Frisch erfunden - Guter Stoff

Das italienische Ehepaar Rivetti macht "Kleidung mit Visionen". Beobachten, Experimentieren und Forschen gehören zum Konzept. So gibt es Kleider aus Stoffen, die sonst nur Flugzeuge tragen.




Die schnelllebige Modeindustrie schlägt im Halbjahres Takt. Ob Winter oder Sommer - jede Saison bringt eine neue Kollektion, das wissen nicht nur Fashion-Fans. Sich in dieser Branche langfristig für etwas Zeit zu nehmen ist tatsächlich schwer. Nichtsdestotrotz - Carlo und Sabina Rivetti tun es. Denn das gehört zur Philosophie ihrer beiden Labels C. P. Company und Stone Island, mit denen sie seit nunmehr fast 20 Jahren erfolgreich Alltagskleidung revolutionieren. "Wir suchen neue Materialien, aus denen wir gute und angenehme Kleiderstoffe machen können. Wir beobachten Menschen in Großstädten und denken darüber nach, was moderne Stadtmenschen brauchen könnten", sagt der unprätentiöse Rivetti. Mit dieser Grundeinstellung geht er in anderen Welten auf Entdeckungsreise und lässt sich inspirieren von Raumfahrt, Sport, Armee und Biomedizin.

"Jede Faser erzählt eine Geschichte", sagen die Rivettis. So zum Beispiel Silver Spray, eine Polyamid-Faser, die hauchdünn mit einer rostfreien Stahlschicht ummantelt ist. Entdeckt haben die beiden das Material in Japan, wo es in der Luftfahrtindustrie zum Schutz von Computerbauteilen verwendet wird. Sie untersuchten es, fanden es vortrefflich und orderten. Vollkommen perplex über die bestellte Menge rief der japanische Hersteller einige Tage später an: "Wie viele Boeings haben Sie eigentlich", fragte er, nicht wissend, dass die Rivettis daraus silberglänzende Jacken machen wollen.

Das Archiv des Rivetti-Unternehmens Sportswear Company enthält heute 80000 Stoffmuster und 60000 Verarbeitungsformeln. Es ist das Herzstück des italienischen Modeunternehmens, das im letzten Jahr rund hundert Millionen Mark umsetzte, 113 Mitarbeiter beschäftigte und sich eine experimentelle Färberei und Testlabors leistet. Carlo Rivetti ist ein Forscher, der mit Leidenschaft über Verarbeitungsmethoden und Färbetechniken erzählt. Entdecken ist Teil der Markenidentität.

"Forschen ist der kreative Drang, der auch auf Schnitt und Funktionalität unserer Kleidung überspringt", sagt Sabina und meint Jacken mit integrierten Anti-Smog-Masken, Rucksäcke mit bis zu 15 Taschen, Lärmschutzmützen oder die Kollektion "I Trasformabili". "Trasformabile" heißt wandelbar, dementsprechend lässt sich ein Regenmantel zu einem Zelt umfunktionieren, wird ein Cape zur Hängematte oder kann ein Parka zu einem Sessel aufgeblasen werden. Ziel dieser Kollektion war "eine Vision von Freiheit". Das imponierte vor allem Ausstellungsmachern. "I Trasformabili" landete im Museum, zuerst in Paris, dann in New York und in Wien.

Auf der Konferenz für Wearable Computers an der ETH Zürich Anfang Oktober war Carlo Rivetti dann auch der Einzige, der beim Thema "Computer zum Anziehen" den Faktor Bequemlichkeit ansprach. Die Freaks, die dort verkabelt mit umgeschnallten Notebooks, Mini-Bildschirmen an der Brille und klotzigen Armbandtastaturen zuhörten, wussten, was Rivetti meinte. "Technik ist kalt, Kleidung muss schön und angenehm sein", war seine Botschaft. Hoffentlich haben die Rivettis zu Hightech weiterhin zündende Ideen. Derzeit experimentieren sie mit Glasfasern und Solarzellen. Doch auch hier gilt der Grundsatz: "Gut Ding braucht Weile."