertsching. Sie sieht in der Niere das Organ, das voraussichtlich als erstes komplett biotechnologisch hergestellt werden könnte.

Bei all ihren Visionen und Träumen eint die Forscher jedoch die Vorsicht, mit der sie Versprechungen machen. Hoffnungen zu schüren oder sich auf klare Fristen festzulegen liegt ihnen bei allem Optimismus fern. " Die großen Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird die Biotechnologie vorerst nicht heilen. Die bekommt jeder durch einen ausgewogenen Lebensstil, Sport und gesunde Ernährung besser in den Griff", sagt Detlev Ganten.

In nächster Zeit werden eher sehr schwer zu behandelnde Krankheiten wie Parkinson, Huntington oder Mucoviscidose ihre Schrecken verlieren - in allen anderen Bereichen muss erst einmal eine Therapie gefunden werden, die besser ist als die bestehenden.