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Print-Prognosen

Print-Medien kommen – und gehen immer schneller. Der Pressemarkt ist in heftiger Bewegung. Wohin? Das haben wir einen ausgewiesenen Kenner der Szene gefragt: Adolf Theobald, Gründer von "Twen", "Capital" und langjähriger Geschäftsführer des Spiegel-Verlags.




Haben Zeitungen und Zeitschriften eine Zukunft? Und wenn ja, welche? Versuchen wir es mal mit der Delphi-Methode, bei der die Deutung wichtiger ist als das Orakel. So mag es sein, dass die folgenden Vermutungen nicht eintreffen, aber wahrscheinlich ist das nicht. Es lohnt, die Gattungen der Print-Familie einzeln zu betrachten. Nur so kommt man der Wahrscheinlichkeit näher. Also: Die überregionalen Zeitungen Sie werden immer besser, nützlicher. Die großen Drei werden Bestand haben. Ihre Unterschiedlichkeit beziehen sie aus den verschiedenen politischen Neigungen. Halblinks die "Süddeutsche Zeitung", zentral die "FAZ", halbrechts "Die Welt". Die Zielgruppen sind verteilt, das schafft Marktsicherheit. Aktualität, Analysen und Anzeigen machen die Überregionalen unentbehrlich. Wer seriös informiert sein will, kann sich auf die elektronischen Medien nicht verlassen.

Regionalzeitungen Sie werden überleben, und das gut. Schließlich muss man wissen, was wann wo im Kino läuft, wer geboren oder gestorben ist, wo man ein Auto kauft. Alles das, was man im Leben braucht. Auch das Anzeigengeschäft wird stabil bleiben. Denn: Das Online-Geschäft wird wohl keins. Zwar werden die Auflagen etwas sinken - mehr und mehr Singles wollen sich nicht binden, selbst beim Abonnement. Dafür sind die Einzelpreise elastisch - nach oben.

Lokalzeitungen Sie werden es schwerer haben. Neue, variable Drucktechniken erlauben den Regionalzeitungen differenzierte, angepasste Lokalausgaben. Da bleiben Lokalblätter, die nicht zu größeren Verlagen gehören, auf der Strecke. Zumal sie redaktionell nicht über die Mittel der Regionalzeitungen verfügen.

Illustrierte Die Prognose ist einfach - es gibt sie schon heute nicht mehr. Der "Stern" nennt sich Magazin, die "Bunte" ist ein Gesellschaftsblatt geworden, in dem Nachrichten durch Namen ersetzt wurden. Und die "Neue Revue", da schweigt des Autors Höflichkeit. In der offiziellen Auflagenliste (IVW) werden Illustrierte als Gattung schon nicht mehr geführt.

Magazine "Der Spiegel" wird sein Monopol als klassisches Nachrichtenmagazin behalten. Wie er Politik, Wissen, Kultur transportiert, sucht seinesgleichen. Eine Konkurrenz ist nicht in Sicht, sie wäre auch zu teuer. Und "Focus"? Obwohl ein Magazin voller Nachrichten, ist es kein klassisches Nachrichtenmagazin. "Focus" ist die moderne Illustrierte, nach dem Muster des PC, der Oberfläche, gestrickt. Ein Rezept auch in Zukunft.

Fernsehzeitschriften Sie unter Presse zu subsumieren, fällt mir schwer. Sie sind Fahrpläne des TV. Alle bringen das Gleiche: das Programm. Verschieden ist nur der Preis, die Logistik, die Erscheinungsweise. Solange da noch Phantasie drin ist, wird diese Gattung überleben.

Wirtschaftsblätter Das sind Kinder der Konjunktur. So wie die Auflagen der Elternzeitschriften an Geburtenzahlen hängen, bewegen sich Wirtschaftsmagazine mit den Kursen. Aber: Da die Wirtschaft voller Imagination ist, wird es immer wieder neue, innovative Titel geben. Und das "Handelsblatt" wird es auch im nächsten halben jahrhundert geben. Ob sich daneben so originelle Titel wie die "Financial Times Deutschland" behaupten können? Es wäre zu wünschen, ist aber nicht sicher.

Computerzeitschriften Der neue Markt schlechthin. Je nach Problemlage (und wer hat keine Probleme mit seinem Computer?) wird es Titel geben, die neue Lösungen anbieten. Nutzwert pur. Eine sichere Bank.

Jugendzeitschriften Sie sind wohl am meisten gefährdet. Was sie bieten (Stars, Aufklärung, Wir-Gefühl) bieten Fernsehen, Radio, Chatrooms besser. Sie werden aus dem Markt gehen wie Teenager aus der Pubertät.

Frauenzeitschriften Kein Mann wird es verstehen, aber über Diät, Frisuren, Mode und Kosmetik können Frauen nicht genug lesen - auch wenn das meiste schon gesagt und geschrieben wurde. Die Femina oecolomica ist kein Konstrukt, sondern Realität. Sie wird den Frauenmagazinen immer eine wirtschaftliche Basis bieten.

Männerzeitschriften Ein sicheres Geschäft. Hier herrscht Nachholbedarf, der Mann hat ich und seine Bedürfnisse entdeckt. Nicht Sex - den "Playboy" gibt es schon lange. Jetzt sind Duftwässer, Abenteuer und Waschbrettbäuche dran. In dem Maße, wie die Geschlechter sich in Bewusstsein und Bedürfnissen angleichen, werden maskuline Titel nachgefragt. Auch die Industrie hat den Mann entdeckt und die Werbung liefert die Story dazu. Lifestyle heißt die Performance.

Über drei Gattungen ist zu berichten, deren Thema nicht der Inhalt ist, sondern die Erscheinungsweise: Die Wöchentlichen Sie werden wohl - leider - verschwinden. Ihr Anliegen war und ist, die Aktualität hinter sich zu lassen und gelassen die Ereignisse zu hinterfragen. Das ist wichtig für alle Nachdenklichen. Nur: Diese Aufgabe wird zunehmend von überregionalen Zeitungen wahrgenommen. In der "Süddeutschen Zeitung" finde ich ebenso kluge Reflexionen wie in der "Zeit", in der "FAZ" ähnliche Gedanken wie in der " Woche". Wozu brauche ich ein Wochenblatt, das nicht intelligenter ist als meine Tageszeitung? Schade.

Die 14-tägigen Das ist ein neuer Typus, der eigentlich ein alter ist. Frauenzeitschriften erschienen früher und erscheinen heute noch alle zwei Wochen. Das hatte einen profanen Grund: Nach 1945 gab es nicht genug Papier für häufigeres Erscheinen. Die Frauen beschieden sich mit der Hälfte der Ausgaben. Heute ist der Zwei-Wochen-Rhythmus ein Marketing-Gag. Die natürliche Uhr - täglich, wöchentlich, monatlich - wurde neu eingestellt. Vielleicht hat das was mit schwindender Markentreue zu tun (Montag ist nicht nur " Spiegel"-Tag). Jedenfalls entdecken einige Verlage den Zwei-Wochen-Rhythmus als den für sie sinnvollen Takt: vorneweg die Verlagsgruppe Milchstraße mit " Max" und "Net-Business", aber auch " Capital" von Gruner + Jahr.

Die Sonntagszeitungen Sonntag war der Tag des Herrn, des Axel Springer. "Bild am Sonntag" und "Welt am Sonntag" haben ihren eigenen Verteiler, für andere Verlage nicht zugänglich. Aber das Monopol zerbröselt. Ein Viertel der Verkaufsstellen haben heute auch sonntags geöffnet, Tankstellen, Bäckereien, Bahnhöfe. Da gibt es Möglichkeiten für Newcomer, und viele sitzen in den Startlöchern. Nicht nur für Sonntagszeitungen, auch eingeführte Titel wollen den Sonntag zum Verkaufstag machen. Wer möchte nicht gern den "Spiegel" oder "Focus" sonntags lesen? Neue Titel sind denkbar. Die "FAZ" fängt schon mal an, mit ihrer "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" auch überregional zu erscheinen. Ein Vorbild für Nachahmer?

So weit der Tour d'Horizon über Print der Zukunft. Wenn nicht alle Gattungen berücksichtigt wurden, möge man das dem Autor nachsehen. Und sich mit Morgenstern trösten: Korf schreibt Spengler eine Karte, wann er den Untergang erwarte.

Korf ist darauf sehr betrübt, weil er keine Antwort kriegt.

Palmström sagt: Du musst gescheit sein.

Wenn er nicht schreibt, wird wohl noch Zeit sein.