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Die Zukunft der Seele

Seele: So wird im Fachjargon der kupferne Kern der Fernsehkabel genannt. Von der Seele wird viel erwartet: Sie soll Digitalfernsehen, Internet und Serviceleistungen ̧bertragen. Als Kern einer neuen Entertainment-Welt ist die Seele aber erst mal eins: teuer.




Die Zukunft liegt im Schacht Eigentlich liegen die achtziger Jahre in puncto Fernsehen gar nicht so weit zurück. "Wetten dass... ?" wurde erfunden, "Formel eins" brachte Videoclips ins Wohnzimmer. Doch in mancher Hinsicht scheint seit damals eine Ewigkeit vergangen zu sein. So war 1982 eine " Bürgerinitiative gegen Kabelkommerz" aktiv, auf den Häuserwänden stand: "Lasst euch nicht verkabeln!" Es war die teure Verlegung von Fernsehkabeln quer durch die alte Bundesrepublik, die die Angst vor zu viel nicht sozialverträglichem Fernsehen im Land der drei Programme (und ein, zwei mehr in den Grenzgebieten) schürte.

Keine 20 Jahre später, wo zur Freude von fast allen die Medienwelt bunter ist, verkauft die Deutsche Telekom das damals von der Bundespost gelegte Kabelnetz. Die öffentliche Reaktion ist gering: Der Kurs der Telekom-Aktie steigt mal kurz um vier Prozent, bevor er aus anderen Gründen wieder fällt. Professor Ulrich Reimers am Institut für Nachrichtentechnik der TU in Braunschweig, einer der Antreiber der Digitalisierung des Fernsehens, sieht den Verkauf nicht so gelassen: "Da wird Deutschlands wahrscheinlich leistungsfähigste Datenautobahn an amerikanische Investoren verkauft und mit denen sind die Zukunftsperspektiven unkalkulierbar", warnt er. Die Kabel seien als Infrastrukturmaßnahme in die Erde gelegt worden wie Wasser- und Stromleitungen, bezahlt mit Steuergeldern.

Ohne die Kohl-Regierung und ihren politischen Willen, die neuen Privatsender in die westdeutschen Haushalte zu bringen, würde es das Netz wohl nicht geben. Als Christian Schwarz-Schilling im November 70 Jahre alt wurde, schrieb Ulrich Reimers an den ehemaligen Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen: Schwarz-Schilling habe es zwar nicht gewusst, aber mit Blick auf die Zukunftsperspektive sei die Verkabelungspolitik "geradezu phänomenal richtig" gewesen. Was besonders deshalb gilt, weil das, was damals Fernsehkabel hieß und zur Verteilung weniger Programme bestimmt war, inzwischen auch für schnelle Internetzugänge und Telefonie nutzbar ist, sofern das Kabel aufgerüstet und rückkanalfähig gemacht wird.

Die Schelte des Professors trifft, zumindest was die Telekom anbelangt, den Falschen. Ganz freiwillig erfolgte der Verkauf des Kabels nämlich nicht: Aus wettbewerbsrechtlichen Gründen hatte die EU die Trennung von Telefon- und Fernsehkabelnetzen verlangt, wenn beide Netze im Besitz derselben Gesellschaft sind. Nach drei Jahren Tauziehen kündigte die Telekom im Februar den Verkauf ihres Netzes mit den knapp 18 Millionen angeschlossenen Haushalten an. Neun Milliarden Mark hatte die Deutsche Bank 1999 dafür geboten, 30 Milliarden wollte Telekom-Chef Ron Sommer haben. Zwischen zehn und 16 Milliarden dürfte das Unternehmen für zunächst 55 Prozent seiner Kabelnetz-Anteile von der amerikanischen Konkurrenz bekommen haben.

Und jetzt? Verwechseln die Amerikaner das deutsche Kabel mit ihrem Cable daheim, für das die US-Nutzer seit jeher viel mehr zahlen? Und werden sie auf die Nase fallen, weil sie das komplexe deutsche Marktmodell missverstehen? Oder hat die Telekom ihren 55-Prozent-Anteil weit unter dem prognostizierten Wert verramscht, weil es nur um Geschwindigkeit ging?

Das Material und wem es gehört Breitband heißt das Schlagwort für alle schnellen Kabel - ein Begriff, der weder mit Breite noch mit Band zu tun hat, sondern mit Bandbreite, also Übertragungsqualität. Irgendwann sollen Kabel 40 Megabit pro Sekunde oder mehr leiten können. Derzeit werden auf Digital Subscriber Line (DSL) aufgerüstete Telefonkabel mit 768 Kilobit pro Sekunde als "breitbandig" beworben, da sie zwölfmal mehr Bit pro Sekunde leiten als der ISDN-Standard. Der hieß noch in den neunziger Jahren Breitband. Der Begriff entwickelt sich mit neuen Anwendungen weiter.

Die Kabel, die damals kreuz und quer durch die alte Republik verbuddelt wurden, waren aus Kupfer, aber " das Kabel an sich und das Kabelmaterial sind völlig belanglos", meint Kabelexperte Reimers. Nur einen großen Vorteil habe das Koaxialkabel: "Es reicht in die Wohnzimmer." Kein Mensch könnte sich vorstellen, heute noch mal Bagger anzusetzen, wie es der Postminister damals tat. Man wird das bestehende Kabel so lange zusätzlich auslasten, wie es irgendwie geht. Dass das möglichst lange funktioniert, ist eine der Aufgaben des Eurocablelabs am nachrichtentechnischen Institut in Braunschweig, der Forschungseinrichtung des Verbandes europäischer Kabelnetzbetreiber.

Die Leistung des Kupfers wurde bereits von 300 auf 450 Mhz erweitert, so wurde die Kapazität für die über 30 Analogprogramme geschaffen, die Kabelhaushalte heute empfangen können. Inzwischen gilt Glasfaser als moderneres, weniger störanfälliges Material. Für ihre Backbone-Netze schießen Kabelnetzbetreiber neue Glasfaser in die alten Kabelschächte. In der norddeutschen Kleinstadt Norderstedt legen die Stadtwerke im Vertrauen auf die Multimedia-Zukunft die Kabel sogar bis in jedes Haus.

Wie es in den alten Telekom-Schächten aussieht, in denen zum Teil seit 20 Jahren schon Kabel für Fernsehen, Telefon und anderes nebeneinander liegen, weiß niemand so genau. Aber rein technologisch gelten hybride Netze, die Kupfer und Glasfaser verbinden, als machbar. "Im Teilnehmer-Endbereich braucht man nichts neu aufzubuddeln, man tauscht einfach innerhalb von bestehenden Kästen die Verstärker aus", erläutert Cablelabs-Leiter Dirk Jaeger. Deswegen ist es vergleichsweise preiswert, ein neues Multimedia-Netz schnell auszudehnen. Und deswegen kostet das alte Kabelnetz der Telekom Milliarden.

Das Kabelnetz in Deutschland hat eine weltweit einzigartige Besitzerstruktur. Die verdankt es ebenfalls der CDU/FDP-Regierung der achtziger Jahre, die das Netz zwischen Sender und Empfänger in vier Ebenen unterteilte: Die Ebenen I und II bezeichnen die Signalübertragung von den Sendern bis zu den lokalen Kopfstationen. Ebene III, das eigentliche Verteilnetz, in dem Post und Telekom bisher weithin Monopolisten waren, endet am jeweiligen Hausübergabepunkt. Die Ebene IV, die von dort bis in die Wohnungen reicht, beherrschten und beherrschen Stadtwerke und Wohnungsgesellschaften. Es sind Tausende von Betrieben, die sich zwar laufend gegenseitig aufkaufen, aber auch künftig werden es noch Hunderte sein.

Dabei haben die Kabelnetzbetreiber ihre Kunden zumindest beim Fernsehen fest im Griff: Denn weder Mieter noch Hausherren können sich ihren Betreiber im Normalfall aussuchen. Wer seinen Kabelanbieter umgehen und dennoch fernsehen will, kann nur auf Satellitenschüsseln zurückgreifen, die aber viele Vermieter nicht gern sehen.

Die Amerikaner kommen.

Jetzt also mischen milliardenschwere US-Investoren die komplexe Seelenlandschaft: der deutschen Kabelnetze auf. Die Kabelnetze Nordrhein-Westfalens und Baden-Württembergs gehören Callahan Associates, in den übrigen Bundesländern dem britisch-amerikanischen Bieter Klesch-Liberty Group, jeweils mit einer Sperrminorität der Telekom. Liberty Media gilt als größter Kabelnetzbetreiber der Welt und ist noch im Besitz von AT&T. Vermutlich wird der Telefongigant die Tochterfirma demnächst aus Gründen des US-Kartellrechts abspalten. Liberty hält Anteile an Time-Warner, an Rupert Murdochs News Corp. und der europaweit tätigen US-Kabelgesellschaft UPC. An der ist auch Microsoft beteiligt, die wiederum an AT&T beteiligt ist.

Als erstes Bundesland wird Nordrhein-Westfalen in den Genuss der Multimedia-Zukunft kommen. Das mit 4,2 Millionen angeschlossenen Wohneinheiten EU-weit größte Kabelnetz ging bereits im vergangenen Jahr an den gern mit Cowboy-Hut auftretenden Texaner Richard Callahan über. Im Spätsommer soll die kritische Masse von einer halben Million aufgerüsteten Haushalten erreicht sein. Dann wird die Callahan-Firma Kabel NRW, die noch einen neuen Namen sucht, ihr Angebot starten. Mit Spannung werden die Entscheidungen des ersten Massenanbieters über Preise und Programme sowie über die zum Empfang notwendige Set-top-Box erwartet.

Kabel NRW wird allerdings kaum für den Wirbel sorgen, den der Kabelnetzbetreiber Prima-com AG (mit Christian Schwarz-Schilling als Aufsichtsratsvorsitzenden) anrichtete, als er im vergangenen Jahr in Leipzig digitale Pakete schnürte, bei denen Kabelhaushalte Sender wie Pro Sieben und Kabel 1 nur mit mietbaren Digitaldecodern sehen konnten. In Nordrhein-Westfalen bleibt das analoge Angebot vollständig bestehen, das schreibt das Landesmediengesetz vor. Das ist aber nicht in allen Bundesländern so geregelt und wird spätestens mit der Digitalisierung hinfallig.

Digital ist besser. Aber teuer.

Die gespannt erwarteten Business-Modelle, mit denen die neuen Herren des Kabels ihre gewaltigen Investitionen wieder einspielen wollen -Kabel NRW nennt 360 Euro für jeden der 6,21 Millionen potenziell anschließbaren Haushalte allein für die Aufrüstung - werden nicht die einzige Irritation für das Fernsehvolk bleiben. Noch wird Fernsehen in Deutschland überwiegend analog empfangen. Ab 2010 soll es laut Regierungsbeschluss ausschließlich digital verbreitet werden. Das Digitalfernsehen ist weder mit dem Kabelfernsehen identisch noch mit dem Pay-TV, als das es wegen Kirchs Premiere World hierzulande oft wahrgenommen wird. Digital kann man schon jetzt über einige Kabelfrequenzen, Satellit und in Testgebieten über Antenne sehen - viele Digitalkanäle wie den ZDF-Theaterkanal auch ohne zusätzliche Kosten.

Die Vorteile der Digitalisierung sind vielfältig: Die Programme werden sich gewaltig vermehren (mindestens vervierfachen). Die Bildqualität verbessert sich, und interaktive Anwendungen werden am Fernseher möglich. Was allerdings neue Technik erfordert: Die Sender werden für eine Übergangszeit sowohl analog als auch digital ausstrahlen müssen (simulcast); das ist teuer und drückt auf die ohnehin gefährdeten Profite. Nach der Umstellung werden rund 51 Millionen analoge Fernsehgeräte ohne einen Digitaldecoder (Set-top-Box) nichts mehr empfangen. Das berührt womöglich das Recht des Bürgers auf "Grundversorgung" mit Rundfunk. Wer die Politikerbemühungen um die Ausstrahlung der Fußball-WM 2002 verfolgt hat, ahnt den Konfliktstoff, der in dem Systemwechsel schlummert.

Neue Technik schafft neue Angebote.

Drei Produkte können die Kabelfirmen zur Refinanzierung ihrer Investitionen vermarkten: _Der größte Bedarf dürfte an "superschnellem" Internet herrschen. Die Unternehmensberatung Pricewaterhousecoopers prognostiziert, dass 2002 rund 30 Millionen Deutsche ins Web gehen werden, die Hälfte von ihnen könnte das über das Kabel tun - wenn die Aufrüstung schnell genug gelingt. Allerdings könnten sich diese Zahlen durch die rasche Verbreitung von DSL-Anschlüssen verringern: Diese (nicht ganz so superschnellen) Internet-Verbindungen via Telefonkabel werden derzeit in rauen Mengen verkauft - von der ehemaligen Herrin beider Kabel, der Deutschen Telekom.

_Telefonieren lässt sich ebenfalls über das einstige Fernsehkabel. Wenn auch Telefonie als enger Markt gilt, vermuten doch manche, der hinter Liberty stehende Telefongigant AT&T sei die eigentliche Gefahr für die Deutsche Telekom.

Am ehesten erscheinen gebündelte Dienste als Erfolgsmodell, nach dem Motto: Wer über seinen Kabelbetreiber telefoniert, surft und fernsieht, zahlt in der Summe weniger als früher an getrennte Provider. Von den Kunden der spanischen Callahan-Firma Ono nutzen über 70 Prozent mehr als zwei der drei Produkte. Darauf baut auch die deutsche Callahan-Firma Kabel NRW. Dieser Rund-um-Service ist nur über das Fernsehkabel möglich, das Telefonkabel taugt dafür auf absehbare Zeit nicht.

Weitere Einnahmen müssen aus Angeboten wie Pay-TV und Video-on-Demand kommen. Auch so genannte EPGs (Electronic Program Guides), Elektronische Programmführer, an denen eifrig gebastelt wird, werden die Fernsehzukunft prägen. Gemeint ist die Oberfläche oder erste Seite, die die Kunden zu sehen bekommen. Auf dem Bildschirm zeigen EPGs als Auswahl, was in über 100 Programmen zu sehen ist. Ein Dienst mit zweifelhaftem Wert: Netzbetreiber, die wie Liberty an Programmveranstaltern beteiligt sind, werden ihre Sender bevorzugen. Außerdem könnte der EPG zur Dienstleistung für Sender werden: Wer für Werbeeinnahmen Reichweite braucht, wird lieber an dritter statt an 93. Stelle stehen wollen - und könnte dafür auch zahlen.

Doch das ist nicht das Einzige, wofür Sender Geld ausgeben werden: Derzeit gibt die Regulierungsbehörde vor, was Sender der Telekom an Durchleitungsgebühren zu zahlen haben. In der digitalen Zukunft, in der Sender in Bouquets beliebig viele Kanäle präsentieren können, werden Sender und Netzbetreiber wahrscheinlich individuell über Umsatzbeteiligungsmodelle verhandeln. Umgekehrt müssen Sender auch ihrer Verbreitung zustimmen, sodass Sendergruppen mit starken Marken gute Karten haben: Netzbetreiber, die RTL oder Pro Sieben nicht anbieten, erregen nachweislich den Unmut ihrer Kunden.

Der Mehrwert wird nicht zuletzt in geschnürten Programmpaketen bestehen. Die Kunden können sie einzeln abonnieren und damit theoretisch sogar ihre Kosten für Fernsehen senken. Deshalb dürfte die Kunst der zukünftigen Kabelherren darin bestehen, "die individuellen sechs Lieblingsprogramme, die eine Familie regelmäßig einschaltet, möglichst auf sieben Pakete zu verteilen und dann auf die familiären Marktkräfte zu vertrauen", vermutet Michael Reichmann, stellvertretender Direktor der Hamburgischen Anstalt für neue Medien (HAM).

Durch diese hohle Gasse muss es kommen.

Die HAM und 14 weitere Landesmedienanstalten verwalten bislang als Gatekeeper die knappen analogen Kabelkapazitäten: Sie bestimmen, welche Programme eingespeist werden. Frequenzmangel wird in Zukunft allerdings kein Problem mehr sein. Für Zugangsfreiheit werden Rundfunkgesetz und Medienanstalten mit Must-Carry-Regelungen, also Pflichtangeboten, sorgen. Aber: "Die Preisregulierung hat der Gesetzgeber dem Markt überlassen", so Reichmann, und der werde testen, was Verbraucher für Sender zu zahlen bereit sind.

Das prominenteste Beispiel für Ärger im Kabelfernsehen war der so genannte Blueout in den USA, als Time-Warner (noch vor der Fusion mit AOL) in seinem Kabelnetz die Programme des Konkurrenten ABC 39 Stunden lang ausblendete. Da zeigt sich: Auch wenn im Kabelnetz die Möglichkeiten unbegrenzt scheinen, befindet sich an dessen Eingang eine schmale Gasse, deren Kontrolleur potenziell viel Macht über Medien und Meinung besitzt. Was passiert, wenn milliardenschwere US-Investoren mit deutschen Regulatoren zusammenprallen, die Rundfunk als Kulturgut sehen und der Landespolitik verpflichtet sind, oder mit deutschen Sendern, die ihre eigenen Umsätze steigern müssen?

Die Geschäftspolitik werbefinanzierter Sender hat sich schon geändert: Auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern kaufen oder gründen die Kirch-Gruppe wie auch RTL-Group Einkaufskanäle wie H.O.T., die sie mit Fenstern in ihren Programmen lancieren. " Transaktionsfernsehen" nennt sich die Möglichkeit, den Gewinn nicht auf dem Umweg über Werbung zu machen, sondern im direkten Geschäft mit den Zuschauern. Der britische Kabelkäufer Gary Klesch nannte als Anreiz für seine Investition ins Kabel ausdrücklich die deutsche Tradition für Katalog-Shopping.

Angesichts der Milliardensummen, die im und ums Kabel kursieren, liegt die Vermutung nahe, dass im freien Fernsehen der Zukunft billige Sendungen dominieren und Teures wie Fiktion und Sport ins Bezahlfernsehen kommt. Es wird mehr gezahlt werden müssen, darin sind sich alle einig. Aber es wird auch mehr geben, für das gezahlt werden kann. Die Wertschöpfungsketten werden nicht nur länger, sondern auch vielfältiger.

Vom Hollywood-Studio zum Pizzadienst Als einer der kleineren Kabelnetzbetreiber betreut die Thiele Kommunikationstechnik in und um Hamburg 70 000 Haushalte. Die Belegung des unteren Teils ihrer Bandbreite schreibt die HAM vor. Über die oberen Bereiche kann Geschäftsführer Bernd Thielk frei verfügen. Er belegt sie zum Beispiel mit Fremdsprachenpaketen und " CoD". Diese Abkürzung steht für den Markennamen "Cine-ma-on-Demand" und bezeichnet das Video-on-Demand-System der Media-Netcom AG aus Marburg. Deren System zieht viele kleinere Kabelnetzbetreiber an, weil es eine neue Wertschöpfungskette anlegt. Thiele-Kunden können über ihr Kabel Spielfilme abrufen, wann sie wollen. Noch ist die Auswahl bescheiden, noch dauert das Herunterladen eine Dreiviertelstunde. Lagern aber auf zentralen Server-Farmen erst mal 1000 bis 2000 Filme, ist diese virtuelle Videothek gegenüber den heute üblichen Verleihstationen konkurrenzfähig. Sie könnte sie sogar überflüssig machen. "Was es nicht physikalisch geben muss, wird es nicht mehr physikalisch geben", lautet die Prognose des Media-Netcom-Chefs Frank Hackenbuchner.

Die Kunden der Firma Thiele müssen das Sofa nicht mehr verlassen, um Filme auszuleihen, und sie müssen auch keine Kassetten zurückbringen. Statt hoher Grundgebühren für Filme, die nach einem Zeit-Schema gesendet werden wie im Pay-TV, zahlen sie nur für das, was sie wirklich sehen: Das ist Mehrwert, der sich leicht vermitteln lässt. "Latschenkino" nennen brandenburgische Netzbetreiber dieses Angebot. Nicht nur Videotheken, auch das ohnehin nur mühsam vorankommende Bezahlfernsehen könnten dadurch in ihrer Existenz gefährdet sein. An der Kette verdienen Lizenzgeber wie Filmstudios, Dienstleister wie Serverfarm-Betreiber, Kabel-Besitzer wie Thiele - und ein Pizza-Dienst ist auch dabei: als Werbetreibender auf der Startseite des CoD-Angebotes. Per Klick kann man sich wie im Internet zum Film die Pizza bestellen.

Die Auswahl in der virtuellen Videothek ist potenziell unerschöpflich: Jeder digitalisierte Film kann für ein paar Mark pro Jahr gespeichert werden. So lassen sich viele schöne, demokratische Modelle denken: Nachwuchsfilmer könnten eigene Werke auf dem Server ablegen und der Welt zur Entdeckung anbieten, Klassiker der Filmkunst könnten gegen Unkostenbeitrag zur Verfügung gestellt werden. "Es macht sogar Sinn, Titel zu archivieren, die nur drei- bis viermal pro Jahr gefragt werden und deshalb für Sender nicht interessant sind", sagt Hackenbuchner. In der Praxis wird, wie in nichtvirtuellen Videotheken, Adult Entertainment Kunden locken. Zumal, wenn die Schmuddelecke durch einen Knopfdruck ersetzt wird. Den Weltmarktführer in diesem umsatzstarken Marktsegment, Private-Penthouse, hat Media-Netcom frühzeitig als Inhaltslieferanten gewonnen.

Auf der Rahlstedter Höhe in Hamburg, wo Thiele sein Pilotprojekt betreibt, kursieren bereits Unterschriftenlisten: Nachbarn wollen auch mitmachen bei CoD - aber die Kabel, die in ihre Wohnungen reichen, gehören anderen Unternehmen. "Wir sind weit vom", schwärmt Bernd Thielk, "weil wir alles aus einer Hand anbieten." Diese eine Hand, in die hinein der Kunde auch alles zahlt, hielten viele gern auf: Der Endkundenkontakt, der es erlaubt, Daten und Verhaltensmuster zu sammeln, Kundenkarteien anzulegen, zielgerichtet zu werben und Angebote zu unterbreiten, ist das vermutlich heißest begehrte Gut im Kabelgeschäft. Kabel NRW verspricht unter anderem eine Multimedia-Station, die den Kunden beispielsweise informiert, dass drei Anrufe eingegangen sind und am Abend ein Film mit seinem Lieblingsstar läuft - natürlich nur, wenn der Kunde vorher seine Lieblingsstars und weitere Konsumvorlieben preisgegeben hat.

Die Zukunft Es wird Opfer geben. Wer die sein werden oder wer sie bringen muss, hängt davon ab, wie rasch Hardware und Software für neue Anwendungen zusammenkommen, wie schnell die Bandbreite weiterwandert und ob die Investoren im derzeit schwierigen Medienmarkt tatsächlich für die Zukunft bereit sind. Das Ende des Fernsehkabels als reines Fernsehkabel ist gewiss. Fernsehen wird nur ein Teil dessen sein, was über Glas und Kupfer läuft. Und manchmal plagt die Bosse, die das TV-Geschäft heute dominieren, die Befürchtung, dass ihr Produkt in der Multimedia-Welt nur noch eines unter vielen sein wird. Der Begriff der Konvergenz, der heute gern verwandt wird, wenn jemand im Internet über Fernsehen chattet, wird mit Leben aufgefüllt werden: etwa wenn Fernsehprogramme auf einem Endgerät mit Internet-Seiten verknüpft sind, auf denen der Zuschauer per Mausklick die coole Kappe des Serienhelden bestellen kann.

Das Internet selbst wird über mindestens zwei Kabelalternativen ins Haus kommen oder auch ohne Kabel. Und es wird sich dank höherer Datenraten vom Textmedium zum Träger bewegter Bilder wandeln. Im Internet werden Nachrichten, Videoclips und Kurzfilme zum Abruf bereitstehen. Das Web wird mit dem Fernsehen um die Aufmerksamkeit derselben Zuschauer konkurrieren - und die werden immer individueller. Bernd Thielk prognostiziert, "was keiner wahrhaben will: Das Zappen wird es so nicht mehr geben". Statt der Fernbedienung wird die Menürührung dominieren. Das Angebot der Free-TV-Sender könnte sich regional, sogar nach Häuserblocks, zersplittern. Und für die, die bei ihrer Mediennutzung auf die Kosten achten müssen, wird die Wahlfreiheit, die Grundlage des Zappens, zu teuer.

Am Ende wird möglicherweise gerade das Kabel dazu führen, dass die Menschen bewusster fernsehen.