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Der Missionar

Es gibt wichtigere Dinge im Leben, als Märkte zu erobern, Umsatz und Profit zu steigern, findet Daniel Preuß. Der IT-Manager hat ein Hilfsprojekt in Tansania gegründet – aus sehr persönlichen Gründen.




An einem tropischen Abend im Dezember 1999 nimmt, scheinbar zufällig, das Leben von Daniel Preuß eine neue Wendung. Er ist mal wieder in Tansania im Urlaub; ein deutscher Bauunternehmer hat ihn zu einer Gartenparty in sein Haus in der Nähe von Dar-es-Salaam eingeladen. Man nimmt einen Sundowner, plaudert, im Hintergrund rauscht der Indische Ozean - Afrika von der Schokoladenseite. Preuß ist ganz entspannt: ein erfolgreicher Manager, unabhängig, ohne Geldsorgen mit sympathischem Jungengesicht und einer Statur wie Gerard Depardieu.

Eine Afrikanerin spricht Preuß an. Consulata Lifa, die als Sozialarbeiterin in einem Hilfsprojekt für Aids-Kranke arbeitet, kann gut Deutsch. Sie reden über die andere Seite Tansanias: die Armut, das Elend, vor allem der Kinder. Ob Preuß nicht etwas für das Land tun wolle? Es gebe so viele Waisen, um die sich niemand kümmere. Wie wäre es, ein Haus für ein paar von ihnen einzurichten? Dieser Vorschlag ist nicht ganz uneigennützig, denn auch die Akademikerin Consulata Lifa lebt wie viele ihrer Altersgenossinnen mit Mitte 20 noch bei ihren Eltern und möchte als Betreuerin gleich mit in das Kinderhaus ziehen.

Ein ganz neues Abenteuer für Preuß: Mit 38 übernimmt er zum ersten Mal Verantwortung für etwas wirklich Wichtiges.

Preuß denkt eine Nacht über den Vorschlag nach und sagt dann zu: "Ich hatte ein gutes Bauchgefühl." Sich spontan zu entscheiden, das ist nichts Ungewöhnliches für ihn, er hat schon viel ausprobiert. Neu ist, dass er sich auf ein Abenteuer einlässt, aus dem er nicht mehr einfach so aussteigen kann. Heute gibt es fünf Kinder, die in Dar-es-Salaam in einem Haus leben, das er gemietet hat. Kinder aus Verhältnissen, die sich hier zu Lande kaum jemand vorstellen mag, deren Eltern entweder bereits an Aids gestorben sind oder die nicht mehr in der Lage sind, sich um sie zu kümmern. Betreut werden sie von Consulata Lifa, genannt Conny, und zwei Hausmädchen.

Zusammen mit seiner Freundin und deren Neufundländer lebt Daniel Preuß in einem Dorf nicht weit von Frankfurt. Sie sind stilsicher, aber nicht ungemütlich eingerichtet. Im Wohn- und Arbeitszimmer steht eine schöne afrikanische Schnitzarbeit; am Schrank neben dem Schreibtisch hängt ein Plakat, das an ein Verkehrsschild erinnert. Es ist das Logo von "Streetkids International", dem Verein, den Preuß in Deutschland und auch gleich in den USA gegründet hat, weil die ein gutes Pflaster für Fundraising seien. Er ist Präsident, Motor, PR-Mann des Projekts. Die sieben nötigen Vereinsmitglieder hat er in Windeseile geworben, darunter auch sein Zahnarzt - ein Doktor macht sich immer gut im Briefkopf.

Zehn weitere Unterstützer gibt es, und dank Preuß' Eifer werden es immer mehr. Menschen zu überzeugen, das hat er früh gelernt. Einen seiner ersten Jobs nennt er "Baggerer" für Marktforschungsunternehmen, er hat Leute auf der Straße angesprochen und sie überredet, Fragebögen auszufüllen. So entstand auch die Idee für seine erste Firma, die er als 22-Jähriger gründete: das Institut für Marktforschung und Feldorganisation, ein Ein-Mann-Unternehmen, das mit Hilfe von ein paar Freelancern und "einer guten Adress-Datei", wie er augenzwinkernd bemerkt, zügig Studien abwickelte.

Heute ist er 38 und arbeitet als Interimsmanager für verschiedene Unternehmen in der IT-Branche. Ein aufreibender Job, aber für Preuß nur noch Nebensache. Er sagt: "Das erste Mal im meinem Leben habe ich für etwas wirklich Wichtiges Verantwortung." Für eine Handvoll Kinder, ein paar tausend Kilometer entfernt. Preuß hat keine große Organisation im Rücken, keinen Zugriff auf öffentliche Mittel, keinen kurzen Draht zur deutschen oder tansanischen Regierung. Der Verein " Streetkids" ist im Grunde ein sehr gewagtes Start-up - ohne Risikokapital und Bankbürgschaft. Mittlerweile steckten mehr als 30000 Euro an eigenem Geld in dem Projekt, sagt Preuß. Und wenn etwas Unvorhergesehenes passiert? Dann fahre er notfalls bei UPS Pakete aus, um seine Kinder durchzubringen.

Warum macht jemand, der das Leben einfach genießen könnte, so etwas?

Preuß zeigt einen Videofilm, den er bei seinem letzten Besuch im Oktober in Tansania gedreht hat. Er kam unangemeldet, "weil es ganz gut ist, wenn Afrikaner merken, dass jemand sie kontrolliert". Auf dem Bildschirm ist das Haus zu sehen; Conny Lifa und die Kinder, die Geschenke auspacken, lachend Klamotten anprobieren; man sieht einen Jungen beim Ballspielen; die ganze Familie beim Kochen und Essen, beim Toben am Strand. Fünf Kinder, die jeden Tag in die Schule gehen, satt werden und jemanden haben, der sie in den Arm nimmt; all das ist nicht selbstverständlich in Dar-es-Salaam.

Tansania als Entwicklungsland für die Persönlichkeit eines Mannes, der weit weg ist vom Klischee des Samariters.

Spätestens nach dem ersten Besuch im Kinderhaus sei jeder Zweifel an dem Projekt beseitigt gewesen, sagt Preuß' Freundin Kordula Stöltje, die in der Werbung arbeitet. Und dann redet die 31-Jährige ganz kühl über ihren Job: "Man rennt von einem Meeting ins nächste, wo wichtige Leute über wichtige Dinge reden -die so gar nichts mit dem richtigen Leben zu tun haben." Gerade in der Werbung würden Banalitäten hochgepusht - " irgendwann stellt sich da die Sinnfrage".

In einem Artikel, den ein befreundeter Werbetexter in der Vereinsbroschüre über Preuß geschrieben hat, zitiert er ihn mit dem Satz: "Tansania ist ein Entwicklungsland für meine Persönlichkeit." Jeder Besuch dort sei wie eine Energiespritze für ihn, sagt der Streetkids-Präsident. Und dann wechselt er den Ton und preist, professionell wie ein Vertriebsmann, der er lange war, die Vorzüge der Kinderhaus-Idee: einfach und deshalb effektiv, von Einheimischen zu managen, ohne großen "Overhead" wie bei anderen Hilfsorganisationen. Nicht mehr als zehn Prozent der Spenden sollen für Verwaltung ausgegeben werden.

Er kann, leicht berlinernd, reden wie ein Wasserfall. Das Haus in Tansania ist für ihn eine Mikrozelle, die multipliziert werden kann, eigentlich nur der Proof of Concept. Viele solcher Projekte sollen entstehen, nicht nur in Tansania. Preuß rechnet vor, dass die Versorgung von sogar acht Kindern dort nicht mehr als rund 10 000 Euro pro Jahr kostet, inklusive Miete, Verpflegung, ärztlicher Versorgung, Schulgeld und Lohn für die einheimischen Betreuer. Eine Summe, die in wohlhabenden Ländern nicht wenige Doppelverdiener allein für den Jahresurlaub ausgeben.

Die Idee: Wohltätigkeits-Tourismus. Wer sich für das Kinderhaus engagiert, kann das Gute und das Schöne verbinden.

Preuß weiß, dass die Gesetze des Marktes auch für Wohltätigkeit - er sagt "Charity" - gelten. Wen er auch trifft, den spricht er auf sein Projekt an; Paten werden gesucht, die monatlich einen kleinen Betrag spenden, vor allem aber Firmen, die helfen sollen, viele neue Kinderhäuser zu gründen. Ihnen stellt Preuß einen hübschen "Return" in Aussicht: " Image-Gewinn" und mögliche "Incentives" für Mitarbeiter. Die könnten (statt nach Sylt) für ein paar Tage nach Ostafrika fliegen, dort sehen, was ihre Firma Gutes tut, selbst mit anpacken. Und im Anschluss gleich noch ein paar touristische Highlights wie Sansibar oder den Kilimandscharo mitnehmen.

In einer Szene des Videofilms fährt Preuß mit dem Auto durch die Hafenstadt Dar-es-Salaam, auf dem Weg zu einem Kind, das vielleicht in das Haus aufgenommen werden soll. Dazu kommt es dann aber nicht, weil es dem Kind, so schrecklich das klinge, noch nicht schlecht genug gehe, sagt Preuß. In Frage kämen nur Kinder, die wirklich niemanden mehr hätten. Und die HIV-negativ seien. " Man kann das Selektion nennen, aber HIV-positive Kinder aufzunehmen würde uns überfordern." Vielleicht sind zum Tode verurteilte Kinder selbst für einen chronischen Optimisten wie ihn zu viel.

Dieser Mann ist irritierend weit entfernt vom Klischee des selbstlosen Entwicklungshelfers. Und es scheint reiner Zufall zu sein, dass er nun die Herzen von Spendern erobern will statt Märkte. Zufall?

Daniel Preuß wächst in einem strengen protestantisch-freikirchlichen Elternhaus auf; sein Vater ist Pastor und christlicher Fundamentalist. Ein Mann, für den der Fernseher eine Teufelskiste ist und der seine vier Kinder nach der Devise erzieht: Wen Gott liebt, den züchtigt er. Nach jedem Mittagessen gibt es eine Andacht und regelmäßige Aussprachen, die den Charakter von Beichten haben.

Der Vater hat nicht viel Zeit für seine Kinder, die Mission geht vor. Als Daniel acht ist, zieht die Familie von Berlin nach Heidelberg, wo Preuß senior neben seiner Gemeinde ein Therapie-und Resozialisierungszentrum für Drogenabhängige einrichtet ("Wir haben ihm den Shit, den er bei seinen Schützlingen konfisziert hatte, aus dem Schreibtisch geklaut."). Auf Wunsch des Vaters, der auf Hilfe in Haus und Gemeinde hofft, macht der Sohn eine Lehre als Gas- und Wasserinstallateur und Feinblechner, die er aber wegen einer Metallstaub-Allergie abbricht.

In Verhältnissen wie diesen gibt es zwei Möglichkeiten: Unterordnung oder Flucht. Daniel Preuß entscheidet sich für das Risiko. Mit 16 haut er endgültig von zu Hause ab, nimmt keinen Pfennig mehr von den Eltern an, jobbt ein paar Jahre mal hier, mal dort, kommt in Kontakt mit der Baghwan-Szene, reist nach Sri Lanka, Indien und Thailand.

Die große Freiheit und die Suche nach Sinn.

Ein paar Jahre später gibt er das "Luderleben", wie er es selbst nennt, wieder auf, holt auf der Abendschule mittlere Reife und Abitur nach, gründet nebenbei seine Firma, studiert ein paar Semester Volkswirtschaft und Philosophie.

Er hat sehr lange und sehr hart für seine Unabhängigkeit gekämpft. Jetzt gibt er sie für etwas Besseres auf.

In den achtziger Jahren steigt er bei einem Institut ein, das Computer-Seminare für Manager anbietet. Er arbeitet hart, verdient gut, nimmt nach acht Jahren eine Auszeit und reist mit Freunden nach Ostafrika. Irgendwann kommen sie auch nach Sansibar, das zu Tansania gehört, und sind hin und weg: "Hier ist es so schön, wir sind doch blöd, in Deutschland zu leben." Mit seinem Bruder und einem Freund kauft er dort ein heruntergekommenes Resort und möbelt es auf. Doch das zunächst sehr erfolgreiche Projekt sei schließlich an den Verhältnissen gescheitert: "Als Weißer wird man gemolken. Ganz Afrika ist korrupt, aber Sansibar ist eine Seeräuberinsel." Preuß kehrt, ziemlich abgebrannt, zurück nach Deutschland, fängt wieder von vorn an. Steigt in den goldenen Zeiten der IT-Branche wieder dort ein, verdient als Vertriebler und im Marketing "sehr gutes Geld". Heute, so sagt er, könne er ein Jahr von seinen Ersparnissen leben, wenn er sich sehr einschränke auch drei. Er hat hart gekämpft für diese Freiheit, und er hat sie für etwas Besseres wieder aufgegeben: Sinn. Und er ist gut darin, andere davon zu überzeugen, dasselbe zu tun.

So hat er auch eine Bekannte für Streetkids begeistert. Die wiederum warb mit Erfolg bei ihrem Arbeitgeber Henkel in Düsseldorf für das Projekt: 12 500 Euro, die erste große Firmenspende. Dann fuhr sie selbst ganz allein und auf eigene Rechnung nach Tansania, besuchte die Kinder - und kam, so erzählt sie mit leuchtenden Augen, ganz verändert zurück.

Preuß sagt, sein Vater habe davon geträumt, dass er Missionar werde.

Das, was er jetzt tut, kommt dem ziemlich nahe.

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siehe auch: 
Was wurde aus ... dem Missionar, Teil II?
(vom 12.12.2006)

und
Was wurde aus ... dem Missionar?
(vom 29.3.2004)