Der Satan und die Satten

"Die Klage ist des Kaufmanns Lied." (Volksweisheit) Eine Krise ist eine Krise ist eine Krise. Dazu braucht man nicht unbedingt irre Terroristen. Aber sie schaden auch nicht. Sittenbilder der Rezession.




Wir stecken in der Krise. Schön, rein technisch betrachtet ist das vielleicht nicht ganz richtig, denn die deutsche Wirtschaft wird sich - wie Experten meinen - bis Mitte nächsten Jahres immerhin mit einem Wachstum von 0,7 Prozent fortwursteln.

Das ist nicht viel.

Andererseits reichen 0,7 Prozent Wachstum völlig, um aus hart gesottenen Managern, knallharten Gewerkschaftern und ansonsten brutalst durchgreifenden Arbeitgeberfunktionären weinerliche Memmen zu machen, Jammerlappen, die von jeder Waldorfschule fliegen würden.

Doch halt: Haben sie nicht allen Grund zur Klage? Wurde ihnen nicht durch satanisches Werk soeben der wunderbare Long Boom, der längste Aufschwung in der Geschichte des Kapitalismus, unter dem Hintern weggebombt? Sind die flachen Kurven, die auch noch nach unten zu kippen drohen, nicht das Ergebnis des irren Turban-Terroristen Osama Bin Laden und seiner finsteren Kumpane?

War nicht vor dem 11. September alles in Butter?

Nein, war es nicht.

Die Krise nützt vor allem der alten Wirtschaft, die ihre Fehler wieder mal unter den Teppich der Rezession kehren kann.

Selbstverständlich hat der Terroranschlag von New York Auswirkungen. Auf die Reisewirtschaft etwa, auf Fluggesellschaften, die von verängstigten Passagieren gemieden werden, auf das Kaufverhalten einiger Konsumenten, die ihr Geld lieber im Sparstrumpf horten, statt es den irren Fundamentalisten und West-Hassern mit klingender Münze heimzuzahlen: Konsum bedeutet Prosperität für den Westen. Das aber stützt das liberale System des Marktes und, nicht zu vergessen, die Demokratien, die durch diesen Markt und den Wohlstand, den er schafft, erst funktionieren. Gute Diktaturen sind arm. Gute Demokratien reich. Brot statt Bomben - das funktioniert selten. Prosperität statt Bomben immer. Also: kauft.

Aber das ist nur der Anfang. Es geht auch darum, die Ausreden all jener zu durchschauen, denen der wahnwitzige fundamentalistische Terror als Feigenblatt gerade recht kommt.

Lange vor den Anschlägen in Washington und New York haben sich Fluggesellschaften durch unkluge Manöver in die Krise gesteuert. Überkapazitäten, Preiskämpfe, sinnlose Fusionen und ebenso sinnloses Festhalten an nationalen Fluggesellschaften aus Prestigegründen haben mit politischem Terror nichts zu tun. Wenn es so wäre, dann müssten Jürgen Weber und andere Airline-Bosse geheime Videos erhalten haben, die rückwärts abgespielt diabolische Nachrichten preisgeben, etwa so: "Fliegt wie die Verrückten, betreibt Dumping, fusioniert, als ob es kein Morgen gäbe, guckt nicht auf die Erträge, denn das ist Allahs Wille." Richtiggehend erfrischend finden wir, dass die Bannerträger der so genannten Old Economy, die Banken, sich ihren Teil am Rechtfertigungskuchen des Terrors abholen. Es war, bei allem Respekt, nicht die Taliban-Regierung, die sich im Privatkundengeschäft um einige Milliarden verschätzt hat, sondern Ralf Breuer. Dass die Banken den Privatkundenbereich sukzessive auflösen, ist schon seit Jahren kein Geheimnis mehr. Dass sie die notwendigen Restrukturierungen verzögerten, weil ihnen der Boom am Neuen Markt fette Gewinne bescherte, geschah nicht auf ausdrücklichen Wunsch der Taliban.

Doch da ließen sich die alten Machthaber in den letzten Monaten lieber als Retter der Volkswirtschaften preisen - die von den wirren neuen Wirtschaftern in die Krise geritten worden war. Oder war es nicht anders? Haben die Banken nicht ohne Plan und Vernunft viel zu viel Geld in riskante Unternehmen gesteckt? Will sich daran noch jemand erinnern?

Nicht doch. Ebenso wenig wie an den Umstand, dass die Flaute Land und Leute unvorbereitet trifft. Die wichtigste Tugend der New Economy, die Leute zu mehr Selbstständigkeit zu erziehen, wurde von den Alt-Wirtschaftlern nie ernst genommen, von der Politik sogar hintertrieben. Wer Unselbstständigkeit sät, wird Sozialhilfeempfänger ernten.

Im Gejammer um die Krise wird die berechtigte Hoffnung übertönt - ein Werk der Satten, nicht Satans.

Bei all dem liegt der Verdacht nahe, dass das Krisengezeter genutzt wird, um staatliche Töpfe anzubohren, Steuersenkungen rauszuleiern, sinnlose Beschäftigungsprogramme zu starten und Subventionen abzugreifen. Kein Wunder, dass bei all dem Getöse die gar nicht so schlechten Meldungen aus den wichtigsten Wirtschaftsbereichen übertönt werden. Deutsche Automobilbauer haben ein Rekordjahr hinter sich - ein Verkaufsboom in den USA, der auch nach dem 11. September nicht zusammenbrach. Und wo weniger geflogen wird, freuen sich die Telekom-Unternehmen über mehr Gebühreneinnahmen. Firmen, die den Long Boom hochgezogen haben, Computer, Biotech- und Internet-Unternehmen, sind keineswegs allesamt zum brutalen Absturz verurteilt. Die weltweite Informationstechnologie-Branche verzeichnet Zuwächse von "nur" 7,5 Prozent im Jahr. Zweistelliges Wachstum wird es nicht mehr geben. Die Erklärung ist einfach: Der Sättigungsgrad bei PCs und Internet ist in den westlichen Industrieländern erreicht. Ist eine Industrie, die unter diesen Bedingungen um 7,5 Prozent wächst, schlecht? Ist das zu wenig für die Normalität? Wer mehr will, muss sich auch mehr anstrengen. Doch mit großen Sprüchen und digitalen Spielereien ohne Nutzwert, Produkten, die kundenfern und bestenfalls pseudo-innovativ sind, werden keine Wachstumsrevolutionen erzielt.

Dahinter steckt kein teuflischer Plan, sondern bloß ein Mangel an Innovationskraft, Ideen und Realitätssinn, Trägheit und ein Maß an politischem Kalkül: Wenn's brennt, löscht der Staat.

So denkt nicht der Satan. So denken die Satten.