Das Gute Morgen

Die Zukunft lässt sich nicht voraussagen. Aber planen und gestalten.




1 Der Dämon lebt.

Der seltsame Kauz ist immer und überall, stets aufmerksam, immer bestens informiert.

In uns und um uns, auf der ganzen Welt, im gesamten Universum erkennt er, wie die Dinge gerade eben jetzt funktionieren.

Er durchschaut den Plan und künftigen Weg der kleinsten Dinge, der Atome. Er weiß, wie es war, wie es ist und wie es sein wird, absolut zuverlässig, ohne jeden Zweifel.

Was morgen geschieht, ist nur eine Frage des Überblicks.

Gott ist tot. Der Laplace'sche Dämon lebt.

Der französische Mathematiker Pierre Simon Marquis de Laplace (1749-1827) war ein strenger Anhänger der Aufklärung des Determinismus, der Philosophie der Notwendigkeit. Seit ihren Anfängen hatte die Menschheit ihre Zukunft mehr oder weniger stumm ertragen, ihr Schicksal, ihre göttliche Vorbestimmung hingenommen. Nicht gern, gewiss. Doch die düsteren Szenen des Apostels Johannes, die Apokalypse, galten als unausbleibliche, unveränderliche Zukunft. Schicksal. Erst die Aufklärer überwanden die Abhängigkeit von Gott. Die Zukunft erwartet man nicht, man macht sie.

Laplace spielte mit Gedanken, 1814 fiel ihm dann die Sache mit dem Dämon ein. Ein Gedankenexperiment. Jedes Ding hat seine Ordnung, jedes Ereignis ist durchschaubar, und so müsste es einen imaginären "Geist" geben, der, wenn wir nur klug genug wären, uns genau wissen lassen könnte, ob ein Würfel so fallt, dass er eine Sechs anzeigt oder eine Eins. Gewinn. Verlust. Wer genau weiß, wie es ist, muss wissen, wie es wird. Das Dumme daran ist nur, dass wir nicht klug genug sein können, um alles gleichzeitig zu wissen. Der Dämon bleibt uns also für immer verborgen.

Schlau ist der Dämon, grau ist die Praxis. "Wär' schön, den Kerl mal kennen zu lernen", sagt Klaus Burmeister, Zukunftsforscher und Geschäftsführer von Z-Punkt. Büro für Zukunftsgestaltung, das in Essen, Berlin und Karlsruhe nach dem Morgen fahndet. Die Zeiten sind nicht gut. Schadet das der Zukunftsforschung? " Nein. Die Unternehmen sind verunsichert. Unsere Arbeit leistet einen Beitrag zur Sicherheit. Und es gibt einen enormen Bedarf an gemeinsamen Leitbildern und an Szenarien für morgen." Zukunftsforschung ist mehr als das Erkennen von Chancen. Sie ist Orientierungsarbeit.

Doch für welchen Zeitraum? Wirtschaftsprognosen sind schon gefragt, wenn sie ein Jahr ins Morgen sehen. Die dem Dämon näher kommen wollen, müssen fünf, zehn, fünfzig Jahre weiterschauen. Fünf Jahre, das geht gerade noch so. Zehn, das ist schon mit unglaublich vielen unvorhersehbaren Risiken verhaftet. Oder wusste zum Beispiel jemand im Jahr 1990, dass ein damals unbedeutendes Computernetzwerk für einige wenige Freaks zum World Wide Web werden würde? Hat jemand im selben Jahr geahnt, dass eine Dekade später alles, was laufen kann, ein Funktelefon besitzt? 50 Jahre, das wagen nur mehr Science-Fiction-Autoren und Experten, die sich in recht gewagten "Delphi"-Studien wiederfinden.

2 Böse Wildcards Das größte Hindernis auf der Suche nach der Zukunft sind wir selbst, weiß Burmeister: " Dass wir immer mit unserem Kopf im Hier und Jetzt denken müssen. Damit verlängern wir, wenn wir in die Zukunft sehen, meist nichts weiter als die Gegenwart." Das heißt im Futurologen-Jargon " Trajektorienverlängerung", einer der bedeutendsten Helfer des Dämons, sich auch weiterhin gut verborgen zu halten. Denn ständig schwirren fiese Störfaktoren durch die kommende Zeit, die "Wildcards", die unbekannten Größen.

Wildcards sind der Kitt, der die Realität zusammenhält: Zufälle, Unwahrscheinliches, Überraschendes - also die Wirklichkeit, wie sie ist. Das Morgen wimmelt vor Wildcards. Sie sind der nagelneue Reifen, der bei der ersten Ausfahrt platzt, der Regen, der einem trotz optimaler Prognose den Ausflug versaut, die Erkältung, die ausbricht, wenn wir in den Urlaub fliegen.

Sie können trotz vieler in die Technik investierter Milliarden verhindern, dass im Jahr 2010 tatsächlich Millionen Menschen mit einem winzigen Funkgerät durch die Gegend latschen, das ihnen vor jedem Laden sagt, welche Sonderangebote sich hinter der Tür verbergen. Sie sind verantwortlich dafür, dass die Zukunftsforschung durch zahlreiche Fehlprognosen im 20. Jahrhundert etwas gelitten hat und heute unter den seriösen Zukunftsforschern das Wort Zukunfts-Gestaltung viel wichtiger geworden ist. Szenarien erdenken, alternative Szenarien erdenken, nicht einfach alles zusammentragen, was heute ist. Szenarien sind Wünsche, für die man etwas tun muss. Es genügt nicht, sich eine bessere Welt zu ersehnen, man muss sie schaffen.

All das beginnt, sagt Burmeisters Kollege Andreas Neef, mit den richtigen Fragen. "Die muss sich jeder selbst stellen - denn Prognosen, die man einfach nachlebt, haben keinen Wert." Es gibt bei den Kunden der Zukunfts-Schauer eine Tendenz, die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen und Zukunft zu denken - die Forscher liefern dann "nur" das nötige Werkzeug und Know-how. "Wir können Unternehmen nur dort abholen, wo sie hinwollen", sagt Burmeister. Visionen auf ihre wahrscheinliche Umsetzbarkeit überprüfen - das können die Forscher. Doch oft heißt die einzige Vision der Auftraggeber: mehr von dem verkaufen, das wir ohnedies schon haben.

Solchen Bildern fehlt der "gesellschaftliche Entwurf", in dem letztlich jedes Zukunftsbild seinen Platz finden muss. "Dynamische Erfolgsbilder" heißen unter Experten die nur nach Wachstum und Vermehrung ausgerichteten Zukunftsbilder. Der Kunde wird dann so gedacht, wie er sein soll - etwa ein total auf UMTS abfahrender, kauflustiger, mit hohem Haushaltseinkommen ausgestatteter 25-Jähriger. Solche Visionen führen in die Irre, wo sie schließlich von Wildcards verspeist werden.

3 Zeitgeist-Hopping Zukunftsforscher wissen das. Und die Kunden? Nicht immer, hat Neef festgestellt: " Heute kommt es schon mal vor, dass wir ein halbes Jahr, bevor ein Produkt im Laden stehen soll, einen hektischen Anrufer am Telefon haben, der wissen will, was in den nächsten paar Monaten so läuft - und zwar ganz genau." Die Telekommunikations- und Computerindustrie will nicht länger als ein, zwei Jahre in die Zukunft sehen - das ist zumindest der Durchschnitt der angefragten Szenarienzeiträume. In der Chemie- und Pharmabranche, die gemeinsam mit der Biotechnologie die so genannte "Life Science" bildet, reichen die Prophezeiungs-Spielräume 15 bis 20 Jahre in die Zukunft. Hier wird auch richtiges Geld investiert: Fundierte Studien laufen zwischen einem und drei Jahren. Alles andere, sagt Neef, "ist Zeitgeist-Hopping, Wunschdenken und monotones Marketing-Gerede." Wer nach vom guckt, muss sich Zeit lassen - schon deshalb, weil nicht nur die ganze Welt durchdacht sein will, sondern auch, wie sie miteinander in Verbindung steht. "Wir müssen in der Lage sein, uns neben uns noch etwas vorstellen zu können", beschreibt es Andreas Neef und fügt hinzu: "Das ist mordsschwer." Heißt im Klartext: Jagen und Sammeln von Daten und Expertisen aller Art, Schnüffeln nach Trends und Wünschen, Berechnen von möglichen Welten. Und es macht das professionelle Lesen im Kaffeesatz nicht unbedingt einfacher, dass Hochtechnologie von vielen voneinander unabhängigen Experten ersonnen wird. Jeder kann etwas ganz besonders gut, aber offensichtlich weiß niemand, wozu das Ganze sinnvoll sein soll. In den mehrfach nobelpreisgekrönten Forschungslabors der IBM etwa wurde das Dilemma, dass immer ausgeklügeltere Technologien durch Sinnentfremdung chancenlos werden, dadurch kleiner, dass Forscher mit den künftigen Kunden in einen Dialog treten und ihre Außenwelt kennen lernen.

Je näher an der Gesellschaft und ihren Wünschen, desto besser. Dass verstärkt einen der wichtigsten Helfer bei der Zukunftsschau - das leise Hintergrundrauschen, auf das die Futurologen hören, das überall da ist: in Kulturen, Medien, Technologien. Überall. Zukunftsforscher brauchen spitze Ohren. Und viel Mut. Denn wenn sie etwas wahrnehmen, dann heißt das noch lange nicht, dass das ihren Auftraggebern auch passt.

Trendforscher Matthias Horx kennt seine Pappenheimer, die Auftraggeber aus Wirtschaft und Politik, ganz gut. " Das Problem ist oft einfach der Widerspruch zwischen der wahrscheinlichen Entwicklung der Gesellschaft und dem, was Menschen in Unternehmen treiben", sagt er. Zum Beispiel: Ein großer deutscher Haushaltsgerätehersteller möchte gern einen optimalen Staubsauger auf den Markt bringen. Horx und die Mitarbeiter seines in Kelkheim bei Frankfurt am Main angesiedelten Zukunftsinstituts machen aus, dass die Hauptkunden künftiger Staubsauger auf zeitaufwändige Raumpflege wenig Wert legen werden. Sie sind gebildeter als ihre Elterngeneration und denken nicht daran, nach einem harten Arbeitstag noch mit dem Saugrüssel durch die Wohnung zu wirbeln. "Man könnte salopp sagen, dass die Zukunft dem Schlampenhaushalt gehört. Schlampen brauchen keinen Staubsauger, sondern Anbieter von Dienstleistungen, die ihnen die Wohnung sauber halten." Doch das wollten Horx' Auftraggeber nicht hören. "Die wollten unbedingt Staubsauger bauen." 4 Szenarien Die Frage aber lautet: " Kommt man an den Punkt, an dem man via Trend- und Zukunftsforschung eine Branche oder ein Produkt wirklich radikal neu erfinden hilft - und nicht nur ein hübsches neues Chassis oder eine flotte Werbekampagne mit verursacht? Es sind kulturelle und soziale Bildungsmängel, die in die Irre rühren." So etwa setzt die deutsche UMTS-Industrie, die ein technisch ausgereiftes, in Sachen Anwendung aber von wenig Sinn erfülltes Produkt auf den Markt bringen will, auf die Erfolge, die multimediale Funkgeräte in Japan feiern. Doch Horx weiß, dass das wenig nutzen wird: ,Japan hat eine völlig andere Kultur." Zukunftsforschung stellt universale Anforderungen, eine umfassende Allgemeinbildung etwa. Denken im Großen und Ganzen: Szenarien.

Eckhard Minx wäre sehr erfreut, wenn ihm der Dämon sagte, wie viele Autos morgen und übermorgen verkauft werden, was die Kunden wollen und wie man ein Auto bauen muss, damit die Käufer die Läden stürmen. Er arbeitet für DaimlerChrysler und leitet den Forschungsbereich "Gesellschaft und Technik". Zwei Standorte leistet sich der Konzern dafür, einen in Berlin, gleichsam Hauptquartier der Vordenkertruppe und einen in Palo Alto, der Hauptstadt des Silicon Valley. Mit rund 200 Mitarbeitern ist das der größte private Think Tank der Republik.

Die Arbeit der Futurologen folgt einem methodischen Muster. Zunächst wird das Problem definiert, also etwa: Wie groß müssen Autos in zehn Jahren sein? Dem folgt die harte Knochenarbeit des Sammelns von Faktoren, die einen Einfluss auf die Grundfrage haben: Wird es mehr Verkehr geben, weniger oder mehr Autobahnen, höhere Sprit-Preise, mehr Einkaufszentren vor der Stadt, für die man wieder Autos braucht, in denen sich was unterbringen lässt?

5 Las Vegas So lassen sich Szenarien entwerfen, die wiederum von den Freunden des Dämons, den Wildcards, den nicht bekannten Ereignissen, teilweise oder ganz außer Kraft gesetzt werden können. Als 1974 die Ölkrise losbrach, war kein Automobilhersteller darauf vorbereitet, im Gegenteil. Fast alle Hersteller hatten kurz zuvor längere, breitere, schwerere, schnellere und damit durstigere Modelle auf den Markt gebracht.

Wildcards können, wenn überhaupt, aber nur durch verschärfte Beobachtung gesellschaftlicher Detailentwicklungen erkannt werden. Das ist unendlich schwierig. Über das terroristische Potenzial fundamentalistischer islamischer Gruppen wusste man auch schon vor dem 11. September Bescheid. Doch dass der Terroranschlag ausgerechnet mit Flugzeugen durchgeführt werden würde und dass er wiederum allein die Lufthansa pro Tag 20 Millionen Mark alias 30000 Kunden kosten würde, das konnte niemand ahnen.

Die Datensammlung der Think Tanks hat aber eindeutigen Nutzen: Sie reduziert das Unwahrscheinliche, das wenig Vorstellbare, und untermauert Haltungen, die man durchsetzen will, die so genannten Handlungsoptionen. Mit zwei, drei, vier Szenarien und den dazugehörigen Maßnahmen bewaffnet, ziehen Unternehmen so in eine wahrscheinliche, wenngleich nie sicher kalkulierbare Zukunft.

Derlei aktive Zukunftsplanung, meint der Leiter des Gottfried Duttweiler Instituts in Rüschlikon bei Zürich, David Bosshart, leistet etwas ganz Grundlegendes: " Komplexitätsreduktion". Wo Technik und Wissenschaft alles als machbar erklären, wird die Zukunft diffus. Im vergangenen Sommer, bei einem Vortrag im Hamburger Trendbüro, beschwor Bosshart das Modell "Las Vegas". Dort nähmen die Besucher den historisierenden, unterhaltenden und verständlichen Kulturen-Mix dankbar auf, weil er übersichtlich präsentiert werde. Die Zukunft gehört der Verständlichkeit.

Trendbüro-Chef Peter Wippermann sieht drei große Industriezweige wachsen: eine Jugendindustrie, die der Erhaltung der Gesundheit und dem Verzögern des Alterns dient. Dahinter verbirgt sich die bereits manifeste Life-Science-Industrie, in der die Bereiche Medizin, Kosmetik und Ernährung verschmelzen. Functional Food, Essen, das gleichsam Medikament ist, biotechnische Eingriffe und kosmetische Operationen - all das sind die Grundlagen dieses Mega-Trends.

Wo diese Entwicklung greift, schießt die Glücksindustrie aus dem Boden: Fehlende Jugend, Liebe und Schönheit können und werden kompensiert, in Glücksparks, Entertainment-Landschaften, in denen Tourismus, Handel und Medien verschmelzen. "Good Time statt Real Time", nennt Wippermann das. Bliebe logisch noch Platz für die Bewusstseinsindustrie, die den Intellekt schärfen und das Bewusstsein klarer machen sollte. Hier setzt Wippermann vor allem auf die Biotechnologie, die uns - ein schon länger geträumtes Szenario - von den Unzulänglichkeiten wie Tod, Krankheit und anhaltende Sinnentfremdung befreien könnte.

6 Delphi Derlei Visionen haben eine lange Geschichte. In den Jahren 1963 und 1964 machte sich ein Mann namens Olaf Helmer auf, die Zukunft systematisch zu erfassen. Helmer war einer der Denker einer Non-Profit-Organisation mit dem Namen Rand Corporation, Research and Development. Rand wurde, zusammen mit seinem schärfsten Konkurrenten, dem Hudson Institute des gewichtigen Futurologen und Sechziger-Jahre-Medienstars Herman Kahn, zum zentralen Orakel der postindustriellen Gesellschaft. Helmer ersann eine Methode, die er nach dem griechischen Orakel ironisch "Delphi" nannte. Dabei werden in regelmäßigen Abständen Experten aus allen möglichen Wissensgebieten über den Stand und die mögliche Entwicklung ihres Fachgebietes abgefragt. Das war in den sechziger Jahren schon längst nötig, weil niemand mehr auch nur einen annähernden Überblick über die einzelnen Wissensgebiete der Menschheit hatte - vom Laplace'schen Dämon mal abgesehen.

Die Szenarien der Rand und des Hudson Institute waren ungeheuer populär. In den sechziger Jahren, getrieben vom Raumfahrtfieber und der beginnenden Mikroelektronik, umsäumt von einer anhaltenden Konjunktur in den westlichen Staaten, fanden sich fast in jeder Wohnstube die popularisierten Ergebnisse der Rand- und Hudson-Institute-Forscher. Bildbände mit gigantischen Turmstädten für 250000 Einwohner (pro Turm) und unterseeischen, im Vakuum mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit zwischen amerikanischer Westküste und europäischem Kontinent verkehrenden Schnellverbindungen.

Die erste Delphi-Studie von 1963/64 liest sich für die wenig technikbegeisterten, ernüchternden Enkel der Visionäre der sechziger Jahre ein wenig albern. Mitte der achtziger Jahre, so Helmer, würden Wetter-Anlagen auf Knopfdruck für Regen, Sonnenschein und Wind sorgen. Hunger und Elend seien zu diesem Zeitpunkt besiegt, Meeresfarmen und Städte am Grund des Ozeans zum neuen Habitat einer sich rasch ausbreitenden, aber grundsätzlich glücklichen Menschheit geworden. Die von Helmer und seinem orakelnden Kumpel T. J. Gordon für das Jahr 2023 vorausgesagte "Massenhypnose ganzer Völker als militärische Maßnahme" wird heute nur noch von verwirrten Verschwörungstheoretikern geglaubt. Freunde des Rausches dürften es bedauern, dass sich die Rand-Delphi-Prognose für das Jahr 2012 wohl nicht bewahrheiten wird. Darin empfahlen Helmer und Gordon die "massenhafte Verabreichung von Drogen zur dauernden Erhöhung der Intelligenz". Damit werde die schlimmste Geißel der Menschheit, die Dummheit, ausgerottet. Kritiker nannten die Vision der beiden ironisch den "Klugscheißer-Koks".

Doch Helmer und seine Freunde ließen sich davon nicht beirren. Spätestens 2020, so die Rand-Studie, würde es mit Lug und Trug vorbei sein. Denn ab diesem Jahr würde es eine direkte Verbindung zwischen virtuellem und menschlichem Bewusstsein geben und damit die Möglichkeit, Gedanken zu lesen. Damit stünde dem Verlassen des leidigen irdischen Körpers nichts mehr im Wege.

Der Roboterforscher Hans Moravec, Guru der künstlichen Intelligenz und bewährter Fehlprognostiker auf dem Weg zu ihr, glaubt das noch heute. In seinem Buch "Mind Children" beschreibt Moravec die praktische Vorgehensweise: Um das Jahr 2030 werde eine " feinauflösende Sensorhand" die Schädeldecke eines ausstiegswilligen Menschen öffnen und "Schicht für Schicht" den Inhalt seines Gehirns auf einen Speicher scannen. Nachdem alles, was unter der Mütze des Menschen ruhte, ausgelesen und sicher verwahrt wurde, trägt der Roboter das Gehirn ab. Es wird nicht mehr gebraucht. "Wenn wir dann die Augen öffnen", träumt Hans Moravec, "befinden wir uns schon in einem glänzenden neuen Körper, dessen Form, Farbe und Material wir uns vorher ausgesucht haben." 7 Todesvisionen Spannend an solchen euphorischen Visionen ist, dass sie seit vielen Jahrzehnten beständig die zweite große Gruppe der Zukunftsforscher am Leben erhält: jene der Zukunftspessimisten oder schlicht " Alarmisten", wie Matthias Horx sie einst nannte. Nach dem Machbarkeitswahn der fünfziger und sechziger Jahre entwickelte sich eine vitale Szene an Katastrophen-Visionären. Den lauten Startschuss gab der kalifornische Wissenschaftler Paul Ehrlich ab, der Ende der sechziger Jahre in seinem Buch "The Population Bomb" eine in Folge massiver Überbevölkerung zu Hungersnöten und Seuchen verurteilte Welt der achtziger und neunziger Jahre prophezeite. Dabei stützte sich Ehrlich auf die apokalyptischen Schaubilder des britischen Ökonomen Thomas Robert Malthus, der Ende des 18. Jahrhunderts Ähnliches für die nahe Zukunft fehlprognostiziert hatte.

Ein Meisterwerk der Katastrophistik lieferte im Jahr 1973 der Bericht des Club of Rome über "Die Grenzen des Wachstums". Darin verrechnete sich der amerikanische Forscher Dennis Meadows in eine trostlose Zukunft mit Massensterben, Umweltschäden ohne Ende und anderen Katastrophen-Szenarien. Daran wollten viele glauben, die sich mit Gesellschaftskritik beschäftigten - und auf parlamentarischem Wege irgendwie nicht weiterkamen.

Polschmelze, Treibhaus-Katastrophe, Ozonloch-Apokalypse sind die Kinder der gewünschten Fehlprognose, die heute noch für das Geschäft mit der Zukunftsangst sorgen. Immerhin, es hatte auch etwas Gutes: Die Menschheit ging fortan sorgfältiger mit Rohstoffen und ihrer Umwelt um.

Hysterie als Zukunftsleitbild sorgte für rapide Fortschritte. "Auch Fehlprognosen können eine positive Zukunft gestalten. Im Grunde ist es egal, ob Ereignisse eintreten, weil wir sie uns wünschen oder -im negativen Fall - nicht eintreten, weil wir sie zu verhindern suchen und uns vor den Folgen fürchten", verteidigt Burmeister die Alarmisten von gestern.

Die Verhaltensänderung, die durch die Fehlprognosen der Umweltbewegten eintrat, sorgte so über Umwege für eine bessere Zukunft. Das Dumme ist nur: Lügen, auch gut gemeinte, haben kurze Beine - weit ins Morgen tragen sie nicht.

8 Science Fiction Nicht zu vergessen: Die Glaubwürdigkeit der Zukunftsforscher, die zumindest im deutschsprachigen Raum ihrem großen Vorbild Robert Jungk nacheifernd die Welt von morgen gern rosa-grün sehen, leidet mit den ideologischen Fehlprognosen immer mit.

Gewiss, der Glaube an die Allmacht von Computern und Prognosemodellen ist erschüttert. Wer im Elfenbeinturm denkt, in den Monokulturen des Wissens, den holen die Wildcards, die Schutzbefohlenen des allwissenden Dämons. Um dem Dämon näher zu kommen, braucht man also Fantasien, die auf Wissen aufsetzen. Sie sind der Stoff, aus dem die Chancen sind.

Geschichten zum Beispiel sind komplexe Fantasien, mit Menschen, Schicksalen, Problemen, Freuden, Rahmenhandlungen. Im Jahr 1945 hatte Vannevar Bush, der Planer und Organisator der amerikanischen Wissenschafts-Elite im Zweiten Weltkrieg und Leiter des Office of Scientific Research and Development, im Magazin "The Atlantic Monthly" seinen Artikel "As We May Think" veröffentlicht. Noch zwei Generationen später liest sich der Text wie eine Gebrauchsanleitung für die kommende Informationsgesellschaft - mit Internet, PC, Netzwerkkultur, Information und Wissen als wichtigster Ware. Hier wusste jemand genau, wo er hinwollte, und beschrieb die Welt dazu.

Ähnlich verblüffend richtige Prognosen finden sich in der Science-Fiction. Jules Vernes sah elementare Entwicklungen des 20. Jahrhunderts voraus. Seine Nachfolger Stanislaw Lem und Isaac Asimov wiederum haben vor Jahrzehnten recht exakt vorhergesagt, mit welchen Problemen der Mensch im Zeitalter von Gentechnik und Netzwerk-Allgegenwärtigkeit zu kämpfen hat. Zufall? Nein, Methode.

In Lems "Summa Technologiae" von 1964 findet sich die Zukunft geordnet -auf der Grundlage dessen, was sich der polnische Visionär vorstellen konnte. Sozialtechnik plus exakter Kenntnis des technisch Machbaren ergibt eine Zauberformel, die Stanislaw Lem weiter nach vom blicken ließ als Rand und Hudson Institute zusammen. Human Factors. Menschlichkeit, nur eben morgen. Roboter, die eitel sind und leicht beleidigt, wenn sie nicht genügend gelobt werden oder sich nicht durchsetzen können. Aber auch überforderte Raumfahrer. Oder: Ein Routineflug zum Mars oder eine Reise zum Mittelpunkt der Erde, ein philosophierender Türoffner und, allemal, Brot, Frieden und Glück für alle.

In solchen Momenten lichtet sich der Nebel, und wir können ganz kurz den Dämon sehen.

Er ist ein guter Geist.