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Wenn Programme sich gegenseitig lahmlegen - Software-Kannibalismus

Wenn Menschen andere Menschen töten und verspeisen, ist das grausam und kannibalisch. Wenn angeblich kompatible Programme sich abschießen und zerstören, dann ist das der Alltag eines Windows-Anwenders.




Seit einer geschlagenen Woche versuche ich, Software auf meinem Computer zu installieren. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht hätte ich mir genauso gut einen neuen Computer kaufen können. Sogar einen teuren Macintosh. Das wäre immer noch günstiger gewesen als der Ausfall an Arbeitszeit. Stattdessen musste ich mitansehen, wie sich die teuren Programme schon bei der Einrichtung gegenseitig zerstören und schließlich den kompletten Computer blockieren. In der Marketingsprache der Hersteller heißt das "effizienteres Arbeiten mit unserer technisch ausgereiften Software".

Mein Rechner ist ein Eigenbau aus so genannten Marken-Komponenten von Adaptec, Asus, Elsa, IBM, Intel, Pioneer, Seagate, Teac und 3Com. Er hat viel Geld gekostet und mir die Illusion vermittelt, wenigstens bei der Hardware nichts falsch gemacht zu haben. Während die Hardware tatsächlich größtenteils fehlerfrei ihren Dienst verrichtet, spielt die Software mehrmals täglich verrückt. Ich bin nämlich ein Windows-Anwender. Genau genommen sollte dies ausreichen, um mich von Fachärzten arbeitsunfähig schreiben zu lassen. Andernfalls könnte ich schon morgen zum unkontrollierbaren Berserker mutieren.

Der einwöchige Installationskrieg mit Microsoft-Produkten hat mich an den Rand des Wahnsinns getrieben. Der Leser mag vermuten, ich hätte ohne jegliche Fachkenntnis versucht, drei Dutzend alte und neue Programme einzurichten und dabei manuell in der Windows-Konfiguration herumgepfuscht. Die Wahrheit ist: Trotz zehnjähriger Erfahrung mit PCs ist es mir nicht einmal gelungen, Windows 98, den Internet Explorer 5 und Office 97 gemeinsam fehlerfrei zum Laufen zu bringen.

Click & Crash statt Plug & Play: Als krisengeplagter Windows-Anwender kenne ich die gröbsten Schlaglöcher auf dem Weg zum betriebsfähigen Rechner. So besorgte ich mir vor der Installation für jedes Gerät die neuesten Treiber vom Hersteller und machte um halbfertige Beta-Versionen einen großen Bogen. Die Treiber braucht man, weil Windows 98 nach der angeblichen Plug-and-Play -Installation weder die Netzwerkkarte im PC1-Bus erkennt noch den augenschonenden Monitor (der flimmert wie die Luft in der Wüste). Und die 3D-Grafikkarte im AGP-Port kann erst mit der nachträglichen Treiber-Installation andere Bildschirmauflösungen als die groben 640 x 480 Pixel erstellen. So arbeite ich mich von Fehler zu Fehler: Die Power-Management-Funktion meiner Rechnerplatine soll den Computer softwaregesteuert ausschalten, sobald ich Windows beende. Nach der Installation von Windows 98 meldet das Betriebssystem aber, dass die Funktion fehlerhaft sei. Doch sobald ich die Funktion manuell deaktiviere, schaltet Windows den Rechner beim Runterfahren ordnungsgemäß ab. Aha?

Wohlgemerkt: Dies sind Kleinigkeiten, die man mit ein bisschen Erfahrung und technischem Verständnis in den Griff bekommt - wenn man seine Berufung darin sieht, sich monatelang mit PC-Technik zu beschäftigen. Schlimmer ist es, wenn mehrere Microsoft-Produkte unterschiedlichen Alters aufeinander treffen. Wer ein frisch installiertes Windows 98 über die Funktion Windows-Update aktualisieren will, staunt: Auf der Website des Herstellers Microsoft warten bereits über ein Dutzend Fehlerkorrektur-Dateien für ein Betriebssystem, das gerade ein Jahr alt ist. Und das Update klappt auch nicht immer - nicht einmal, wenn man ein Zusatzprogramm von der Microsoft-Website heruntergeladen hat, das die Funktion manuell startet. Könnte das damit zusammenhängen, dass ich zum Betrachten der Microsoft-Website den Microsoft Internet Explorer 5 unter Microsoft Windows 98 verwende?

Der Wahnsinn hat Methode: Diesem Chaos lässt sich problemlos noch eins draufsetzen, indem man ein Office-Paket von Microsoft installiert. Die Office-Pakete, gleich welchen Alters, installieren nicht nur aufgeblähte Anwendungsprogramme mit Funktions-Overload, sondern bauen auch neue Betriebssystem-Komponenten in Windows ein. Die De-Installation ist unmöglich - wer sie etwa per Hand nachholt, hat anschließend ein fragmentiertes Betriebssystem vor sich. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch der Internet Explorer 5 neue Komponenten ins Betriebssystem einbaut.

Wie jeder Entwickler weiß, steigt die Anzahl an fehlerhaften Funktionen mit zunehmender Größe des Programms. So wundert es wenig, dass Microsoft allein für Office 97 drei voluminöse Fehlerkorrektur-Dateien herausgegeben hat, deren Übertragung aus dem Internet mehrere Stunden dauern kann. In meinem Fall scheiterte allerdings schon die Installation der ersten Fehlerkorrektur-Datei. Office 2000 ist nicht besser: Gerade ein paar Monate alt, ist seit kurzem die erste Fehlerkorrektur-Datei für diese Version erhältlich. Ich gehe davon aus, dass es nicht die letzte sein wird. Außerdem hat Microsoft gerade eine Fehlerkorrektur-Datei für die erste Fehlerkorrektur-Datei veröffentlicht.

Druckt? Druckt nicht? An eine enge Kooperation zwischen Microsoft und dem Drucker-Spezialisten Hewlett-Packard glaube ich, seit ich den Multifunktions-Drucker Laserjet 3100 besitze. Multi heißt wohl, dass das Gerät an mehreren Stellen spinnt. Das fängt schon bei der Installation an: Es gibt dafür offenbar nur einen einzigen richtigen Zeitpunkt und nur eine einzige richtige Reihenfolge. Sonst wird Windows noch nach Wochen einen längst installierten Drucker als neu gefundene Hardware melden und prompt einen Gerätetreiber einrichten wollen.

Wird der Drucker als Netzwerkdrucker installiert, bringt die Software den Client-Rechner beim Hochfahren zum Absturz. Der Rechner will eine Verbindung übers Netzwerk zum Drucker am Server-Rechner aufbauen, doch weil das Netzwerk erst einige Sekunden(!) später verfügbar ist, meldet die Software, dass der Drucker gar nicht angeschlossen sei - Hewlett-Packard hat bereits die dritte Fehlerkorrektur-Datei zur Drucker-Software ausgeliefert.

Zeitbomben: Jedes über das Betriebssystem hinaus installierte Programm, egal welches, ist eine Zeitbombe. Niemand weiß, was den Rechner zum Absturz bringen wird, aber ganz sicher: Es wird passieren. Das liegt nicht nur an den Programmen. Das Hauptübel ist das Betriebssystem, das vorgaukelt, es sei ein stabiles Gerüst zum Nutzen des Anwenders. In Wirklichkeit ist es eine wackelige Konstruktion. Das liegt an der Grundarchitektur von Windows: Jedes Programm kann dem Betriebssystem neue Komponenten hinzuzufügen. Doch nicht einmal die Komponenten von Windows 98, Internet Explorer 5 und Office 97 sind aufeinander abgestimmt.

Die Probleme sind der Firma bekannt. Microsoft-Chef Bill Gates erlebte bei der Live-Präsentation des Betriebssystem Windows 98 auf der Computermesse Comdex 98 mit, wie sein PC abstürzte, als ein Mitarbeiter einen Scanner anschloss. Gates versprach lächelnd Besserung. Mit dem Ergebnis seiner Bemühungen habe ich mich eine Woche lang herumgeschlagen.