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Die Dunkelkammer

Zug, der kleinste und steuergünstigste Schweizer Kanton, gilt als Treibhaus des ausländischen Geldes und Stadt des Schweigens. Sehr zur Freude aller Zugezogenen – des begnadigten amerikanischen Steuerflüchtlings Marc Rich zum Beispiel.




Es gibt Abende wie diesen Ende März, da kriecht am Horizont die Sonne durch die Wolken, wirft ihr Licht auf den Zugersee und lässt das Wasser so glitzern, dass die Menschen am Ufer stehen bleiben und sich die Augen reiben. Auf den Hügeln des Zuger Berges sind ein paar grasende Kühe zu erkennen, und in den Wellen des Sees schaukelt das kleine Boot des letzten Fischers der Stadt. Wenn man so will, dann kann man Zug als "a small farming community near Zurich" beschreiben, wie eine amerikanische Zeitung es getan hat.

Nur: Es stimmt nicht.

Zug täuscht.

Es gibt ein Kapuzinerkloster, wo Armensuppe ausgegeben wird, obwohl es kaum noch Arme gibt. Die können in der teuren Stadt schon lange nicht mehr leben. Es gibt drei gepflegte, enge Altstadtgassen, die aussehen wie ein künstlich angelegter Mittelalter-Erlebnispark. Die alte Stadt passt nicht mehr zum neuen Zug, einer Boomtown des Kapitals, deren glasige Verwaltungsbauten sich den Hang am See hochschlängeln. "Dallas Center" oder "Pentagon" nennen die Zuger die Klötze mit den verspiegelten bierflaschenbraunen oder blauen Fenstern. Ansonsten verlieren sie nicht viel Worte über die Zugezogenen, die seit den siebziger Jahren ihre Firmensitze hierher verlegten, in die Hauptstadt des gleichnamigen Kantons - des kleinsten und steuergünstigsten in der Schweiz.

"Schweigen", schrieb der Schweizer Niklaus Meienberg in einer Reportage über den Ort, sei die " Lieblingsbeschäftigung der Zuger, die etwas zu sagen haben (...). Die Zuger sind richtige Schweige-Virtuosen, Verschweigungskünstler, Diskretionsfanatiker, und die zugezogenen Zuger sind es noch mehr." In der Hauptstadt des dubiosen Kapitals gilt: Was gut ist für die undurchsichtigen Anleger, ist gut für Zug.

"Es gibt zwei Tabus in der Schweiz", sagt Josef Lang, "die Armee und den Finanzplatz." Der 46-jährige Zuger Historiker, der für die Sozialistisch-Grüne Alternative (SGA) im Kantonsrat sitzt, hat beides kritisiert. Wegen seines Engagements für die Kampagne "Für eine Schweiz ohne Armee" sind ihm Maschinengewehrkugeln und Dum-Dum-Geschosse nach Hause geschickt worden. Wegen seiner kritischen Haltung zum Finanzplatz Zug erhielt er im Kanton Berufsverbot und musste als Berufsschullehrer nach Zürich ausweichen.

Ende der siebziger Jahre hatte Lang mit Freunden begonnen. systematisch über Zuger Firmen zu recherchieren. Die örtlichen Vertreter der bürgerlichen Parteien CVP und FDP (Freisinnige Demokraten) reagierten gereizt - viele von ihnen saßen in Verwaltungsräten der Firmen. Die Auseinandersetzung eskalierte, als Lang 1983 (er war gerade Gemeinderat geworden) einem amerikanischen Rohstoffhändler vorwarf, seine Firma sei ein " Blutsauger der Dritten Welt". Lang hatte damals nicht irgendeinen Händler angegriffen, er hatte Marc Rich beleidigt, einen der größten Steuerhinterzieher Amerikas. Der Mann, den Bill Clinton im Januar in einer seiner letzten Amtshandlungen begnadigte. Marc Rich ist einer der gewichtigsten Steuerzahler des kleinen Kantons, sein Vermögen wird auf über zwei Milliarden Franken geschätzt. Und Josef Lang hatte das Gesetz des Schweigens gebrochen, denn in der Stadt galt, was der ehemalige Bürgermeister Walther Hegglin einmal so sagte: "Was gut ist für Marc Rich, ist gut für Zug." Der Fall Marc Rich zeigt, wie armselig es für eine wohlhabende Stadt ist, von windigen Spekulanten abhängig zu sein.

Marc Rich, 1934 in Antwerpen geboren, floh 1942 mit seinen jüdischen Eltern vor den Nationalsozialisten in die USA. Mit 19 Jahren brach er die Universität ab und begann, in der Poststelle von Philipp Brothers zu jobben, dem damals größten Rohstoffhändler der Welt. Rich fiel einem alten Trader auf, der ihn in das Geschäft mit den Regierungen und Diktatoren der Dritten Welt einführte. Nach einem Streit um zu geringe Prämienzahlungen gründete Rich 1974 in Zug seine eigene Firma. Er handelte mit Metall, Getreide und Öl, und er verhandelte mit den Adlaten fast aller Diktatoren dieser Welt. " Der typische Rich-Deal war, zwei unmögliche Partner miteinander zu verbinden", sagt Lang. Rich kaufte Kupfer beim chilenischen Diktator Augusto Pinochet und verkaufte es an das kommunistische Regime Nicolae Ceausescus in Rumänien. Er wurde "Admiral" genannt, weil er nigerianische Öltanker, die vermeintlich Kurs auf Spanien nahmen, auf dem Meer umleiten und nach Südafrika fahren ließ - in Umgehung des UN-Embargos. Zwischen 1979 und 1993 dokumentierte das Shipping Research Bureau in Amsterdam, das die Einhaltung des Embargos überwachte, 149 Öllieferungen von Rich-Firmen an Südafrika - 15 Prozent aller entdeckten Ölfrachten. Die millionenschweren Bestechungsgelder an die nigerianische Regierung, schreibt Rich-Biograf Craig Copetas, waren als "Chocolates" bekannt.

Georg Stucky, Jurist, ehemaliger Zuger Regierungsrat und Nationalrat der FDP, kann die ganze Aufregung um Rich nicht verstehen. Stucky, dessen Haut etwas zu gebräunt für diese Jahreszeit wirkt, war in den achtziger Jahren Finanzdirektor der Stadt, und deshalb, so Stucky, wisse er, dass Rich "seine Pflichten hier stets tadellos erfüllt hat". Rich sei auch "großzügig", unterstütze die Kultur und habe Stiftungen gegründet. Und Südafrika? "Der Boykott war doch komplett falsch", sagt Stucky, offenbar froh darüber, dass sich die Schweiz an so etwas "Fragwürdigem" nicht beteiligt habe. Gelitten hätten die Schwarzen, die vom System nur "abgegrenzt", aber nicht " ausgegrenzt" worden seien. Es hört sich so an, als halte Stucky das Abgrenzen für ein ganz probates politisches Mittel. Stucky selbst hat sich Anfang der neunziger Jahre von der Politik abgegrenzt und auf seine Wiederwahl als Regierungsrat verzichtet. Auf ursprüngliche Initiative der SGA war damals ein Gesetz erlassen worden, das Regierungsräten eine Tätigkeit als Verwaltungsrat nur mit einer Sondergenehmigung des Parlamentes erlaubte. Für Georg Stucky wäre es wohl zu schwierig geworden, seine lukrativen Verwaltungsratsmandate durchzubekommen: Unter anderem saß er in der Metro AG des deutschen Cash-& -Carry-Milliardärs Otto Beisheim und in der Marc Rich Investment AG. Außer diesem Mandat ist Stucky heute im Präsidium zweier Rich-Stiftungen und Geschäftsführer dreier Rich-Unternehmen. "Es ist nichts Mysteriöses an Rich. Er ist ein ganz normaler Geschäftsmann, der nur sehr schüchtern ist", sagt Stucky. Ende vergangenen Jahres schrieb der freisinnige Politiker ein Gnadengesuch zugunsten Marc Richs an den amerikanischen Präsidenten.

Notfalls schützen die Schweizer ihre braven Steuerzahler gegen böse Fremde: ausländische Ermittler zum Beispiel.

Ein wenig früher, im Oktober 2000, hatte das FBI das Fahndungsplakat von Marc Rich gerade durch ein neues Foto aktualisiert. Wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 48 Millionen Dollar und "Handel mit dem Feind" hätten Rich in den USA 325 Jahre Gefängnis gedroht. Was die amerikanischen Verfolger immer noch besonders sauer machte: Rich hatte den iranischen Mullahs 1980 trotz Embargos sechs Millionen Barrel Öl abgekauft - und das, obwohl militante Iraner zu der Zeit in der US-Botschaft von Teheran 52 amerikanische Geiseln hielten. "In unserem Geschäft sind wir nicht politisch, waren es nie", sagte Rich 1992, als ihn ein Team von NBC in seinem mit Infrarot-Sensoren gesicherten Chalet in St. Moritz interviewte.

Während der vergangenen 17 Jahre hatte der Steuerflüchtling ständig Angst vor einer Entführung durch das FBI - nicht zu Unrecht, wie Josef Lang in den USA erfuhr. Als der grüne Politiker 1992 gegen Rich-Firmen streikende amerikanische Aluminiumarbeiter unterstützte, bestellte ihn ein Federal Marshall telefonisch in die FBI-Zentrale nach Washington. Obwohl Lang die ihm angebotene Zusammenarbeit ablehnte, erfuhr er einiges über die Ermittlungen gegen Rich. "Die kannten für ein Kidnapping per Helikopter sogar das Gefälle der Himmelrichstraße in Baar, wo Rich zeitweise wohnte." Der Zuger erzählte dem Marshall, was er von einem finnischen Journalisten gehört hatte: Im September 1991 hätten Beamte des FBI mit finnischen Kollegen auf dem Flugplatz in Helsinki auf Richs Privatjet gewartet, der wenige Stunden zuvor gewarnt worden sein musste und entkommen konnte. "Der Marshall sagte mir: ,Wir bestätigen Ihnen, dass wir kürzlich in Nordeuropa auf einem Flughafen auf ihn gewartet haben und er davon Wind bekommen haben muss'." Auf den Schutz der Eidgenossen, die Auslieferungsbegehren der USA stets ablehnten, konnte sich Rich verlassen. Er mehrte sein Vermögen, und 1994 galt sein Firmenkonglomerat mit 1300 Zuger Mitarbeitern und einem geschätzten Umsatz von 40 Milliarden Franken sogar als drittgrößtes Unternehmen des Landes. Rich verkaufte die Rohstoffsparte dann an rührende Mitarbeiter, die das Unternehmen in Glencore umbenannten. Nach ein paar Jahren stieg er wieder in den Rohwarenhandel ein und hat sein neues Unternehmen nun an Crown Resources verkauft, das zum aufstrebenden russischen Erdölkonglomerat Alfa gehört.

Die Geschäfte dieser selbst für Insider schwer übersehbaren Firmengeflechte verlaufen diskret. Weder Leute von Marc Rich noch von Glencore oder Crown sprechen mit Journalisten, und wenn zufällig mal einer etwas sagt, dann kommt das Gesagte nicht über Floskeln hinaus.

Josef Lang wollte mit seinen Recherchen, Artikeln und Parlamentsanfragen nicht nur diese Diskretion brechen. "Rich war für uns ein pädagogisches Hilfsmittel, um den Anteil der Schweiz und Zugs an der Ausbeutung der Dritten Welt zu zeigen", sagt er. An Rich wurde deutlich, wie armselig es für eine reiche Stadt wie Zug war, am Steuertropf windiger Spekulanten zu hängen. Rich wurde zum Stellvertreter des Zuger Amigo-Systems, das 1930 mit dem "Spezialgesetz" zur Besteuerung juristischer Personen seinen Anfang genommen hatte. Es war dieses Gesetz, das den kleinen Kanton in einen attraktiven Finanzplatz verwandelte, zur Gründung von 17 000 Holding- und Briefkastenfirmen führte (siehe Kasten nächste Seite) und die wirtschaftlichen Strukturen grundlegend veränderte: Aus dem Agrarkanton im Rücken Zürichs entwickelte sich eine flexible Dienstleistungsgesellschaft mit einer Kaste von Juristen und Politikern, die sich servil und ergeben um Treuhänder- und Verwaltungsratsposten in den Zuger Firmen mühten und die Demokratie kolonialisierten. Ihr Interesse an einem schlagkräftigen Justizapparat war gering - bis 1991 verfolgte der örtliche Staatsanwalt Wirtschaftsverbrechen im Nebenjob und saß im Verwaltungsrat dreier Marc-Rich-Firmen.

Schweizer Geschäftspartner finden Marc Rich nicht dubios, keineswegs, nur ein wenig schüchtern.

Ende der Achtziger begann das verschwiegene Zuger System nachhaltig zu bröckeln. Es war die Zeit, als bekannt wurde, dass Zuger Firmen Raketentechnologie an den Irak geliefert hatten, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied über die Firma Orda Urankonzentrat verschoben und der DDR-Devisenbeschaffer Alexander SchaIck-Golodkowski über Zug seine Geschäfte abgewickelt hatte. Die Züricher Bezirksanwaltschaft ermittelt zusammen mit den deutschen Behörden noch heute gegen einen Zuger Anwalt wegen des Abflusses von SED-Parteivermögen in die Kassen der Kommunistischen Partei Österreichs. Josef Lang, der mit seinen Freunden die grauen Geschälte der Zuger Firmen oft schon publik machte, bevor die Verwaltungsräte nervös Rechtfertigungen formulierten, sagt: ,Jetzt waren wir plötzlich die Saubermänner." 1990 geschah dann eine politische Sensation: Die Grünen, bis dahin wegen ihrer Kritik höchstens belächelt und politisch unbedeutend, gewannen fünf von 40 Gemeinderatssitzen und sieben von 80 Sitzen im Kantonsrat. Ihr Vertreter Hanspeter Uster übernahm als Regierungsrat die Justiz- und Polizeidirektion (dem Innenminister eines Bundeslandes vergleichbar). Er ist bis heute im Amt, hat die Zahl der Richter von drei auf zwölf erhöht und eine eigene Abteilung für Wirtschaftsdelikte gegründet.

Als Josef Lang im Januar von Richs Begnadigung hörte, war sein erster Gedanke: "Jetzt hat er auch das noch geschafft." Lang lächelt, und das sieht fast versöhnlich aus, denn Rich war immer auch der Garant seines politischen Erfolgs. "Rich ist ein genialer Trader, aber als Lobbyist ist er noch genialer", sagt Lang. Selten lässt sich die Einflussnahme von der Wirtschaft auf die Politik so gut ablesen wie bei Rich. Morris Weinberg, ehemaliger Staatsanwalt, der Richs Ölmanipulationen untersuchte, sagt: "Er organisierte und manipulierte seine Begnadigung genauso, wie er es mit all seinen anderen Deals machte." Hat Bill Clinton Geld von Richs Ex-Frau genommen, bevor er die Begnadigung des Milliardenjongleurs unterschrieb?

Rich agierte meist im Verborgenen und schickte andere Personen vor. Im kleinen Zug spann er sich ein Netz, in dem er Politiker in seine Firmen einband, Stiftungen gründete, den örtlichen Eishockeyverein vor dem Abstieg bewahrte und die Theater- und Musik-Gesellschaft Zug unterstützte. Die Gesellschaft bedankte sich bei Rich, indem sie 1987 die Aufführung eines Zug-kritischen Theaterstücks verhinderte.

Im Großen agierte Rich ähnlich, er ließ andere seine Sache vertreten. Der Chef der Schweizer Großbank, Pierre de Weck, setzte sich bei Clinton ebenso für Richs Begnadigung ein wie Israels Ex-Premier Ehud Barak oder der ehemalige Mossad-Chef Shabtai Shavit, dem Rich, so die "Los Angeles Times", als "Helfer" gedient hatte. Peinlich wurde die Begnadigungs-Bettelei, als sich der ehemalige Clinton-Mitarbeiter und Anwalt Jack Quinn für Rich ins Zeug legte. In einer eMail fragte er den Geschäftsführer der Marc Rich Foundation in Israel am 30. Dezember des vergangenen Jahres: " Können Sie Leah Rabin dazu bringen, die Begnadigung zu befürworten?" Leah Rabin war eineinhalb Monate vorher gestorben.

Seit Februar ermittelt die US-Bundespolizei nun gegen Ex-Präsident Clinton. Die Untersuchung soll klären, ob die Begnadigung des Milliardärs mit Spenden seiner Ex-Frau Denise Rich erkauft wurde. In Zug hat sich an diesem Morgen der typische Nebel über den See gelegt. Er kriecht den Berg hoch und verhüllt die Glasfassaden in der Baarerstraße. Seit Januar gibt es ein neues Steuergesetz, das noch mehr Firmen in den Kanton locken wird. Zug scheint seine Zukunft wieder in der Vergangenheit zu suchen, in der Liga der dubiosen Steuerparadiese dieser Welt. Und irgendwie passt der Nebel ganz gut dazu. Zu Zug, dem Treibhaus des Geldes.