Lebensverändernde Maßnahmen

Seit 30 Jahren veröffentlicht Werner Pieper Bücher. Über Sex, Drogen und Rock 'n' Roll, Hacker, Rituale und Fäkalien. Und immer wieder entdeckt der Wissenshändler vermeintliche Randgebiete, lange bevor sie populär werden.




Das Haus steht in Löhrbach, einem Dorf, zehn Taximinuten von Weinheim entfernt. In einer Großstadt kommt man in dieser Zeit gerade von einem Viertel ins andere. Hier, am Rande des Odenwaldes, passiert man gleich mehrere, na ja, sagen wir mal Ortschaften. Das Haus ist alt, ein wenig schief, der Hausherr, mit langem Zopf auf rasiertem Kopf, ein paar Worte murmelnd und schon wieder verschwunden, bleibt erst mal verwischt. Drinnen sieht es aus, wie es in Landhäusern von Nichtbauern eben aussieht, nur nicht so gebürstet. Der Fotograf eines Country-Style-Magazins wird nicht erwartet. Im Garten, direkt am Hang, gibt es eine Sitzecke, Betten (die Familie schläft im Sommer draußen), später ein Lagerfeuer. Ein Idyll, irgendwo im Nirgendwo. Aber unter diesem kürzlich mal wieder undichten Dach werden auch einige der originellsten und informativsten Bücher des Landes produziert. Und hier wurde Geschichte geschrieben.

Werner Pieper ist Verleger. Unter anderem. Eventuell. Dazu kommen wir noch. Sein Verlag Werner Pieper & The Grüne Kraft - MedienXperimente jedenfalls wurde gerade 30 Jahre alt. 1971 veröffentlichte er den ersten Band der Reihe Grüner Zweig, die heute 229 Ausgaben umfasst. In diesem Heft befand sich Deutschlands erster " Anti-Umweltverschmutzungsartikel", das Wort " Umweltschutz" war damals noch nicht gebräuchlich. Gleichzeitig verband der Autor und Kleinstverleger als Erster hier zu Lande Ökologie und die Farbe Grün. Greenpeace, im selben Jahr gegründet, war in Deutschland unbekannt, die Grünen in den verwegendsten Utopien nicht denkbar.

"Die grüne Kraft", erklärt der heute 52-Jährige lachend, "das war grüner Marokkaner." Pieper war Dealer. Er verkaufte in Heidelberg Hasch und LSD, auch an spätere Grüne-Gründer, aber keine harten Drogen. Und es ging nicht um Geld. "Ich hatte im Zivildienst gemerkt, dass ich mit drei Mark Tageslohn und einer sinnvollen Arbeit eine viel größere Lebensqualität hatte als mit viel Geld. Also wollte ich Sozialarbeiter werden. Dann wurde ich Haschischhändler, aus demselben Grund: Weil ich mit Menschen zu tun haben wollte. Das klingt heute für die meisten Leute völlig absurd, aber so war das. Als ich mal tausend Mark hatte, habe ich den ersten Grünen Zweig gemacht. Ich wusste sonst nicht, was ich mit dem Geld tun sollte." Und als wäre das noch nicht absurd genug: Die ersten Ausgaben der Reihe hatten keinen festen Preis, sie wurden getauscht: gegen einen Ring, einen Schlafplatz, eine LP, einen Kuss.

Es geht um die persönliche Verantwortung: Die hat Pieper als Haschischhändler gelernt, heute zahlt er deshalb gern Steuern.

Das war sein Leben. Später, als die sieben Jahre als Dealer strafrechtlich verjährt waren und er längst von seinem Verlag leben konnte, hat Werner Pieper mal versucht, ein Buch übers Dealen zu machen. Er kontaktierte ehemalige Kollegen, suchte Stellungnahmen, Ideen, Beiträge - aber niemand wollte sich äußern. So eine Vergangenheit ist für die meisten ein ganz böses Minenfeld, betreten verboten. Nur für ihn nicht. Er redet gern darüber, immer auch ein bisschen stolz - das hat er getan, und es war gut. "Ich habe als Dealer extrem viel gelernt. Du übernimmst eine große Verantwortung und Haftung. Das ist, als würdest du einen Vertrag machen. Du lernst, ein Verhältnis aufzubauen, das auf Vertrauen und Verantwortung basiert." Angesichts der schmallippigen Heroin-Pusher, die heute die Süchtigen bis aufs Blut aussaugen, klingt das etwas idealisiert. Aber zu der Zeit galt das Wort Verantwortung noch, so wie es für ihn bis heute gilt.

"Ich habe noch nie gewählt, ich fühle mich nicht als Teil dieses Staates, aber ich zahle meine Steuern. Ich bin zwar nicht immer einverstanden mit dem, was mit meinem Geld gemacht wird, aber ich finde es nicht korrekt, deswegen keine Steuern zu zahlen. Das ist eine Frage der persönlichen Verantwortung. Mein Steuerberater hat mir mal vorgeschlagen, eine GmbH zu gründen, um ein paar Tausender im Jahr zu sparen. Aber ich habe abgelehnt. Ich will nicht, dass auf all meinen Briefen ,beschränkte Haftung' steht." Und dabei lacht Werner Pieper nicht, er sagt das so ernst, wie er später auch sagt: " Ich bin nur der, der die Nase hinhält. Die Leute machen was, und ich bin der Katalysator, der dafür sorgt, dass das als Buch oder CD erscheint. Ich finde mich nicht so wichtig. Ich finde die Ideen, mit denen ich zu tun habe, viel wichtiger." Ironie findet an diesem Tag nicht statt. Der Verleger macht vielleicht mal einen Witz über seine erhebliche Nase, doch ansonsten meint er alles ernst. Als wäre dies nicht die Zeit der großen Leere, als hätten die Achtziger und Neunziger, Märkte, Medien, Marketing, nie stattgefunden. Seine Geschichte ist von dieser Haltung geprägt: 1973 gab es in Deutschland zwei Naturkostläden - und das erste Naturkost-Kochbuch, von Pieper, "logisch, ich war doch gelernter Koch". Im selben Jahr kamen traditionelle Indianer nach Deutschland, eingeladen von diesem Dealer. Dem Besuch verdanken New-Age-Shops bis heute Bestseller, Indianerhoroskope, Silberschmuck und Traumfänger. 1977 gab es "Fools", das Narrenheft, 1981 das erste deutsche Jonglierbuch, beides Meilensteine einer Szene, die heute dank Andre Heller und Jango Edwards auch gutherzige Romantiker erschauern lässt. Es war alles ernst gemeint. Und es wurde alles Mainstream: Managementseminare, Selbsterfahrungsgruppen, Kommunikationswochenenden. Im vergangenen Winter bestellte ein Großunternehmen 1350 Jonglier-Bücher - für eine Tagung verdienter Mitarbeiter.

Werbung macht der Verlag nicht, einige Bestseller über Hanf, Hacker und Fäkalien waren trotzdem nicht zu verhindern.

Und was hat Werner Pieper sonst noch davon gehabt? " Die Frage, die immer am Anfang steht, ist: Was bewegt uns gerade? In den Siebzigern habe ich meine Sachen für eine Handvoll Leute gemacht, die mich motiviert haben, und ich habe gehofft, dass das noch ein paar tausend andere interessiert, die die Bücher finanzieren können. Heute motivieren mich die Themen." Damals, in den Siebzigern, machte er auch Magazine: "Kompost", eine Art Rundbrief für Initiativen, Gruppen und Individuen, später "Humus, die Illustrierte für Herz, Hand und Hirn", ein Wissensmagazin. Das brachte nicht viel ein, zumal die Hefte fast werbefrei waren - in "Humus" hatten bloß Abonnenten Anrecht auf eine kostenlose Kleinanzeige. Reklame interessiert den Verleger bis heute nicht, für den Verlag hat er noch nie geworben: "Wenn ich für ein Buch werbe, ist es eine Beleidigung für die Bücher, die ich nicht bewerbe. Werbung kostet viel Zeit und Energie, da mache ich lieber etwas Vernünftiges." Zu einigen Bestsellern hat es trotzdem gereicht: "Das Definitive Deutsche Hanf Handbuch" hat sich über 100000-mal verkauft. Die "Hacker Bibel" des Chaos Computer Clubs, 1985 das erste deutsche Buch über Hacker, lief gut. "Willkommen! Das Handbuch für multikulturelle Gastfreundschaft", der so genannte "Ethno-Knigge", war ebenfalls ein Erfolg. Das "Scheiß-Buch-Entstehung, Nutzung und Entsorgung menschlicher Fäkalien" wurde nach einem Auftritt in der Show von Jürgen von der Lippe zum Hit: "Jürgen von der Lippe hat mit dem Buch seine Verdauungsbeschwerden kuriert. Und ich habe in vier Wochen 40 000 Stück verkauft. Für mich bedeutete das zwar, dass ich einerseits plötzlich sechsstellige Beträge auf dem Konto hatte, andererseits aber zwei Monate später jemanden engagieren musste, der drei Tage lang nur Mahnungen an Buchhändler geschrieben hat. Dieser Erfolg hat für Monate mein Leben aus dem Gleichgewicht gebracht. Viel lieber als so ein Hit wäre es mir, wenn sich alle Bücher zehn Prozent mehr verkaufen würden." Denkt so ein Verleger?

Arbeit macht Freude, wenn sie derartig abwechslungsreich ist: sechs Tage als Unternehmer, ein Tag Lektor, im Urlaub Autor.

"Ich bin kein Verleger, das will ich auch gar nicht sein. Verleger sind eigentlich Rechteverwalter, aber die Rechte der Bücher in meinem Verlag bleiben immer bei den Autoren. Es kann passieren, dass ein Autor sagt, er hat einen größeren Verlag gefunden, zack ist er weg. Das ist okay. Ich bin in letzter Zeit vor allem Autor gewesen. Ich hatte mir vor zwei Jahren vorgenommen, eine Reihe eigener Bücher zu schreiben. Während ich das getan habe, hatte ich natürlich weniger Zeit, mich um den Verlag zu kümmern. Bücher schreiben und verkaufen geht nicht." Man kann jemanden anstellen, der sich um den Verlag kümmert. "Damit begibt man sich aber in Abhängigkeiten, man hat feste Termine und Verpflichtungen. Dem will ich mich entziehen. Ich finde die Mischung als Autor, Verleger und Verkäufer sehr angenehm. Ich habe nicht den Ehrgeiz, dass der Verlag wachsen soll. Ich möchte nicht mehr Angestellte, jeder Angestellte ist eine Verantwortung. So, wie es ist, ist es wunderbar." Zufrieden erzählt Pieper von seiner bewährten Wocheneinteilung: vier Tage am Schreibtisch, von morgens um neun bis abends um zehn, natürlich nicht durchgehend. Einen Tag im Vertrieb, einen Tag Geschäfte erledigen in Heidelberg und sonntags Lektorenarbeit. Keine Langeweile, keine Routine, kein Stumpfsinn. Jeden Dezember fährt er zum Schreiben für ein paar Wochen auf eine Insel: "Da erholt sich der Verleger. Zu Hause bei der Verlegerarbeit erholt sich der Autor. Ich habe Monate meines Lebens am Strand verbracht und geschrieben." Immer arbeitet er ohne Druck, im eigenen Tempo. Er sagt: "Ich arbeite gem." Und gönnt sich in seinem Unternehmen alles, was ihm gefällt: zum Beispiel seine "ReEducation"-Broschüren, interessante Themen knapp gefasst auf 28 bis 36 Seiten, über den wahren Shakespeare, die psychedelischen Beatles oder die Sklaverei, fünf Mark das Stück. Lohnt sich nicht, sagen Kollegen und Buchhändler. "Soll ich ein Thema, das für 32 Seiten gut ist, auf 150 Seiten strecken, nur damit es sich lohnt?" Also weitermachen. Oder die Lebensabonnenten, für einmal 1234,56 Mark erhält man für den Rest seines Lebens alle Grünen Zweige, getreu dem Verlagsmotto: Du weißt, was du erwartest, aber du weißt nicht, was dich erwartet. "Allein die 30 Lebensabonnenten motivieren mich. Ich könnte den Grünen Zweig umbenennen, und die hätten keine Rechte mehr, aber das würde ich nie tun." Oder die Edition Rauschkunde, die Verlagsreihe über Drogen, vom Basiswissen bis zum Erste-Hilfe-Ratgeber. Eine Serie, die wohl auch von eigener Neugier getrieben ist: "Es gibt viele Drogen, die ich gern nehmen würde. Ich habe nie gekokst, nie Heroin oder Pflanzendrogen genommen. Ich bin in meinen Erfahrungen eigentlich sehr eng." Obwohl er es mit Grenzen sonst nicht so hat: "Deswegen heißt es ,MedienXperimente', nicht Verlag. Das gibt mir mehr Möglichkeiten. Ich kann auf dem Kopf stehen und das von der Steuer absetzen." Oder CDs zusammenstellen, etwa die Reihe " FlashBacks" mit US-Musik zwischen 1914 und 1947, für die er in diesem Jahr den Preis der deutschen Schallplattenkritik bekam.

Also alles prima im Odenwald? Na ja, es gibt da ein kleines Problem: den Umsatzrückgang. Der ist nicht groß, aber eine Tendenz. Eigentlich ist das normal, allen Verlagen geht es momentan eher schlecht. Trotzdem ist es ein wenig ironisch, dass ausgerechnet jetzt, am Anfang der Wissensgesellschaft ("Wissensgesellschaft? Mir ist eine Lebensgesellschaft lieber. Was machst du mit Wissen, wenn du es nicht teilen kannst?") ein Wissenshändler Absatzschwierigkeiten hat. Aber die Gründe sind offensichtlich: Zum einen ist da der Generationswechsel, selbst der abenteuerliche Teil von Piepers Jahrgang ist heute ruhiger, nicht mehr grundsätzlich interessiert an wilden Trips durch ferne Welten, wie sie so manche Neuerscheinung verspricht: Für "Verfemt - Verbannt - Verboten - Musik und Zensur. Weltweit" mag es offene Ohren geben, auch " Schamlos eigenhändig - Sex an und für sich: ein Handbuch für Selbstbesorger" könnte gut kommen. Doch wer soll "Nazis auf Speed - Drogen im 3. Reich in zwei Bänden" lesen? Na gut, vielleicht interessiert es Tausende. Doch wie sollen sie davon erfahren, ohne Werbung?

Und dann gibt es noch einen Haken, der Grüne Zweig ist einer Hinsicht sehr unzeitgemäß: Es geht um Wissen, das in den Alltag eingreift. Lebensverändernde Maßnahmen. Nix mit flott über die Website surfen, folgenlos ein paar Infos abschlürfen und ab ins nächste Spielfeld. Die Mehrzahl der Bücher sind Mitmachwerke, ob es um Sex, Drogen, Rock 'n' Roll oder Verdauung geht. Und selbst die kleinste Geschichte will zumindest eins - das Hirn sprengen. Getreu einem weiteren Verlagsmotto: wo die Angst aufhört und das Staunen beginnt.

Was macht jemand, der im Leben viel erreicht hat? Klar, die Welt ändern. Und trotzdem dankbar sein für die Chancen des Lebens.

Es ist, als wäre das Leben ein Dschungel, unübersichtlich, aber, wenn man vorsichtig ist und sich auskennt, ein feines Zuhause. Werner Pieper hat dort eine Lichtung gefunden, auf der es hell genug ist, um zu erkennen, was man aus der wuchernden Pracht, aus diesem Leben, alles machen kann. Nun versucht er anderen zu erklären, wie man dorthin kommt.

Der Mann will die Welt ändern, ohne zu vergessen, dass alles schlimmer sein könnte. "Ich bin froh, in einer Zeit zu leben, in der man mich machen lässt. In den meisten früheren Gesellschaften hätte ich erhebliche Probleme gehabt mit Standpunkten, die von den üblichen Sichtweisen abweichen. In vielen hätte man mich verbrannt." Erfolg? Sein Leben ist ein Erfolg. Seine Tochter Oona ist 16, sie schreibt gerade an ihrem ersten Buch, über Faulheit, ein theoretisches Werk, sie kennt das Thema nur vom Hörensagen, sie geht zu Raves, spielt Klavier, sprayt, fotografiert, zwei Klassen hat sie inzwischen übersprungen. Er lebt mit seiner Frau in diesem Haus, er hat den Verlag, der verdammt noch mal Geschichte gemacht hat, und nun, wo er seine sechs Bücher fertig hat, wird er sich wieder darum kümmern. Davon mal abgesehen: "Deprimiert sind genügend Leute, das bringt die Welt nicht weiter. Wenn man an die Leute denkt, die wirklich im Dreck leben, denen es wirklich beschissen geht, kann man nur sagen, dass das Leben, das wir führen, traumhaft ist. Wenn die Welt tatsächlich, wie es manche Lehren behaupten, nur Elend, Schmerz und Mühsal ist, ist alles, was nicht so ist, ein Grund zur Freude."