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Warum so negativ?

Eine Antwort auf: "Werde euch echt vermissen" (brand eins 03/01, Seite 158). Natürlich ist nicht alles besser geworden. Aber es ist auch nicht alles schlechter geworden.




Eine Antwort auf: "Werde euch echt vermissen" (brand eins 03/01, Seite 158) "Mutig, mutig, so ein Abschiedsbrief. Obwohl ich dich verstehe - ich darf dich doch duzen, denn das tun ja alle in der New Economy, und da komme auch ich her - also, obwohl ich dich verstehe, kann ich diesen frustriert zynischen Abschiedsbrief nicht unkommentiert lassen.

Das, was du empfindest, und die Konsequenz, die du gezogen hast, ist durchaus normal. Wer sich allerdings in betriebswirtschaftlicher Organisationslehre ein wenig auskennt, weiß um die Entwicklungen eines wachsenden Unternehmens. Unternehmen befinden sich immer wieder auf der Suche nach einer neuen Identität, um bei deinem Wording zu bleiben. (Wenn du lange genug geblieben wärst, hättest du nach der linearen Struktur sicherlich wieder das Zurück zu den Teams erlebt.) Machen wir uns doch nichts vor: Die Aufbruchstimmung der New Economy ist vorbei, und während die langjährigen Mitarbeiter ihrer Familie hinterherweinen, kämpfen Vorstand und Management um den Erhalt und Ausbau eines Unternehmens. Der Wettbewerb holt uns ein und somit die ganz normale Realität der Economy - egal, ob new oder old.

Nun heißt es nicht mehr nur, eine kreative Idee zu entwickeln und den nächsten Pitch zu gewinnen, sondern wir finden uns plötzlich vor ganz anderen Problemen wieder. Da geht es um Einführung von Ressourcenmanagement, Organisationsentwicklung, Personalfreisetzungen, Investitionen und Desinvestitionen, Portfoliobereinigung etc. pp. Alles uns bekannte alltägliche Herausforderungen der Old Economy. So wollten wir doch nie sein!

Das, was extern passiert, hat Auswirkungen nach innen; Die Familienzeiten, in denen wir uns mit dem Vorstand beim gemeinsamen Pizza-Essen noch gleichwertig und nicht unterstellt gefühlt haben, sind passe. Ein Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern zu führen und zu managen bedeutet, immense Verantwortung zu tragen und oftmals auch unbeliebte Entscheidungen zu treffen. Da sind gemeinsame Diskussionen in der Küche fehl am Platze!

Während zu Beginn jeder mit jedem alles besprechen konnte, man mit einer Idee direkt zum Vorstand gehen konnte und es ,das Oben und das Unten' nicht gab, denn schließlich sind wir ja alle eine große Familie, wird aus diesem Familienbetrieb ein Unternehmen. Vorstände stemmen keine Projekte mehr, sondern müssen sich in ihre Rollen der Unternehmensleitung finden, leiten mit Zahlen, Daten und Fakten. Das ist schade, aber eine Notwendigkeit.

,Das Netz von Handlungen und Ideen wird aufgeknotet zu einer linearen Folge von Abläufen.' Richtig erkannt! Aber warum so negativ? Was bedeutet das im positiven Sinne: Strukturen und Prozesse ermöglichen es, Handlungen zielgerichteter werden zu lassen, Ideen dort zu generieren, wo sie notwendig sind und umgesetzt werden können. Unser Handlungsspielraum, unsere Individualität und die Möglichkeit, Ideen zu verwirklichen, wird dadurch nicht eingeschränkt, findet nur einen anderen Weg.

Natürlich hat das Unternehmen, das du nun verlässt, kaum noch etwas mit dem zu tun, in dem du vor gut zwei Jahren angefangen hast. Aber genau das ist das Spannende, das eigentlich Besondere der New Economy.

Mit der Aufbruchstimmung der New Economy hat für viele eine spannende Reise begonnen: von der Garagenmentalität zum Unternehmen, vom Kleinkunden zum Großprojekt, von der Nationalität zur Internationalität.

Wir erleben mit, wie junge Menschen ihre Ideen umsetzen, wie sie ein Unternehmen leiten und welche Veränderungen und Herausforderungen es mit sich bringt, wenn ein Unternehmen wächst.

Das ist besser als jedes Lehrbuch, das ist Life, und deshalb bin ich hier. Es wäre schade, wenn das Unternehmen, in dem ich vor einem knappen Jahr angefangen habe, noch das gleiche wäre. Dann hätten wir unsere Träume und Ziele nicht erreicht. Und ich hätte nicht so viel gelernt und so viele Erkenntnisse gewonnen. Natürlich ist nicht alles besser geworden. Aber es ist auch nicht alles schlechter geworden.

Es ist schade, dass manche Mitarbeiter das nicht erkennen. Stattdessen jammern sie, über die entstehenden Hierarchien, die fehlende Transparenz, über zu starre Strukturen und Prozesse - eben nicht mehr ihr Unternehmen. Diese Mitarbeiter ziehen ihre Konsequenz. Ist ihr gutes Recht, aber kein Anlass zur Beunruhigung: Schauen wir mal genauer hin, wo diese Mitarbeiter meist hingehen, dann sind es die traditionellen Unternehmen der Old Economy mit all ihrer Bürokratie, verknöcherten Hierarchien, High-Potential-Programmen, 35-Stunden-Woche ...

Moment mal, das wollten wir doch gar nicht!"