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Was ist Musik!

Ein grundsätzlicher Text mit vielen Ausnahmen




Mighty Sparrow Carnival Hits, Import John Hartford...Mark Twang, Import Nick Hornby...High Fidelity, Droemer, München 1999, 16 Mark High Fidelity...mit John Cusack, Iben Hjejie, Lisa Bonet, Tim Robbins, Lili Taylor, Regie Stephen Frears Beatles...Abbey Road, EMI Van Dyke Parks...Discover America, Ryko Beach Boys...Friends, Sony Free Design...Best Of, Import Stina Nordenstam...And She Closed Her Eyes, Eastwest Caetano Veloso...Fina Estampa, Universal Paul Klee...die Sammlung Bürgi, Hamburger Kunsthalle bis 23.7. 2000 Johann Wolfgang von Goethe...Wilhelm Meisters Wanderjahre, Insel, Frankfurt am Main, 19,80 Mark Musik existiert. Vielleicht ist das das Beste, was man über Musik sagen kann. Es heißt, "Ich denke, also bin ich", aber da bin ich mir nicht sicher. Musik hingegen? Keine Frage: wie Wasser, Wald, Wind. Licht! Musik liegt über der Welt, der Zeit, immer, überall. Was für ein Glück!

Alle Plattenläden dieser Welt sehen gleich aus. Das klingt gut, stimmt aber nicht: Ich war mal in einem Plattenladen in Tobago, da standen die Platten auf dem Fußboden - vorher hatten sie 15 Jahren in einer Garage gelebt, so sahen sie auch aus. Ich unterhielt mich mit George Gordon, dem Besitzer des Ladens, wir verstanden uns, denn wir mochten beide Musik, vor allem Calypso, ganz besonders Mighty Sparrow, den besten Calypso-Sänger aller Zeiten. Dann sind da noch Länder, wo es keine Platten gibt, nur Kassetten. Früher war es dort zu heiß für Vinyl, das hätte sich in der Sonne verbogen (auch darüber gibt es ein Lied, John Hartfords "Don't leave your records in the sun", denn: "They bend and they won't be good for anyone."). Später haben sich dort CDs nie durchgesetzt, weil sie zu teuer sind. So gibt es sie nur im Shop am Flughafen. Allerdings: Diese Shops sehen sowieso alle gleich aus. Die Kassettenläden übrigens auch.

Ansonsten aber ist das richtig mit der Ähnlichkeit. Wobei: Ich meine Läden, in denen man LPs kaufen kann. Große schwarze Scheiben. Die LPs bestimmen das Design: der Regale, der Kisten, sogar des Tresens. Der ist breit, um LPs darauf zu legen. CDs kann man auf ein Toastbrot legen. Und überbacken. Mit LPs geht das nicht. Die passen nicht mal in den Grill. Und so großes Toastbrot ... Schwamm drüber!

Die Erkenntnis, dass alle Plattenläden gleich aussehen, kam mir bei "High Fidelity", der sehr guten Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers, in dem der britische Autor Nick Hornby versucht, die männliche Obsession mit Musik und Platten zu erklären. Für den Film wurde die Story von England in die USA verlegt, was aber egal ist, denn nicht nur den Laden könnte es ebenso in Amsterdam, Barcelona, Paris, Kopenhagen, Zürich oder Ulm geben, sondern auch die Verkäufer. Mir war das bloß nie aufgefallen, weil Plattenläden in mein Leben gehören wie bei anderen Leuten Müsliriegel, und da fragt ja auch niemand, warum die eigentlich riegelförmig sind (von Türriegel), und nicht, sagen wir mal, talerförmig (von Geld, nicht von Nussgebäck).

Plattenverkäufer sind jedenfalls wie Plattenverkäufer, obwohl, ich hatte mal einen in Barcelona, der war bestimmt 70, im Anzug, der sprach nur Spanisch, wir haben uns mit Gesten verständigt. Ansonsten ist es aber überall gleich, man kann mit allen Platten-Verkäufern reden, jeder spricht Englisch, das kommt von der Popmusik. Die Themen sind auch stets dieselben: die Lieblingsplatten, klar, und dann die Musikindustrie. Die hassen alle. Weil sie von seelenlosen Geschäftemachern beherrscht ist. Logo: Wirtschaftsformen scharfen Umgangsformen, der Kapitalismus ist kein Autoquartett. Jedoch: Ich kenne einige Leute in großen Plattenfirmen, die sich für Musik interessieren, sie sogar mögen. Das sind aber wohl, wie man hört, Minderheiten.

Der Hass entsteht aus der Liebe. Die Leute lieben Musik und sehen, wie sie vernichtet wird. Vernichtet durch Marketing, durch den Wunsch, die Massen zu erreichen, durch den Wechsel von Ausdruck zu Design. Als würde man Postkarten ins Museum hängen - und zwar Bestseller: Tiere, Landschaften, lustige Szenen, nackte Weiber - um Kunst populär zu machen. Das mag niemand mitansehen, den Musik berührt. Darüber wird geredet in allen Plattenläden, und dann kommt ein Kunde (wie übrigens auch im Film), der irgendeine entsetzliche Verschwendung menschlichen Lebens kaufen will, und kaum ist er weg, erhebt sich ein Stöhnen, warum der nun den Mist wollte und nicht was Gutes. Außenstehende reden gern von Geschmackssache, aber Pustekuchen: Qualitätsunterschiede existieren, es würde wohl auch niemand behaupten, Helnwein sei ein besserer Maler als Picasso. Der Musikfan will doch nur sein Glück teilen. Das, was seine Seele berührt.

Also in meinem Fall etwas von den Beatles, Van Dyke Parks, den Beach Boys, Free Design, Stina Nordenstam oder Caetano Veloso. Das wären ein paar Alternativen für den Moment der Entscheidung im Plattenladen. Statt etwas Neues von sonst wem. Ich habe zwölf Jahre über Musik geschrieben, jeden Monat mindestens hundert neue CDs gehört, und ehrlich: Wenn es pro Jahr 15 wirklich tolle Platten hat, ist es ein gutes Jahr. Das klingt wenig, aber wenn man das auf die letzten 35 Jahre Pop hochrechnet und noch Genre-Stücke (gute Reggae-, Metal-, Techno-, Soul-, Jazz- etc. Alben) hinzunimmt, ist man flott bei weit, weit, weit über tausend Platten. Und das ist, glaube ich, mehr, als irgendwer hören kann. Da ist dann auch reichlich Platz für Individualität, denn niemand will ernsthaft entscheiden, ob Bob Marley, Charlie Parker, Prince, Prefab Sprout oder AC/DC besser ist.

Auf die Frage nach dem Glück gibt es zwei Antworten: die Wissenschaft und die Kunst. Die Wissenschaft ist wie eine dieser Nervensägen, die zu allem eine Meinung haben, sie schweigt nie, versucht sogar, fundiert zu wirken, weshalb sie sich ein eigenes Vokabular zugelegt hat. Sie hätte auch zu Musik viel zu sagen. Die Kunst ist die andere Sorte Mensch und hält den Mund. Paul Klee schrieb: " Das Wort ist doch recht weit vom Mysterium weg. Ton und Farbe an sich schon Mysterium." Das schrieb er angesichts "Der Mann von fünfzig Jahren", einer eingeschobenen Novelle in Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre", die Klee aber als Ausnahme erschien, denn der Dichter habe dort "ein Stück Kunst mit der deutschen Sprache zu Stande gebracht". Goethe schrieb in dem Buch, wenn auch in einer anderen Episode: "Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden müsste. Sie ist ganz Form und Gehalt und erhöht und veredelt alles, was sie ausdrückt."