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Das Schweigen angesichts des Unerklärlichen

Es existieren mehr Worte, als irgendjemand kennen will, aber es gibt keines, das so unmittelbar Gefühle ausdrückt wie das Schweigen angesichts des Unerklärlichen.




"Es gibt Menschen, die können ihr Herz öffnen, und Menschen, die können es nicht. Sie gehören zu denen, die sich öffnen können. Genauer gesagt. Sie können sich öffnen, wenn Sie wollen." "Und was passiert, wenn man sich öffnet?" Die Zigarette im Mund, verschränkte Reiko gutgelaunt die Hände auf dem Tisch. "Mau wird gesund", sagte sie.

(Haruki Murakami, Naokos Lächeln) Wir sprachen darüber, warum wir tun, was wir tun. Sie ist verrückt, sie sagte: "Ich will berühmt werden, anerkannt, ich will die Beste sein. Und du?" Ich antwortete: "Alles ist falsch, absolut alles. Und alles muss sich ändern. Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll, außer es immer wieder zu sagen." Dann sprachen wir über Haruki Murakami.

Das neue Buch meines liebsten japanischen Lieblingsautors straft meine Worte Lügen. Es ist richtig, so richtig, dass der Himmel aufreißt und wir einen Blick in das Licht werfen können. In seinem gerade auf Deutsch erschienenen Roman "Naokos Lächeln" leben wieder alle Figuren in diesem Licht. Es sind junge Leute, die aber wohl ganz alt sein müssen, sonst könnten sie sich nicht mit so viel Offenheit, Rückhaltlosigkeit, Wärme, mit dieser inneren Stille gegenübertreten. Der Junge liebt das Mädchen, das Mädchen liebt den Jungen, aber natürlich braucht es für diese Rollenverteilung drei Personen, sonst wäre es kein Roman, sondern eine Kurzgeschichte oder gar ein Haiku. Es wird viel geredet, mit wohl gesetzten Worten unterhalten sich die Figuren über das, was sie verletzt hat, und das, was sie wollen. Die Verletzungen werden vorausgesetzt, ebenso wie die Sehnsucht, denn beides gehört zum Menschen. Dazu wird spazieren gegangen, während Worte fließen, umfließen Orte die Sprechenden. Meist in der Stadt, aber auch in den Bergen. Dort ist ein Sanatorium.

In dem Sanatorium gibt es Menschen mit psychischen Problemen, aber keine Therapie. Stattdessen leben alle so, wie es Menschen angemessen ist: in einer harmonischen Umgebung, mit Arbeiten und Aufgaben, die sinnvoll und überschaubar sind, in einer Gruppe, in der sich alle helfen und respektieren, wo jeder so sein kann, wie er ist, mit seiner Sehnsucht und seinen Verletzungen. Der junge Mann, der dort eines der Mädchen besucht, kann nicht unterscheiden, wer zu den Patienten und wer zum Personal gehört. Was verständlich ist, weil gerade die, die offensichtlich zu den Betreuten gehören, am vernünftigsten wirken. Mir kommt die Anlage wie eine sehr realistische Utopie vor: Der Mensch nicht als gute Maschine, die perfekt funktioniert, sondern als Fehler, der er nun mal ist, doch in gegenseitiger Akzeptanz. Wie einfach wäre alles.

Immerhin sind Haruki Murakamis Bücher schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Denn wenn wir darüber reden, nach Worten suchend, aber meist erfolglos, wenn wir mit den Armen wedeln und "so schön" sagen, wissen wir, dass wir Gefühle teilen, auch wenn wir für sie keinen Ausdruck haben. Wir finden uns unter unseren Oberflächen, dort, wo die alltäglichen Ausdrücke zu schwach sind, und sind beruhigt: Wir sind nicht allein.

Ähnlich ist es mit der Musik. In Madrid war ich vor kurzem mit einigen Peruanern in einem peruanischen Restaurant. Es gab peruanisches Essen, das Mobiliar war peruanisch, die Besitzer auch. Dann kam ein alter Mann mit einer Gitarre, der alte peruanische Lieder sang. Die Peruaner, mit denen ich dort war, die viel jünger waren als diese Lieder, diese in Spanien gestrandeten Nachfahren der Anden-Ureinwohner, von denen ich wusste, dass sie sich nach ihrer Heimat sehnten, sangen alle Lieder mit. So teilten sie ihre tiefste Sehnsucht, und ich, der ich die Songs nicht kannte, aber trotzdem von Gefühlen überrollt wurde, dachte: Scheiße, wir haben solche Lieder nicht.

Oder was sollen wir später singen? Britney Spears? Modern Talking? Maffay? Das ginge noch theoretisch, auch wenn ich niemandem wünsche, dass er in 20 Jahren noch immer die Gefühle hat, die man braucht, um Britney Spears gut zu finden. Doch in der elektronischen Musik gibt es nicht einmal mehr die theoretische Möglichkeit, irgendwann einmal gemeinsam Emotionen zu tauschen. Zu Elektronik kann man schweigen oder tanzen, immerhin, der Körper hat auch ein Recht, das ist mehr, als in der bügerlichen Gesellschaft noch vor 30 Jahren vorstellbar war. Aber die Gefühle sind die Gefühle, sie brauchen Ausdruck, und je älter man wird, umso größer werden sie. Haare, Nägel und Gefühle sind das Einzige, was nie aufhört zu wachsen. Wir brauchen Lieder für unser Leben.

Kurz darauf erzählte mir ein Mädchen, Haruki Murakamis Bücher seien so jung, weil seine Figuren nichts wollten. Nichts wollen heißt jung sein. Ich ärgerte mich erst später. Denn dies impliziert nicht nur, dass Wille Alter bedeutet, eine Idee wie eine Kugel auf einer Schrägen, schwupps ist sie weg, sondern auch, dass Altsein schlecht ist und Wollen nicht gut. Ich und alle meine besten Freunde wurden vermutlich alt geboren, wir wollten nämlich schon immer alles, tagtäglich stehen wir im Wind und brüllen. Und ich glaube, ich spreche hier für die ganze Gruppe, wenn ich sage: Wir können zusammen singen und dabei durch die Straße gehen, in denen die von Gott Geküssten wohnen. Jeder hat dort ein Lamm, das er nur zu opfern braucht, um seine tiefste Sehnsucht erfüllt zu bekommen. Doch die Menschen stehen an den Türen, die Lämmer in den Armen, und keiner rührt sich, wir singen alle gemeinsam ein Lied, und ohne dass ein Lamm in den Fluss gestoßen wird, ohne dass ein Mensch verbrennt bei dem Versuch, im Licht zu leben, wird unsere Sehnsucht Wirklichkeit. Wollen wir fortan etwas sagen, brauchen wir keine Worte. Wie gut es ist zu schweigen.