Ersatzteillager Mensch

Wer nichts mehr zu verkaufen hat, kann immer noch seinen Körper verkaufen – notfalls auch in Einzelteilen. Die Transplantationsmedizin und der teilweise kriminelle globale Handel mit Organen machen es möglich.




Geschichten über Organraub sind aus allen Erdteilen bekannt. In den achtziger Jahren wollten Slum-Bewohner in Guatemala und Brasilien Lieferwagen gesehen haben, die im Auftrag reicher Amerikaner und Japaner herumlungernde Kinder auflasen und sie später ohne Herz, Lunge, Leber, Nieren und Augen am Straßenrand abluden. Wie ein Buschfeuer verbreitete sich die urbane Legende, bis sie in den Neunzigern Nordamerika und Europa erreichte, wo sie als eMail-Kettenbrief zirkulierte. Entstanden war der Mythos in der Zeit der Militärregimes und Bürgerkriege in Mittel- und Südamerika, in der Entführungen, Verstümmelungen und ungeklärte Todesfälle zum Alltag gehörten: Während der Militärdiktatur in Argentinien von 1976 bis 1983 wurden Kinder von inhaftierten Dissidenten an politisch loyale Familien übergeben. Und in Brasilien unter General Joao Batista Figueiredo erhielten verdienstvolle Bürger, die auf eine Organspende angewiesen waren, Nieren oder Lebern von gefolterten Regimegegnern.

Mittlerweile hat die medizintechnische Entwicklung dazu gerührt, dass Transplantationen zu Routine-Angelegenheiten und Organe Mangelware geworden sind. Immer mehr Lebende trennen sich von Organen: 2000 spendeten 346 Deutsche eine ihrer Nieren, 90 gaben 80 Prozent ihrer Leber ab. Der deutsche Gesetzgeber will sicherstellen, dass Lebendspender ihre Organe freiwillig hergeben, Bezahlung oder moralische Verpflichtungen sollen ausgeschlossen sein. Doch dank der ständig wachsenden Nachfrage seit den frühen Achtzigern ist ein weltweiter kommerzieller Markt für Organe und Gewebe entstanden.

Im Auftrag einer interdisziplinären Arbeitsgruppe, der Bellagio Task Force on Organ Transplantation, erforschte die Anthropologin Nancy Scheper-Hughes die Transplantationspraxis in Brasilien, Indien, China und Südafrika - Brennpunkte des globalen Organgeschäfts. Ihre Feldforschung in Leichenhallen, Gefängnissen, Krankenhäusern und Slums förderte ethisch oft fragwürdige und kriminelle Praktiken zutage.

Der Organhandel verläuft entlang gängiger sozialer und wirtschaftlicher Kluften: Eingepackt in Kühlboxen und im Handgepäckfach verstaut, reisen gesunde Organe von Süd nach Nord, von Frau zu Mann, von Schwarz zu Weiß. Frauen und Farbige haben in Europa und den USA nur zwei Drittel der Chancen weißer Männer, ein neues Organ zu bekommen. Im Kapstädter Grooter-Schuur-Krankenhaus, wo Christiaan Barnard 1967 das erste Menschenherz verpflanzte, waren bis Mitte der Neunziger 85 Prozent aller Herzempfänger weiße Männer. Kein Wunder, dass sich viele schwarze Südafrikaner kritisch über Transplantationsmedizin äußern, zumal sie wissen, dass während der Apartheid routinemäßig schwarze Leichen aus Leichenhallen verschwanden und ausgeschlachtet wurden.

Das System der Organverteilung ist in vielen Ländern korrupt. In Brasilien bietet das zweistufige Gesundheitssystem - eine kostenlose, von allen verachtete Grundversorgung und ein boomender privater Krankenhausbereich - ideale Bedingungen für Bestechungen. Organe gibt es viele, denn per Gesetz können jedem toten Brasilianer Organe entnommen werden, es sei denn, er hat es extra anders verfügt. Die Organe landen im staatlichen Krankenhaus, in dem ein medizinisches Team für eine Leberverpflanzung um die 35 000 Dollar erhält, oder im privaten, wo es dafür bis zu 300 000 Dollar gibt.

Weltweit verändert die Transplantationsmedizin die Vorstellungen von körperlicher Integrität. Im inneren Nordosten Brasiliens wurde bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein amputierter Fuß von einer Prozession begleitet und zeremoniell begraben. Schon 20 Jahre später boten Familienväter in Lokalzeitungen ihre zweite Niere zum Verkauf an. In Indien, dem Organbasar der Welt, gilt der Verkauf einer Niere unter armen Leuten heute fast als respektabel. Um ihre Töchter mit einer guten Mitgift auszustatten, verkaufen Eltern eine Niere für 2000 Dollar an Patienten aus den Golfstaaten. Das neu entdeckte Kapital hat die Mitgift, eine schon im Rückzug befindliche Praxis, wiederbelebt. Innerhalb kurzer Zeit ist aus dem unantastbaren Körper ein Ersatzteilkasten geworden. Weltweit lässt sich dabei die Tendenz beobachten, dass vermeintlich unproduktive Familienmitglieder als Spender ausgewählt werden. Meist fällt die Wahl auf Frauen.

Die Rede vom "Spender" und " Lebensretter" suggeriert Freiwilligkeit. Doch wie frei ist die Wahl in einem chinesischen Gefängnis? Dort scheint es zur Tagesordnung zu gehören, dass Hingerichteten Nieren, Hornhäute, Lebergewebe und Herzventile entnommen werden. Einige gehen an politisch gut verdrahtete Chinesen, die Mehrzahl wird für bis zu 30000 Dollar pro Organ an Patienten in Hongkong, Singapur oder Taiwan verkauft. Amnesty International und Human Rights Watch gehen davon aus, dass hinter der neuen Anti-Verbrechenskampagne der Volksrepublik die wachsende Nachfrage nach Organen steckt: 1996 wurden etwa 4500 Gefangene hingerichtet, darunter Steuerhinterzieher und Diebe. Man weiß von Gefangenen, die pünktlich zum Operationstermin starben: Ihr Herz ging an Japaner.

Organisationen wie Eurotransplant klagen über einen akuten Organmangel, aber viele Ärzte auf der südlichen Halbkugel können darüber nur den Kopf schütteln: An gesunden Organen fehlt es ihnen nicht, wohl aber an Experten, Transportmöglichkeiten und Geräten. Der Mangel wird durch die Konkurrenz zwischen staatlichen und privaten Krankenhäusern noch verschärft. Viele Ärzte werfen intakte Organe lieber weg, als sie der Konkurrenz zu geben. Für sie gibt es nicht zu wenig Organe, sondern nur zu wenig zahlungskräftige Patienten.