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Was ist eigentlich ... Risiko?

Börsen-Crash, BSE, Trittin – die Welt ist voller Risiken. Nur weiß niemand so genau, was Risiko ist. Wir auch nicht. Aber so weit muss man erst mal kommen.




Eigentlich waren es nur zwei lose Blatt Papier, wirr voll gekritzelt "mit einer Handschrift, die in alle Richtungen auseinander läuft". Doch diese beiden Fetzen sind die Anfänge der modernen Entscheidungs- und Risikotheorie. Blaise Pascal, französischer Mathematiker und Philosoph, hatte darauf um 1660 seine berühmte Wette formuliert: "Gott ist, oder er ist nicht. Wofür werden wir uns entscheiden?" Obwohl der vom Lebemann zum Frömmler mutierte Pascal beschlossen hatte, seinen Verstand nicht mehr zu gebrauchen, nahm er damit den für das moderne Risikomanagement zentralen Begriff des " Erwartungswertes" vorweg: ein Szenarienabgleich aus Gewinn- und Verlustwahrscheinlichkeiten.

Bei einer 50-Prozent-Chance, dass es Gott gibt, und einer unendlich großen Belohnung, dem ewigen Paradies, kann der, der fromm lebt, alles gewinnen. Dem steht ein " Kurz und sündig" mit zeitlich unbestimmten Fegefeuer gegenüber - einer im Zweifel ewigen Strafe. Gibt es allerdings keinen Gott, spielt auch der irdische Lebenswandel keine Rolle mehr. Der Erwartungswert dieser Wette mit Einsatz "frommes Leben" ist also insgesamt unendlich groß. Dabei muss niemand an Gott glauben, um auf ihn zu setzen, wie auch Pascal schon erkannte. Auf neuzeitliche Verhältnisse übertragen: Die Zahl der Kirchensteuerzahler übertrifft die der mehr oder weniger gläubigen Kirchgänger um ein Vielfaches. Dieses "Man weiß ja nie" ist eine Option auf das Paradies. Das Geschäft mit den Wetten blüht, nicht nur an den Terminmärkten.

Der Mensch ist von Natur aus feige, nur heißt das nach Pascal und de Fermat risikoscheu - und das klingt nach Vernunft.

Zugegeben, ein etwas didaktisches Beispiel, aber Pascal hatte damit den ersten Versuch moderner Risikosteuerung unternommen. Er hatte nebulöse Ungewissheiten in berechenbare, handhabbare und handelbare Wahrscheinlichkeiten, also Risiken zu verwandeln. Wie die pascalsche Wette schon zeigte: Für Ungewissheiten brauchen Menschen Glauben oder Mut, für Risiko benötigen sie Information, Wissen oder zumindest plausible Szenarien. Der Weg von der Theologie zum Kapitalmarkt ist also nicht sehr weit.

Die Versicherungswirtschaft hat Pascal viel zu verdanken. Gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Pierre de Fermat entdeckte er, was eigentlich schon alle wussten. Der Mensch ist von Natur aus feige, nur heißt das dann risikoscheu oder sogar risikoavers - und das klingt schon sehr deutlich nach vernunftbegabt.

Die wenigsten Menschen werden sich, außer vielleicht zur reinen Unterhaltung, darauf einlassen, 100 Mark einzusetzen, um bei Kopf 200 zu erhalten und bei Zahl 100 zu verlieren. Obwohl der Erwartungswert von 100 Mark - also 200 Mark mal einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 0,5 - genau dem Einsatz entspricht. Wir lassen uns fürs Mitspielen entweder mit höheren Gewinnen oder mit geringeren Risiken bestechen. Das ist ein schwerer Fehler.

Wer um seinen Besitz bangt, wird mutig. Aus Reihenhausbesitzern werden Zocker. Und der Verlust wird höher.

Der Preis, mit dem wir unsere natürliche Risikoscheu überwinden, ist die Versicherungsprämie. Das ist Geld, das wir gern ausgeben, um Risiken zu vermeiden - oder uns zumindest dagegen abzusichern. Denn wir hassen den Verlust mehr, als wir den Gewinn lieben. Diese Sympathieverteilung bestimmt unser ganz persönliches Risiko, das durch Verlustängste, dem Regret wie es in der Kapitalmarkttheorie heißt, noch erhöht wird.

Die Versicherung macht ihren Schnitt aus der Differenz zwischen den aus Vergangenheitswerten ermittelten statistischen Risiken und den individuellen, subjektiven und damit "wahren" Risiken. Für Kunden und Versicherung stellt das eine rationale Win-win-Situation dar. Wer sich nicht versichert, ist im falschen Spiel. Und das wird fast immer teuer.

So hatte die lang anhaltende Hausse am Neuen Markt auch viele konservative Anleger im Glauben auf eine sichere Performance angelockt.

Es kam, wie es kommen musste: Was bleibt, sind Bedauern und Schuldgefühle, die weit größer sind als die erlittenen Kursverluste. Da waren die falschen Spieler in einem für ihre Risikoneigung viel zu riskanten Spiel. Deshalb haben sie einen viel höheren, weil auch emotionalen Schaden als risikofreudige Anleger erlitten. Damit nicht genug. Viele von ihnen haben ihren Verlust auch noch selbst in die Höhe getrieben, weil sie erst spät wieder ausgestiegen sind aus Angst, Verluste zu realisieren. Ausgerechnet die Scheuen haben weitergemacht, obwohl es ihrer Risikoneigung widersprach.

Wer um seinen Besitz bangt, verteidigt ihn " mutig". Plötzlich werden aus Reihenhausbesitzern Zockernaturen, die das verlorene Geld wieder hereinholen wollen. Doch wie bei jedem Poker kumulieren sich die Einsätze mit dem erfahrenen Regret. Man macht weiter, um das Risiko zu minimieren, der Verlust muss schließlich ausgeglichen werden.

Verluste ziehen somit oft Verluste nach sich, aus Schaden wird man arm, selten klug. Denn wenn es um rote Zahlen geht, verhalten wir uns risikofreudig und nicht mehr risikofeindlich, weil wir retten wollen, was zu retten ist, wie schon die derzeit in Sachen Risikomanagement führende Prospect Theory erkannt hat. Und je sicherheitsbewusster wir sind, desto anfälliger sind wir, uns in Hasardeure zu verwandeln, um Verluste zu vermeiden. Kein Wunder, dass die Anhänger der Prospect Theory daher das eigentliche Risiko im Verhalten der Anleger selbst ausgemacht haben. Natürlich kann man das keiner Versicherung zumuten. Risikomanagement heißt deshalb in erster Linie, sich vor sich selbst zu schützen.

Dazu muss man allerdings erst einmal wissen, was wir als Risiko empfinden und wie wir Risiko wahrnehmen, damit wir nicht ständig im falschen Spiel mitmischen.

So sind wir nicht nur risikoscheu, sondern auch Naturen, die Gewinne und - wenn es denn sein muss - Verluste lieber am Stück als im Aufschnitt serviert bekommen. Deswegen macht uns das unübersichtliche Diversifizieren, also, nicht alle Eier in einen Korb zu legen, nicht alles auf eine Karte zu setzen, nicht wirklich Spaß.

Ein großer Gewinn lockt mehr Investoren als die umständliche, aber bei gleicher Rendite-Erwartung risikoärmere "Kleinvieh-macht-auch-Mist" -Methode. Je größer die Schadens- und Gewinnsummen sind, um die es geht, desto mehr rücken die wenig anschaulichen Wahrscheinlichkeiten in unserer Wahrnehmung dabei in den Hintergrund.

Der konservative Anleger ist rationaler, als man denkt: Er geht mit dem Mainstream, wo alle spielen.

Deswegen spielen wir trotz schlechter Chancen Lotto, vor allem, wenn der Jackpot voll ist. Und noch so geringe Rest-Risiken interessieren uns angesichts der Auswirkungen eines Atomunfalls wenig. Wer uns beruhigen will, muss zuerst den Schaden, nicht die Eintrittswahrscheinlichkeit verringern.

Wer uns zum Mitspielen bewegen will, sollte eher die Gewinne als die Chancen erhöhen. Auch die exorbitanten Kurssteigerungen am Neuen Markt haben schließlich schnell vergessen lassen, wie riskant innovative, junge Werte naturgemäß sind.

Doch auch der konservative Anleger ist verführbarer, als man denkt. Er hat sich nur mit einer scheinbar effektiven Rückversicherung an das Wachstums- und Technologiesegment gewagt. Er schwimmt im Mainstream - da wo alle spielen. Schließlich hat die halbe Nachbarschaft schon mit ihren Gewinnen am Neuen Markt geprotzt, bevor er sich traut. Ein ausgeklügeltes, bewährtes System: Denn der Herdentrieb schützt uns zumindest davor, mit unserem Verlust allein zu sein.

Wir sind alle Opfer, keine Verlierer. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Es geht uns also gar nicht so sehr um Verluste, es geht um das Verlieren.

Die meisten von uns sind allerdmgs schlechte Verlierer. Das ist unser Regret und unser eigentliches Risiko. Nur: Es genügt nicht, das zu wissen. Man muss es auch glauben.