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Der Memory-Effekt

Triumphiert die Old über die New Economy? Ist das Alte besser als das Neue? War der Wandel nur ein Traum? Oder schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit? Die New Economy ist tot. Es lebe die neue Wirtschaft.




1. Erinnerungslücken In der Energietechnik gibt es ein fatales Phänomen. Wo zu viel Energie in den Akku geladen wird, zu oft und unmethodisch, streiken die Zellen. Sie können sich nicht mehr "erinnern", was richtig und falsch ist und wie viel Energie sie wirklich brauchen. Manche Akkus sterben, eben noch kraftstrotzend, in kurzer Zeit.

Dieses Phänomen nennen Techniker den Memory-Effekt. Was zu viel vom Guten abbekommt, wird kraftlos. Das Aggregat erinnert sich an einen falschen Zustand. Es macht sich etwas vor. Daran stirbt es.

Dies ist kein Gleichnis für die neue Wirtschaft.

Es gibt Tage da verliert der sonst so beherrschte Gründer des Online-Buchladens Amazon.com, Jeff Bezos, die Nerven. Schlimmer als Gewerkschaften, nervöse Aktionäre und quengelnde Investoren, die nach sechsjähriger Aufbauphase beim weltgrößten eCommerce-Projekt endlich Bares sehen wollen, sind für Bezos Reporter.

Und zwar die Sorte, die sein Unternehmen beständig als New-Economy-Laden bezeichnen. Schon im Oktober vergangenen Jahres, als "Der Spiegel" den eCommerce-Helden zu den Problemen auf den Neuen Märkten befragte, kanzelte Bezos den deutschen Reporter, der sich beim Guru nach dem Zustand der New Economy erkundigte, kurz ab: "Ich weiß gar nicht, was das bedeuten soll. Jeden, der diesen Begriff benutzt, frage ich, was er mit ,New Economy' meint." Bezos ist kein Einzelfall - weder was das langsam bröckelnde Nervenkorsett angeht noch das kollektive Vergessen, das die erste Generation der New Economy bei der Frage nach ihrer Herkunft befällt. Sich als New-Economy-Unternehmen zu bezeichnen fällt bereits unter die Rubrik Eigen-Geschäftsschädigung. Kaum eines der Unternehmen, die noch vor drei Jahren, im scheinbar endlosen Aufwind von Nasdaq und Neuer Markt die New Economy als Antwort auf alle ökonomischen Fragen anrührten, mag sich noch an die guten alten Zeiten erinnern. Nicht wenige, wie der einstige New-Economy-Rockstar Oliver Sinner (siehe Seite 38) von SinnerSchrader, setzen auf die - neben der Dummheit - zuverlässigste menschliche Eigenschaft: Vergesslichkeit. So kommt es, dass der Vorstandsvorsitzende von SinnerSchrader, eines der meistbeschriebenen deutschen New-Economy-Unternehmen der ersten Generation, sein Unternehmen "immer schon als Old-Economy-Firma" gesehen haben will.

Wahrnehmungsprobleme sind aber in der neuen Wirtschart ohnedies an der Tagesordnung, und jeden kann es treffen. Die anhaltende Malaise am Neuen Markt hat dazu gerührt, dass die Unternehmen der Kernbranchen der neuen Wirtschaft, Web-Companies, Biotechnologie-Unternehmen, Computer- und Telekommunikations-Hersteller, ganz generell als faule Kunden bezeichnet werden. Es ist noch kein Jahr her, da ließ sich Oliver Sinner im " Spiegel" als Pionier der New Economy feiern. Und sein Kollege Jeff Bezos war jahrelang einer der eifrigsten Promotoren dieses Begriffes. Welch eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet das Internet, dem heute die Schuld für die Übertreibungen der Vergangenheit und die Überschätzung der Zukunft gegeben werden, hier für ausgleichende Gerechtigkeit und die Wiederherstellung des Erinnerungsvermögens sorgen kann: Ein kleiner Suchvorgang, und die vergesslichen Helden der ersten Generation der New Economy erweisen sich als das, was sie tatsächlich sind - Wendehälse.

2. Die Legende von der Real Economy Das Internet dokumentiert, ebenso akkurat, auch den Niedergang. Vom "Platzen der Internet-Blase", dem " bodenlosen Absturz der New Economy", dem "Ende der Party" ist da die Rede, und gemeint ist immer nur eins: Die alte Ordnung, die alte Wirtschaft feiert ihren Triumph über jene, die unter der Fahne der neuen Wirtschaft und mit der Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts, dem Web, Reißaus nahmen vor verkrusteten Strukturen, veralteten Hierarchien und dem in den neunziger Jahren überdeutlichen Sinnverlust der Old Economy. Jetzt schlage die Stunde der "Real Economy", so die einmütige wie einfältige Reaktion der meisten Kommentatoren. Was damit gemeint ist, steht fest: die Rückkehr zu den Bedingungen der frühen neunziger Jahre, vor der New-Economy-Revolution. Das wünschen sich die zahnlosen Reaktionäre, die nicht umlernen und sich ihre Pfründe nicht wegnehmen lassen wollen.

Es ist also durchaus sinnvoll, gegen den Trend des allgemeinen Vergessens nachzusehen, wie alles anfing.

In der ersten Hälfte der neunziger Jahre war die Sinnkrise in weiten Teilen der alten Ökonomie klar zutage getreten. Das alte System konnte die Sicherheit, die es bisher geboten hatte, nicht mehr garantieren. Folglich war auch sein Preis - straffe Hierarchien und die Freudlosigkeit des Erwerbsprozesses - zu hoch. Es herrschte verhaltene Prosperität, die aber immer nur dazu genutzt wurde, der immer geringeren Anzahl an Vollbeschäftigten immer mehr vom langsam wachsenden Kuchen zukommen zu lassen. Automation und Rationalisierungstechnik kamen immer weniger Menschen zugute.

Das nahende Ende des Sozialstaates konnte nicht mehr geleugnet, nur noch der Zeitpunkt seines Todes hinausgezögert werden. Die Zahl der Arbeitslosen blieb auf hohem Niveau. Selbst gut ausgebildete junge Menschen hatten kaum mehr eine Chance, sich einen Platz in der sich derart abschottenden alten Ökonomie zu erobern. Der Horror vacui, die Angst vor der Leere, trieb auch die, die noch einen Teil des Kuchens abbekommen haben. Eine Management-Mode löste die andere ab. Immer wieder versuchte das alte Wirtschaftsregime, sein Dasein zu legitimieren. Doch das nahmen ihm seine Kunden, die tatsächlichen und potenziellen Mitarbeiter, immer weniger ab.

Daraus musste sich ein Generationskonflikt entwickeln, der ganz andere Qualitäten hatte als jene, die man aus der jüngeren Vergangenheit kannte. Die 68er-Generation rebellierte gegen überkommene Strukturen, hatte aber immer die Chance, sich mit dem so genannten Establishment zu arrangieren - was bekanntlich das Ende der Rebellion der späten sechziger und frühen siebziger Jahre war. Es ging nicht um die schiere Existenz. Ihr langer Marsch durch die Institutionen, Parteien und den Staat war immer eine bequeme Exit-Strategie, und genau so wurde sie von den alten Rebellen auch genutzt. Die neue Generation hatte diese Möglichkeit nicht. Sie hatte kaum anderes zu verlieren als den Anspruch auf Sozialhilfe. Keine Perspektive, keine Chance, no future.

Dieser Zustand wurde von Parteien, wirtschaftlichem Establishment und Gewerkschaften gleichermaßen akzeptiert. Es handelte sich um nichts weniger als den schleichenden Bruch des Gesellschaftsvertrages der alten Ordnung. Die alte Wirtschaft hat ihre Grundlagen - die soziale Marktwirtschaft mit dem Ziel einer größtmöglichen Beteiligung aller am Wohlstand - selbst zerstört.

Von ihr sind keine Konzepte für Lösungen zu erwarten.

3. Die Konzeptlosigkeit der alten Wirtschaft Wer das nicht glaubt, möge den nackten Zahlen vertrauen: Nach den grauenhaften Abstürzen an der Nasdaq, den die amerikanische New Economy in den letzten Monaten erlebte, registriert ein Ticker des "Industry Standard" die Zahl der in New-Economy-Unternehmen der USA entlassenen Mitarbeiter: Bis 30. März 2001 waren es 77000.

Gezählt werden nur die Entlassungen, nicht die Wiedereinstellungen, die das Gros der Betroffenen in einem nach wie vor nach Fachkräften gierenden Markt wieder integriert. Zum Vergleich und zur Erinnerung: Die durch die Abschottungspolitik der Old Economy verursachte strukturelle, durch nichts und niemanden nach unten zu drückende Zahl der Arbeitslosen im dreimal kleineren Deutschland liegt beim 52-fachen, bei vier Millionen, konstant seit Jahren. Und wie sah vor einem halben Jahrzehnt die Realität der Old Economy in Zahlen und Fakten aus? Von 1991 bis 1994 wurden 900000 Industriearbeitsplätze vernichtet. Die alten Recken, die sich heute als neue Realo-Helden feiern lassen, haben im Maschinenbau allein im Jahr 1994 die Anzahl der Arbeitsplätze um 130000 Stellen reduziert. 200000 Opfer in der Automobilindustrie. Und, eine Ironie, die alte elektrotechnische Industrie, in der sich heute die meisten Kritiker der um ihre Existenz kämpfenden New-Economy-Unternehmer finden, strich zwischen 1992 und 1994 gut 77000 Arbeitsplätze, die Zahl, die der " Industry-Standard"-Todesticker heute vermeldet.

Die Vertreter der als "Spaßgesellschaft" denunzierten Unternehmen der neuen Wirtschaft, die aus einer ausweglosen Situation heraus lieber handelten, statt zu resignieren, haben Arbeitsplätze geschaffen. Die so genannte Real Economy, der die Besitzstandswahrer der alten Welt ihre längst als untauglich erkannten Methoden überstülpen, vernichtet Arbeitsplätze und stürzt Millionen ins Unglück. Was geschieht, wenn, wie einige meinen, die alte Wirtschaft und die neue Wirtschaft miteinander verschmelzen? Es bleibt beim Alten.

Dass die Abschottung der alten Ökonomie so gut funktionierte, lag an zwei wesentlichen Dingen. Wer nicht über eigenes Kapital verfügte, konnte nur in bestehenden Institutionen groß werden. Deshalb gibt es in Deutschland bis heute mehr Intrapreneure, Veränderer von innen, als Entrepreneure, Veränderer von außen. Es fehlt an autonomen Unternehmern, die den offensichtlichen Wandel von der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft hin zur Wissensgesellschaft antreiben können. Die neue Wirtschaft, so konnte man in der ersten Ausgabe von brand eins lesen, ist die Wirtschaftsform des Wissenszeitalters. Wenn sie nun aber eine Schimäre ist, wie viele Beharrer heute behaupten, dann müsste auch das immaterielle Gut Wissen eine weit geringere Rolle bei der Wertschöpfung spielen als von den Vertretern der neuen Wirtschaft behauptet. Ein unverdächtiger Zeuge, die alteingesessene Beratungsagentur Andersen Consulting, heute Accenture, hat es schon zu Beginn der ersten Welle der New Economy in Deutschland anders gesehen. Der Anteil immaterieller Werte, so eine Studie aus dem Jahr 1996, stieg von 1978, also dem Jahr, in dem der Personal Computer seinen Siegeszug antrat, bis Mitte der neunziger Jahre bei börsennotierten Unternehmen von fünf auf 80 Prozent. Kundenbeziehungen, Marken und Ideen, schieres Wissen also, haben längst rohes Material und Stückzahlen verdrängt.

Die Grundlage der neuen Wirtschart ist Hochtechnologie, Hightech genannt. Ein Schlagwort, das in den vergangenen Jahren mehr und mehr durch die Unternehmensformen, die sie kreieren, ersetzt wurde: durch New Economy eben. Ergänzt man den vagen Begriff der New Economy durch seine Grundlage, also Wissensprodukte und Hochtechnologie, dann ändern sich auch die Vorurteile. Jeder weiß, dass damit künftig die größten Gewinne zu machen sind, jeder weiß, dass hier die wichtigsten Wachstumsmärkte liegen.

4. Die Grundlagen der neuen Wirtschaft Aber kaum jemand weiß, welche Gesetzmäßigkeiten und Regeln diese Unternehmen treiben. Das liegt daran, dass die Methoden der New Economy und ihre Technologien nicht als Selbstzweck nebeneinander existieren, sondern einander bedingen. Das kann man in Deutschland bis heute nicht wirklich verstehen. Der Börsengang der Telekom AG ist kaum fünf Jahre alt. Der Neue Markt hat vor vier Jahren den Handel aufgenommen. Hochtechnologie und Kommunikation, die Grundlagen der neuen Wirtschaft, sind in Deutschland gesellschaftlich wenig akzeptiert. Über Jahrzehnte hindurch suggerierten die sozialpartnerschaftlichen Immer weniger Arbeit, immer weniger Perspektiven, immer mehr Neid. Das war die Old Economy vor wenigen Jahren. Es war der schleichende Bruch des Gesellschaftsvertrages der alten Ordnung. Die alte Wirtschaft hat ihre Grundlagen - die soziale Marktwirtschaft mit dem Ziel einer größtmöglichen Beteiligung aller am Wohlstand - selbst zerstört.

Besitzstandswahrer aus Industrieverbänden und Gewerkschaften, dass Hochtechnologie die Stabilität der Gesellschaft gefährden würde. Mal als Jobkiller begriffen, mal aus Fernost und den USA importierte Gefahr für die wahre deutsche Leitkultur, die Besitzstandwahrung, waren Computer und Internet lange Zeit mehr schlecht als recht. Noch 1996 etwa hielten die meisten Deutschen das Internet für gefährlich, das Web galt als Transporteur der "Schmuddelflut" (Copyright: "Der Stern"), der Pornografie und Chaos bringen würde.

Dass Ideen durch das Geld anderer Leute ins Laufen kommen könnten, durch Fremdkapital, Börsengang und Risikokapital, war den meisten deutschen Unternehmern nicht weniger fremd als den deutschen Anlegern. Erst 1996 ging die Telekom AG an die Börse, erst im Jahr darauf begann der Neue Markt in Frankfurt seine Handelstätigkeit.

In den USA, wo Kapital und Hochtechnologie nicht als Chiffre für die apokalyptischen Reiter des Kapitalismus standen, bedeutete auch New Economy etwas anderes als das eilige, vielfach unmethodische Hochziehen fremdfinanzierter Dot.coms, oft dubioser Internetfirmen, die krude Ideen für nicht existente Kunden entwickelten.

Über 20 Jahre hindurch, parallel zum Aufstieg des Personal Computers und der durch ihn ausgelösten Veränderungen in Produktion, Vertrieb und Entwicklung von Wissensgütern, wuchs die amerikanische Wirtschaft stärker als in den Jahren zuvor. Ungefähr zur Mitte dieser Wachstumsperiode wurde eine neue Gesetzmäßigkeit in der Ökonomie ausgemacht, die allem Anschein nach den Zyklus Wachstum - Rezession - Krise - Aufschwung nicht mehr kannte. Demnach, so die Feststellung, würde sich die US-Wirtschaft nicht mehr wie bisher alle 67 Jahre verdoppeln, sondern alle 25 Jahre. Die nahe liegende Erklärung, dass das Tempo und die Tiefe der Veränderung durch Computer und Netzwerke dafür verantwortlich sein könnten, schien den meisten Ökonomen zu banal. Mit den klassischen Rohstoffen hatte man in der alten Industriegesellschaft ganz andere Erfahrungen gemacht als mit Wissen, dem Treibstoff des neuen Zeitalters. Wer die mangelnde Methodik von Start-ups und Wissensunternehmen kritisiert, muss auch sehen, dass die Wirtschaftswissenschaft am lebenden Objekt lernt. Es gibt für die Wissensgesellschaft noch keine Erfahrungen. Es fehlt an Methodik. Die Gravität des Industriezeitalters und ihre Lehren sind noch überall zu spüren.

5. Die große Gier Die europäischen Konkurrenten der Amerikaner aber übersahen, dass die Vorbedingungen am US-Markt völlig anders waren als auf ihren eigenen Märkten. In den USA war die Gesellschaft auf einen Wachstumsschub und auf permanente Veränderung weit besser vorbereitet als etwa in Deutschland. Als die Europäer merkten, dass die Amerikaner mit ihrer offeneren Gesellschaft und ihrer flexibleren Wirtschaft, eben der New Economy, langfristig bessere Erfolge erzielen konnten als durch das Bewahren verkrusteter alter Strukturen, begann die Gier.

Jack Triplett, früher Chefökonom des staatlichen US-Bureau of Economic Analysis, erinnerte sich zu Beginn des letzten Jahres an ein Treffen mit deutschen Industrie- und Old-Economy-Bossen: "Ihr Gefühl war", beschrieb er in "Newsweek", " die Amerikaner haben eine neue Ökonomie, und wir brauchen die jetzt auch bei uns. Schnell, so schnell wie möglich." Die alten Recken der Staats- und Industriewirtschaft gingen übergangslos in die neuen Zeiten. Um ihr Ziel zu erreichen, bedienten sie sich der Methoden, die in der alten Welt erfolgreich gewesen waren: Groß gegen Klein, klotzen statt kleckern, Gigantomanie statt Wandlungsfähigkeit. Die deutsche New Economy wurde so mehr und mehr zur Materialschlacht der alten Ökonomie auf der Suche nach dem schnellen Geld.

Zumindest für Europa gilt, dass die Geldvernichtung durch Überschätzung vor allem durch Old-Economy-Unternehmen und deren Putzerfische, die Analysten, verursacht worden ist. Von wenig Sachkenntnis der neuen Welt getrübt, expandierten die alten staatlichen Telefongesellschaften maßlos - UMTS und der Fusionswahn in der Industrie sind hier nur zwei Indikatoren. Es waren nicht die kleinen Dot.coms, die den Neuen Markt nach unten zogen, sondern die trägen staatlichen und halbstaatlichen Kolosse.

Von wem kam das Kapital?

Es waren große Banken mit guter staatlicher Anbindung, die, zuvor grundsätzlich risikoscheu, urplötzlich auf der Suche nach dem schnellen Geld junge Unternehmen aufblähten, bevor die noch wussten, wie ihnen geschah. Es war das magische Ticken des Börsengangs der Deutschen Telekom AG 1996, das die sonst so spießigen Banker überzeugte. Und wer erlebte, wie sich die gerade dem Staat entfleuchten Telekom-Manager mit den nach wie vor dem Staat verbundenen Banken geifernd über die enormen Potenziale der neuen Technologie Internet unterhielten, musste schon damals, 1997/98, das Schlimmste befürchten. Nicht anders verhielten sich alte Computerkonzerne, die noch 1996 das World Wide Web für eine modische Erscheinung gehalten hatten, um danach ruck, zuck " e-business" zur Firmenleitlinie zu erklären. Wer nichts begreift, kann nichts verändern, aber eine Menge anrichten.

Grundstoffversorger der neuen Zeit sind Telekommunikations-Konzerne und Hardware-Produzenten allemal. Aber Content, das unbekannte Wesen, Sinn und Inhalt der neuen Wirtschaftswachstumswelle, den können sie in dem von ihnen selbst erzeugten Wahnsinnstempo nicht erzeugen, weil sie ihn nicht begriffen haben. Der Niedergang der neuen Märkte liegt also wesentlich daran, dass die Betreiber des Hype ihr Ziel nicht ausreichend definiert hatten.

Verstanden zu haben, worum es geht, ist keine Frage von milliardenschweren Manövern und vagen Hoffnungen auf doch nicht vorhandene Riesenmärkte. Lothar Späth etwa, Chef der Jenoptik AG, gehört zu den wenigen aus der Old Economy kommenden Unternehmern, die die Transformation der Wirtschaft verstanden haben: "Netzwerke, insbesondere das Internet, sind Kernstücke der neuen Ökonomie (...). Diese Virtualisierung betrifft alle Stufen der Wertschöpfungskette. Das Management von Netzwerken wird zum wesentlichen Erfolgsfaktor der unternehmerischen Entwicklung. Netzwerke verbinden Wissen, Menschen und Kapital." Und Späth hat sich im Gegensatz zur Mehrheit der Vertreter der alten Industriegesellschaft auch Gedanken darüber gemacht, dass es die Qualität des Kopfes ist, des wichtigsten Kapitals des 21. Jahrhunderts, die im Verbund mit persönlicher Freiheit wirtschaftliche Erfolge garantiert. "In der traditionellen Industriegesellschaft bedurfte es in vielen Branchen eines Größenminimums, um Gewinne zu erzielen. Heute bedarf es eines intelligenten Netzwerk-Managements." Das Internet als real existierendes Netzwerk "fördert und verlangt Unternehmertum", und die daraus folgenden " Gründerwellen drücken den Wunsch aus nach selbstbestimmer Arbeit, den Drang nach Kreativität, der über die finanzielle Lebenssicherung hinausgeht". Um Wachstum zu sichern, müssten alle Unternehmen " gute Mitarbeiter an sich binden, sie qualifzieren und ihnen Freiraum für Unternehmertum und neue Ideen gewähren, damit Wachstum entsteht".

6. Die Lebenslüge der alten Wirtschaft Späths auf der Hauptversammlung der Jenoptik AG im vergangenen Jahr gehaltene Rede, aus der oben zitiert wird, beschreibt treffend das unter seinen Kollegen oft als " Phänomen" denunzierte Wesen der neuen Wirtschaft.

Die wirklich Mächtigen im Land aber, die nun unter dem Vorzeichen der Probleme am Neuen Markt Oberwasser erhalten, sehen das anders. Frank Niethammer beispielsweise, der Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelstages. Ende Januar warnte er beherzt davor, die New Economy zu überschätzen. " Die Industrie bleibt trotz rückläufiger Zahlen von Unternehmen, bei Beschäftigung und dem Anteil an der Gesamtwertschöpfung mit ihrer ungebrochenen Leistungs-, Innovations- und Exportkraft die Basis für Wohlstand in Deutschland." Die digitale Wirtschaft, der Motor hinter der New Economy, sei bloß eine " Querschnittstechnologie", die jeder nutzen könne. Diese schlichte Einsicht führt beim DIHT-Vizechef - wie bei vielen anderen auch - zur fröhlichen Erkenntnis, dass man bloß "Old und New Economy zusammenführen müsse. Das sind zwei Seiten einer Medaille".

Wobei wir wieder, siehe oben, bei der Real Economy wären.

Der Vorteil dieser Haltung liegt auf der Hand: Sie beruhigt die vielen Unternehmen, die bislang nicht in Netztechnologie investierten, die neue Zeit fürchten und die Ent-Hierarchisierung ihrer Mitarbeiter als Karfreitag des soliden Unternehmertums sehen. Legitimationshilfe. Kein Wunder, wenn die Besitzstandswahrer aller Lager die Frage nach der Zukunft der neuen Ökonomie nur verhalten oder gar nicht mehr stellen. Auf der Cebit, der weltgrößten Messe für Computer- und Informationstechnik, ortete etwa Spiegel TV die traurigen Helden der New Economy. Doch von Trauer keine Spur: 830000 Besucher sind immerhin 50000 mehr als im Vorjahr. Was der Messeleitung auffiel, war, dass nicht wenige Besucher als Aktionare kamen. Sie gingen zu den Ständen "ihrer" Unternehmen, um sich nach Perspektiven und Zukunftsplänen zu erkundigen. Auch hier sind viele Aktionäre und Kunden weiter, als es die alte Wirtschart haben will. Mit selbstständigen Anlegern rechnet kaum jemand.

Der wissende Teilnehmer an der neuen Wirtschaft hat auch keinen Grund, sich zu sorgen. Ungebrochen liegen die Wachstumsraten im eCommerce, dem angeblich größten Sorgenkind der Netzwirtschaft und gleichsam ewigen Kronzeugen des Versagens der neuen Wirtschaft, bei über 100 Prozent pro Jahr. Die von Forrester Research im Vorjahr abgegebenen Prognosen, dass bis 2004 insgesamt 6900 Milliarden US-Dollar in der weltweiten Internet-Wirtschaft umgesetzt werden, sind nicht zu korrigieren.

Das Web wächst weiterhin - schnell und ohne dass ein Einbruch absehbar ist. Die Zahl der Websites hat im März 2001 die Vier-Milliarden-Grenze überschritten, täglich registrieren die Internet-Erbsenzähler des Web-Statistik-Unternehmens Cyveillance weitere sieben Millionen Seiten. Dahinter stehen, auch wenn noch nicht überall Gewinne erzielt werden und ohne dass die Umsätze an die traditionellen Höhen heranreichen, Geschäfte und Existenzen und enorme Investitionen in die nötige Hard- und Software.

7. Der Beat des Wandels Jörg Rheinboldt, Mitgründer der New-Economy-Unternehmen Denkwerk, Alando.de und heute Managing Director bei eBay Deutschland, kann die Suada von den Alten, die den Jungen noch jede Menge beizubringen haben, nicht mehr hören: "Natürlich gibt es gemeinsame, klassische Werte: Profitabilität, Kundennutzen, das gilt für alle." Entscheidend sei der Weg dahin: "Freiheit und Verantwortung für jeden Einzelnen, Platz für persönliche Visionen - das macht die New Economy aus." Die erste Generation hat ihre Erfahrungen gemacht, nichts weiter. Und Old und New Economy, das sind für Rheinboldt bloß "Chiffres für satt oder hungrig".

Trauer? Depression? Hoffnungslosigkeit?

Kevin Kelly, "Wired"-Redakteur und früher Prophet der neuen Ökonomie, wird oft zu Veranstaltungen mit dem Thema "Das Ende der New Economy" gerufen. Die Leute erwarten ein Requiem. Doch es ist anders, weiß Kelly: "Am Ende sitzen alle da und wissen: Es fängt gerade erst an." Genau.

The beat goes on.