Business Angel für Obdachlose

Von der Wirtschaft lernen heißt Siegen lernen, finden Vertreter namhafter Unternehmen und haben einen Gründerwettbewerb für Hilfsprojekte ausgelobt. brandeins sprach mit der Projektleiterin Babette Büttner über die Ökonomie des Ehrenamtes.




brand eins: Nach Business-Wettbewerben jetzt einer für soziale Initiativen. Ist die Gründung einer Firma nicht etwas ganz anderes als die eines Hilfsprojektes?

Büttner: Nicht unbedingt. Viele Fragen sind dieselben. Gibt es wirklich Bedarf für das Vorhaben? Wie und mit wem lässt es sich verwirklichen? Wie finanzieren? Welche Unterstützer sind nötig? Wir helfen bei der Beantwortung.

Wie?

Mittlerweile haben wir bundesweit rund 320 interessante Projekte ausgewählt. Jedes bekommt zunächst einen Coach und dann einen Mentor, eine Art Business Angel. Der berät die Initiatoren zum Beispiel bei Marktanalyse, Geschäftsmodell, Kommunikation, und Vermarktung. Und stellt Kontakte her. Ein Beispiel: In Stuttgart wollen Bürger ein Nachtcafe für Demenzkranke eröffnen. Diese Menschen sind oft nachts hellwach; es fehlt zu dieser Zeit ein Ort, wo sie betreut werden. Der Treff wäre also eine echte Hilfe. Jetzt geht es unter anderem darum, Räume zu finden. Warum nicht mal bei Daimler-Chrysler, einem Hauptsponsor von Startsocial mit Konzernsitz in Stuttgart, anfragen?

Für die meisten Initiativen dürfte es nicht ganz leicht sein, an solche potenten Förderer zu kommen.

Es müssen ja nicht immer die ganz großen Namen sein. Aber naturgemäß ist eines der Hauptprobleme vieler Projekte das Kochen im eigenen Saft. Man weiß oft nicht, dass es in einer anderen Stadt Menschen gibt, die an ganz ähnlichen Themen arbeiten und tut sich schwer, potenzielle Unterstützer zu finden. Die Wirtschaft kann bei diesem Wissenstransfer helfen. Und auch bei der Vervielfältigung erfolgreicher Vorhaben: So hat McKinsey mit dazu beigetragen, dass aus den ersten " Tafeln" in Hamburg und Berlin - Initiativen, die Nahrungsmittel sammeln und an Obdachlose verteilen - mittlerweile landesweit mehr als 300 Tafeln wurden.

Wohltaten von Unternehmen haben zuweilen den Charakter reiner Alibi- und Marketing-Veranstaltungen ...

... was bei uns definitiv nicht der Fall ist. Die Zusammenarbeit mit den sozialen Projekten ist sehr verbindlich. Wir prämieren nicht nur Ideen, sondern beraten die Initiatoren während der Konzeptphase. Der Erfolg oder Misserfolg wird also deutlich. Das ist ein anderer Einsatz, als alljährlich zur Weihnachtszeit einen Scheck auszustellen. Wir haben eine Katalysatorfunktion, bringen Menschen, die etwas für die Gemeinschaft tun wollen, und Firmen, die nach sinnvollem Engagement suchen, zusammen.

Der Bundeskanzler, Schirmherr des Wettbewerbs, dürfte sich über solches Engagement freuen, weil es den Haushalt entlastet.

Das hieße, unsere Möglichkeiten weit zu überschätzen. Private Initiativen können die klassischen Aufgaben des Staates nicht übernehmen. Allerdings gibt es Dinge, die von Bürgern selbst angepackt werden können und sollten. Freiwilliges Engagement ist für den Zusammenhalt des Gemeinwesens sehr wichtig.

Läuft die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Gesellschaft eigentlich ganz reibungslos?

Nicht automatisch. Wir haben unsere Coaches und Mentoren deshalb auf ihren Job vorbereitet. Mit BWL-Jargon bekommt man nicht wirklich Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe von Obdachlosen. Selbstverständlich erfordert der Umgang mit Angehörigen von Alzheimer-Kranken mehr Fingerspitzengefühl als der mit vor Selbstbewusstsein strotzenden Gründern einer Multimedia-Firma. Andererseits habe ich den Eindruck, dass es heute zwischen beiden Welten weniger Berührungsängste gibt. Bei einer zentralen Frage stehen viele Unternehmen und Initiativen übrigens vor demselben Problem: Wie gewinnt man qualifizierte Mitarbeiter?

Ihr Tipp?

Viele Menschen wollen gern helfen, sich aber nicht auf Dauer binden. Deshalb sollten Initiativen flexible Mitarbeit anbieten. Vor allem aber sollten sie sich bemühen, ihr Anliegen in der Öffentlichkeit darzustellen: Viele potenzielle Helfer wissen schlicht und einfach nicht, wo sie gebraucht werden.