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"Das Ende vom Anfang"

Internet-Experte Henry Blodget über die Zukunft der New Economy. Er ist Senior Internet Analyst bei Merrill Lynch und Autor der Studie "After the Fall: The Outlook for the Consumer Internet Industry".




brand eins: Der Nasdaq Composite, der Börsenindex für Technologiewerte, verdoppelte sich innerhalb eines Jahres. Dann stürzte er um über die Hälfte ab, und in der Internetindustrie begann das große Sterben. Warum?

Henry Blodget: Wenn wir über den Crash nachdenken, müssen wir uns vor Augen halten, wie ungewöhnlich dieser Zuwachs war. Und der brutale Absturz war lediglich eine Korrektur auf ein normaleres, aber immer noch hohes Niveau. Fünf Faktoren waren entscheidend. Erstens: Die Bewertungen waren so hoch, dass eine einzige schlechte Nachricht genügte, um eine Kettenreaktion auszulösen. Zweitens: Die Investoren waren zu euphorisch. Drittens: Inflation und Zinssätze begannen zu steigen. Viertens: Der Markt war nicht mehr bereit, Technologiefirmen zu finanzieren, die Geld verloren. Und fünftens: Die Geschäfte im gesamten Bereich Technologie, Telekommunikation und Medien verschlechterten sich.

brand eins: Wurde zu viel Geld an Unternehmer vergeben, deren Ideen clever waren, aber nicht profitabel? Wurden zu wenige Fragen gestellt?

Henry Blodget: Ja. Dies passiert aber immer, wenn eine neue Technologie auf den Markt kommt. Es passierte mit dem Telegrafen, dem Telefon, der Eisenbahn, dem Auto, Radio, Fernsehen und Computer. Es wird wieder passieren, welche Technologie auch immer nach dem Internet kommt.

brand eins: Viele Gründer dieser Firmen waren sehr jung. Wenden sich die Firmen jetzt erfahreneren Managern zu?

Henry Blodget: Es gab eine Phase, in der Firmen und Manager reich wurden, die es nicht wirklich verdient hatten. Das ist jetzt vorbei. Der Markt wird wieder die Firmen belohnen, die Shareholder Value schaffen. Aber das Alter eines Managers ist nicht so wichtig wie seine Fälligkeiten. Jeff Bezos von Amazon, Jerry Yang von Yahoo, Bill Gates und Michael Dell waren alle sehr jung, als sie ihre Firmen gründeten. Wenn ein junger Manager schlau genug ist zu verstehen, dass er nicht alles weiß, und sich von erfahrenen Leuten helfen lässt, dann hat seine Firma gute Erfolgschancen.

brand eins: IBM-Chef Louis Gerstner behauptet, es gebe keine New Economy. Die wahre Schlacht werde auch in Zukunft unter den großen Konzernen ausgetragen, das Internet sei lediglich das Schießpulver.

Henry Blodget: Das Internet ist absolut real. Es ist eine profunde neue Technologie, die sich schneller entwickelt hat als jede andere zuvor. Das Internet ist heute an dem Punkt wie das Fernsehen in den fünfziger Jahren, als die Bildschirme klein waren und flimmerten und das Bild schwarzweiß. Das Beste liegt also noch vor uns.

brand eins: Hat die Krise auch ihre gute Seite? Werden gute Ideen jetzt nicht mehr unter der Flut schlechter Ideen begraben?

Henry Blodget: Man mag es kaum glauben, aber das Internet hat in kürzerer Zeit mehr Wert geschaffen als jede andere Technologie zuvor, selbst nach dem Crash. Der Gesamtwert der Internetfirmen an der Nasdaq betrug Ende 2000 etwa 300 Milliarden Dollar. Nur fünf Jahre zuvor war es gerade mal eine Milliarde. Vergessen wir nicht, dass eine Internetfirma wie America Online, die erst seit 15 Jahren existiert, eine der mächtigsten Finnen der Welt gekauft hat, Time Warner. Eigentlich unglaublich.

brand eins: Sind dieselben Investoren, die zu euphorisch waren, jetzt zu pessimistisch?

Henry Blodget: Nein. Die Investoren haben Grund zu der Annahme, dass die meisten Internetfirmen vom Markt verschwinden werden. Ich wage zu behaupten, dass 80 bis 90 Prozent nicht überleben. Aber jeder Investor, der nun denkt, dass Internet sei erledigt, ist kurzsichtig.

brand eins: Ist diese Krise der Anfang vom Ende oder das Ende vom Anfang?

Henry Blodget: Das Ende vom Anfang. In 1999 und 2000 benahm sich das Internet wie ein rebellischer Teenager - es hatte wilde Ausbrüche von Kreativität und Talent, aber auch von Übermut und Dummheit. Das Internet ist jetzt erwachsener geworden, man könnte sagen, es macht gerade seinen Universitätsabschluss.