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Pornotopia

Im ältesten Chat-System der Welt geht es um Sex. Oder sagen wir besser: um menschliche Nähe?




Inter Relay Chat (IRC) ist das älteste und größte ChatSystem. Hier treffen sich unter anderem Sammler von Sexbildern, so genannten Sexpics. Die Gemeinde ist riesig. Zur Hauptnutzungszeit (in den USA abends) halten sich auf einem Kanal rund 20 000 Menschen auf und tauschen Millionen von Bildern: von Bilitis über Hardcore bis zu ekligen Tiernummern. Die meisten Chatter sind Amerikaner, aber je nach Tageszeit schalten sich auch Europäer, Australier, Brasilianer oder Hongkong-Chinesen zu. Sie reichen einzelne Bilder hin und her oder greifen über Fileserver auf fremde Festplatten zu.

IRC ist eine extrem körperlose Welt. Händler und Bilder sind nichts weiter als eine Ansammlung von Bits. Cyber-Identitäten können völlig losgelöst von ihren realen Trägern zirkulieren, als "Mary" erscheinen, zu "Irma" mutieren und als " Jack" den Raum verlassen. In dieser Welt zirkuliert eine überwältigende Flut von Sexpics. Einzelne Händler haben im Durchschnitt Tausende von Bildern. Die Bilder stammen von Websites, eMail-Listen, News-groups und Bulletinboards, gescannten Zeitschriften, privaten Filmen oder Fotos. Ständig kommen neue dazu, die Menge vermehrt sich exponentiell, denn die Pics werden im Tausch nicht abgegeben, sondern nur kopiert. Diese Welt scheint unerschöpflich, niemand kann alles haben, sehen, sammeln. Und das Ganze gibt es kostenlos! Manna vom Himmel!

Denkste. Denn was machen die Menschen in Pornotopia, der Welt des unerschöpflichen Konsums, der flachen Strukturen und grenzenlosen Anonymität? Sie etablieren Hierarchien, schaffen Werte und bauen menschliche Beziehungen auf. Da werden zum einen die gleichen strengen Grenzen gezogen, die auch die Sexwelt offline beherrschen. Die Kanäle spiegeln die standardisierten Kategorien der Pornoindustrie wider, von asiatisch bis gefesselt. Außerdem herrscht ein eindeutiges, nicht hinterfragtes Rollenbild: In den "normalen" Chats bewegen sich heterosexuelle Männer und bi-neugierige Frauen. Davon streng getrennt laufen die Schwulen-Chats und solche für Tabuthemen. Die gleichen Teilnehmer, die jede staatliche oder kommerzielle Kontrolle ablehnen, üben eine strenge Selbstzensur aus.

Damit der Regeln aber nicht genug. Wie besessen passen Sexpics-Händler auf, dass in ihrer freien Welt niemand etwas umsonst bekommt. Wer Bilder herunterlädt, ohne selbst welche abzugeben, ist ein "Blutsauger". Sammler, die nicht die gleiche Anzahl oder gleichwertige Bilder zur Verfügung stellen, werden bloßgestellt. Die Sammler verlieren durch Blutsaugen nichts, es werden schließlich keine realen Bilder getauscht, sondern nur Kopien erstellt. Aber sie fühlen sich ausgenutzt. Um das zu verhindern, wurden Software-Programme wie " Hawkee's Leech-Proof Fserver" entwickelt, mit denen Austauschverhältnisse festgelegt werden können: Für 100 Kilobyte von dir kriegst du 50 Kilobyte von mir. Der Preis für diese Automatisierung ist jedoch eine Anonymität, die gerade Veteranen beklagen. Denn während früher Geschälte übers Chatten zustande kamen, laufen heute oft nur endlose Banner über den Schirm, mit denen Händler ihre Festplatten bewerben.

Wie in der materiellen Welt basieren auch Netzgemeinschaften auf geregeltem Austausch. Doch von was? Die Datenpakete - immateriell, kostenlos und unendlich - sind schwer zu bewerten. Erst im Krieg gegen Blutsauger erhalten sie einen ökonomischen Wert, werden in Waren verwandelt, die man besitzen, tauschen oder stehlen kann. Dies macht zwar wirtschaftlich keinen Sinn, stabilisiert aber den Austausch, ohne den Gemeinschaften nicht bestehen können. Doch es gibt noch einen anderen Grund für die Verwandlung der Bilder in Waren: Betrachtet man den Bildertausch als normales Warengeschäft kann man sich von den Pics distanzieren und den Austausch de-erotisieren.

Ebenso eigenartig wie die künstliche Limitierung der Unendlichkeit ist das Bedürfnis der Sammler nach Authentizität. Alle bemühen sich redlich, die Identität des Gegenübers herauszufinden. Schicken eMails, telefonieren und treffen sich sogar im wirklichen Leben. Oder überprüfen die virtuellen Beziehungen dadurch, wie zuverlässig und aufmerksam einzelne Tauschpartner sind. Wer weiß, was mich anmacht, kennt mich und ist ein guter Freund. Überhaupt wird der menschliche Aspekt der Tauscherei mit der Zeit für viele wichtiger als die Pics. Erfahrene Händler erzählen, dass sie die Bilder ignorieren und sich nur einloggen, um zu plaudern und zu flirten. Hieße so ein Kanal nicht Fuckmywife und wären da nicht die Bilder von Frauen, die es mit gut ausgestatteten schwarzen Männern treiben, könnte man meinen, man stünde am Gartenzaun in Columbus, Ohio.

Auch die Objekte der Begierde werden ständig auf Authentizität überprüft. Am wertvollsten sind Bilder von "echten" Frauen, solchen, die sich privat lustvoll fotografieren lassen. Aber natürlich gibt es Tausende von kommerziellen Bildern, die diese Wohnzimmeratmosphäre vortäuschen. Scan-Sammlungen sind eine weitere Variante des Echtheitskults. Am begehrtesten sind die Arbeiten von Scanmaster, einem Spanier, der "Playboy"-Fotos technisch perfekt einscannt. Kein Sammler würde wagen, diese zu modifizieren. Dank einer speziellen Software können die eigenen Kopien mit den Originalen überprüft und Sammlungslücken identifiziert werden. Wie für jedes andere Hobby auch gibt es Scanmaster-Newsgroups, eMail-Listen und Fanclubs. Und so geht es im IRC um menschliche Nähe, Identität und Ordnungstriebe. Sex ist da eigentlich Nebensache.

(Literatur) Don Slater: Consumption without Scarcity - Exchange and Normativity in an Internet Setting. In: P. Jackson, M. Lowe, D. Miller (Hg.): Commercial Cultures. London (2000). Don Slater: Making Things Real - Ethics and Order on the Internet. In: Theory, Culture and Society www.irc.net, www.sublimethumbs.com