Familienfoto (Ausschnitt)

Was war das für ein Jahr! "Das war ein fürchterliches Jahr", sagt Sibylle, die gern übertreibt. "Das war ein Jahr des Todes", sagt Detlef, dessen Antworten immer wohl überlegt sind. " Das war ein schlechtes Jahr, aber die Jahre davor waren auch nicht besser, vielleicht gewöhnen wir uns irgendwann daran", sagt Karin, die sehr erschöpft ist, weil sie gerade ihre Diplomarbeit schreibt. " Das war ein Zen-Jahr", sagt Andy, der mal wieder eine andere Antwort gibt als erwartet. Doch in einem sind sich alle einig: Es war jedenfalls kein gutes Jahr.




Ich kenne nur eine Person, für die in diesem Jahr alles prima lief: Patrick. Anfang des Jahres bekamen der sanfte Künstler und seine liebste Frauke eine Tochter, und so beschloss er, seine Karriere als Maler, Illustrator und Kinderbuchautor abzubrechen, um fortan in einem Call-Center das Überleben von Frau und Kind zu sichern. Nun aber kann er seinen Job als professioneller Abwimmler aufgeben, denn als Zeichner verdient er genug: Er hat Sibylle Bergs neues Buch "Das Unerfreuliche zuerst" illustriert, Werbeagenturen haben ihn entdeckt, außerdem zeichnet er einmal im Monat das Bild, das rechts neben dieser Kolumne steht. Tochter Johanna ist inzwischen kleinkindgroß, krabbelt herum, zeigt wichtig auf Sachen und lacht, dass wir uns freuen. Selbst Frauke, die sich oft Sorgen macht und jetzt, mit Kind, erst recht, ist glücklich.

Das ist schön zu sehen, denn tatsächlich hat Detlef Recht: Es war ein Jahr des Todes. Ich spreche hier nicht nur von den Toten aus den Nachrichten, vom WTC, dem Krieg in Afghanistan, dieser Anhäufung von Flugzeugunglücken. Ich meine die vielen Menschen um mich herum, die Freunde, Eltern, Verwandte verloren haben. Aber auch die, die versuchten, sich selbst zu verlieren, einer besonders, der mir sehr am Herzen liegt, dessen Namen ich hier nicht nennen werde, aber ich bin froh, dass er überlebt hat. Und dann die Künstler. Am schwersten traf mich der Tod von John Hartford, einem Songwriter, dessen Lieder wie geschmolzene Poesie dahinfließen. Ebba, die Musik mehr liebt als alle, die ich kenne (und das will was heißen), war ebenso geschockt, wie Detlef, der John Hartford mal in den USA getroffen hatte. Als einige Monate später die R&B-Sängerin Aaliyah ums Leben kam (bei einem Flugzeugabsturz!), nahm uns das nicht so mit - sie gehörte eben nicht zur Familie. Aber immerhin: Sie hatte eine.

Schön ist im HipHop und R & B, dass sich jeder seine Familie oder, wie es im HipHop-Slang heißt, seine Posse selbst aussuchen kann. Zu Aaliyahs Posse gehörten unter anderen R&B-Star Missy Elliott und der Produzent Timbaland. Sie lebten (und leben weiterhin, denn ein Mitglied mag sterben, aber nicht die Familie) als eine Gruppe, in der persönliche Beziehungen und musikalische Kooperationen untrennbar miteinander verbunden sind. Man kann die Gruppenstruktur in der Musik hören, in den Gastauftritten, die reihum auf den CDs von Freunden und Kollegen stattfinden. Aber auch in der Klangstruktur selbst: Während im Popsong die Melodie die Führung übernimmt, quasi eine einzige Geschichte erzählt wird, meist in Form des Gesangs, und die anderen Instrumente das Thema begleiten, gibt es im R&B oft mindestens zwei Geschichten: die der Melodie und die des Rhythmus, die miteinander sprechen, so wie es eine Sängerin und ihr Gastsänger machen, die aufeinander eingehen, aber unabhängig bleiben, ihr Ziel nicht Konsens, sondern Verständigung ist.

Das ist gut, ich würde sogar sagen, das ist die Zukunft, denn wenn man einander versteht, versteht man auch die Welt besser. Ich stelle zum Beispiel immer wieder fest, dass ich kaum jemanden kenne, der die in den Medien als gesellschaftlichen Konsens verkauften Ideologien teilt. Ich weiß von niemandem, der den Krieg in Afghanistan gut findet (obwohl alle sowohl die Terroristen als auch das Regime der Taliban ablehnen), was aber keinen verwundert: Ich kenne auch niemanden, der sich von der Regierung vertreten fühlt. Aber daran haben wir uns gewöhnt, das Modell der Politik scheint immer gleich: erst sich wählen lassen und dann ungestört vom Volk und ehemaligen Versprechen tun, was man will. Die Medien hingegen irritieren uns immer noch. Martina, die auch schreibt und früher gern Illustrierte gelesen hat, findet den ganzen Blödsinn, Stars, Trends und Dinge, die keiner braucht, "unfassbar". Natürlich wissen wir theoretisch, dass auch die Medien, wie fast alles, was nicht funktioniert, von alten Männern beherrscht werden. Was wir trotzdem nicht verstehen; Wieso glauben so viele Menschen alles, was gedruckt oder gesendet wird? Es sind doch nur Meinungen, Ansichten, im besten Fall Fragmente der Wahrheit. So wie dieser Text: alles subjektiv.

Die andere Karin, die gerade mit ihrem Sohn nach Hamburg gezogen ist, hat bei dieser Gelegenheit den Fernseher abgeschafft. Sie ist froh, und sie ist damit nicht allein: Auf Fernseher können inzwischen viele verzichten. Insofern hat Andy Recht, wenn er sagt: "Es war ein Jahr, in dem man sich entscheiden musste, was einem wichtig ist, was man tun will und was nicht." Andy ist ein musikalisches Genie, er lebt in Cambridge und macht als Nächstes eine CD mit höchstens hundert Stück Auflage, für Freunde und Bekannte. Geld muss er damit nicht verdienen, er gibt Musikkurse und arbeitet in einem Bioladen, das reicht.

Wie er haben sich viele entschieden: Ebba spielt nach zwei Jahren Pause wieder mit ihrem alten Partner Jakobus in der Gruppe "Ja König Ja", Detlef hatte ihre vorige CD "Tiefsee" auf seinem eigenen Label veröffentlicht und damit amtlich Geld verloren. Doch ich bin sicher, dass er das gern noch mal macht, besonders, da die Band die beste Popmusik Deutschlands macht und der Erfolg irgendwann kommen muss. Sibylle will ernster werden, politischer und wirbt für Attac, eine lose Verbindung von globalisierungskritischen Initiativen. Und ich schreibe mal wieder ein Buch, das dann niemand veröffentlichen will und streite mich mit Wolf Lotter über Attac. Vor allem aber mache ich weiter, was ich hier tue, zusammen mit der brand eins-Familie. Da ist viel zu tun, manchmal ist es schwierig - aber nicht für alle.