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Klar zur Wende

Über zehn Jahre lang war Michael Wnuk Unternehmer. Und erlebte mit seiner Werbeagentur den ganz normalen Wahnsinn: Wachstum und Tempo ohne Ende, fordernde Kunden, Druck von den Mitarbeitern und vor allem von sich selbst. Jetzt segelt er.




Nein, leichtfertig ist Michael Wnuk nicht. Er ist einer von denen, die sich alles viele, viele Male überlegen. Von links, von rechts, von oben und von unten.

Das traut man ihm nicht zu. Er gehört zu denen, über die andere sagen, sie stehen immer nur auf der Sonnenseite des Lebens, weil sie die andere Seite gar nicht sehen.

Daran trägt Wnuk nun wirklich keine Schuld. Es sind die dunkelblonden Haare, die Sommersprossen, die blauen Augen. Und das Lächeln. Es ist eines, das wirbt und doch unverbindlich bleibt. Dazu gut angezogen. Aus Düsseldorf. Auch noch Werber. So ein Typ ist er. Äußerlich.

Innerlich ist Wnuk ein Quäler. Das war er wohl nicht immer - das weiß niemand so genau, nicht einmal er selbst. Fest steht jedenfalls, dass er es nicht mehr sein will. Genau deshalb hat er sich getraut, wovon viele träumen und wozu doch kaum jemand den Mut hat - er hat sein Leben vollkommen auf den Kopf gestellt: Michael Wnuk hat seine Firma verkauft.

Dass er das geschafft hat, kann er heute manchmal nur schwer glauben. Viel Glück hat er mit seiner Firma erlebt, hat um sie gezittert und gebangt, sie war sein Lebensinhalt und Indikator für seinen Selbstwert. Er hat sie aus "einer kleinen Bude, so mit einem Freund halt" aufgebaut zu einer Werbeagentur mit zehn Festangestellten und freien Mitarbeitern. Zehn Jahre harte Arbeit. Nun ist er sie los. Aus. Schluss. Vorbei.

Das ist leicht geschrieben. Aber so, wie er die Sache erzählt, war es im wirklichen Leben ein langer und quälender Prozess, der begann, bevor er ihm richtig bewusst wurde. Eigentlich lief seine Agentur, die sich auf Werbung im Business-to-Business-Bereich spezialisiert hatte, nicht schlecht. Sie wuchs und gedieh, er hatte Stammkunden und war gut beschäftigt. Das Geld stimmte, die geschäftlichen Aussichten auch.

Dann, nach gut acht Jahren, scheint ihm auf einmal alles mühsam. Der Job, die Firma. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Er weiß nur: Etwas ist anders. Nichts geht mehr wie von selbst. Alles, auch das Kleinste, scheint ihm plötzlich anstrengend. Sogar das Bestellen des Abendessens im Restaurant nervt ihn. Zum Schluss auch das Aufstehen morgens.

Er hat von Leuten gehört, die nicht mehr können. Aber er? Er kann immer. Oder? Er kann nicht mehr. Diese Erkenntnis tut weh, so sehr, dass er sie ein Jahr lang verdrängt. Aber muss man deshalb alles über den Haufen werfen und sein Unternehmen, seine Existenz verkaufen? Wäre es nicht anders gegangen?

Das ist eine einfache Frage, über die er lange nachdenkt, hier in einem Restaurant in der Altstadt von Lissabon, wo die Männer Fado singen, fernab von Düsseldorf und seinem alten Leben. "Weil es richtig war." Das ist zu einfach, er weiß das. Aber es ist so schwer zu beschreiben. Da sind so viele Dinge zusammengekommen. Und obwohl es erst ein paar Monate her ist - für Wnuk ist es weit weg. Ex-Unternehmer, Ex-Werber Wnuk ist nun hauptamtlich Segler. Mit dem Geld aus der Firma und seinem Ersparten hat er sich eine Yacht gekauft, mit der er und seine Freundin Nathalie Müller um die Welt fahren wollen. Lissabon ist nur eine Zwischenstation. Hier will er sich eine Pause gönnen, das Nötigste an Verpflegung für die Weiterfahrt Richtung Madeira und Kanarische Inseln einkaufen, Wasser und Diesel tanken, ein paar Reparaturen ausführen. Das Boot, die "Iron Lady", ist ein etwa 16 Jahre altes, zwölf Meter langes Schiff. Etwas ramponiert, aber ein solides Zuhause für vier Jahre Weltumseglung. Was es gekostet hat, sagt er nicht, es war "verhältnismäßig preisgünstig". Also werden es so um die 150 000 Mark gewesen sein.

Statt die Frage zu beantworten, rechnet Wnuk erst mal. Das Essen in Lissabon ist eine Einladung. Die Manna, der Hafen, ist billig, gut zehn Mark die Nacht. Mit dem Geld muss er haushalten. Rund 100 000 Mark rechnet er für die Reise. Und er ist erst am Anfang. An einem Boot kann jederzeit alles Mögliche kaputtgehen. Man kann nie wissen. Neue Segel etwa kosten leicht ein paar tausend Mark.

Das ist in ihm drin, das Kalkulieren, das Haushalten, das Rechnen mit dem Unvorhersehbaren. Da ist er immer noch Kaufmann. Er ist selbstständig gewesen und will auch heute noch unabhängig sein. Es ist ihm wichtig, dass er fast alles an Bord reparieren kann. Dass er sich auskennt mit dem technischen Equipment, den elektronischen Karten und dem Navigationssytem. Wie in der Firma damals bei Software und Hardware. Da delegierte er nie, wollte immer alles selbst machen.

Die Frage bleibt: Wieso hat er sich nach zehn Jahren von seiner Firma getrennt? "Vielleicht hätte ich es früher machen sollen", sagt er endlich und stochert in seinen Rippchen. Wieso? Zuerst, sagt er, hat er nur für sich gearbeitet, bald schon nur noch für andere. Er muss dafür sorgen, dass seine Leute ausgelastet sind, dass Aufträge reinkommen, die Rechnungen pünktlich bezahlt werden. Dass wieder Aufträge reinkommen. Um die zu schaffen, braucht er in regelmäßigen Abständen neue Maschinen und Apparate. Hochleistungskopierer, die neuesten Computer und Softwaresysteme. Damit er die bezahlen kann, braucht er wieder Aufträge, damit er sie bedienen kann, neue Leute. Das geht zehn Jahre lang so.

Dann hat er die Nase voll. Er will nicht mehr. Er mag nicht mehr. Erst spürt er nur diesen Unwillen gegen sein Geschäft hochkommen, gegen die ständigen Fragen, " Micha, wie sollen wir das machen?", gegen die ständigen Schwierigkeiten, "Herr Wnuk, wir haben es uns anders überlegt", dagegen, dass er alles immer allein entscheiden muss: "Micha, ich habe hier verschiedene Entwürfe, welchen sollen wir nehmen?" Dabei hatte ihm gerade das mal Spaß gemacht. Gern hat er entschieden, ja er hat sich sogar wissentlich unentbehrlich gemacht.

Irgendwann, sagt er, wurde er launisch. Er hat das erst gar nicht gemerkt, aber seine Mitarbeiter schon. Und Freundin Nathalie. Zu Hause war er immer weniger. Festgebissen hat er sich in der Firma. "Er rief an und sagte, er käme so gegen acht", erzählt Nathalie. "Um acht rief er dann an und sagte, es kann halb zehn werden." Gegen halb eins kam er dann tatsächlich. Das stört erst sie, dann ihn. Wobei man sagen muss, Nathalie ist keine Frau, die nichts mit sich anzufangen weiß, sie studiert, hat viel zu tun. Sie würde nur einfach mal gern ihren Freund wach erleben.

Aber es gärt auch in ihm. Durch sie, die Studentin, hat Wnuk auf einmal das Gefühl, dass ihm in seinem Leben etwas fehlt. Sicher, sie lernt viel, bereitet sich auf Prüfungen vor. Aber sie entscheidet, wann, wie und wo sie es tut. Er, der Entscheider, hat zunehmend das Gefühl, dass er gar nichts mehr entscheidet. Die Kunden sind ungeduldiger, anspruchsvoller geworden. Das Business insgesamt viel schneller. Alle in stetiger Hetze, und er mit seiner Agentur hängt immer hintendran, muss ausbügeln, was andernorts verbaselt wurde.

Irgendwann wird ihm klar: Er, der den Erfolg gejagt hatte, wird nun selbst gejagt. Von der Angst.

So klar wie jetzt, sagt er in der Altstadt im Restaurant zwischen zwei Fado-Darbietungen, sei ihm das alles damals nicht gewesen. Er habe mehr ein diffuses Unbehagen verspürt. Erst zwei Tage später auf dem Atlantik wird er diese Worte finden, die beschreiben, wie es war. Es fällt ihm schwer, sich zu erinnern. Nicht weil es wehtut, sondern, weil er kaum Erinnerung an die Zeit hat. Zu viel Tempo, zu viel Arbeit, keine Zeit nachzudenken. Die meisten seiner Auftraggeber kommen aus der IT-Branche. Da muss er natürlich auf dem Laufenden sein. Das ist sein Job neben dem Job. Die Geschäftspartnerin kümmert sich zwar ums Büro, um die Administration, sorgt dafür, dass intern alles läuft. Aber für ihn gibt es trotzdem gut zu tun.

Zwischendrin überlegt er sogar, den Laden doch noch mal richtig wachsen zu lassen. Er will es noch mal wissen. Er hat auch die Hoffnung, dass das Wachstum ihn vielleicht irgendwann entlasten könnte. "Ich dachte, ich hätte dann weniger zu tun, weil wir eben mehr gewesen wären", sagt Wnuk. "Dann hätte ich mich vielleicht nicht mehr um alles kümmern müssen." Bald schon träumt er von etwas richtig Großem. In einem hellen Moment wird ihm klar: "Nein, das will ich gar nicht." Die Rendite würde nicht steigen, er bräuchte mehr Leute, die er auslasten müsste, mehr Equipment. Am Ende wäre alles vielleicht noch schlimmer. Also lässt er die Expansion, denkt: Wenn ich klein bleibe und meine Arbeit besser verteile, mehr delegiere, anders organisiere, dann wird die Last leichter werden.

Am nächsten Morgen hat Wnuk genug vom Hafen. Er will in Bewegung sein. Daran hat sich nichts geändert. Außerdem haben sie ihm in der Nacht den Außenborder für das Dinghi, das kleine Schlauchboot, geklaut. Das kostet wieder extra und bringt die Kalkulation durcheinander. Bessere Häfen sind erst mal nicht drin. Diese unvorhergesehenen Behinderungen, das konnte er auch in Düsseldorf schwer ab. Also Schiff klarmachen, weg vom Festland und seinen Problemen. Ran ans Ruder mit der segelunkundigen Journalistin, Wnuk derweil unter Deck auf der Suche nach dem besten Kurs. Raus aus dem Tejo. Nach 20 Minuten endlich das offene Meer. Dunkelblaues Wasser, das schmutzige Grün des Tejo ist untergemischt.

Dass er einfach so das Steuer aus der Hand gibt, das ist schon eine Leistung für einen Kontrollfreak wie Wnuk. Er sagt, das mit der Kontrolle sei erst durch den Job gekommen. Zwar habe er schon als Kind gern alles selbst gemacht. Dass er nie abgeben konnte, das sei ihm aber erst nach und nach passiert. Zu viel Angst, dass etwas schief geht, zu viel Verantwortungsgefühl für die anderen, sinniert er. Nathalie sagt, zum Schluss habe Micha alles, wirklich alles selbst gemacht. Auch Sachen, die andere besser können. Ein Netzwerk für die Computer installieren zum Beispiel. Aber an den Computern hängt nun mal die ganze Firma. Das ist zu entscheidend, als dass er es einem anderen überlassen könnte. "Je größer der Druck wurde, desto mehr wurde er zum Perfektionisten", sagt Nathalie. Am Ende, sagt Wnuk, sei es so gewesen, dass er sich auch die kleinsten Kleinigkeiten, "nahezu jeden Buchstaben und jede Grafik" - nochmals angesehen habe, die aus dem Haus zum Kunden gingen.

Kurs halten. Kein Land mehr in Sicht. Nur noch Wellen. Freiheit. Das Boot schnalzt gemütlich. Gute Fahrt. Sieben Knoten. Das ist nicht rasend viel, aber für ein Schiff wie die Lady ist es bei den Windverhältnissen allemal okay. Außerdem: Auf Schnelligkeit kommt es Wnuk nicht mehr an, das sieht er jetzt locker.

In Düsseldorf ist er fast immer unlocker. Er geht zum Trommeln, um sich abzureagieren. Aber auch das nimmt er sehr ernst. Er nimmt überhaupt alles sehr ernst. Außer sich. Erst wird er launisch und unausgeglichen, dann krank. Er bekommt Beklemmungen. Herzrasen. Herzstiche. In allen möglichen und unmöglichen Momenten. Nathalie, die Ärztin, schickt ihn zur Untersuchung. Ihre Diagnose steht schon vorher fest. "Die Beschwerden sind psychosomatisch." Davon will der Patient nichts hören. Klar hat er Stress, aber dies hier ist viel ernster: Es tut weh. Er läuft von Arzt zu Arzt. Einer sagt ihm: "Wenn Sie so weitermachen, machen Sie sich endgültig kaputt. Sie müssen kürzer treten." Michael Wnuk zieht erst mal mit der Firma um. Er hat nun nicht nur Herzschmerzen, er hat auch Kopfschmerzen. Er lässt den Teppich nach Ausdünstungen untersuchen. Mit der Auslegeware ist alles in Ordnung. " Wahrscheinlich liegt es an der Jahreszeit", sagt er sich. Aber es dämmert ihm: Es ist nicht das Herz, es ist nicht der Teppich, es ist nicht die Jahreszeit. Er selbst ist es.

Delfine! Sie jagen in eleganten Bögen rasend schnell Makrelen. Der Himmel ist blau, mit ein paar Wolken. Keine anderen Schiffe sind in Sicht. Geradeaus liegt Madeira, wenn er wollte, könnte Wnuk sofort hinsegeln. Er ist wieder Herr der Lage und endlich nur noch für sich verantwortlich.

Aufs Segeln kommt er durch einen Freund. Beide machen einen Segelschein. Wie er das zeitlich geschafft hat? Er weiß es nicht so genau, denn der Wahnsinn im Büro ist voll im Gange. Aber mittlerweile weiß er: Ich muss etwas ändern. Er bespricht sich mit seiner Partnerin. Sie sagt ihm: "So geht es mit dir nicht weiter. Du brauchst eine Pause." Leicht gesagt, wenn man zehn Mitarbeiter hat, für die man verantwortlich ist. Die Miete für das Büro, die Aufträge, die Kunden - wie soll das gehen, wenn er weg ist? Schnell ist klar: Nur mal so ein halbes Jahr ausspannen und dann weitermachen wie bisher ist keine Lösung. Und: Will er das alles eigentlich noch? Will er dieses, sein Leben, so?

Plötzlich tut es ihm wieder Leid, dass er nicht studiert hat. Dass er sich nie Zeit gegönnt hat. Aber nun, mit Mitte 30, noch mal zur Uni? Das ist doch lächerlich. Was soll er da?

Den Durchbruch bringt ein Buch. Ausgerechnet. Wo er doch nur noch selten liest. Es ist Bobby Schenks " Blauwassersegeln". Schenk, Richter von Beruf, segelt gemeinsam mit seiner Frau immer mal wieder um die Welt. Im Buch erzählt er seine Erlebnisse, gibt Tipps und Anregungen. Für Wnuk ist es Anleitung und Appetitmacher zugleich.

Wnuk beginnt sich für Boote zu interessieren. Erst mal "nur so". Nathalie macht ihren Segelschein. Sie schreiben auf Verkaufsannoncen in Fachzeitschriften. Auch nur mal so. Irgendwann ist unter den Zuschriften das Foto von der Iron Lady. Nathalie und Wnuk fahren von Düsseldorf nach Kiel. Da liegt die Lady vertäut. Es ist keine Liebe auf den ersten Blick. Es ist mehr das Gefühl: "Dir können wir vertrauen", beschreibt Wnuk seine Begegnung mit der Gefährtin. Sie kaufen die Lady.

Aber Michael ist nicht erleichtert. Im Gegenteil: Er muss das Geld beschaffen. Er hat immer gut gelebt, so viel Geld hat er nicht auf einen Schlag frei. Er arbeitet noch mehr, kämpft um die Aufträge. Er weiß nicht, ob er das Schiff bezahlen kann, ob seine Pläne vom Segeln überhaupt realistisch sind. Er zweifelt und wird immer unausstehlicher. Er verkauft seine Wohnung in Spanien, trennt sich damit von einem Teil seines alten Lebens. Er hatte die Wohnung gekauft, als er Anfang 20 war. Da war er frisch verliebt und die Wohnung billig. Das Leben war einfach und die Liebe auch. Die wird jetzt immer schwieriger. Nathalie ist verunsichert - "Micha war in dieser Zeit nicht mehr er selbst". Klar, er stand schon immer unter Strom. Aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Sie zweifelt an ihm. Er merkt es nicht.

Die Wellen sind so hoch, dass in den Wellentälern außer Dunkelblau nichts mehr zu sehen ist. Wnuk geht unter Deck, er will sehen, wo der nächste Hafen ist. Bald wird die Sonne untergehen, dann wird es auf dem Meer schlagartig kalt und düster. Von Land ist kein Licht zu erwarten - nichts als Steilküste und unbewohnte Ödnis. Die Sonne hat kahle Stellen in die Grasnarbe gebrannt. Karstige Felsen sind vom Wind freigelegt. "Halte Kurs da vorn auf die Spitze." Das Boot knallt auf eine Welle, dreht durch den Wind. "Keine Panik, das ist nicht schlecht." Beim nächsten Mal klappt es besser: "Super, wie das schon geht", sagt er.

Gelobt hat er in Düsseldorf kaum noch. Nur genölt die ganze Zeit. Nichts ist ihm gut genug. Er wittert Boykott, findet alles schlecht. "Das lag nicht an denen, das lag an mir." Noch hat er seinen Entschluss nicht endgültig gefasst, noch ist er im Trott. Aber Schenks Buch lässt ihn nicht los. Er liest es noch mal und noch mal. Wnuk stellt sich Wnuk vor: auf dem Boot, vor den Azoren, auf dem Panamakanal, in der Südsee, in Neuseeland, vor der Küste Indiens, durch den Suezkanal - oder doch vorm Kap der guten Hoffnung? Er und Nathalie. Sie muss mit. Das ist klar. Er spricht mit ihr. Sie zögert. Macht sie diese lange, anstrengende Ausbildung, um dann aufzugeben? Ist er nicht manchmal auch ein richtiges Arschloch? Ihre Freunde sagen: Ach der! Da gehst du mit? Gibst deine Karriere auf, und wenn ihr wieder da seid, wer weiß dann schon, was dann ist?

Seine Eltern, denen er von seinen Plänen erzählt, sagen erst: toll. Dann aber: Was machst du mit deinem Hund? Was soll aus deiner Firma werden? Seine Bekannten sagen: toll. Und denken: der Spinner. Im Job kann er erst mal gar nichts sagen. Die dürfen es nicht wissen. Was ist, wenn es schief geht? Nur seiner Geschäftspartnerin sagt er es. Sie ermutigt ihn. Denn so wie die Sache läuft, hat sie auch keinen Spaß mehr mit ihm.

Die Gespräche, die er mit anderen führt, führt er in Wirklichkeit mit sich selbst. Er kennt die Einwände, hat sie tausendmal durchdacht. Wartet auf den einen, auf den er selbst noch nicht gekommen ist und der so gravierend ist, dass er ihn nicht entkräften kann. Vergebens. Der endgültige Entschluss, die alles ändernde Entscheidung, die Firma zu verkaufen, schleicht sich in sein Leben. Sie hat keinen unmittelbaren Anlass: "Plötzlich war sie da." Von da an ist es, als sei er auf Schienen unterwegs. Er spricht mit seinem Steuerberater, Rechtsanwälten, Meldebehörden. Das hält ihn in Gang und seine Gedanken fokussiert.

Doch kein Hafen. Lieber vor der Küste ankern. Der Platz ist ruhig, man kann auf den Atlantik sehen, aber er ist durch eine Bucht geschützt. Die Lady zieht an ihrer Kette, würde wohl gern weitersegeln. An Land sieht man jetzt doch Lichter: Es sind Fischer, die nachts auf Fang gehen und sich ein Lagerfeuer angezündet haben. Mit Taschenlampen locken sie ihre Beute. Wnuk ist ein guter Koch. War er in Düsseldorf auch schon - nur hatte er kaum noch Gelegenheit. Es gibt Huhn in Curry und Safran an Deck. Dazu Bier.

Es wird dunkel und kalt. Reden, Feuer beobachten, die Sterne. War er wirklich mal Werber? Schlafen um 11 Uhr. Aufwachen mit der Sonne um 6.30 Uhr. Alles im Rhythmus der Natur. Auch Michael Wnuk hat seinen gefunden.

Vier Jahre hat er angesetzt für die Reise. Nathalie kommt im Sommer dazu, wenn sie ihr Medizinstudium beendet hat. Den Winter verbringt Wnuk allein auf den Kanaren. Da will er das Boot noch überholen, für die lange Reise klarmachen. Und wenn der Passat kommt, werden er, Nathalie und die Lady sich von ihm über den Atlantik schieben lassen. Nach Venezuela. Das dauert etwa 20 Tage. Dann durch den Panamakanal, Südsee, Neuseeland, so wie er es sich erträumt hat.

"Du bist so anstrengend mit deinen Fragen. Mit dem Tempo, in dem du denkst. Du bist wie ich damals", sagt Wnuk. "Willst du immer arbeiten - träumst du nicht auch von etwas anderem?" Es gehört wohl dazu, dass man neue Erkenntnisse anwendet. Aber Michael Wnuk ist kein Missionar, er stellt die Frage, weil ihn die Antwort interessiert. Dann erzählt er, wie er es schließlich geschafft hat. Dass es zwar nervig war, aber am Ende doch nicht so schwierig wie gedacht: Die Partnerin hat Teile der Firma übernommen und auch den Hund, die Wohnung hat er aufgelöst. Er hat dabei keine Trauer empfunden. Und keinen Schmerz. "Den hatte ich vorher." Abends im Hafen von Setùbal, einem schicken Ort, wo die Yachten der Lissabonner liegen: Wnuk hat Chili gekocht, mit den Peperoni, von denen Nathalie einen ganze Kette an die Kabinendecke gehängt hat. Dazu wieder Bier. "Weißt du, ich bin kein Aussteiger, wenn ich in vier Jahren wieder da bin, dann habe ich mir was überlegt, was ich dann machen will." Arbeiten will er in jedem Fall wieder, denn eigentlich hat es ihm ja auch mal eine Menge Spaß gemacht. Pause. "Meinst du, ich halte durch - all die Zeit?" Denk an Düsseldorf, Micha.