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"Visa war eine Art Prototyp"

Interview mit Dee Hock über seine Erfahrungen aus der Visa-Zeit und sein Organisationsprinzip Chaord.


1984, auf der Höhe des Erfolges, tritt Dee Hock, damals 55, vom Visa-Vorsitz zurück. In der Nähe von Seattle hat er ein kleines Stück Land erworben und widmet sich von nun an der Wiederaufforstung des durch Erosion geschädigten Landes, seiner Familie und seinen Studien. Die Fragen nach den Ursachen für das Versagen der Institutionen und die Entfremdung des Individuums beschäftigen ihn ebenso wie der Zusammenhang zwischen dem Zerfall gesellschaftlicher Strukturen und der Zerstörung der Umwelt.

1991 wird Hock in die Business Hall of Farne aufgenommen, 1992 wird er als einer der acht Menschen geehrt, die "unseren Lebensstil im vergangenen Vierteljahrhundert am tiefgreifendsten verändert haben". 1993 formuliert Hock seinen Begriff des "Chaord" (siehe Randspalte), mit dem er eine Organisation beschreibt, die über Strukturelemente von Chaos und Ordnung gleichzeitig verfügt. In Zukunft, so Hock, werden Chaords an die Stelle hierarchischer Institutionen treten, die zunehmend dysfunktional geworden sind.

Als Hock wenig später das Konzept der chaordischen Organisation zum ersten Mal öffentlich vorträgt, lernt er Joel Getzendanner von der Joyce Foundation kennen - eine folgenreiche Begegnung. Der junge Wissenschaftler entlockt ihm die Visa-Geschichte und drängt ihn, aus seiner Analyse praktische Konsequenzen zu ziehen. Auf seine Bitte formuliert Hock die Bedingungen, mit denen ein qualitativer Sprung vom Newtonschen in das Chaordische Zeitalter möglich würde: Prototypen von chaordischen Organisationen sollen geschaffen werden sowie Modelle, die auch eine vierte Dimension, nämlich eine ethisch-spirituelle, umfassen. Eine wissenschaftlich-historisch-politische Begründung soll formuliert und eine globale Organisation gegründet werden. Diese Organisation sollte, natürlich, chaordisch sein, den drei vorgenannten Zielen dienen und Lernerfahrungen für ihre Verwirklichung vermitteln.

Die Joyce Foundation übernahm die Kosten für ein Forschungsjahr, in dem Hock die Möglichkeiten erkundet, chaordische Organisationskonzepte auf breiter Basis zu verwirklichen. Mit 66 Jahren, als Großvater von sieben Enkeln, beginnt Hock sich wieder einzumischen: Er knüpft Kontakte, hält Vorträge und wirbt für sein Konzept der chaordischen Organisation. Man hört ihm zu, fragt ihn um Rat. Spenden beginnen zu fließen. Zahlreiche Stiftungen unterstützen seine Projekte, wie die "United Religions Initiative (URI), die die weltweite Zusammenarbeit der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften entwickeln will. 1997 gründet Hock für seine Arbeit "The Chaordic Alliance", die Individuen und Institutionen bei der Bildung chaordischer Organisationen unterstützen soll. Im März 2001 wird, nach jahrelangen Vorbereitungen, "Terra Civitas" gegründet, eine globale Organisation, die weltweit allen Institutionen und Individuen offen steht, die nach chaordischen Prinzipien arbeiten wollen.

brand eins: Mr. Hock - Sie sagen, die Institutionen haben versagt. Ist das nicht ein wenig pauschal?

Hock: Wenn ich vom Versagen der Institutionen spreche, dann meine ich damit, dass die meisten gesellschaftlichen Institutionen den Zweck, für den sie geschaffen wurden, immer weniger erfüllen. Stattdessen verbrauchen sie enorme Ressourcen, hindern den menschlichen Geist an der Entfaltung und verseuchen die Umwelt. Weltweit sehen wir heute ungesunde Gesundheitssysteme, Schulen, in denen man nichts lernt, sowie eine Landwirtschaft, die den Boden zerstört und die Nahrung vergiftet; es gibt Universitäten, die alles andere sind als universell, Rechtssysteme ohne Gerechtigkeit, Polizei, die Gesetzen keine Geltung verschafft und Wohlfahrtssysteme, die für niemandes Wohl sorgen.

Die Ursachen dieses Versagens liegen in dem überlebten Grundkonzept von Institution, das aus der Frühzeit der Industrialisierung stammt und sich seit Jahrhunderten nicht geändert hat: Es ist das mechanistisch-hierarchische Kommando-und-Kontroll-Konzept von Organisation, das bei Newton und Descartes und im Industriezeitalter seinen Ursprung hat. Dieses Konzept ist nicht nur im wachsenden Maße archaisch, sondern auch destruktiv für die Biosphäre und den Menschen gegenüber unethisch. Es ist zu einer öffentlichen Gefahr geworden.

brand eins: Welches neue Konzept von Organisation sollte an seine Stelle treten?

Hock: Organisationen sind nichts als mentale Konstrukte. Sie haben keinerlei Wirklichkeit außerhalb des menschlichen Geistes. Jede Institution ist eine Variante der uralten Idee von Gemeinschaft. Unsere Organisationen entsprechen unseren mentalen Konstrukten von der Welt. Wenn man, wie im Newton'schen System, Ursache und Wirkung in linearen Ketten beschreibt, die man von oben nach unten kontrollieren kann, dann folgt daraus die hierarchische Organisation. Doch wir wissen heute, dass dies eine stark vereinfachte Sicht der Welt ist und dass das Organisationsmuster des Universums aus komplexen Netzen von Verästelungen und Verbindungen besteht. Kontrolle macht da wenig Sinn.

Die Chaos-Forschung hat gezeigt, dass am Rande des Chaos, in einem schmalen Bereich, eine sehr sublime Art von Ordnung entsteht.Mit Chaord meine ich jeden selbst organisierten, anpassungsfähigen, richtlinearen komplexen Organismus. Im Verhalten dieses Organismus zeigt sich sowohl Chaos wie Ordnung, ein Chaord ist ein chaotisch geordneter Komplex.

In der Wirtschaft ist das eine harmonische Mischung aus Wettbewerb und Kooperation, in der Bildung ein lebenslanges Zusammenspiel von experimentellem und standardisiertem Lernen. Wirklich chaordische Systeme gleichen nichts und niemandem. Doch es gibt ein Muster, das man wiedererkennen kann. In der unendlichen Vielfalt gibt es Kohärenz und Kohäsion. Kein Mensch ist mit einem anderen identisch, dennoch erkennen wir einen Menschen sofort, wenn wir einen sehen.

brand eins; Das klingt nach einer komplexen Theorie. Lässt sich der Unterschied einfacher beschreiben?

Hock: Schauen Sie doch mal aus dem Fenster, und zeigen Sie mir den Vorstandsvorsitzenden des Waldes oder den Chef der Fische im Teich! Wo ist der Geschäftsführer der Neuronen Ihres Gehirns? Eine Struktur entwickelt sich, ein chaordisches System bringt eine Ordnung hervor.

Ein Zug ist ein Newton'sches System: Wenn die Lokomotive fehlt, steht der Zug still. Dagegen ist ein Vogelschwarm chaordisch. Auch wenn ein Vogel stirbt, zerstört das nicht den Geist des Schwarms.

Im Newton'schen System geht die Hierarchie auf Kosten von Flexibilität und Individualität. Maschinen brechen zusammen - chaordische Systeme entwickeln sich. Maschinen entmenschlichen, chaordische System machen die Menschen stark. Maschinen sind anfällig und teuer zu ersetzen, chaordische Systeme gedeihen in der Veränderung. Jede Intelligenz ist ein Potenzial, jedes Individuum zählt. In chaordischen Systemen treten dynamische Möglichkeiten an die Stelle hierarchischer Kontrolle. Eine Ordnung taucht auf, wenn die Ziele und Prinzipien klar sind. Wir haben bei der Gründung von Visa über ein Jahr darauf verwandt, die Ziele und Prinzipien der Organisation zu klären. Daraus folgte ganz natürlich ihre Struktur. Ordnung entsteht nicht aus Anordnungen und Erlassen, sondern aus der Tiefe unserer Glaubenssätze und Ziele.

brand eins: War Visa ein chaordisches System?

Hock: Aus heutiger Sicht würde ich sagen: vielleicht zu 20 Prozent. Visa war eine Art Prototyp, ein erster Versuch, noch mit vielen Fehlern und Mängeln behaftet. Obwohl Kern und Konzept von Visa chaordisch waren, blieben doch viele seiner Mitglieder mechanistisch und linear, denn sie hatten die Tragweite des Konzeptes nicht verstanden. Ständig gab es Versuche, die alten Strukturen und Management-Praktiken wieder einzuführen. Aufgrund des explosionsartigen Wachstums kamen viele Manager in die Organisation, die bewusst oder unbewusst ihr altes mentales Gepäck mitbrachten. Ich selbst hatte nicht ganz begriffen, welch immenser kultureller Transformationsprozess von jedem gefordert ist, wenn er das Konzept richtig verstehen, entwickeln und anwenden soll. Heute findet dieser kulturelle Wandel an vielen Orten statt. Visa ist kein Modell, dem man nacheifern sollte, eher ein Archetyp, den man studieren und von dem man lernen kann.

brand eins: Braucht eine chaordische Organisation noch so etwas wie Führung?

Hock: Ein treffendes Urteil zu fällen oder klug zu handeln, wenn man alle Fakten kennt, ist noch keine Führung; auch Management ist eher Buchhaltung. Führung trifft richtige Entscheidungen und handelt verantwortungsvoll, wenn sie über nichts weiter verfügt als die richtigen Werte und einen klaren Sinn für die Richtung. Führung bedeutet, wahrzunehmen, wie die Dinge sein sollten, zu verstehen, wie sie sind, und die treibenden Kräfte des Wandels zu erkennen.

Gandhi, Goethe, Lao-Tse oder Thomas Jefferson waren in der Lage, sich in die Zukunft zu versetzen, diese Zukunft in die Gegenwart zu holen und so zu leben, als ob sie schon Wirklichkeit wäre. In gewisser Weise war ihr Bewusstsein der ursächliche Faktor für die Entstehung dieser Zukunft. Als ich die Gründung von Visa vorantrieb, hatte ich nur ein Gefühl für die Richtung und eine Idee. In chaordischen Systemen ist es die Aufgabe von Führung, zu verstehen, wann Chaos gebraucht wird, wann Ordnung und wie beide zueinander ins Verhältnis gebracht werden.

brandeins: Wie sieht chaordisches Management aus?

Hock: Bei dieser Frage wird meist eine Top-down-Perspektive eingenommen. Es geht darum, wie man Mitarbeiter auswählt, wie man sie motiviert, trainiert, organisiert, kontrolliert - das ist die falsche Perspektive. Ich empfehle, mindestens 50 Prozent seiner Zeit darauf zu verwenden, an sich selbst zu arbeiten: an seiner Ethik, seinem Charakter, seinen Prinzipien, seinen Zielen, seiner Motivation, seinem Auftreten. Mindestens 25 Prozent seiner Zeit sollte man darauf verwenden, seine Vorgesetzten zu führen, 20 Prozent, um die zu führen, denen man gleichgestellt ist. Die übrige Zeit kann man dazu nutzen, um diejenigen, für die man arbeitet - fälschlicherweise werden sie Untergebene bezeichnet - dazu zu bringen, dies ebenfalls zu verstehen und zu praktizieren. Kurz: Führe dich selbst, führe deine Vorgesetzten und Gleichgestellten und lass deinen Leuten freie Hand, dasselbe zu tun. Alles andere ist Blödsinn!

brand eins: Aber wer hat schon Macht über seine Vorgesetzten oder Kollegen?

Hock: Man kann verstehen, motivieren, überzeugen, informieren oder beeinflussen. Man kann ein Beispiel geben, ihnen vergeben und sie interessieren oder sie stören. Es ist also möglich, sie zu führen.

brand eins: Warum ist es so schwer, eine chaordische Organisation zu verwirklichen?

Hock: Das hat etwas mit der Schwierigkeit zu tun, die mentalen Modelle zu verändern. Wenn die Wirklichkeit nicht mehr mit dem eigenen mentalen Modell übereinstimmt, gibt es drei Möglichkeiten: Man kann sich am bisherigen Modell festklammern und versuchen, die äußere Wirklichkeit den eigenen Erwartungen anzupassen. Oder man leugnet den Wandel. Diese beiden Alternativen werden am häufigsten praktiziert.

Die dritte Möglichkeit ist, das eigene mentale Modell der Realität zu verstehen und zu verändern. Das ist die am wenigsten genutzte Möglichkeit - aus gutem Grund. Ein solcher Prozess ist extrem komplex, schwierig und beängstigend. Dazu ist eine äußerst genaue Bestandsaufnahme der eigenen Glaubenssätze notwendig. Es erfordert ein fundamentales Verständnis von Bewusstsein und wie dieses sich verändern muss. Dabei wird sogar die eigene Identität in Frage gestellt bis hin zum Sinn für Ort und Zeit.

Eine neue Ordnung der Dinge verunsichert uns, sie stellt den eigenen Wert und unseren Platz in der Welt in Frage. Wer wir sind und was wir sind, kann aus dem Blick geraten. Ein enormer Akt des Glaubens ist erforderlich. Neue innere Konzepte der Realität brauchen Zeit, um sich zu entwickeln und wir brauchen Zeit, in ihnen zu wachsen. Unsere Sprache, die unser Denken bestimmt, ist voll von mechanistischen Metaphern, die nicht über Nacht zu verändern sind. Scheitern ist ein integraler Bestandteil von Wachstum. Jeder hat die Möglichkeit, die Welt zu imaginieren, wie sie sein sollte - und sich entsprechend zu verhalten.

brand eins: Welchen Zweck verfolgt die von Ihnen neu gegründete Organisation Terra Civitas?

Hock: Terra Civitas wurde als eine sich selbst organisierende und sich selbst verwaltende Struktur konzipiert. Sie bietet einzelnen Menschen und Institutionen jedweder Nation und Kultur die Möglichkeit, sich zusammenfinden, um neuartige Konzepte von Organisation zu entwickeln, zu verbreiten und anzuwenden, die zu einer gleichmäßigeren Verteilung von Macht und Reichtum führen und die mit der Biosphäre und dem menschlichen Geist besser in Einklang sind.

Schon vor 40 Jahren beunruhigte mich, dass alle Arten von Organisationen immer unfähiger wurden, den Zweck zu erreichen, für den sie geschaffen worden waren. Es schien, als ob diese globale Epidemie von institutionellem Versagen eine tiefere, alles durchdringende Ursache hat, an die wir nicht herankamen. Durch jahrelanges Studium bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass dieses Versagen das Ergebnis des Versuchs war, der Newton'schen Wissenschart und der kartesianischen Philosophie nachzueifern. Biologische Organismen und Systeme sind niemals zentral organisiert oder von oben kontrolliert, und sie lassen sich am besten als ganzheitlich und nichtzentralisiert beschreiben.

brand eins: Woher nehmen Sie die Überzeugung, dass eine solch tief greifende Veränderung gelingen kann?

Hock: Visa war der unvollkommene Versuch, eine kommerzielle Organisation zu schaffen, die der Organisation der Natur folgt. Trotz all ihrer Mängel hat Visa in drei Jahrzehnten einen noch unreifen Geschäftszweig, der am Zusammenbrechen war, in eines der größten Unternehmen der Erde verwandelt, dessen Umsatz sich heute der Zwei-Billionen-Dollar-Grenze nähert und das keinerlei Anzeichen zeigt, sein Wachstum zu vermindern. Das ist ein guter Anfang.