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Das Wohlfahrtsprogramm des Teufels

Globalisierung, das wissen wir alle, ist der bisher tückischste Anschlag des Bösen auf das Gute. Dank des Bösen geht es immer mehr Menschen besser.




I. DIE GLOBALISIERUNGS-LEGENDE Ich bin "ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", stellt sich Mephisto dem Dr. Faust vor. Die aktuelle Fassung des Goethe-Stückes wird gerade auf der Weltwirtschaftsbühne aufgeführt. Das Böse hört dabei auf den hässlichen Namen Globalisierung. Diese wird als das schlimmste Schurkenstück des Kapitalimus seit Erfindung der Dampfmaschine durchs globale Dorf getrieben. Ein Plot so recht nach dem Geschmack aller Gutmeinenden und der kämpferischen Errettungs-Literatur. Auf dem Buchmarkt stürmen die Anti-Globalisierungs-Kampfschriften seit Jahren die Bestsellerlisten. Ob "Die Globalisierungsfalle" (Martin und Schumann, Deutschland), "Der Terror der Ökonomie" (Forrester, Frankreich) oder "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft" (Rifkin, USA): Ein begeistertes Publikum kauft und erschaudert vor den Grausamkeiten der Weltwirtschaft. Bosse und Börsenspekulanten überziehen die Welt mit der Pest des Freihandels. Damit sie die Dritte Welt noch rücksichtsloser ausbeuten können, nehmen sie den Arbeitern in den alten Industrieländern die Jobs weg. Dabei kommen soziale Standards, Umweltschutz, Kultur sowie alles Schöne, Gute und Edle unter die Räder. So weit die Theorie.

Und nun zur Praxis: Auf dem kapitalistischen Markt wird individuelle Besitzgier in eine Aufwärtsentwicklung für alle verwandelt. In der angelsächsischen Welt ist dies als Paradoxie von "Private Vices and Public Benefits" (privatem Laster und öffentlichen Wohltaten) geläufig. Wir haben es das Mephisto-Prinzip genannt. Dahinter steckt ein unter moralisierenden deutschen Intellektuellen geradezu unanständiger Gedanke. So ergeht es dem Kapitalismus wie vielen Kinofilmen: Im Feuilleton hagelt es Verrisse, aber das Publikum ist begeistert. Überall dort, wo die Bevölkerung die freie Wahl hat, entscheidet sie sich früher oder später für den Kapitalismus.

Kapitalismus und Freiheit sind zwei Seiten der gleichen Münze. In der wissenschaftlichen Studie "Economic Freedom of the World" des kanadischen Fraser Institute wurden 100 Staaten der Erde nach den Kriterien für Reichtum und Armut, Freiheit und Unterdrückung untersucht. Es stellte sich eindeutig heraus, dass ein klarer Zusammenhang besteht zwischen dem Inlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung, dem Grad an staatlicher Wirtschaftslenkung und dem Umfang der politischen Freiheit. Also: Je kapitalistischer ein Land ist, desto reicher sind seine Bewohner. Und: Ökonomische Unfreiheit geht immer mit politischer Unterdrückung Hand in Hand. Es gibt keine reichen Diktaturen.

II. DAS GUTE AM WERK Schlussendlich sollte die friedenstiftende Wirkung wohl genährter Gesellschaften nicht unterschätzt werden. Thomas Friedman hat sie 1996 in der "New York Times" als "Pax Big Mac" definiert: "Keine zwei Nationen, die beide einen McDonald's besitzen, haben je gegeneinander Krieg geführt." Nicht minder erhellend ist das Ergebnis des so genannten Coca-Cola-Index. Augenzwinkernd hat das britische Wirtschaftsmagazin "Economist" den Coca-Cola-Konsum einzelner Länder in Beziehung zu deren Wohlstand und Freiheit gesetzt. Ergebnis: Je mehr Cola getrunken wird, desto gesünder, reicher und freier sind die Menschen. Einsames Schlusslicht bildet Nordkorea. "Have a Cola North Korea!" resümiert das Blatt. Eindeutig schlimmer als von den Multis ausgebeutet zu werden, ist folgender Umstand: nicht von ihnen ausgebeutet zu werden.

Dafür mag der frühere Präsident Tansanias, Julius Nyerere, als Beispiel dienen. Der Mann war redlich und meinte es gut. Als vorbildlicher afrikanischer Staatsmann und frommer Christ genoss er weltweites Ansehen. Sein Traum vom afrikanischen Sozialismus begeisterte Intellektuelle in Europa und Nordamerika. Für die edlen Seelen in Kulturbetrieb und Kirche war Nyerere eine Art sanfter Mao Tse-tung, der ohne Terror zu herrschen verstand. Als besonders fortschrittlich priesen die Freunde Tansanias die weitgehende Abkopplung des Landes vom Welthandel. Der "Mwalimu" (Lehrer - so sein Ehrenname) fiel nicht auf die heimtückischen Verlockungen von Sony, Merck &: Co. und McDonald's herein, sondern setzte stattdessen auf "Ujamaa", sozialistische Musterdörfer, in die die Bauern mehr oder minder freiwillig einziehen sollten. Bei der Bevölkerung kam Tansanias Trennung vom Weltmarkt weniger gut an. Anfang der achtziger Jahre war Tansania wirtschaftlich zerstört. Lebensmittel waren für Arme kaum mehr erschwinglich. Die Städter gingen zur Selbstversorgung über und legten an den Straßenrändern kleine Beete an. In den berühmten Nationalparks Tansanias schlachteten Wilderer die Elefanten ab, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Polizisten und Soldaten waren anderweitig beschäftigt. Sie raubten Busse aus und nahmen von den Fahrern Schutzgeld. Fabriken standen leer und bröselten still vor sich hin. Nur der Schwarzmarkt funktionierte noch.

Manche südostasiatischen Ex-Kolonien waren einst unter ähnlichen Bedingungen in die Unabhängigkeit entlassen worden wie Ostafrika. Doch während Hongkong, Taiwan, Südkorea und Singapur ihren alten Kolonialmächten die Märkte streitig machten, sackte Tansania immer tiefer in die Armut.

Nachdem der herzensgute Mwalimu die tansanische Wirtschaft ruiniert hatte, zog er sich aufs Altenteil zurück. Seine Nachfolger brauchten Jahre, um den Scherbenhaufen wieder aufzukehren. Doch der Mythos des legendären Afrosozialisten lebt weiter. So war noch 1996 in einem Harenberg Lexikon zu lesen, Nyerere "hob den Lebensstandard durch einen an afrikanische Verhältnisse angepassten Dorf-Sozialismus". Das Gegenteil ist wahr.

"Dorf-Sozialismus", solche romantischen Floskeln wärmen auch heute noch die Herzen der Globalisierungsgegner. Doch das aufrechte Dorf, in dem Tradition noch etwas gilt und wo man sich abends bei Trommeln und Lagerfeuer die Schale Hirsebier teilt, wird von Toyota, Nokia, Nestle und Telekom bedroht. Dagegen demonstrieren Nyereres geistige Enkel seit 1999 bei WTO-Konferenzen und jedem sonstigen Treffen internationaler Finanzfachleute, ob in Seattle, Davos, London, Washington oder Prag. Wo immer ein Mikrofon steht, versichern die edlen Seelen aus der talkenden Klasse den Demonstranten ihre Verbundenheit.

III. BROT FÜR DIE WELT, DIE WURST BLEIBT HIER Als Globalisierungsgegner haben sich alle gefunden, die es gut mit der Menschheit meinen: PDS-Sozialisten und indische Hindu-Nationalisten, rechtskonservative Isolationisten aus den USA und Agrar-Lobbyisten aus Europa, Neonazis, religiöse Fanatiker und Kommunisten, Kirchenfürsten und Greenpeace. Mithin eine muntere Combo, denen am Wort "Freihandel" bereits die Silbe "Frei" zuwider ist. Gemeinsam wollen sie die Völker der Welt vor dem kapitalistischen Kraken retten.

"Der Feind hat wieder einen Namen: Er ist neoliberal", schreibt die Autorin Ulrike Fokken in der "Taz". "Neoliberal ist heutzutage jeder, der den Staat und mit ihm die Gesellschaft zu verändern versucht." Und sie fügt hinzu: "Den liberalismusskeptischen Konservativen und Linken ist dabei gemein, dass sie in der Debatte um eine anstehende Veränderung schnell die Datei neoliberal öffnen und den politisch Andersdenkenden dort unterbringen und abspeichern. Bis das System abstürzt." Das Kartell aus Protektionisten, Pseudo-Linken und Nationalisten veranstaltet zwar ein mächtiges Getöse, kämpft aber ausgerechnet gegen eine historische Chance der Entwicklungsländer. Wenn es den Bösewichtern der WTO eines Tages wirklich gelingen sollte, alle Handelsschranken, Wettbewerbsverzerrungen und staatlichen Subventionen abzuschaffen, hätten Unternehmen aus Südafrika oder Thailand endlich die gleichen Chancen auf dem Weltmarkt wie Firmen aus den wohlhabenden alten Industrieländern. Die Platzhirsche Nordamerika, Europa und Japan können die Spielregeln dann nicht mehr allein bestimmen.

Solidarität mit der Dritten Welt kann nur heißen: Fair Play, wenn die globale Konkurrenz durch die nachrückenden Länder zunimmt. Aber genau dazu sind viele Globalisierungsgegner nicht bereit. Eine Spende für den armen Kaffeepflücker in Nicaragua? Aber gern. Doch wehe, wenn dessen Tochter nicht mehr Kaffee pflücken möchte und es zur Softwareentwicklerin schafft! Wenn billige und gute Computer, Textilien oder Autos auf die europäischen Märkte drängen - aus Ländern, die jahrzehntelang in der Rolle des willigen Abnehmers europäischer Waren gefangen waren. Dann ist Schluss mit der "Internationalen Solidarität". Dann protestieren die Bosse der Altindustrien mit den Gewerkschaftern Hand in Hand: Brot für die Welt - aber die Wurst bleibt hier!

Es gibt Interessengruppen, die zu Recht vor der Globalisierung zittern. Die alten Industrien und die Landwirtschaft Europas und Nordamerikas. Subventionsempfänger und erstarrte, staatlich gepäppelte Großkonzerne. Sie wollen, das alles so bleibt, wie es war. Sie ahnen, dass irgendwo da draußen in der Dritten Welt motivierte und fleißige Menschen sitzen, die ihnen ihre Absatzmärkte abnehmen könnten. Anstatt aufzuwachen, um ebenso munter und pfiffig zu werden, fordern sie lieber Zollschranken, Abschottung und Privilegien.

In ihrem hervorragenden Buch "Reichtum von unten" schreiben die beiden Dritte-Welt-Experten Günter Faltin und Jürgen Zimmer: "Europäische Unternehmer und Gewerkschaften sind -im Weltmaßstab gesehen - Teil eines feudalen Systems. Sie trachten danach, den Ausgleich zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden zu verhindern." Faltin und Zimmer empfehlen: "Schleift möglichst bald die Festung Europa!" Hätten die armen Länder freien Zugang zum Weltmarkt für Agrarprodukte, könnten die 48 ärmsten Staaten der Erde jährlich 36 Milliarden Dollar mehr einnehmen, errechnete die Weltbank. Doch die reichen Industriestaaten verhindern die Globalisierung der Märkte und verhängen für landwirtschaftliche Produkte - die für manche armen Länder die einzigen Exportgüter sind - noch höhere Einfuhrschranken als für Industriegüter.

Die Völker der Dritten Welt träumen heutzutage vom Modell Singapur und nicht vom Modell Havanna. Und manches geht inzwischen glücklicherweise in die richtige Richtung. Die globale Exportstatistik von 1999 zeigt: Das Ausfuhrvolumen der Entwicklungsländer ist mit 8,5 Prozent doppelt so schnell gewachsen wie der Durchschnitt des Welthandels.

IV. SEGEN TURBOKAPITALISMUS Wovor wollen die gläubigen Globalisierungsgegner in Gewerkschaften, Regierungen und Redaktionen eigentlich die Menschheit retten? Wie sieht der ökonomische Prozess aus, der Globalisierung genannt wird?

Lassen wir zwei über gutmenschliche Zweifel erhabene Experten zu Wort kommen. "Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einrührung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden." So heißt es im "Manifest der Kommunistischen Partei", das Karl Marx zusammen mit Friedrich Engels veröffentlichte. Zufrieden fügen die beiden an: " Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation." Globalisierung ist nichts Neues, sondern ein kontinuierlicher ökonomischer Prozess, der durch bessere Kommunikations- und Transportmittel und fallende protektionistische Schranken beschleunigt wird. Die aufstrebenden Ex-Kolonien zählt das Kommunistische Manifest ebenso zu den erfolgreichen Global Playern, wie die modernen, innovativen Industrien. Und ganz nebenbei, so die Autoren, schafft der dynamische Weltmarkt auch noch eine globale Kulturblüte, indem die "nationale Beschränktheit" von einer "Weltliteratur" abgelöst wird, die allseits zivilisatorische Werte vermittelt.

Die Folgen des ungezügelten Turbokapitalismus, mit dem die multinationalen Konzerne und ihre neoliberalen Kofferträger vorgeblich die Welt heimsuchen, wären in Wahrheit so recht nach dem Geschmack der sozialen Revolutionäre des 19. Jahrhunderts. Dankenswerterweise hat der Ökonom Maurido Rojas die Wirtschaftsdaten der Globalisierung einmal zusammengetragen ("Arbeit ohne Ende"). Das Fazit in Kurzfassung: Im vergangenen Vierteljahrhundert - also seit die Welt vom "Terror der Ökonomie" überzogen wird - konnten mehr Menschen der Armut entkommen und mehr Menschen einen Arbeitsplatz finden als je zuvor in der Geschichte.

Nicht nur die Multis expandieren, auch die Zahl kleiner Firmen nahm weltweit zu. Zwischen 1980 und 1994 stieg die Anzahl der Arbeitsplätze auf der Welt um über 126 Millionen an; das ist ein Zuwachs von mehr als 31 Prozent.

V. GLOBALER GLAUBE Seit den fünfziger Jahren haben die Japaner ihren Lebensstandard um das Achtfache gesteigert. Die anderen aufstrebenden Länder Asiens fast um das Siebenfache, und selbst beim Nachzügler Indien stieg der Lebensstandard um den Faktor drei. Dieser neue Wohlstand kam nicht etwa nur einer kleinen Oberschicht zugute. Die wichtigsten sozialen Indikatoren - Kindersterblichkeit und Lebenserwartung - beweisen das Gegenteil. Die Kindersterblichkeit in Südkorea sank von 62 pro Tausend auf 12, die Lebenserwartung stieg von 54 auf 71 Jahre. In den anderen aufstrebenden Nationen Asiens zeigt sich ein ähnliches Bild. Wem der Aufstieg der Dritten Welt wirklich am Herzen liegt, der sollte nicht für Handelsschranken kämpfen, sondern gegen sie.

Die erfolgreichsten ehemaligen Kolonien setzen konsequent auf freien Handel und holen sich die bösen Multis ins Land, die trotz Niedriglöhnen ihre Arbeiter meist besser bezahlen als die einheimischen Fabrikanten. Die Armenhäuser der Welt sind Staaten, die auf Autarkie und Abschottung pochen. "Einer der verheerendsten Mythen unserer Zeit", schreibt der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa, "ist der Mythos, dass die armen Länder arm sind, weil die reichen Länder sich gegen sie verschworen haben und sie zum Zweck der Ausbeutung in dem Zustand der Unterentwicklung halten. Es gibt keine bessere Weltanschauung, um sich auf ewig in der Rückständigkeit einzurichten. Die Internationalisierung des modernen Lebens - der Märkte, der Technik, des Kapitals - erlaubt jedem Land, selbst dem kleinsten und mittellosesten, ein rasches Wachstum, wenn es sich der Welt öffnet und seine Wirtschaft wettbewerbsgerecht organisiert." Das winzige Indianerdorf Maruranau mitten im Dschungel Guyanas macht es vor. Seit einiger Zeit verkaufen die Bewohner ihre kunstvoll gewebten Hängematten erfolgreich übers Internet.

Indien entsendet heute Computerspezialisten als Entwicklungshelfer nach Deutschland! Auch die Ärmsten der Armen profitieren im Schlepptau vom Reichtum der Reichen. Nicht nur in den asiatischen Tigerstaaten, sondern weltweit sank die Kindersterblichkeit seit Mitte des letzten Jahrhunderts drastisch, und die Lebenserwartung stieg immer weiter an. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lag sie im globalen Durchschnitt bei 67 Jahren. Das ist in etwa der Wert, der in den fünfziger Jahren von den alten Industrieländern erreicht worden war. Die globale Geburtenrate sank von sechs Kindern pro Frau auf 2,8. Mehr junge Menschen denn je lernen heute Lesen und Schreiben.

Überall, wo der Wohlstand einzog, verbesserte sich auch die Umweltsituation. Besonders in Europa und Nordamerika wurden Luft und Gewässer deutlich sauberer, und die Wälder dehnten sich aus. Doch die grünen Aktivisten von heute wollen das nicht wahrhaben und behaupten, der globale Turbokapitalismus wird zur Ausplünderung der Natur und zur Verschmutzung der Umwelt führen. In Seattle und anderswo marschieren die Truppen von Greenpeace und Co. neben protektionistischen Gewerkschaftern, Bauernfunktionären und Ausländerfeinden. Dieser grüne Protest zielt meilenweit an der Realität vorbei. WTO- Generaldirektor Mike Moore trifft dagegen den Nagel auf den Kopf: "Armut ist der größte Feind der Umwelt." Untersuchungen der Weltbank haben ergeben, dass die Umwelt überall dort sauberer wird, wo Gesellschaften ein gewisses Wohlstandsniveau erreichen. Es ist keinesfalls so, dass die Globalisierung zu einem Rattenrennen um die niedrigsten Umweltstandards führt. Im Gegenteil: Der Ansturm des internationalen Kapitals kommt der Umwelt zugute. Ein Weltbank-Report weist nach: In den neunziger Jahren wurde in den drei Schwellenländern mit dem größten Kapitalzustrom - China, Mexiko und Brasilien - die Luft deutlich sauberer. Nachdem etwa in Brasilien die Luftverschmutzung im Industriezentrum rund um Sào Paulo Anfang der achtziger Jahre einen Gipfelpunkt erreicht hatte, sank sie bis 1998 um mehr als die Hälfte. Eine Entwicklung analog zur früheren Umwelt-Geschichte in Europa und Nordamerika.

Solche frohen Botschaften bleiben jedoch weitgehend unbekannt. Denn der zeitgeistige Deutsche legt Wert auf gepflegtes Leiden an den Verhältnissen. Die werden, so der kulturpessimistische Konsens von links-grün bis katholisch-konservativ, natürlich immer schlechter. Die Globalisierung ist von Übel, das gut als ausgemacht und wird durch selektive Berichterstattung immer neu bestätigt. Das Establishment journalistischer Wiedertäufer predigt lieber statt nachzuforschen und zu berichten. "Ähnlich wie eine Anzahl von Religionen arbeiten die journalistischen Predigten mit Furcht, Sünde und Buße", schreibt Helene Guldberg, vom englischen Online-Magazin "Spiked". "Und ähnlich wie die alten Religionen toleriert der neue Glaube keine abweichende Meinung." War früher die "Systemkritik" noch ein mutiges Unterfangen, mit dem man sich Ärger einhandeln konnte, so ist sie heute ein Ticket für Anerkennung und Erfolg. Die Mehrheit wähnt sich als verfolgte Minderheit. " Traditionell war das kritische Bewusstsein immer negativ", schreibt die Publizistin Katharina Rutschky, "vielleicht müssen wir uns nun, wo es zum Volkssport geworden ist, eines ausdenken, das positiv operiert." Anders gesagt: Noch nie war die gute Nachricht subversiver als heute.

(Info) Dirk Maxeiner und Michael Miersch sind freie Autoren und schrieben mehrere preisgekrönte Bestseller im Bereich Umwelt und Wissenschaft. Dieser Essay basiert auf ihrem neuesten Buch "Das Mephisto-Prinzip - Warum es besser ist, nicht gut zu sein". Eichborn, 2001:192 Seiten, 34 Mark. www.maxeiner-miersch.de