Entlassen, aber nicht ohne Arbeit

Statt ihnen einen blauen Brief zu überreichen, schickt Cisco Mitarbeiter ins Obdachlosenheim oder zur Lebensmittel-Hilfe. Wenn alles gut läuft, dürfen sie vielleicht in die Firma zurückkehren. Ein amerikanisches Wohlfahrtsexperiment.




Tam Do Der Ort hat etwas Symbolisches. Gleich neben der Autobahnausfahrt glitzert ein grüner Glaspalast in der kalifornischen Sonne. Er gehört der Firma Metricom, einem Internet-Provider, der im Sommer Konkurs anmeldete. Zwei Blocks weiter, gleich gegenüber der Montgomery Street, steht das Compaq Center, San Joses große Sport- und Konzerthalle - benannt nach dem einst größten und mächtigsten PC-Hersteller. Heute muss der einstige Star der Branche froh sein, wenn die Aktionäre des ebenfalls gebeutelten Industrie-Veteranen Hewlett-Packard einer Vernunftehe zustimmen.

In der Montgomery Street pfeift man das Lied vom Tod.

Zwischen Autowerkstätten, Lagerhallen und einem Schrottplatz steht ein Obdachlosenheim mit 85 Betten. Im Hof bilden die Bedürftigen zur Mittagszeit eine Schlange vor der Essenausgabe. Rechts neben der Theke befindet sich eine Tür mit der Aufschrift "Computer Lab" . Nach dem Lunch schließt Tam Do die Tür auf. Den Nachmittag über wird er den Mittellosen und Gestrandeten von San Jose erklären, was ein PC ist, wie man damit ins Internet gelangt, auf Jobsuche geht, ein Bewerbungsschreiben verfasst. Zwölf Maschinen stehen in dem kleinen Raum. Bis Tam Do die Tür am frühen Abend wieder abschließt, ist das Computer Lab ausgebucht.

Tam Do ist neu hier, seine Schüler nennt er Clients, Kunden. Bis vor kurzem sprach er von Clients gewöhnlich nur im Zusammenhang mit Rechnern, die über eine Leitung an einen Server angeschlossen sind. Bis vor kurzem war Tam Do nicht bloß Computer Lab Manager im Obdachlosenheim, sondern als Ingenieur bei San Joses größtem Arbeitgeber, dem Netzwerkausrüster Cisco, beschäftigt - für 4500 Dollar im Monat plus Aktienoptionen und Krankenversicherung.

Dann kam die Stagnation im Valley. Und plötzlich wackelte sogar Cisco, nach 16 Jahren ungebremsten Wachstums. Ein drastischer Auftragsrückgang sorgte dafür, dass der Konzern 2,5 Milliarden Dollar Lagerbestand abschreiben und erstmals eine Quartalsbilanz in roter Tinte verfassen musste. 8500 der weltweit 44000 Beschäftigten wurden bis jetzt entlassen. Tam Do war einer von ihnen. Doch für Leute wie ihn, die eigentlich zu wertvoll sind, um sie mir nichts, dir nichts auf die Straße zu setzen, spannte Cisco ein ungewöhnliches Sicherheitsnetz auf: das Community Fellowship Program.

80 entlassene Ingenieure, Finanzexperten und Verkaufskanonen entschieden sich für die Teilnahme an dem Programm. Ein Jahr lang - bis zum Sommer 2002 - arbeiten sie für wohltätige Organisationen. Während dieser zwölf Monate zahlt Cisco ihnen ein Drittel ihres bisherigen Gehalts sowie Kranken- und Sozialversicherung. Die Fellows sind auf dem Papier weiterhin Ciscos Angestellte. Sie behalten ihre Aktienoptionen, ihre Werksausweise, Firmen-Notebooks, eMail-Adressen sowie die Zugangsberechtigung zu Ciscos Intranet, Cafeteria und Fitness-Studio. Doch sie arbeiten in der Wohlfahrt. Am Ende dieses unfreiwilligen sozialen Jahres erhalten sie zwei weitere Monatsgehälter extra sowie die Chance, ins Unternehmen zurückzukehren - vorausgesetzt die Auftragsbücher haben sich bis dahin wieder gefüllt.

Tam Do kam 1979 als Flüchtling aus Vietnam in die USA. Damals war er 23 Jahre alt. "Anfangs erhielt ich viel Hilfe vom Staat", erinnert er sich. Er machte seinen Diplom-Ingenieur und während der neunziger Jahre genug Geld, um heute von seinen Ersparnissen zu leben. Mit den 1500 Dollar, die Cisco ihm zurzeit monatlich überweist, könnte er seine Familie im Hochteuerland Kalifornien nicht ernähren. Tam Do ist sich sicher: "Selbst in der derzeitigen Krise würde ich innerhalb weniger Wochen einen Job bei einer anderen Hightech-Firma finden." Doch er wolle lieber ein Jahr lang Sozialarbeit leisten. "It's payback time", sagt er, "ich bin dieser Gesellschaft noch etwas schuldig." Sandra Nicht alle Fellows denken so. Sandra Hodgin hofft, dass sie im nächsten Sommer an ihren alten Schreibtisch zurückkehren kann. Erst zwei Monate vor ihrer Entlassung war sie befördert worden, wechselte vom Rechnungswesen in die Abteilung Corporate Financial Reporting, den engsten Zirkel um Ciscos Finanzvorstand. Ein hübscher Karrieresprung für eine 26-jährige Buchhalterin mit vier Jahren Berufserfahrung.

Nun arbeitet sie in der Zentrale von Inn Vision, jener Hilfsorganisation, die das Heim in der Montgomery Street betreibt. Ein "ziemliches Durcheinander" habe sie dort an ihrem ersten Arbeitstag vorgefunden, seufzt sie, ein Chaos, das den Bestand der Hilfsorganisation gefährdete. Damit ist jetzt Schluss, verspricht Sandra Hodgin. Neue PCs und Finanz-Software hat sie bereits organisiert (eine Spende von Cisco), Rechnungsprüfung und Steuerkram laufen demnächst automatisch, jeder Abteilung hat sie einen eigenen Etat zugewiesen. Hodgins Ziel: Wenn sie Inn Vision nach zwölf Monaten verlässt, soll der Laden so effizient arbeiten wie ein Unternehmen. Das wird bestimmt auch ihren einstigen Vorgesetzten auffallen. Für diesen Traum begnügt Sandra Hodgin sich mit 1400 Dollar im Monat. Sie hat ihre Eigentumswohnung vermietet und ist wieder bei ihren Eltern eingezogen.

Evan Evan Miller war mal Millionär. Jedenfalls auf dem Papier. Doch der Börsen-Crash hat seine Optionsscheine ganz schön entwertet. Von seinen 105000 Dollar Jahresgehalt kann der 46-Jährige heute nur noch träumen. Nun modernisiert er zusammen mit fünf anderen Entlassenen die Hard- und Software von Second Harvest, einer der größten gemeinnützigen Organisationen im Silicon Valley. Die Food Bank sammelt jährlich rund 11000 Tonnen an Lebensmittelspenden aus Industrie, Einzelhandel und Gastronomie und verteilt sie an Bedürftige zwischen San Jose und San Francisco. Mehr als 120000 Obdachlose, Sozialrentner und einkommensschwache Familien beliefern die Second-Harvest-Laster im Monat. Das erfordert den Aufwand eines mittelgroßen Logistik-Unternehmens. Miller und die anderen fünf Cisco-Fellows tüfteln ein Software-Paket aus, das alle Vorgänge von der Spendensammlung über Transport und Lagerung bis zur Auslieferung steuert und überwacht. "Das hier ist ein ziemlich guter Hightech-Job", so der ehemalige Test-Ingenieur. "Allerdings ohne das bei Cisco übliche Konkurrenzdenken unter den Kollegen." Wie Sandra Hodgin will auch Evan Miller sich während der zwölf Monate beweisen und dann zurück in die Firma. In der Zwischenzeit genießt er ungewohntes Ansehen im Bekanntenkreis: Zum ersten Mal im Leben geht Miller gern auf Partys. Dort gilt er seit seinem Wechsel zu Second Harvest nicht mehr als langweiliger Computer-Nerd. "Auf einmal interessieren sich die Leute für mich und meine Arbeit", sagt er begeistert.

Mike Für die Fellows ist das Programm ein Rettungsanker in unsicheren Zeiten und eine vage Hoffnung auf Rückkehr in eines der angesehensten Unternehmen Amerikas. Aber was hat Cisco davon? Die Firma zahlt Gehälter, Krankenversicherung und Sozialabgaben für Arbeitnehmer, von denen sie sich eigentlich trennen will. Intern verursacht das Programm zusätzliche Kosten von der Personalabteilung bis zur Kantine. "Für uns ist das ein Experiment", sagt Mike Yutrzenka. Er koordiniert das Programm, hält Kontakt zu den 80 Fellows und ihren neuen Vorgesetzten in rund 20 gemeinnützigen Vereinen. "Senior Manager for Community Investment" nennt er sich. Leute wie Mike Yutrzenka, professionelle Verteiler von Firmenspenden, beschäftigen mittlerweile alle großen US-Konzerne. Denn im Geschäftsbereich Wohltaten sehen sie sich wachsendem Wettbewerb ausgesetzt.

Mehr als elf Milliarden Dollar geben Amerikas Firmen jährlich für den guten Zweck aus - meist nach dem Motto "Tu Gutes und rede darüber". Marktstudien belegen, dass sich soziales Engagement auszahlt: Bei gleicher Qualität bevorzugen zwei Drittel aller US-Verbraucher ein Produkt, dessen Hersteller eine gemeinnützige Organisation unterstützt. Es gibt viele Wohltäter, und so genannte Cause-Branding-Marketing-Experten kümmern sich um die effektive Paarung von Marke und Mission.

Zum Beispiel finanzierte Coca Cola 1997 eine sechswöchige Kampagne der Mothers Against Drunk Driving gegen Alkohol am Steuer. Während dieses Zeitraums stieg Coca Colas Umsatz in amerikanischen Wal-Mart-Shops um bis zu 490 Prozent. Avon engagiert sich im Kampf gegen Brustkrebs, ein Thema, das die Zielgruppe des Kosmetikkonzerns - Frauen mittleren Alters - besonders interessiert. Und Cisco schärft sein Profil, indem es den Graben zwischen der Hightech-Elite und den Habenichtsen der Informationsgesellschaft ein bisschen schmaler macht.

Das stärkt zudem das Image im eigenen Lager. Seit Anfang 2001 geht im Silicon Valley die Angst vor der Entlassung um. Seinen Beschäftigten signalisiert Cisco jedoch, dass die Firma sie auch im Ernstfall nicht im Stich lässt und sie vor der Arbeitslosigkeit bewahren möchte. Das hebt die Moral der Truppe in der schlechten Zeit und schützt vor Abwerbungen.

Am stärksten motiviert sind natürlich die 80 Fellows. Sie zerreißen sich ein Jahr lang, um wieder in den Schoß des Unternehmens zurückkehren zu dürfen. Wie jeder reguläre Cisco-Mitarbeiter müssen auch sie vierteljährliche Reports verfassen, in denen sie Rechenschaft ablegen über bisher Erreichtes und über selbst gesteckte Ziele für die kommenden Monate. Rankings stufen jeden nach seiner Produktivität ein. Ihre Reports schicken die Fellows an Mike Yutrzenka. Der erwartet, dass sich seine Schützlinge durch besonderen Fleiß auszeichnen und Top-Positionen in den betriebsinternen Ranglisten einnehmen werden.

Das Kalkül: Treten die Fellows wieder in den Dienst der Firma, werden sie ihren Status verteidigen wollen und entsprechend weiterschuften. Vor lauter Dankbarkeit dürfte wohl auch niemand von ihnen jemals zur Konkurrenz abwandern.

Peter 5000 Kilometer von der Firmenzentrale entfernt weist Peter Santis auf einen weiteren Nutzen des Programms hin. "Betrachtet man den allgemeinen Nachfragerückgang, sind einkommensschwache Haushalte auf einmal ein interessanter Markt für Cisco", bemerkt der ehemalige Sales Manager for Latin America. Vor seiner Entlassung leitete Santis von Florida aus ein Team von 16 Verkäufern. Nun stellt er seine Management-Erfahrung in den Dienst von One Economy, einer landesweit aktiven Hilfsorganisation, die Sozialwohnungen mit Internet-Zugängen ausstattet. "Hier in Florida gibt es endlose Reihenhaus-Siedlungen für Arme", berichtet Santis. Sie ans Netz zu bringen ist jetzt sein Job - mit Netzwerk-Equipment von Cisco, versteht sich. Doch das kostet. Also müssen Sponsoren her.

Santis soll ihnen das Engagement schmackhaft machen. Mit folgender Rechnung: Amerikas Unterprivilegierte verfügen jährlich über zusammen 250 Milliarden Dollar. Geld, für das sich kaum ein Konzern interessiert, weil es überwiegend in Form von kleinen Barbeträgen, Lebensmittelgutscheinen und Sozialhilfeschecks zirkuliert. One Economy will diese Kaufkraft über eine Website namens The Beehive bündeln, einer Online-Genossenschaft für Leute, denen Banken keinen Kredit gewähren würden. Wenn aber zehntausende von Kleinkonten via Internet zusammengelegt werden, so das Kalkül, wird die Summe auch für Großbanken, Fondsgesellschaften und Versicherer interessant.

So eilt Santis von einem Meeting zum nächsten, trifft sich mit Finanzmenschen, Telekommuniations-Managern, Bauunternehmern, Politikern und Bewohnern der Sozialbauten. "Das sind Leute, denen allein der Erwerb eines Computers exotisch erscheint", berichtet er. "Aber schon für die Generation ihrer Kinder kann ein Internet-Anschluss den Weg aus der Armut bedeuten." Ein Jahr hat er Zeit, One Economys Vision umzusetzen. Wenn er es schafft, hofft Santis, entsteht eine "Win-Win-Situation" für alle Beteiligten: für Cisco, die Sponsoren, die Bedürftigen und ihn selbst. Denn dann werde Cisco ihm wohl wieder einen richtigen Job anbieten.