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Von der Gnade, kein Vorstand zu sein, oder ein Nachmittag mit Anneliese Hieke

Was macht eine Frau, die über das Unrecht nicht hinwegsehen kann? Sie nimmt die Probleme der Welt selbst in die Hand. Zumindest einen Teil davon. Und der Rest? --- Kommt später dran.




Als Anneliese Hieke vor 15 Jahren bei der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) angefangen hat, ging es auf deutschen Hauptversammlungen beinahe einschläfernd friedlich zu. Vorstände und Aufsichtsräte wurden entlastet und wieder gewählt, am Ende gab's Würstchen und Erbsensuppe aus dem großen Topf. Nur ganz selten störte einer der Privataktionäre das dumpfe Ritual und löste tapfer sein Rederecht ein.

Seit einigen Jahren aber durchkreuzen kritische Aktionäre die Harmonie-Strategie, allen voran der streitbare Betriebswirtschafts-Professor Ekkehard Wenger mit seinem protestgeschulten Assistenten-Team. Und natürlich Anneliese Hieke.

Die Aufrührer zerpflücken bis zur Unkenntlichkeit verdichtete Bilanzposten, prüfen Strategien auf ihre Marktfähigkeit, befreien Lageberichte von euphorischen Worthülsen. Und versuchen so, die versprengte und bisweilen autistische Anlegergemeinde in ein schlagkräftiges Stimmrechtsbündel zu verwandeln - zum Nutzen, aber oft genug auch gegen den Willen ruhebedürftiger Kleininvestoren.

Inzwischen allerdings sind viele Kleinaktionäre aufgewacht, auch dank T-Aktie und Neuem Markt. Und Anneliese Hieke ist zu einem begehrten Gesprächspartner für Finanz- und Wirtschaftsmedien geworden.

Sie empfängt im Wohnzimmer. Ihr Mann ist abgeordnet, Fernsehteams und Journalistenanfragen abzuwimmeln. " Damit wir Ruhe haben." Denn: "Der wichtigste Mensch ist immer der gegenüber", weshalb ich mir also nichts einzubilden brauche. Das Wohnzimmer befindet sich in einem eher unauffälligen Anwesen in Neckargemünd, einer Gemeinde mit vorwiegend Durchgangsverkehr. Es ist fast surreal, was dort alles zusammenläuft: die Holzmann AG, die Refugium Holding, die Unternehmenssteuerreform, Mannesmann. Vor allem Mannesmann.

Vodafone-Chef Chris Gent war "zufällig" in Frankfurt, ließ in Neckargemünd anrufen, suchte das Gespräch. Wie sie denn die Zukunftschancen eines gemeinsamen Unternehmens und die Übernahme als solche einschätze? Hieke antwortete, wie so oft, mit einem detaillierten Forderungskatalog. "Ich hatte den Eindruck, dass er das Votum der Kleinaktionäre wirklich hören wollte." Nichts zu spüren von " Überheblichkeit wie beim Management von Mannesmann" .

Und wie ist das so, mit Vorständen zu reden? "Wie beim Elternsprechtag in der Schule, wenn der Zögling schwer erziehbar ist und sich die Eltern gegen die Einsicht sträuben." Was aber treibt eine dreifache Mutter, Geschäftsfrau, Schöffin und ehrenamtliche Richterin dazu, ohne Bezahlung die Arbeit von lausenden Aktionären zu erledigen und die Rechte eines oft undankbaren Publikums zu wahren? Wie und wieso wird solch eine Frau zum Volkstribun der Anlegergemeinde, wandelt freiwillig als Leibhaftige durch die Finanzwelt?

Von Beruf ist Hieke eigentlich "na ja, ... Geschäftsfrau. Ich bin Betriebswirtin des Handwerks, und das passt auch zu mir". Mit kleinen Nebentätigkeiten: ehemalige stellvertretende Vorsitzende des SdK, Mitglied in der Börsensachverständigenkommission und im Börsenrat Stuttgart. "Ein nettes Gremium", so der einzige Kommentar, der Anneliese Hieke zur nicht ganz alltäglichen Ämterhäufung einfällt. Aber dass sie in allen Positionen die erste Frau ist, das freut sie wirklich. Nicht für sich, sondern für die Frauen.

Vor dem Gesetz sind alle gleich. Vor Anneliese Hieke alle nackt.

"Die Frau aus dem selbstständigen Mittelstand" ist als Überschrift in ihrem knappen Lebenslauf zu lesen, dem vor allem zu entnehmen ist, worauf es ihr nicht ankommt: "Mich interessieren Titel und Posten überhaupt nicht." Und das gut nicht nur für ihre Person, sondern auch für ihr jeweiliges Opfer: Vor dem Gesetz sind alle gleich, vor Hieke alle nackt.

Sie interessiert nur der Mensch, die Leistung, die Sache. Ob einer lügt oder ehrlich ist. Der Rest ist: " Kitsch". Vorhang auf und Hosen runter. "Ich habe vor niemandem Respekt oder Scheu. Deshalb bin ich frech genug, den Vorständen schon mal die Hölle heiß zu machen." Auch das unvermeidliche Bundesverdienstkreuz wird nur rausgeholt, "wenn ich jemanden ärgern will". Sagt sie und lacht und wirft einen verschwörerischen Blick auf ihren wichtigsten Verbündeten, das Wertpapierhandelsgesetz in kommentierter Ausgabe, immer in Griffweite.

Ja, Rechtsanwältin, das wäre schon ihr Ding gewesen. Deswegen dreht sie jetzt als ehrenamtliche Schöffin schon mal Urteile um, schöpft ihre Rechte aus, auch wenn Richter und Staatsanwalt vielleicht einen anderen Deal vereinbart hatten. Das nervt, aber sie wird seit 16 Jahren immer wieder berufen. "Wenn ich das Gefühl habe, der soll nicht bestraft werden, kämpfe ich dafür wie eine Löwin." Das hat nichts mit Mitleid zu tun, es geht um unspektakuläre Gerechtigkeit. Wer schuldig ist, sollte nicht auf Hieke hoffen, auf Unrecht folgt Ungnade, und das frühzeitig: "Meine Schwiegermutter sagt immer, ich hätte eine Hundsnase", was heißen soll, dass sie riecht, wenn jemand lügt. Dann geht sie dazwischen, ob vor Gericht oder in Hauptversammlungen, da kann sie nicht aus ihrer Haut, das verläuft naturgesetzlich, synaptisch.

Die Hiekesche Witterung ist ein Frühwarnsystem, das für andere manchmal etwas zu früh ist: Wie damals bei Wolfgang Weber, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Südmilch AG. Da ist sie stutzig geworden, als der sich plötzlich in den Aufsichtsrat verabschieden wollte. Ihre Warnung: "Nehmt den Kerl fest, der haut euch ab!" wurde als Kassandra-Ruf abgetan. Kurz darauf war Weber weg, er hatte sich nach Paraguay abgesetzt.

Bei Schloss Wachenheim hat sie "gerochen", dass Millionen von Sektflaschen fehlen. Die neuen Eigentümer haben es ihr mit einem Aufsichtsratsmandat gedankt. Aber Hieke ist von niemandem abhängig, wird von niemandem bezahlt.

Hinter Hieke steckt Moral: "Tue recht und scheue niemanden", eine Lebensweisheit ihrer Mutter, die sie als "mein Lebensmotto" verinnerlicht hat und in aller Konsequenz praktiziert. Intergenerativ betrachtet, auf die Mutter bezogen: Deutschlands Management wird letztlich von einer Landfrau aus dem oberbayerischen Salzberg abgewatscht, wenn es denn sein muss. Das ist echte Basisdemokratie, es gibt noch Hoffnung.

Aber es geht um mehr. "Ich lande immer automatisch bei den Minderheiten. Es waren im Kindergarten die kleinen Kinder, im Elternbeirat und im Lotsendienst die Kinder, im Mittelstand die kleinen Unternehmen, im Stadtrat die kleinen Leute, dann die Kleinaktionäre." Künftig werden es im neuen Aktionärinnen e.V. die Frauen mit Aktienbeteiligungen sein. Dabei geht es nicht zwangsläufig immer um Benachteiligung. Anneliese Hieke will informieren, die Leute sollen auch mal fragen können, eine Basis erhalten für eigene Entscheidungen. So jemand ist naturgemäß vielleicht nicht anarchistisch, aber hochpolitisch.

Das Bedürfnis, etwas öffentlich zu bewegen, sich einzumischen, führt sie selbst auf die Gene und den Einfluss des Vaters zurück, der im Gemeinderat und im bayerischen Fremdenverkehrsverein engagiert war. Ihm hat sie schon früh bei seiner Tätigkeit geholfen. "Das prägt." Nur seine Empfindlichkeit hat sie nicht übernommen: "Ich habe ein unheimlich dickes Fell. Ich sage, was mir nicht passt, und schleppe nichts mit mir rum. Wenn mich einer blöd anredet, kriegt er Kontra, und die Sache ist ausgebügelt." Bei all dieser Geradlinigkeit ist Hieke unübersehbar selbst-, erfolgs- und wohl auch ein bisschen machtbewusst, gleichzeitig aber auch leistungsorientiert, frei von Geltungssucht und Eitelkeit. Sie führt die Regie im Gespräch, man muss gegensteuern, und irgendwann hat sie auch das Aufnahmegerät unter ihrer Fuchtel.

Hieke mag gern unterschätzt werden. Denn dann kann sie Fragen stellen.

Wer sie nach Vorbildern fragt, macht sich zunächst eines Verstoßes gegen die Selbstbestimmung verdächtig. " Wer, bitte schön, braucht Vorbilder?" Und wird dann 45 Jahre zurückgeworfen. Der ältere Bruder ist mit sechs Jahren allein auf die Bergspitze gegangen, eine Tageswanderung. "Das hat mir unheimlich imponiert." Ihre Kindheit hat sie als einziges Mädchen mit drei Brüdern geteilt, war immer unter Buben und war es gem. Hat Boote aus Kriegskanistern gebaut, von denen es unterhalb von Hitlers Obersalzberg genügend gab. Der Umgang mit den Brüdern war es auch, der sie gestählt und zunächst einmal gegen jeglichen Einfluss der englischen Fräulein immunisiert hat, einem Hort gestrenger, katholischer Mädchenerziehung. "Dort haben wir uns höchstens für die eingesetzt, die rausgeworfen werden sollten, nur weil sie gerade nicht so fromm waren." Der Feldzug gegen künstliche Autoritäten und naive Gläubigkeit hatte begonnen.

Vielleicht ist es auch die ländliche Herkunft, die Anneliese Hieke vor ideologischen Schablonen bewahrt hat. Die Welt als Urgemeinde. Im Gemeinderat geht es um Konkreteres, und auch die Kabale ist irgendwie handfester. In diese Welt scheint sie zu gehören, nicht in die ohnmächtiger industrieller Konflikte. Doch wehe dem, der dem Hausfrauen-Charme erliegt.

"Ich habe es liebend gern, wenn ich unterschätzt werde, je mehr, desto besser." Denn dann könne sie Fragen stellen, "bei denen man gar nicht merkt, was das eigentlich soll. An der Reaktion merke ich, ob ich richtig liege oder nicht." Nur leider, leider kennen sie die meisten Vorstände und Aufsichträte in der Zwischenzeit schon zu gut.

Die Neigung zum verdeckten Arbeiten hatte sie schon immer. Dass sie vier Jahre bei einer Erprobungsstelle für Sprengstoffe und Pioniergerät der Bundeswehr " streng geheim verpflichtet" war - am Höhepunkt des Kalten Krieges, mit Kuba-Krise und Strauß als Verteidigungsminister - das erfüllt sie mit unverkennbarem Stolz. Eine angebotene Stelle beim Militärischen Abschirmdienst hätte sie gereizt (" Ich wusste, dass ich für Verrat nicht anfällig bin" ), genauso wie die Tätigkeit an einer deutschen Dienststelle in Ankara. Doch ihr späterer Mann hat den Erfolgsmenschen Hieke erkannt: "Wenn du jetzt nach Ankara gehst, kommst du eh nicht wieder." Sie aber wollte Kinder, und so heiratete sie und ging in ein neues, überschaubares Biotop für öffentliches Engagement, nach Neckargemünd.

Die Kinder waren dann auch eine der Grundlagen für die weitere politische Betätigung. Aus dem Netzwerk Elternbeirat wurde die Stadträtin Hieke geboren. Sie kannte Gott und die Welt, also haben sich die Parteien um sie bemüht. Die CDU mit Erfolg, 25 Jahre lang, eingebunden in die politische Führungsarbeit, in Mittelstands- und Frauengremien - bis ihr falsche Rechenschaffsberichte vorgelegt wurden. Nichts ist Anneliese Hieke mehr verhasst als Lüge, Falschheit und Schmeichelei. Und ihr wohl originärster Wesenszug ist: Sie kann sich nicht verbiegen, für nichts und niemanden. Aus dem Spendenskandal hat sie deshalb früh die Konsequenzen gezogen. Austritt, sofort, emotionslos. Übergangslos zeigt sie mir ein paar Fotos mit dem schwarzen Mann, wie Hiekes kleine Hand in Helmut Kohls Pranke verschwindet, und freut sich über den Zusammenprall der Proportionen. Damit ist das Kapitel CDU endgültig abgeschlossen.

Das Netzwerk, die Gemeinde, die Verbindungen nimmt sie mit, die sind auf sie und nicht auf die Partei zugeschnitten. Hieke ist die Schaltzentrale, der universelle Ansprechpartner, die Institution. Sei es für die Bürger in der Gemeinde, für die sie noch heute die Stadträtin ist und die mit ihren Wehwehchen noch immer zu ihr kommen. Sei es in der Politik oder im SdK, bei dem immer gleich auf Hieke verwiesen wird. Sei es in der Familie. "Alles an Familieninformationen landet immer bei mir." Die Verbindung der Brüder zu ihr war stets enger als untereinander. Über sie laufen auch die Fäden nach außen, allein schon wegen der leitenden Funktionen, die ihr schnell und gern übertragen werden. "Hieke wird's schon richten." Ein Mensch, der gern im Mittelpunkt steht, weil man da am meisten bewegen kann und sieht, wo es brennt. Für Journalisten, die sich in Finanz- und Börsenthemen einarbeiten müssen, ist sie der Insidertip für kostenlose Nachhilfestunden. "Da können Sie dann jedes Mal bei Adam und Eva anfangen. Aber die sind dankbar, dass ihnen das jemand praktisch und einfach erklärt. Bei mir vergibt sich keiner was." Grundkurse für die Nachwuchs-Journaille, man kann auch sagen: perfekte Pressearbeit. Ungezählte Artikel tragen eine deutliche Handschrift mit wechselnden Namen.

Doch: Was macht ein Mensch, der immer nah an sich geblieben ist, wenn er vom Schicksal plötzlich ganz auf sich selbst zurückgeworfen wird? Hieke redet offen darüber. "Der größte Einschnitt in meinem Leben": Der Sohn erstickt sich, unmittelbar nach der Feier zum Abitur, das er mit Bravour bestanden hat. Ein eher introvertierter, sensibler Mensch, der mit seinem Freitod auf die Ungerechtigkeit aufmerksam machen wollte, die ihm kurz zuvor widerfahren ist. Wegen eines kleinen Blechschadens bei verregneter Nacht im Niemandsland. Die Polizei reagiert drastisch, zerrt ihn aus dem Auto, fesselt ihn an ein Geländer, Verhör, möglicherweise Schläge, worauf eine Verletzung schließen lässt. In derselben Nacht zieht er sich eine Tüte mit dem Aufdruck "40 Jahre Bundesrepublik" über den Kopf.

Der Tod des Sohnes. Ein Schock, der sie stärker macht.

Hieke geht an die Öffentlichkeit, der damalige Polizeidirektor von Heidelberg will die Sache vertuschen, sein Fahrer war einer der Polizisten. Selbst der Tod des Sohnes wird zum Politikum. Und wieder hat Hieke in ein zweifaches Wespennest gestochen. Körbeweise erhält sie Briefe von Leuten, die auf dem Revier misshandelt worden sind. Und von Leuten aus der Gemeinde, die Verwandte durch Selbstmord verloren haben, es aber, so gut es ging, geheim gehalten haben.

"Mein Sohn hat von mir am meisten gehabt: Alle Probleme löse ich selbst." Nur: "In diesem Fall kann man keine Lösung finden." Diesmal wird die eigene Haut zum Korsett. Vorübergehend. In nächtelangen Spaziergängen wird ihr klar, dass sie es akzeptieren muss: "Es war seine Entscheidung." Und dass ihr nun auch nichts Schlimmeres mehr passieren kann. Keine Umkehr, keine Umorientierung, der Tod relativiert nicht, sondern bestärkt. Anneliese Hieke wird leibhaftig.

Das haben auch andere gemerkt: "Sie haben doch früher immer so liebe, nette Fragen gestellt", gibt Hieke die Verwunderung von SAP-Vorstand Dietmar Hopp wieder, als sie ihm vorhält, das Management hätte den Arbeitnehmern zu Unrecht die Stock Options abgeknöpft. Und dann erzählt Hieke, habe er etwas getan, was für sie eine Aufforderung ist, was sie hasst wie die Pest: Er versucht, sie unter Druck zu setzen, spielt auf angebliche Spenden an, die sie von ihm für die CDU erhalten hätte.

Damit ist jegliche Gesprächsbasis weg. Einladungen zum Essen über Mittelsmänner schlägt sie aus. Zwischenzeitlich sind die Stock Options wieder bei den Arbeitnehmern, Freunde hat sie sich damit nicht geschaffen. Die "Börsenzeitung" hat sie angegriffen, auch einige andere Medien und Kleinaktionäre liegen nach ihrem Empfinden "SAP zu Füßen". Jemanden anzugehen, der so erfolgreich ist, konnte nicht anders ausgehen. Das war ihr bewusst. " Wer nur den Erfolg sieht und die Einzelheiten nicht kennt, kann nicht anders reagieren." Dass sie sich nicht voll auf Personen einschießt, liegt wohl auch daran, dass sie nicht alles bierernst nimmt und nur tut, was ihr Spaß macht. Das aber 110-prozentig. "Sonst kommt dabei nichts raus." So viel Engagement erwartet sie auch von anderen. Und wo sie vermutet, dass es nicht so ist, legt sie gem den Finger in die Wunde. "Wenn ich noch Studentin wäre, würde ich mich gem an die Eingangstür einer Hauptversammlung stellen und testen, ob die Aufsichtsräte den Geschäftsbericht überhaupt gelesen haben." Fleißig ist Hieke nach eigenem Bekunden nicht. Die zahlreichen beruflichen, privaten und ehrenamtlichen Aufgaben, habe sie sich auch geschaffen, damit sie den nötigen Zeitdruck hat, den sie braucht, um etwas in Angriff zu nehmen.

Alle 10 bis 15 Jahre erfolgt dann die Häutung, und sie fängt wieder etwas Neues an, "um wieder Power und neue Ideen zu haben". Das war beim Stadtrat genauso, wie beim Bund der Unternehmerinnen und jetzt beim SdK, von dessen Vorstand sie am 1. April 2000 zurückgetreten ist. Doch die Erleichterung der Finanzwelt ist verfrüht. Seit dem 2. Februar ist der von ihr gegründete und geführte Aktionärinnen e. V. ihr Baby.

Sind die früheren Aufgaben eher in Hieke hineingewachsen, lesen sich die Statuten des Aktionärinnen e. V. jetzt wie ihr Psychogramm. Es gehe darum, das Selbstbewusstsein, den Zusammenhalt und das Wissen von Frauen im Bereich Wertpapier zu stärken. Und natürlich geht es um die Vertretung von Frauen in den Aufsichtsräten. "Die setzen sich immer aus den gleichen alten Männern zusammen, manche müssen schon auf die Bühne gebracht werden. Ein geschlossener Kreis, der aufgebrochen gehört." Dafür sammelt sie jetzt weibliche Stimmrechte ein, rekrutiert aus ihrem Lebenswerk, den diversen Netzwerken, wie etwa dem Bund der Unternehmerinnen.

Ein Pool von erfolgreichen, meist wohlhabenden Damen, die keine Zeit haben, sich um ihre Geldanlage zu kümmern. Natürlich muss Anneliese Hieke wieder bei null anfangen. Natürlich ist kein großer Büroaufwand vorgesehen, "wir schauen, dass jeder ein Fax hat". Und natürlich darf auch das konspirative Element nicht fehlen: Der Höhepunkt ist das alljährliche Spargelessen in Schwetzingen, "schreiben Sie das rein".

Was sie nun noch erreichen will? "Eine große, selbstbewusste Gruppe von Aktionärinnen, die den Managern manchmal eins auf die Mütze gibt und eine richtig gute Unternehmenskontrolle macht." Mit Frauen, die so sind wie sie: "Frauen haben ein sehr, sehr gutes Gespür dafür, wenn in einer Firma etwas nicht stimmt." Es wird Zeit für eine Gedenkminute für die zahlreichen Hiekeschen Opfer.

Vielleicht ermöglicht der gebündelte weibliche Instinkt und die Solidarität tatsächlich, "dass die Aktionäre besser zusammenhalten, nicht so viel glauben, was ihnen die Vorstände erzählen". Sodass sie sagen: "Raus, geschlossen raus", wenn das Management nichts taugt.

Anneliese Hieke hat ihre Lebensaufgabe gefunden: Anneliese Hieke zu sein.

Kontakt: Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) www.sdk.org Anneliese Hieke Aktionärinnen e. V. Fax: 062 23/32 63