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Der Traum vom schnellen Geld

Ganz schnell ganz reich werden, am besten ohne Arbeit – das wollen immer noch viele. Doch hinter dem Wunsch nach viel Geld steckt ein anderer, viel größerer Traum: der vom großen Glück. Das Problem ist nur: Geld macht nicht glücklich. Sondern Arbeit.




"Ich kann nichts, ich weiß nichts, ich tauge nichts - wie reich kann ich damit werden?" Das ist die Frage dieser Tage. Reich werden, auf einen Schlag am besten und möglichst ohne Anstrengung: Nie wurde dieser Wunsch so unverblümt plakatiert wie heute. Motivationsrattenfänger füllen riesige Hallen mit Immer-nur-bergauf-Motorik zur Melodie "Mache Geld, mehr Geld." Von 20 Business-Bestsellern sind mindestens die Hälfte Geldratgeber. Deren Autoren versprechen mit Sonne im Herzen und Blähungen im Kopf den "Weg zur finanziellen Freiheit". Immer mehr Menschen haben sich am Börsenfieber infiziert, wollen per Maustaste reich werden, klick, klick, klick, einfach auf das richtige Geschäftsmodell setzen, und ab geht die Post.

Es bedarf keiner erklärenden Wünschelrute, um hinter dem Traum vom schnellen, anstrengungslosen Geld einen weiteren zu erahnen. Nämlich jenen, dass Geld und Glück Synonyme seien. Wir sind zwar bereit zuzustimmen, wenn man uns Banalitäten wie "Geld macht nicht glücklich" an den Kopf wirft, ergänzen es dann jedoch leise mit "Aber es beruhigt" und halten heimlich am Glücksversprechen des schnellen Geldes fest. Ablesen lässt sich das am konkreten Verhalten der meisten Menschen. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

Der Stress steigt proportional zum Vermögen, Lottogewinner sind oft unzufrieden. Das ist das " Sudden Wealth Syndrome".

Ganz offensichtlich sind wir jedoch keine guten Prognostiker dessen, was uns glücklich macht. Dass Lottogewinner sich ein Jahr nach ihrem Treffer mehrheitlich unzufriedener fühlen als zuvor, scheint sich immer noch nicht herumgesprochen zu haben. Forschungen über Börsengewinner (die modernen Lottospieler) stehen noch aus. In den USA aber zeigen die Daten des National Center for Health Statistics, dass das Stressgefühl proportional zum plötzlichen Vermögen steigt. Angst schleicht sich in das Leben, Angst, alles wieder zu verlieren. Und dass das Glück nur von kurzer Dauer sein könnte: wie gewonnen, so zerronnen. Hinzu kommen Ärger mit dem Finanzamt, Neid der Umgebung und soziale Isolation. Die einst armen Iren, die sich statistisch traditionell glücklicher einschätzen als die reichen Japaner, zahlen gerade den Preis ihrer boomenden Wirtschaft. Der Abstand hat sich in den letzten Jahren sukzessiv verringert.

"Sudden Wealth Syndrome" - das ist es auf den Begriff gebracht, vortrefflich illustriert durch die Nachricht des Jahres 2000: Claudia Schiffer lässt einen finanziell Minderpotenten aus ihrer Liebe fallen, weil die Einkommensdifferenzen zu groß seien.

Darauf will ich hinaus: Wir streben oft nach Gutem, von denen wir etwas erhoffen, was gar nicht in der Art dieser Güter liegt. Wir hoffen, uns mittels Geld Dinge und Lebensumstände kaufen zu können, die uns glücklich machen. Geld erscheint uns als materialisierte Zukunft. Wir hoffen, wenn wir Geld haben, ein lang ersehntes Haus unseres Geschmacks kaufen zu können und dann darin in Zufriedenheit zu leben. Bei dem, worum es uns bei dem gesuchten Haus eigentlich geht, handelt es sich jedoch nicht um Güter, die durch systematische Verbesserung der Wohnsituation erreichbar sind. Wer nicht im alten Haus glücklich sein konnte, wird es auch in einem neuen nicht sein.

Es ist leicht, den Traum vom schnellen Reichtum mit Geld-allein-macht-nicht-glücklich-Platitüden zu entlarven, würde sich nicht dahinter eine weit fundamentalere Weltsicht verbergen. Dass nämlich unser Leben von außen gesteuert wird, dass wir letztlich dem Schicksal ausgeliefert sind und Glück und Zufriedenheit von Ereignissen abhängen, die nicht in unserer Macht stehen. Zum Beispiel vom Auf und Ab der Börsen. Vom Wettbewerb. Von der Konjunktur. Vom Wetter. Von einer mächtigen internationalen konspirativen Vereinigung mit dem Namen: die anderen.

Reich werden kann man auch ohne Arbeit, glücklich werden nicht. Dauerhaftes Glück ist ohne Leistung nicht zu haben.

Aus dieser Perspektive ist Glück immer Zufallsglück. Dessen Gestaltgeste ist das Warten. Wir haben Er-Wartungen und geben mit diesen Erwartungen die Kontrolle über unser Leben aus der Hand. Wir warten darauf, dass das Glück zuschlägt, dass der Bullenmarkt wiederkehrt, dass jemand kommt, der uns glücklich macht. Und sind enttäuscht, wenn nichts passiert. Das Ansteigen klinischer Depressionsfälle kann man genau so erklären: Menschen reagieren unelastisch auf alltägliche Enttäuschungen aufgrund einer ins Maßlose gesteigerten Glückserwartung. Ein Leben im Großkonsens der mittleren Unzufriedenheit.

Sind wir hingegen der Überzeugung, dass wir unseres Glückes Schmied sind, dann lässt sich für das Glück etwas tun. Nach allem, was wir darüber wissen, ist ein dauerhaftes Glückserleben eine Begleiterscheinung aktiven Tuns, gleichsam ein Abfallprodukt - immer richtungsgleich mit Sich-Anstrengen, Schwierigkeiten überwinden, Hindernisse beseitigen. Glück ist ein Überwindungslohn. Man gewinnt es durch das Wachstum von Kräften. Durch das Überschreiten von Grenzen, durch den Stolz am Werk, am Vollbrachten. Unmittelbar zu sehen als Freude des Kindes am Gelernten, wenn es etwas zunächst nicht kann, dann geübt, endlich geschafft hat. Der Ausdauersportler, der seinen Triathlon gemeistert hat und reich wird an Erfahrung und Selbstbewusstsein. Der Unternehmer, der auf sein unternehmerisches Lebenswerk zurückschaut, das er gegen die Fährnisse der Zeit, über Höhen und Tiefen erfolgreich aufgebaut hat.

So ist die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Ja, man kann anstrengungslos reich werden, sehr reich sogar. Die Quellen des Glücks sind andere. Dauerhaftes Glück - nicht kurzlebiges Vergnügen - das ist ohne Anstrengung, ohne Leistung nicht zu haben. Subtrahiert man mithin von den Traumdeutungen der Wie-werde-ich-reich-Novellistik den Lärm, den sie machen, dann schaut man in die Narrenmaske der Illusion.