Partner von
Partner von

Gut gemacht. Mist gemacht. Mies gemacht. Mut gemacht.

Wer beim Massaker am Neuen Markt dabei war, ist entweder tot oder hat seine Lektion gelernt. Zum Beispiel die, dass auch die bestraft werden, die immer solide waren. Wie lebt man mit dem Niedrigkurs?




SHS Informationssysteme AG Wertpapier-Kennnummer (WKN): 507240 Umsatz 2000: 28,73 Millionen Euro Ebit: 3,34 Millionen Euro Mitarbeiter: 430 Kunden (Auszug): T-Mobil, Otelo, E-Plus, Viag Interkom, France Telekom, Telefonica, Lucent Technologies, Swisscom, Paybox Eckdaten: 1991 Gründung von SHS in München Oktober 1997 Umwandlung der bestehenden GmbHs in eine AG Mai 1999 Börsengang an den Neuen Markt Dezember 1999 Übernahme von Apsia, Frankreich Juli 2000 Übernahme von Polar, Spanien "Man stürzte sich leichtsinnigerweise auf jedwede Emission kleiner unbekannter Gesellschaften, mit der fast messianischen Überzeugung, dass aus jedem Unternehmen, in dessen Firmennamen das Wort Computer vorkam, eine zweite IBM oder eine zweite Xerox werden würde." Andre Kostolany in seinem Buch "Geld und Börse" über die Situation an der Wall Street Ende der sechziger Jahre Zum Thema im Web: www.shs.de Homepage der SHS Informationssysteme AG www.saffo.org Homepage von Zukunftsforscher Paul Saffo, der den New-Economy-Managern eine glänzende Zukunft prophezeit Waren wir nicht alle ein bisschen Bluna? Die Geschäfte am Neuen Markt schienen für Unternehmen und Anleger so leicht, als sei das Leben ein ewiges Flaschendrehen. Aus und vorbei. Übrig geblieben ist vielfach nur ein Scherbenhaufen. Und jetzt? "Der Crash hat doch auch seine guten Seiten", sagt zum Beispiel Stefan Möller, Vorstandschef der Münchner S H S Informationssysteme AG.

Sein Unternehmen entwickelt IT-Konzepte und programmiert Software für Telekommunikationsanbieter. "Dahinter steckt eine Menge Know-how und Erfahrung, aber kein großes Geheimnis oder ein patentiertes Produkt, das wir uns schützen lassen könnten", sagt der 35-Jährige. Doch der weltweite Börsenkollaps stattet die SHS im Augenblick mit einem Kopierschutz der besonderen Art aus. Möllers Argument: "Potenzielle Wettbewerber können ohne das Geld durch einen Börsengang nicht mehr so schnell wachsen." Und der ist für viele in unerreichbare Ferne gerückt.

Möllers Einschätzung wird von Spezialisten durchaus geteilt. Frank Rothauge etwa analysiert für das Bankhaus Sal. Oppenheim in Frankfurt die Technologie-Märkte. Er sagt: "Natürlich gibt es bei Anlegern und Investoren einen riesigen Vertrauensverlust. Für alle Beteiligten wäre es wohl besser gewesen, wenn es weder das übertriebene Hoch noch das aktuelle Tief gegeben hätte, das ich für genauso übertrieben halte." Doch auch Rothauge sieht für die bereits notierten Aktiengesellschaften einen unschlagbaren Vorteil. " Wer noch auf den Börsenzug aufspringen konnte, hat bei allen Kursverlusten doch eine riesige Chance. Diese Unternehmen können sich in der aktuellen Situation einen entscheidenden Vorsprung sichern." Wenn das Geschäftskonzept etwas taugt.

Die Stimmung ist gnadenlos - auch die Soliden und Erfolgreichen geraten unter einen irrationalen Druck.

Im ersten Quartal dieses Jahres gab es in Deutschland über 76 Prozent Börsengänge weniger als im Vorjahr. Ganze fünf Unternehmen wagten sich noch an den Neuen Markt. Jörg Schwarz, Vorstandschef der Düsseldorfer Lang & Schwarz Wertpapierhandel, sagt: "Derzeit gibt es fast nur Verlierer. Aber wenn nicht mehr kritiklos jeder Mist gezeichnet wird, ist das langfristig sicher eine positive Entwicklung. Die Unternehmen, die in Zukunft auf den Markt kommen, werden auf einer wesentlich solideren Basis stehen." SHS hat auch im Geschäftsjahr 2000 schwarze Zahlen geschrieben. Vor Zinsen und Steuern erzielte SHS ein Ergebnis von 3,3 Millionen Euro. Doch die Stimmung ist gnadenlos, das bekam Möller bei der Präsentation der Bilanz 2001 Ende März zu spüren. "Der Umsatz hat sich mit 28,7 Millionen Euro fast verdreifacht, blieb damit aber hinter den erwarteten 29 Millionen Euro zurück", meldete die Nachrichtenagentur Reuters trocken. Ein starkes Stück, meint Möller: "Ich finde eigentlich, dass wir die Planzahlen ziemlich genau erfüllt haben." In der Hochphase am Neuen Markt im März 2000 wurde die SHS-Aktie mit fast 50 Euro gehandelt, Anfang April pendelte der Wert um die 10-Euro-Marke. "Für unsere Anleger ist das natürlich schlimm", sagt Möller. "Aber allein der Blick auf die Unternehmensgeschichte zeigt doch, dass wir kerngesund sind." Am 19. Mai 1999 ging SHS als Nummer 101 an den Neuen Markt. Kein Schnellschuss, das Unternehmen war damals schon acht Jahre alt. Damit lag die SHS deutlich über dem Durchschnittsalter der Börsenneulinge von 5,2 Jahren. Bereits im ersten Geschäftsjahr machte die SHS bei einem Umsatz von rund 200000 Mark Gewinn. Bei schwarzen Zahlen ist es geblieben.

Der gelernte Mathematiker Möller stieg im April 1997 bei der SHS ein. Zuvor hatte er sieben Jahre als Consultant bei der Unternehmensberatung Mummert + Partner gearbeitet, ehe er dann die eigenständige Hamburger SHS-Tochter mit aufzog - wiederum eine GmbH.

Nur wenige Tage zuvor, am 10. März 1997, war in Frankfurt der Handel am Neuen Markt aufgenommen worden. Ganze zwei Aktien waren dort in der ersten Stunde notiert: Mobilcom und Bertrandt. "Börse, Aktien und Aktiengesellschaften - für uns war das damals eine völlig fremde Welt", konstatiert Möller.

Dass die SHS dann selbst im Oktober 1997 eine AG wurde, hatte wenig mit der Entwicklung am Neuen Markt zu tun. Zwar spazierte just zu diesem Zeitpunkt ein gewisser Thomas Haffa mit seiner EM-TV aufs Frankfurter Parkett. "Doch bei unser AG-Gründung haben am Anfang eigentlich nur organisatorische Überlegungen eine Rolle gespielt", sagt Möller. Die Verwaltung von mittlerweile vier eigenständigen GmbHs, die permanenten Änderungen der Gesellschafterverträge und die " ständigen Sessions bei Notaren" hätten einfach überhand genommen.

Der Neue Markt rückte für die SHS erst im Sommer 1998 bei der vierten Aufsichtsratssitzung der jungen AG ins Blickfeld. "Wir haben damals in Jeans locker die Jahresergebnisse für 1997 vorgetragen, als unser stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender Friedrich Wilhelm Holtkötter den Taschenrechner zückte", erzählt Möller. Der erfahrene Manager habe seine Berechnungen mit den Worten beendet: "In einem Jahr gehen wir an die Börse." Die versammelte SHS-Führungsmannschaft hätte einfach nur gestaunt, als Holtkötter dann über die Grundzüge des Neuen Marktes referierte.

Als Möller und Co. einmal die Augen geöffnet waren, sahen sie schnell, dass ihr Aufsichtsrat durchaus einen Blick für die Realitäten hatte. Mit der Infomatec war mittlerweile ein Unternehmen an der Börse notiert, das den SHS-Leuten bestens vertraut war. "Das waren auch IT-Leute, die Firma war ungefähr so groß wie wir. Das hat unseren Ehrgeiz natürlich enorm angestachelt", sagt Möller.

Im Geschäftsjahr 1998 setzte die SHS mit etwa 70 festen Mitarbeitern rund sieben Millionen Euro um. Zudem wurde mit voller Kraft am IPO gewerkelt, der für den 19. Mai 1999 angesetzt war. Der Ausgabepreis der SHS-Aktie lag bei 18,50 Euro und stieg schon am ersten Tag auf einen Kurs von 21 Euro. Das waren selige Zeiten, denn damals notierte der Kurs höher als zwei Jahre später im Frühjahr 2001. "Derzeit wäre ein Börsengang wie unserer doch gar nicht mehr möglich", sagt Möller. Erfolg ist eben auch eine Frage des richtigen Timings. Denn obwohl der SHS-Kurs zurzeit mickrig ist, können die nicht an der Börse gelisteten Wettbewerber von der Kapitalausstattung der SHS nur träumen. Und: Nur durch die Notierung an der Börse hat die SHS ihr Wachstum finanzieren können. Auch hier haben Möller und Kollegen die Gunst der Stunde genutzt. Als ihre Aktien hoch im Kurs waren und sie damit ein starker Partner, haben sie andere Unternehmen per Aktientausch übernommen.

"Dabei haben wir uns aber nie treiben lassen. Wir sind wie geplant Schritt für Schritt vorgegangen", sagt Möller heute. Allerdings sei der Druck gewaltig gewesen. Schon kurz nach dem Börsengang hätten die ersten Investoren angerufen und gefordert: ,Jetzt macht doch endlich etwas mit dem Geld!" SHS hatte die Börsen-Millionen erst einmal auf einem Festgeldkonto der Deutschen Bank geparkt und in Ruhe verhandelt. "Das haben wir aber schön für uns behalten." Der Nutzen des Massakers am Neuen Markt -endlich steht gesundes Wachstum wieder hoch im Kurs.

Erst im Dezember 1999 übernahmen die Münchner das französische IT-Beratungsunternehmen Apsia. Im Juli 2000 folgte streng nach Plan die zweite Acquisition. SHS übernahm den 300 Mitarbeiter starken spanischen IT-Dienstleister Polar. Möller sagt aber auch: "Bei den hohen Börsenkursen war die Versuchung groß, noch öfter zuzugreifen. Wenn alle Welt im Kaufrausch ist, wird dauernd spekuliert. Es gibt Gerüchte, Investoren drängeln. Und plötzlich entfernt man sich immer mehr von seinem eigenen Geschäftsmodell." Auch deshalb kann Möller der neuen Lage durchaus etwas Gutes abgewinnen. Er fühlt sich gewissermaßen bestätigt. "Endlich steht gesundes Wachstum wieder hoch im Kurs." Diese Einschätzung teilt auch Frank Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Vielfach seien die Zukäufe nicht richtig durchleuchtet worden, sagt der Analyst. "Hinzu kommt: Viele Unternehmen waren einfach nicht in der Lage, diese komplizierten Transaktionen mit ihrem finanziellen Know-how ordentlich abzuwickeln." So musste zum Beispiel Florian Haffa, der Bruder von Vorstandschef Thomas Haffa, Ende 2000 bei EM-TV seinen Stuhl als Finanzchef räumen. Nach Buchungsfehlern war EM-TV gezwungen, die zuvor ausgewiesenen Gewinne um einen zweistelligen Millionenbetrag nach unten zu korrigieren.

Noch desolater war die Lage offenbar beim ersten Pleitefall am Neuen Markt. Am 15. September 2000 stellte die Gigabell AG den Insolvenzantrag. Bei der Telekommunikations-Firma erlebte Insolvenzverwalter Dirk Pfeil sein blaues Wunder. Wüste Zettelsammlungen in den Schubladen statt geordneter Computerdateien dienten dem Management unter Führung des schon als Schlagersänger eher glücklosen Daniel David offenbar als Controlling-Instrumente. Dabei war Gigabell zunächst ziemlich erfolgreich. Angesichts der Höhenflüge der Gigabell-Aktie auf und 130 Euro konnten die SHS-Manager nur erblassen. Manchmal habe er sich insgeheim schon gefragt, ob SHS die richtige Strategie gewählt habe, erinnert sich Stefan Möller: "Wir haben immer darauf geachtet, Gewinne zu machen und unsere Planzahlen pünktlich zu erreichen. Aber das schien gar nicht mehr zu zählen." Die Zweifel sind mittlerweile beseitigt, und zwar gründlich. Bei seinen alltäglichen Gesprächen mit Investoren, Analysten und Bankern hat Möller inzwischen wieder einen besseren Stand. " Endlich müssen wir nicht mehr lange begründen, warum wir einen eher konservativen Weg vorziehen." Der Zusammenhang zwischen Arbeit und Geldverdienen ist wieder deutlicher geworden.

Der Schock hat aber noch andere heilsame Effekte, glaubt der SHS-Chef: Sicher sei es für die Mitarbeiter hart, wenn der Wert ihrer Aktienoptionen schrumpft. "Das passt mir natürlich gar nicht, denn schließlich handelt es sich um unsere eigene Aktie." Doch als das Börsenfieber seinen Höhepunkt erreichte, hätten manche schon geglaubt, als Daytrader ihre eigentliche Berufung gefunden zu haben. "Wer mit ein paar Klicks in der Mittagspause mehr Geld verdient als in seinem normalen Job, ist halt nicht mehr so leicht zu motivieren." Aber wer war schon gegen den Übermut gefeit? " Ehrlich gesagt, habe ich in den Boom-Zeiten freitags auch mal früher Feierabend gemacht." In jedem Fall ist der Zusammenhang von Arbeit und Geldverdienen inzwischen wieder deutlicher geworden. Eine Nation, die zur einen Hälfte aus Millionenerben und Lotto-Lothars und zur anderen Hälfte aus Börsenmillionaren besteht - was für ein schöner Traum.

Vielleicht beim nächsten Mal. In der Zwischenzeit freut sich einer wie Stefan Möller, dass zum Beispiel der Markt für IT-Fachleute nicht mehr ganz so abgegrast ist. "Endlich sind wieder ein paar fähige Leute zu bekommen." Optimist muss man sein.

Tatsächlich wird man den Managern der New Economy eines zugute halten dürfen: Diese Generation weiß, was eine Krise ist. Der Fall des Neuen Marktes braucht keinen historischen Vergleich zu scheuen - nach seinem Höchststand von gut 9000 Punkten stürzte der Nemax 50 innerhalb von zwölf Monaten um über 80 Prozent ab.

Gründer, Börsenstar, Buhmann. Normalerweise benötigten Unternehmer für einen solchen Erfahrungsschatz 20 Jahre, sagt Zukunftsforscher Paul Saffo vom kalifornischen Institute for the Future, der sich eingehend mit den Trends im Silicon Valley befasst, dem Vorbild für die deutsche New Economy. Sein Fazit: Da reift eine ausgezeichnete Unternehmergeneration heran. "Und ihre eigentliche Karriere haben die noch vor sich", prognostiziert er. Aus Schaden kann man klug werden, wenn man überlebt. Und es gibt eine ganze Menge Überlebender.

Börsen-Profi Jörg Schwarz glaubt, dass diese Erkenntnis für die gesamte neue deutsche Wirtschart zutrifft. Das Handwerkszeug hätten viele auf die harte Tour gelernt. Der laxe Umgang mit Soll- und Ist-Zahlen gehört der Vergangenheit an, so Schwarz. "Die Lektion, dass Unternehmen auch Gewinne machen müssen, haben die meisten wohl für den Rest ihres Lebens verstanden." Dass Internet-Firmen tatsächlich Gewinne machen können, steht für Marktkenner wie Frank Rothauge auch in der heutigen Zeit außer Frage. In das allgemeine Wehklagen über die missglückten Geschäftsmodelle vieler eBusiness-Unternehmen will er nicht einstimmen. Um profitabel zu arbeiten, müssten die Firmen aber zu Partnerschaften oder Fusionen bereit sein, denn Größe sei oft ein entscheidendes Kriterium. "Mehr Volumen kann substanziell eine Verbesserung der Erträge bedeuten." Er wolle keine falschen Spekulationen in die Welt setzen, betont Rothauge. Aus seiner Sicht könnten aber Unternehmen wie Wallstreet-Online, Focus Digital, Web.de, Onvista oder die Tomorrow Internet AG von solchen Kooperationen profitieren. "Die gemeinschaftliche Entwicklung einer technischen Plattform, eine gemeinsame Redaktion und gekoppelte Vertriebsstrukturen würden sicher helfen, die Kosten deutlich zu senken und schneller profitabel zu arbeiten." Es ist nach allem, was war, ziemlich wahrscheinlich, dass diese Botschaft heute gehört wird.