Aufgelesen: Und ewig droht der Kapitalist

In der Zeit der Krise und der kränkelnden Börse machen sich Kapitalismus-Kritiker mit steinalten Argumenten auf, um dem Klassenfeind vom gut beheizten Soziologen-Schreibtisch aus eins überzubraten. Die Ergebnisse sind bescheiden bis bedauerlich.




1 Johano Strasser: Leben oder Überleben - Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes. Pendo Verlag, 2001; 289 Seiten; 35 Mark 2 Michel Onfray: Der Rebell - Ein Plädoyer für Widerstand und Lebenslust. Verlag Klett-Cotta, 1997; 336 Seiten; 47 Mark 3 Pierre Bourdieu: Gegenfeuer 2 - Für eine europäische soziale Bewegung. UVK Verlagsgesellschaft, 2001; 127 Seiten; 15,80 Mark Machen wir uns nichts vor, zum Schmusen bleibt keine Zeit - da hilft kein Weihnachten. Krieg und Gewalt erzwingen starre Haltungen. Dafür oder dagegen - was früher den Stammtischen vorbehalten war, ist längst auf der Professorenkanzel, in der Chefetage und Redaktionsstube angekommen. Argument prallt unversöhnlich auf Gegenargument, Funken der Rechthaberei schlagen kurz in die Höhe und verglühen dann. Es lebe das Entweder-oder! Widersprüche sind dabei kein Problem. Salonpublizisten schmähen den Kapitalismus als Bösewicht, auch wenn sie beim Edelitaliener Workout schnell erkennen, wie hilfreich jener beim Bezahlen der Rechnung ist. Für die Soziologenzunft zerschneiden Globalisierung und Neoliberalismus kulturelle Identitätsschleifen und Traditionswerte, während andererseits die Kassen der jubilierenden Weltkonzerne klingeln. Wohin man auch blickt, warten Profiteure und Gegner mit geschliffenen Speerspitzen in den Köchern!

Wir haben drei bekannte Kapitalismus-Kritiker einer Betriebsprüfung ihrer Halsstarrigkeit unterzogen, zwei Franzosen und einen Deutschen. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt ist der zum Produktionsfaktor deformierte Mensch in der Arbeitswelt, der von der neoliberalen Wirtschaft Deklassierte, Entfremdete und Unterdrückte. Schuld daran ist stets die Wirtschaft. Alle drei leisten Widerstand gegen "diese ökonomistische Reduktion des Menschen".

Johano Strasser (1 ) macht zunächst mit altbekannter Vehemenz die Kapitalistenschweine für die Erniedrigung der Menschen als Erfüllungsgehilfen und Konsumlinge verantwortlich - "zugerichtet zum Funktionselement des Marktes". Man will das Buch schon zur Seite legen, doch das wäre ein Fehler: Denn plötzlich wird die Frage angekratzt, ob der Mensch nicht doch seine Geschicke selbst in die Hand nehmen könnte? "Die Verwirklichungschancen", wie der Wohlfahrts-Ökonom Amartya Sen das nennt, scheinen besser denn je. Womit Strasser mitten in der New Economy steht: "Das Leben frei und weitgehend nach eigenen Vorstellungen gestalten".

Aber nicht in anarchischer Manier, sondern fest eingewoben in politisch-demokratische Bandagen. Hier beginnt Strasser wegweisend zu werden: Er will die Freiheit des Einzelnen mit der Verantwortung für die Gemeinschaft zusammendenken, den republikanischen Geist wiederbeleben. Das Problem: Für die Aktivierung der Bürgergesellschaft benötigt er selbstbestimmte Menschen, die, wie es in der Industriegesellschaft leider üblich war, nicht als Befehlsempfänger teilnehmen. "Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen das gleiche Recht und die gleiche Chance haben, ihre eigene Individualität im Wettstreit und in der Kooperation mit anderen zu entfalten." Dafür muss nur noch der Reichtum, so Strasser, gerechter verteilt werden, damit diese neue Kultur von Citoyens aufblühen kann. Ein bisschen Klassenkampf muss sein!

Der französische Philosoph Michel Onfray (2) steckt noch mittendrin. In seinem neuesten Buch sagt er dem " allgemeinen Wahnwitz der Unterwerfung der Menschen unter die liberale Ökonomie" den Kampf an, zumindest intellektuell. Sein Ausweg: "Die Ökonomie muss in Dienst genommen werden und darf nicht länger verlangen, dass man ihr diene. Um dies zuwege zu bringen, muss sie dem Politischen untergeordnet werden - hat sich doch viel zu lange schon die Politik als Magd der Ökonomie gebärdet." Der Urvater des "Primats Ware vor Mensch" ist für Onfray der griechische Philosoph Hekaton. Der lehrte, "dass man sich bei der Wahl zwischen dem Wohl eines anderen und der Wahrung der eigenen Interessen stets für letztere zu entscheiden habe". Oder anders gesagt: zuerst die Kohle, dann alles andere.

Die entfesselte Ökonomie gilt es zu bändigen, denn sie produziere die Herrschaftslinie vom Eigentümer über den Soldaten zum Proletarier - "das ist die absteigende Linie, in der sich die Stärke, die Macht und die Herrschaft jener ausdrücken, die den Ökonomismus erzwingen". Im Unterschied zu Strasser will Onfray "das rein Technische der Wirtschaft einem Gesellschaftsentwurf unterordnen". In seinem Fall dem anarchischen Sozialismus á la Pierre Proudhon mit "Fabriken in kollektivem Besitz, industriellen Föderationen von Produzenten und Konsumenten sowie Dienstleistungsgenossenschaften".

Onfray ist der unbeugsame Rufer in der Wüste, ein leidenschaftlicher Anarchist, der offenbar kein Unternehmen je von innen sah, aber kompromisslos jeder Verformung persönlicher Freiheit entgegentritt.

Unter anderen Vorzeichen versucht dies auch Pierre Bourdieu (3). Er ruft die Geister in den Wissenschaften zur notwendigen Einmischung auf. "Wir müssen heute wieder an eine Tradition anknüpfen, die sich im 19. Jahrhundert im wissenschaftlichen Feld herausgebildet hat und die in ihrer Weigerung, die Welt den blinden Kräften der Wirtschaft zu überlassen, die Werte einer friedlich idealisierten Wissenschaftswelt auf die gesamte Sozialwelt übertragen wollte." Eine etwas bizarre Vorstellung, wenn sich die Heerscharen von Wahrheitsaposteln "in die plebejischen Debatten der journalistischen und politischen Niederungen einzumischen" beginnen. Egal, sollen sie nur mitmachen, wenn die Bourdieusche Vision eines politischen Europas zusammengezimmert wird, das den spekulativen Finanzmärkten und dem Gespenst der Globalisierung Einhalt gebieten will.

Nach der Lektüre ist man verzweifelt.

Warum nur argumentiert ein derart glänzender Denker auf den Ruinen des Klassenkampfes in Entweder-oder-Manier? Haben wir nicht erst festgestellt, dass die Welt keineswegs in der globalen Wirtschaft aufgeht? Wie finstere Kräfte des religiöspolitisch-militärischen Komplexes aufeinander eindreschen? Können Sozialbewegung, Politik und Ökonomie in einer solchen historischen Situation nicht zusammengedacht werden? Ob Anarchist, Sozialist oder Kapitalist: Fortschritt gerinnt nur im überwindenden Dialog. Zusammen. Jetzt. Frohes Fest!