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Die Selber-Macher

Wirtschaft ist mehr als Geld. Was man selbst macht, ist kostenlos. Davon lebt die Do-it-yourself-Branche, die als Scharnier zwischen bezahlter und nicht bezahlter Arbeit funktioniert. Ein Modell mit Zukunft.




Thomas Randow ist ein erfolgreicher Geschäftsmann Anfang 40. Die meisten Gäste, die seine Wohnung betreten, sind angenehm überrascht: Der Mann hat wirklich Geschmack. Erlesenes Parkett, ein ausladender Esstisch aus gebürstetem Holz. Die Krönung aber ist das Bad. Eher ein Wassertempel, mit riesiger Badewanne, glasverkleideter Dusche, die Armaturen geben einen kleinen Wasserfall frei, der anmutig ins Becken plätschert.

Der Hausherr ist ein begnadeter Heimwerker. Wenn man sich aus der Wohnung mal alles wegdenken würde, an das er nicht selbst Hand angelegt hat, dann blieben, sagt Randow, "bloß ein paar Wände mit Wasser- und Stromleitungen übrig". Die Küche hat er natürlich selbst eingepasst.

Eine tolle Küche zu bauen, in der man sich täglich aufhält, kocht, wo man mit Freunden sitzt und es sich gut gehen lässt - wenn das keine Wertschöpfung ist! Freilich, wenn jemand wie Randow selbst die Wasserwaage zur Hand nimmt, dann bekommt er dafür kein Geld und bezahlt auch nichts. Und weil kein Geld fließt, taucht der Heimwerker in den volkswirtschaftlichen Statistiken auch nicht auf. Nur wenn er etwas kauft.

"Ich kenne mich im Baumarkt besser aus als die Verkäufer", sagt Thomas Randow.

Er liebt es, die neuesten Stichsägen, Bohrmaschinen, die ausgetüftelte Kombizange in die Hand zu nehmen. Gutes Werkzeug! Ohne ist man verloren.

Die Do-it-yourself-Branche (DIY) hat eine Erfolgsgeschichte sondergleichen hingelegt. Zweistellige Wachstumsraten durch die gesamten Siebziger und Achtziger, etwa bis Mitte der Neunziger ging der Boom. Mittlerweile ist eine gewisse Sättigung eingetreten. Im vergangenen Jahr betrug das Marktvolumen der deutschen Bau-, Heimwerker- und Gartenfachmärkte dennoch mehr als 42 Milliarden Mark. Die echten Wachstumsmärkte für die DIY-Branche liegen allerdings mittlerweile in Polen, Tschechien oder China. Die erste chinesische Obi-Filiale eröffnete im vergangenen Jahr in der Stadt Wuxi, nahe Shanghai. Ganz oben auf dem chinesischen Wunschzettel steht das eigene Heim. Tausende und Abertausende Wohnungen werden aus dem Staatsbesitz verkauft. Ein schier unendlicher Markt. Massen von Chinesen werden künftig in Eigenarbeit ihre Wohnungen aufpolieren. Obi plant Dutzende neuer Filialen.

Das moderne Heimwerken hat eine uralte Tradition.

Der Bauer machte früher alles selbst: seine Lebensmittel, seine Kleidung, sein Haus. Nur für das was er nicht konnte oder nicht hatte ging er auf den Markt. Bis zum 16. Jahrhundert verbrachte der durchschnittliche Europäer nur ungefähr ein Prozent seines Lebens mit monetarisierten Tätigkeiten, also mit bezahlter Arbeit oder Handel. Heute liegt der Anteil bei über 16 Prozent. Am Anfang war die Eigenarbeit, dann kam die DIY-Branche und baute ihre Dienstleistungen drum herum.

Heute werden Kleidung, Lebensmittel und Häuser industriell hergestellt. Aber immer noch streichen viele ihre Wohnung, tapezieren, dübeln, verlegen Parkett, mähen den Rasen oder pflanzen Blumen vor ihrem Haus. Alle diese Tätigkeiten sind kaum zu standardisieren oder gar zu automatisieren. Sie sind Handarbeit pur. Nicht immer angenehm, dafür günstig. Denn um eine Handwerkerstunde bezahlen zu können, muss man drei oder vier Stunden arbeiten. Also macht man es lieber selbst.

Historisch gesehen, ist die DIY-Branche ein Relikt, weil sie auf Eigenarbeit fußt. Mittlerweile wird im Baumarkt aber auch die Rolle rückwärts geübt. Dort gibt es nämlich einen Service, der Handwerker vermittelt. Ein breit sortierter Supermarkt, wo man nicht nur Hammer und Nagel, sondern auch die Dienstleistung Hämmern kaufen kann. Im Kern ist das Konzept der Bau- und Gartenmärkte die Vermittlung zwischen monetarisierter und nichtmonetarisierter Sphäre.

In wenigen Jahren werden Roboter Fenster putzen und staubsaugen. Aber es wird wohl nie eine Maschine geben, die das verstopfte Abflussrohr vom Waschbecken abschraubt. Do it yourself hat deshalb Zukunft. Es sieht sogar schwer danach aus, dass auch in anderen Bereichen Geschäftsmodelle, die über den Tellerrand des Geldkreislaufs hinausreichen und die Fähigkeiten des Kunden, seine Phantasie, seine Lust an der Tätigkeit ansprechen, reüssieren könnten. Vielleicht kann man vom Baumarkt etwas lernen.

Ein gut gestellter Mitteleuropäer wie Thomas Randow - warum steigt er immer wieder in seinen Blaumann, ächzt und schwitzt? "Weil ich mir einbilde, einige Sachen selber besser zu machen als die Handwerker." Erstens ist es sein eigenes Badezimmer, da sinkt die Murks-Quote automatisch. Und dann sagt er noch: "Weil ich mehr nachdenke." Wenn er für sein Badezimmer Handwerker ordern würde, käme er früher oder später mit der Gewerke-Ordnung in Konflikt. Der Fliesenleger streicht nicht das kleine Stück Wand über den Fliesen, der Elektriker versteht nichts von Wasser. Und der Tischler, der die Leichtbauwand setzen soll, hat keine Lust, der Auftrag ist ihm zu klein.

Handwerker und Heimwerker als natürliche Feinde - ein falsches Bild.

Es gibt keinen schlüssigen Beweis dafür, dass Heimwerker am Handwerkersterben schuld sind. Dennoch: Dass der Heimwerker der natürliche Feind des Handwerkers ist, scheint in der Natur der Sache zu liegen. Folglich sind sich auch Handwerkskammern und Baumärkte nicht grün. Selbst die Installation einer Fußbodenheizung ist heutzutage keine Geheimwissenschaft mehr, was den Heizungsmonteur natürlich verbittert. Im Baumarkt lernt man so etwas einfach mal nebenher, per Video. Der Heimwerker ist ein Allrounder. Er kann einfach alles - wenn er sich nur traut.

Thomas Randow macht sich zuerst einen Plan. Dann fängt er an. Während der Arbeit lässt er seinen Kopf aber eingeschaltet. Oft muss man nur die richtige Schrauben, die Farbe mit den genialen Eigenschaften finden, dann ergibt sich der Rest von allein.

Diese Flexibilität, die Lösung aus einer Hand, das ist es, wonach der moderne Konsument sich sehnt. Entsprechend sieht das Sortiment eines Baumarktes aus. Armaturen, Farben, Werkzeug, Lampen. Und wer nicht das richtige Werkzeug zu Hause hat, der leiht es sich. Vom Tapezierkoffer für 22 Mark das Wochenende, über den Presslufthammer für 30 Mark bis zur Teleskop-Arbeitsbühne für 298 Mark.

Heimwerker lieben ihr Hobby - auch wenn es eine Menge kostet.

Der Baumarkt ist ein riesiger Staubsauger, der über Jahre Einzelhändler gefressen und in sein Selbstbedienungskorsett gesteckt hat. In vielen kleinen Städten gibt es mittlerweile weder Tapetengeschäft noch Elektrohandel. Wo kauft man sein Rollo? Natürlich im Baumarkt. Und die Entwicklung geht weiter. Bald wird man dort auch sein Glas, Porzellan und Keramik erwerben. Das Schlagwort der Zukunft unter Insidern heißt Soft-DIY, so etwas wie das Wohnkaufhaus mit großer Stoff- und Gardinenauswahl. Irgendetwas zwischen Obi und Ikea. Oder beides.

All in one hat natürlich seinen Preis. Nein, der fortgeschrittene Heimwerker wird im Baumarkt nicht immer glücklich. Wenn Thomas Randow von seinem bewährten Eisenwarenhändler spricht, bekommt er leuchtende Augen. "Da kriegst du auch noch einzelne Schrauben!" Oder alte Beschläge. Oder Profi-Maschinen, die alles mitmachen. Durch dick und dünn. So wie ein echter Freund.

Heike Behrwaldt ist eine allein erziehende Mutter. Wie oft hat sie sich schon den Mann an ihrer Seite gewünscht, der seinen Werkzeugkasten öffnet, und alles wird gut. Aber weil sie nun mal als Solistin durchs Leben geht, muss sie selbst ran. Vor kurzem wollte sie ihre Hängematte in die Decke dübeln. Doch die ist leider aus Stahlbeton, und den mag nicht jeder Bohrer. Woher sollte Heike Behrwaldt das wissen? Sie hat einfach ihr Bestes gegeben, versucht und versucht, bis das Zimmer aussah, als hätte sie sich mit dem Maschinengewehr durchgekämpft. Heike Behrwaldt ist eine temperamentvolle Frau. Da hat sie getobt und geweint.

Besonders stolz ist sie auf das selbst geflieste Badezimmer. Die Arbeit war nicht ohne: die innere Anspannung, die ganze Aufregung, dass das auch ja klappt! Nach zwei Tagen meldeten sich schmerzhaft verschiedene Muskelgruppen, von deren Existenz sie jahrelang nichts geahnt hatte. Es waren schon ein Dutzend Massagen vonnöten, bis der geplagte Rücken wieder in Ordnung war. Wenn Heike Behrwaldt heute ihren eigenhändig gefliesten Raum betritt, überkommt sie ein wohliger Schauer: mein Werk!

Nein, all die Heimwerker, die Heimwerkerinnen, das sind keine verschrobenen Tüftler oder Pfennigfuchser. Ihre Werke haben eine Seele. Bemerkenswert, mit welcher Liebe Väter über das Puppenhaus oder das Bett sprechen, das sie für ihre Kinder gefertigt haben. Oder wie andächtig sie ihre Ahnengalerie behandeln. Oft taucht in ihren Erzählungen ein Opa oder ein Onkel auf, der in frühen Jahren bereits die Leidenschaft für manuelle Tätigkeiten geweckt hat. Kurz: Dem Heimwerker geht es gar nicht so sehr um das (gesparte) Geld. Er liebt einfach, was er tut.

Unter der Internet-Adresse www.dha.de residiert die Deutsche Heimwerker Akademie. Dort finden sich: ein veritables Lexikon mit 1000 Stichwörtern, ausführliche Bau- und Montageanleitungen, ein breites Angebot von DIY-Kursen und nicht zuletzt ein Chatroom. Matthias hat ein Problem: "Ich habe mir (zu meiner Schande) einen Teppich mit Glattschaumrücken gekauft. Der Teppich wirft jetzt ziemlich starke Falten..." Martin gibt zu bedenken, der Teppich könne möglicherweise "kalt (also geschrumpft) verlegt" worden sein. Die Fachdiskussion nimmt ihren Lauf. Schließlich gesteht ein kleinlauter Matthias: "Vielleicht liegt es auch daran, dass der Teppich nur neun Mark gekostet hat. Das war das letzte Mal, dass ich Glattschaumrücken genommen habe." Die Informations-, Kommunikations- und Ideenwerkstätten der Bastler produzieren ohne Ende. Internet, CD-ROM und Fachzeitschriften mit Aufagen von weit über 100000 Exemplaren. Heike Behrwaldt bedient sich gern des traditionellen Mediums Buch. Thomas Randow vertraut dagegen den archaischen Kommunikationsformen, der Mund-zu-Mund-Propaganda, dem Bei-anderen-über-die-Schulter-Gucken und nicht zuletzt auf Versuch und Irrtum. "Die Packung samt Anleitung schmeiß ich immer gleich weg." Heimwerken löst die Grenzen von Erwerbs- und Eigenarbeit auf.

Mal angenommen, es gäbe einen Wirtschaftszweig, der immer projektbezogen arbeiten würde. Information und Ausbildung liefen durch ein ganzes Knäuel von Kanälen, doch wohl organisiert, stets mit Blick auf die nächste praktische Aufgabe. Ein perfektes System der Selbstorganisation, praktisch ohne Hierarchie. Gleichzeitig ein großer, vernetzter Betrieb, der an eine Material- und Werkzeug-Logistik angeschlossen wäre, die den unterschiedlichsten Anforderungen gerecht wird, weil sie alles unter einem Dach zusammenfasst. Die Arbeit macht den Leuten sogar Spaß. Der ideale Zukunfts-Betrieb?

Immerhin könnte das Konzept des Baumarkts als Schnittstelle zwischen bezahlter und nichtbezahlter Arbeit so etwas wie ein Modell abgeben. Wenn bis zum Jahr 2012 tatsächlich rund ein Drittel aller Büroangestellten als Tele-Schaffende zu Hause vor dem Computer hocken, wie es das Fraunhofer-Institut prognostiziert, wird der Übergang zwischen Job und Privatsphäre fließend. Die eigene Wohnung, die Nachbarschaft wird aufgewertet, man sitzt vor seinem Rechner, bildet sich weiter und wickelt seine privaten Geschälte ab. Erwerbs- und Eigenarbeit sind dann nicht mehr zu trennen.

Oder der Energiebereich. Tatsache ist, dass die Kraftwerke schon eine geraume Zeit stetig kleiner werden. Wahr ist auch, dass die Technik für die dezentrale Energiegewinnung mit Hochdruck vorangetrieben wird. Schon heute verkauft der Baumarkt komplette Solarenergieanlagen. In wenigen Jahren kann man dort vermutlich die Brennstoffzelle für den Keller erwerben. Damit verlieren steigende Energiekosten ihren Schrecken.

So, wie man heute bei Obi sein Haus im Baukasten kauft und durch Eigenarbeit 70000 bis 90000 Mark sparen kann, so ähnlich könnte das auch mit der DIY-Energie funktionieren.

Leider lässt sich die Organisationsform der DIY-Gemeinde nicht einfach auf andere Wirtschaftszweige anwenden. Das Erfolgsgeheimnis des Heimwerkens liegt nämlich darin, dass es ein elementares Bedürfnis befriedigt: den Nestbau-Trieb. Dieses Motiv ist kaum zu toppen. Dieser Umstand führt zumindest dazu, dass den Baumärkten noch ein langes Leben beschieden sein wird. Lange genug, um von ihnen zu lernen.