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Verbrechen der Zukunft - Zukunft des Verbrechens

Neue Zeiten, neue Kriminalität - wie sich die Verbrechensbekämpfer gegen Hightech-Ganoven rüsten.




Rainer Hofmeyer, Abteilungsleiter beim Bundeskriminalamt, ist begeistert. "Das ist die Lösung", ruft er, "damit können wir die Zahl der Ladendiebstähle erheblich verringern." Die Rede ist nicht von einer neuen Allzweckwaffe aus dem Labor von "Q", der all die technischen Gadgets austüftelt, mit denen James Bond dann die Welt rettet. Zwischen Hofmeyers Fingern scheint eine simple Rolle Tesafilm transparent im Sonnenlicht. So eine, wie sie für 99 Pfennige in jedem Laden zu haben ist. Eh, ja - wie bitte? Eine Szene wie aus "Police Academy 12"? Ach was. Hofmeyer denkt bloß nach.

Seit die Mannheimer Forscher Steffen Noehte und Matthias Gerspach vor zwei Jahren entdeckten, dass Tesafilm sich nicht nur zum Kleben eignet, sondern auch als Datenspeicher für satte zehn Megabyte pro Quadratzentimeter, knobeln Experten an dem unscheinbaren Klebefilm herum. Aber wie lässt sich der verwenden? Vielleicht als ein effizienter, preiswerter Diebstahlsschutz?

Solche Fragen sind das Fachgebiet von Rainer Hofmeyer und Konsorten, denn sie sind die Zukunftsforscher der Kriminalität. Für das, was sich die Gruppe den lieben langen Tag einfallen lässt, braucht es Fantasie und Sachverstand, aber auch eine Menge krimineller Energie: Immerhin werden hier Verbrechen geplant, die es noch gar nicht gibt - das einst als "Bundeskopieranstalt" belächelte BKA will damit Gangstem einen entscheidenden Schritt voraus sein.

Das "Kriminalistische Institut" des BKA liegt in der Äppelallee in Biebrich. Keine Gegend für Think Tanks. Finanzamt, ja, Denkwerkstatt, ach nee. Was hier von grauen Gittertoren geschützt wird, ist aber auch nur Teil des auf einige Adressen in Wiesbaden verteilten Instituts. Mit Ausnahme der Äppelallee sind alle streng geheim. Sonst könnten womöglich irgendwelche Ganoven einsteigen, um sich ihre künftige Berufslaufbahn zu sichern. Und das wäre nun wirklich sehr peinlich.

Die 16 Mitarbeiter der Spezialeinheit empfangen Besucher, wie man es aus amerikanischen Kriminalfilmen kennt. Zunächst muss man in einen Besucherraum, mehr Zelle als Empfangszimmer. Dann geht es über lange, mit Linoleum ausgelegte Flure zum "Kopf der Bande", Rainer Hofmeyer. Der empfängt den Besuch in schwarzem Joop, also so wie der durchschnittliche deutsche Creativ-Director einer durchschnittlichen deutschen Werbeagentur. Dabei sitzt der 52-jährige Jurist mit den Designer-Klamotten aber in einem Raum, dessen Mobiliar es schon gab, als Adenauer noch Kanzler war.

Alles ist interessant. Archäologie zum Beispiel. Die Polizei buddelt auch dauernd etwas aus. Leichen etwa.

Think Tank? Amt? Oder doch Police Academy? Den Charme des Mobiliars wischt Hofmeyer rasch beiseite. Für ihn hat die Zukunft bereits begonnen. Begeistert erzählt er, wie alles anfing. "Wir sollten vor fünf Jahren für einen Minister einen Report zusammenstellen. Quasi auf Knopfdruck wollte er alles über die aktuelle Verbrechenslage wissen." Das findet Hofmeyer noch heute witzig. Er lacht. "Das geht nicht, das können wir nicht, haben meine Kollegen gesagt." Er ist anders. Natürlich geht alles, "Versuch macht klug", ist sein Motto. Der Minister bekam den Report, war verblüfft und hocherfreut. Rainer Hofmeyer wusste, dass die Dossiers aus dem BKA zu wissenschaftlich und praxisfern waren: gute Expertisen zwar, aber für den interessierten Laien, also etwa Politiker, recht schwer zu verstehen. Das musste sich ändern. Vor drei Jahren gründete Hofmeyer das "Kriminalistische Institut". Kurz Kl. Wie "Künstliche Intelligenz". Wer "KI" so deutet, liegt nicht einmal ganz falsch. Das Forschungsziel ist der Missbrauch von Hochtechnologie.

Grundlage der Arbeit ist eine ganz eigene Informationspolitik: "Meine Mitarbeiter müssen sich heute Abend eine Sendung im Fernsehen über die Ausgrabung einer versunkenen Stadt im Nil-Delta ansehen", erzählt er. Wozu? "Sie sollen die Technik, mit der eine versunkene Stadt entdeckt wird, kennen lernen, weil sie auch uns Kriminalisten helfen kann. Wir buddeln ebenfalls vergrabene Dinge aus: Waffen, Leichen und so weiter." Fernsehen ist für Hofmeyer ganz wichtig. "Discovery", " Knoff-Hoff-Show" - gehört alles zum Dienst. Wer in die Zukunft denkt, muss in der Gegenwart leben. " Beobachtung gesellschaftlicher Entwicklungen", nennt Hofmeyer das. Ausstellungen besuchen, im Internet surfen, Fernsehen. Und sonst? Es gibt permanente Planspiele, Gedankenexperimente, wie etwa die Sache mit dem Tesafilm. "Einfach toll", freut sich der Abteilungspräsident. "Bestechend einfach. Statt klobiger Sicherungen ein einfacher Film. Den kann man auf jeden Artikel kleben, er fällt nicht auf, behindert nicht, ist günstig und markiert alles. Auch zum Verfolgen von Gütern rund um die Welt bestens geeignet." Kaum las er von der Entdeckung der " Tesa-ROM" nahm er Kontakt zur Universität Mannheim auf und regte an, einen Diebstahlsschutz auf Tesafilm-Basis zu entwickeln. Wird gemacht. Ist in Arbeit.

Früher war Hofmeyer Journalist beim Süddeutschen Rundfunk. "Erst denke ich mir eine pfiffige Überschrift aus, der Rest kommt dann fast von allein." So, als er sich fragte, ob man denn nicht endlich eine zuverlässige Methode entwickeln könnte, um Teilnehmer von Demonstrationen zu zählen. Hofmeyer sprach mit Biologen, die die Vermehrung von Zellen studieren.

Alles kann interessant sein. Beim morgendlichen Zeitunglesen müssen alle wie Sensoren auf die Meldungen reagieren und für alles offen sein. Vom Branchendienst bis zum Boulevard -jeder Nachrichtenschnipsel birgt Potenzial. Hofmeyers kreative Köpfe beschränken sich nicht darauf, die Gefahr neuer Technologien frühzeitig zu erkennen. Sie untersuchen auch, was diese für die Gesellschaft bedeuten können und sprechen mit allen Beteiligten. Beispiel Wegfahrsperre: Wie reagieren Autoschieber, wenn immer mehr Autofahrer Wegfahrsperren haben? Das Team tippte, dass bei Autovermietungen mehr Fahrzeuge unterschlagen werden. Mehr Betrugsfälle zum Nachteil einer Versicherung, wie man im Fachjargon korrekt sagt. Wie kann diese Entwicklung verhindert werden?

Cyber Crime ist nicht alles. Auch Autodiebe haben eine Zukunft. Das heißt, demnächst nicht mehr.

Hofmeyers Kollegen regten die Entwicklung neuer Sicherheitstechnik an. Kennzeichen, mit denen man nur in Deutschland fahren darf. An den Grenzen stehen Detektoren, die sofort Alarm geben, wenn so ein Auto durchrollt. Auch die Politik wird eingebunden, der Verkehrsminister informiert. So etwas braucht die Unterstützung des ganzen "Apparates", wie es so schön heißt. Die Sondereinheit muss sich nicht nur in ihre Gegenspieler hineinversetzen können, sondern auch möglichen Widerstand aus den eigenen Reihen frühzeitig erkennen. "Dazu brauche ich erfahrene Leute", meint Hofmeyer. "Denn was nützt es mir, die pfiffigsten Verbrechen auszuhecken, wenn ich die Gegenschritte nicht durchsetzen kann. Ich muss genau wissen, wie ein Polizist draußen auf unsere Vorschläge reagiert." Im Team sind junge Leute um die 30, die Besten aus allen Bereichen, dazu ältere Fachleute und externe Berater.

Wie gut die Strategische Kriminalitätsanalyse (SKA) funktioniert, zeigte eine Studie zum Euro. Experten von Banken, Handel, Industrie, Wissenschaft und Forschung überlegten sich, wie sie einen schnellen Euro machen würden. Die Schwachstelle liegt in der Software, erkannten die Cyber Cops - und sind so ihren Gegenspielern einen Schritt voraus. Besonders Personalnot und Zeitmangel könnten Ganoven in die Hände spielen: Aushilfskräfte von externen Software-Firmen könnten mit sensiblen Daten erpressen, handeln, Konten manipulieren oder sogar ganze Systeme mit Viren infizieren.

Die Trefferquote wächst täglich. Je besser die Voraussagen der Wiesbadener Wahrsager, desto eher handelt die Polizei, statt nur auf Verbrechen zu reagieren. Viele reduzieren die Zukunft auf Computerkriminalität. " Oh, Sie arbeiten an Cyber Crime?", fragte auch Debra Joy Weierman vom FBI, als sie die Kriminalisten besuchte. Weiterführende Analysen von Alltagskriminalität gibt es in den USA höchstens an Universitäten. Eine Sondereinheit wie das SKA ist weltweit einmalig. So umfassend wie das Bundeskriminalamt erfinden sonst nur echte Ganoven Verbrechen.

Panik oder keine Panik? Der eine hält Terroranschläge für unrealistisch, der andere für überall dräuend.

Auf keinen Fall aber will Hofmeyer Angstszenarien entwickeln oder Panik schüren: "Es gab in den letzten fünf Jahren keine spektakulären Terror-Anschläge mehr", betont Rainer Hofmeyer. "Ich komme vom Staatsschutz, ich kann Ihnen sagen, all diese Terror-Szenarien sind absolut unrealistisch." Das wiederum hört Karl Adolf Neubecker nicht gern. Er ist stellvertretender Direktor des Zentrums für Europäische Strategieforschung, ein im Wortsinn wehrhaftes Unternehmen. Es gehört zur " Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH" (IABG) in Ottobrunn, die 1961 auf Initiative des Bundes gegründet wurde. Noch heute arbeitet die Firma vor den Toren Münchens hauptsächlich für die Bundeswehr: absichern, abschotten, abriegeln.

Das Betriebsgelände ist von einem Wald umgeben. Zwei Eingänge müssen passiert werden, dann kommt noch eine letzte Prüfung. Die Empfangsdame trägt Krawatte. Kurzer, militärischer Haarschnitt, Haarfarbe rot. Sie scheint einem Hollywood-Film entsprungen, wie sie da sitzt vor einem Poster des Kampfhubschraubers "Tiger". An der Wand flackern Monitore.

Auf den ersten Blick passt Karl Neubecker hier nicht hinein. Graue Haare, Brille, eher ein Künstlertyp. Irrtum. Schon bricht es aus dem Diplom-Physiker heraus: "Was der Ruhe angerichtet hat, ist eine Katastrophe. Das freie Denken hat er unterbunden." Neubecker verschränkt die Arme, er ist eingeschnappt. Die Leute würden sich hierzulande viel zu sicher fühlen.

In den Vereinigten Staaten ist das ganz anders. Dort wisse man bis hinauf zum Präsidenten: Die Infrastruktur ist in Gefahr. Jede Brücke, jede Fabrik kann Ziel eines Terror-Anschlages werden. Polizei und Feuerwehr, vor allem aber das Militär sind in Hab-Acht-Stellung. Lokale Gruppen proben den Kampf gegen Giftgasangriffe, Chemie-Attacken und Bio-Waffen. Wie verhindere ich Anschläge gegen Öl-Pipelines und Elektrizitätswerke? Darum kümmert sich in den USA jedes Dorf.

In Deutschland will die IABG erst mal ein Bewusstsein dafür schaffen, wie verwundbar das Land sein kann. Damit verdient die Firma ihr Geld; bislang lasse sich das Thema allerdings schlecht verkaufen, beklagt sich Neubecker. Damit das anders wird, haben er und seine drei Mitarbeiter ein Planspiel entwickelt, das ab kommenden Herbst durchgespielt werden soll. Was wäre wenn: Es ist Wahlkampf, die Arbeitslosigkeit steigt, Rechtsradikale haben immer mehr Zulauf. In dieser Situation schlägt eine Terror-Gruppe zu. Kriminelle dringen in den Rechner eines Energieunternehmens ein und drehen einer Großstadt den Strom ab. Gleichzeitig werden alle Telefonleitungen blockiert. Dann folgt eine weitere Attacke: Im Rechenzentrum einer Großbank sitzt ein " Schläfer", der dort die Daten manipuliert. Das öffentliche Leben bricht zusammen, die Bundesregierung wäre erpressbar.

Eine andere Form der Attacke untersuchen Neubeckers Rollenspieler gerade beim süddeutschen Energieriesen "Bayernwerke AG". Dort geht es darum, welch ein Risiko ein Unternehmen eingeht, wenn es seine Abrechnungen aus Kostengründen von Fremdfirmen erledigen lässt. Denn dadurch können Kundendaten der Konkurrenz in die Hände fallen.

Erpressung, Sabotage, alles vorstellbar. Wer seine Netze öffnet, macht sich verletzbar und verliert die Kontrolle. "Wir müssen vorausschauen", erklärt Neubecker. Dafür sind ihm auch Anregungen aus dem Kino nicht zu abwegig. "Die Mitglieder des amerikanischen Defense Science Boards wurden in Hollywood fündig, als sie sich überlegten, wie die Streitkräfte von morgen aussehen könnten. Da gab es die Zukunft schon." Die Wirklichkeit ist unrealistisch, aber Hollywood zeigt die Wahrheit: "Die harder" als Realitätsersatz.

Die Zukunft? Erpresser besetzen die Flugsicherung, manipulieren das Landesystem und lassen eine Maschine abstürzen. Das passierte in "Die harder", die Rettung hieß dort Bruce Willis. Experten glauben, dass sich ein solches Szenario problemlos realisieren lässt: Das Globale Navigationssystem (Global Positioning System, GPS) simuliert eine nicht existente Landebahn, der Flieger rammt den Boden. Das nennt man GPS-spoofing.

Die IABG, die Actionfilme ernster nimmt als jeder Kinobesucher, hat 1200 Mitarbeiter, die Hälfte davon Techniker. Die Aufträge kommen vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Diese verschwiegene Bonner Behörde hat 1997 eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich zuerst informierte, wo überall Computer im Einsatz sind. Denn dort gibt es, um im Amtsdeutsch zu bleiben, ein " Gefährdungspotenzial von Infrastrukturbereichen". Anders gesagt: Computer sind leicht zu zerstören, zu sabotieren, zu manipulieren. Das ist, meint das BSI, Krieg mit neuen Mitteln: der "info-war".

Ein Grund zur Panik? Für Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS) hat die neue Bedrohung vor allem einen Sinn: Militär und Geheimdiensten neue Aufgaben zu verschaffen: "Wenn Computerviren plötzlich als ähnlich gefährlich eingeschätzt werden wie Langstreckenwaffen, kann es sein, dass die Armee irgendwann auch für die innere Sicherheit zuständig ist." Schon jetzt versucht die NATO, die Abwehr im Info-Krieg in den Mitgliedsländern zu harmonisieren. EX-CDU-Chef Wolfgang Schäuble machte sich sogar für eine Verfassungsänderung stark. Mit dem "loveletter" -Virus vom Mai diesen Jahres und der folgenden Panik haben die Pläne weiteren Auftrieb erhalten.

ABM für Geheimdienste: Computerviren und Cyber-Terror.

Der Berliner Querdenker hat ebenfalls ein Was-wäre-wenn-Gedankenspiel, allerdings mit anderem Ergebnis: Was wäre, wenn die Hackerangriffe und Virenattacken der letzten Zeit den Geheimdiensten gar nicht so ungelegen kämen? Wer den Cyber-Terror beschwört, braucht dafür Gründe. Eine Verschwörungstheorie? Es gibt Belege, dass viele Computerviren aus den Labors der amerikanischen " National Security Agency" stammen, der mächtigen NSA, dem Dachverband der amerikanischen Geheimdienste. Auch in Russland, China und Frankreich beschäftigten und beschäftigen sich Geheimdienste nachweislich mit " aktiver Info-Kriegsführung".

"Pikant ist", sagt der Friedensforscher, " dass sich die Strategen Argumente der Friedensbewegung zu eigen machten." Die jedoch hatte auch belegt, dass Kriege nicht mehr führbar seien. Die Infrastruktur moderner Städte mit ihrer Hochtechnologie ist so verwundbar, dass jeder Angreifer in Sekundenschnelle selbst zum Opfer würde. Könnte man das ändern, gäbe es eine neue Perspektive für die letzten (k-)alten Krieger. Doch so etwas zu planen wäre tatsächlich ein Verbrechen der Zukunft.