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Völkerverständigung - Kulturelle Reinheitsgebote

Unternehmen geben sich multikulturell, Mischehen werden normal - die Globalisierung verwischt alle Grenzen. Nur die kulturellen Werte, so scheint es, bleiben rein.




In der globalen Wirtschaftswelt sind kulturelle Unterschiede ein ambivalentes Thema. Einerseits erschweren fremde Verhaltensweisen die Kommunikation. In einer Studie über missglückte Fusionen gaben 85 Prozent der befragten Manager kulturelle Unterschiede im Führungsstil als Ursache für das Scheitern an. Andererseits ist kulturelle Diversität für immer mehr multinationale Firmen ein Wettbewerbsvorteil; sie streben nicht nur multikulturelle Belegschaften, sondern auch gemischte Konzernführungen an. Heterogene Gruppen würden in der Regel bessere Lösungen für komplexe Probleme erarbeiten - vorausgesetzt, ihnen stehe ein geeignetes Teammanagement zur Verfügung. Ansonsten wirkten kulturelle Unterschiede als Blockaden, heißt es. Warum?

Eine fabelhafte Chance für ein neues Beratungsgewerbe - die "interkulturelle Kommunikation". Ausgehend von den USA, inzwischen auch weltweit, untersuchen interkulturelle Experten, was passiert, wenn ein Indonesier sich mit einem Amerikaner zum Businesslunch trifft. Der Indonesier hat, so Geert Hofstede, einer der Gurus der Disziplin, eine ausgeprägte Veranlagung zur "Unsicherheitsvermeidung", der Amerikaner ist dagegen "risikofreudig". Deutsche gelten als "individualistisch", Mexikaner als " kollektivistisch". Diese unterschiedlichen Dispositionen basieren, so Hofstede, auf zentralen Werten der jeweiligen Nation. So kommt es, dass Siemens-Mitarbeiter nun im Wochenendtraining Verhandlungsstrategien und Konfliktbewältigung im Umgang mit ausländischen Geschäftspartnern lernen sollen.

Die interkulturellen Kommunikationswissenschaften gleichen einem Mosaik, dessen Steinchen die Kulturen sind. Kulturelle Unterschiede zwischen Menschen werden aus ihren spezifischen historischen Ursprüngen abgeleitet, Nationen gelten als klar voneinander abgegrenzte Einheiten: "die Deutschen", "die Koreaner", "die Mexikaner".

Doch in der Globalität gibt es keine isolierten Welten. Lokale Lebensformen verändern sich und gehen ungewohnte Kombinationen miteinander ein. Diese Kultur-Melange lässt sich nicht nur an Gesellschaften beobachten, sondern kennzeichnet zunehmend Individuen. Tiger Woods, der Shooting Star des internationalen Golfsports, bezeichnet sich selbst als "Cablinasian", um auf seine kaukasischen, schwarzen, indianischen und asiatischen Vorfahren hinzuweisen. Und ist nicht die deutsch-türkische Rapperin Aziza-A die typische Deutsche von morgen? Immerhin werden in wenigen Jahren 40 bis 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in deutschen Großstädten aus Zuwanderer-Familien kommen. Die neu entstehenden Gemeinschaften, wie die der Latinos oder der Afro-Deutschen, verändern das Deutsche auf unspektakuläre, aber nachhaltige Weise. Wir tanzen Tango, heilen unsere Kopfschmerzen mit Akupunktur und kochen Chicken Tikka Masala.

Nicht nur Lebensformen vor Ort machen einen massiven Wandel durch, sondern geografische Räume an sich verlieren für viele Menschen ihre Bedeutung. Geschäftsleute, Jugendliche, Migranten oder Künstler bilden transnationale Gemeinschaften, die durch soziale, berufliche und ideelle Gemeinsamkeiten miteinander verbunden sind. "Mein Geburtsland ist Japan, das Land der Sonnengöttin Amateratsu, mein Aufenthaltsort ist Deutschland, meine Heimat ist die Kunst", sagt die in Berlin lebende Objektkünstlerin Mutsumi Aoki und bringt damit die vielfältigen Bezugspunkte vieler moderner Nomaden auf den Punkt. Diese neue kulturelle Vielfalt und Vermischung macht auch vor den Firmentoren nicht halt.

Transnationale Gemeinschaften sind durch Ideen und Berufe verbunden.

Doch die Mehrzahl der Handbücher und Trainings zu " Understanding Arabs" oder "Considering Filipinos" ignoriert Austausch und Wandel und schreibt kulturelle Unterschiede fest. Die politischen Konsequenzen der Vermischung werden in der interkulturellen Kommunikationsindustrie ausgeblendet. Ein konkretes Beispiel: Seit zwei Jahrzehnten ist von "asiatischen Werten" die Rede. Auf der Suche nach Erklärungen für den wirtschaftlichen Aufstieg zuerst der asiatischen Tigerstaaten und später der Volksrepublik China zu Zeiten ökonomischer Stagnation im Westen entdeckten westliche Sozialwissenschaftler kulturelle Werte, die sich hinter den messbaren volkswirtschaftlichen Parametern der niedrigen Lohnkosten verbargen. Als Essenz des chinesischen Kulturkreises gelten nun Sparsamkeit, Kollektivismus und die Toleranz großer Machtunterschiede. Dass dieselben Werte ein Jahrhundert früher westlichen Intellektuellen wie Max Weber als maßgebliche Hindernisse für die wirtschaftliche Entwicklung Asiens galten, scheint heute niemanden zu stören.

Die Investoren schätzen chinesische Familienliebe, weil es friedlicher ist.

Die asiatischen Werte zirkulieren aber nicht nur an westlichen Business-Schulen, sie werden seit den Achtzigern auch von asiatischen Staatsmännern immer wieder in Umlauf gebracht. In ihren Reden preisen Mahathir Mohamad, malaysischer Staatschef, oder Lee Kuan Yew, ehemaliger Ministerpräsident Singapurs, die konfuzianistischen Werte als Grundlage der eigenständigen kapitalistischen Entwicklung ihrer Länder. Während der westliche Individualismus zu Stillstand, kulturellem Niedergang und sozialer Desintegration führe, garantiere der asiatische Kollektivismus Wirtschaftswachstum und politische Stabilität.

Mit Verweis auf Sparsamkeit und Arbeitsdisziplin wird die Bevölkerung reguliert und globales Kapital angelockt. Unzählige Kampagnen erinnern die Bürger ost- und südostasiatischer Staaten an konfuzianistische Werte. Kritiker, die arbeitsrechtliche und ökologische Standards durchsetzen wollen, werden mundtot gemacht. In Singapur lohnt sich der enge Familienzusammenhalt zudem steuerlich, und wer für seine alten Eltern sorgt, bekommt schneller eine Wohnung zugewiesen. Die dogmatische Familienpolitik übersieht jedoch, dass Singapur überaltert und viele Kinder nicht mehr bereit sind, die Verantwortung für ihre Eltern zu übernehmen. Auch in Hongkong erzwingt die Wohnungspolitik die " typisch chinesische Familienbezogenheit", die dann in den westlichen Medien als "konfuzianistischer Paternalismus" naturalisiert wird.

Höchste Zeit also, Werte nicht als göttliche Prinzipien anzusehen, sondern in ihrem politischen Kontext zu verstehen.

Geert Hofstede: Culture's Consequences -International Differences in Work-Related Values. Beverly Hills 1980 Nancy Adler: International Dimensions of Organizational Behaviour. Belmont 1986 Michael Bond: The Psychology of the Chinese People. Hongkong 1986 Alois Moosmüller: Kulturen in Interaktion -Deutsche und US-amerikanische Firmenentsandte in Japan. Münster 1997