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Satanische Zinsen

Für Muslime ist es nicht einfach, ihr Geld zu vermehren, ohne gegen Allahs Gebote zu verstoßen: Nicht nur Geschäfte mit Alkohol und Schweinefleisch sind tabu - Zinsen sind es auch. Die Commerzbank hat nun den ersten islamisch ausgerichteten Aktienfond der Republik aufgelegt. Aber ist das der richtige Weg? Ein Gespräch mit Axel Ayyub Köhler vom Zentralrat der Muslime in Deutschland über Gott, Geld, Zeit und eine Alternative zum Kapitalimus.




Nach Fonds für Öko- und Internetfreaks nun also der erste deutsche Fonds für Muslime. Werden Sie investieren?

Ich freue mich jedenfalls über die neue Möglichkeit, islamisch zu wirtschaften.

Was bedeutet islamische Ökonomie?

Im Vordergrund steht hier das Zinsverbot. Im Koran heißt es: "Gott hat das Kaufgeschäft erlaubt und die Zinsleihe verboten." Und: "Diejenigen, die Zins nehmen, werden dereinst nicht anders dastehen als einer, der vom Satan erfasst und geschlagen ist." Starke Worte.

Warum sollen Muslime ihr Geld nicht für Zinsen arbeiten lassen?

Weil uns ein Geschäft mit der Zeit verboten ist. Hinter dem Zinsverbot steht die Frage nach der Herrschaft über die Zeit. Unserem Glauben zufolge ist Gott der Souverän über die Zeit, der Mensch kann nicht über sie verfügen. Ökonomisch gesehen, ist Zeit also ein öffentliches Gut. Eine Idee, die übrigens auch im Christentum verankert war. Ich zitiere aus dem fünften Buch Mose: "Dein Geld gib nicht um Zins, um Mehrung gib nicht deine Speise." Die Christen sehen das aber seit langem lockerer.

Bedauerlicherweise. Für die Kehrtwende war unter anderem Papst Johannes XXII im 14. Jahrhundert verantwortlich; er ebnete dem kapitalistischen Denken den Weg.

Ist die Emanzipation der Wirtschaft von der Religion für Sie kein Fortschritt?

Nein. Zweifellos ist die westliche Welt so zur führenden Macht geworden, doch um welchen Preis? Das Geld vagabundiert heute mit unvorstellbarer Geschwindigkeit auf unüberschaubaren Bahnen um den Globus, immer auf der Suche nach dem Ort, an dem in immer kürzeren Zeitabschnitten der größere Gewinn gemacht werden kann.

Viele Transaktionen sind reine Spekulation. Wirtschaft degeneriert zum Glücksspiel, und der Mensch verliert einen bedeutenden Teil seiner Souveränität.

Was ist die Alternative? Selbst der neue Al-Sukoor Fund lässt Unternehmen zu, die bis zu fünf Prozent ihrer Einnahmen aus Zinsen erwirtschaften.

Damit kann ich leben. Zum einen, weil vorgesehen ist, diesen Anteil am Fondsertrag an Wohlfahrtsorganisationen zu spenden. Zum anderen lassen sich Zinseinkünfte bei Unternehmen, die Außenhandel betreiben, nun mal nicht völlig vermeiden. Ein klarer Trennstrich muss allerdings zu Firmen gezogen werden, die wie Banken agieren. Zum Beispiel zu Siemens.

Ist Ihre Vorstellung von Wirtschaft nicht utopisch?

Ganz und gar nicht. Ich bin überzeugt, dass sie praktikabel und wegen des Grundsatzes der Nachhaltigkeit sehr aktuell ist. Eine der wichtigsten Säulen des Islams ist die obligatorische Sozialabgabe Zakat. Gemeinsam haben Sozialabgabe und Zinsverbot auch einen dynamischen Effekt.

Inwiefern?

Sie führen dazu, dass sich Kapital vermindert, wenn es nicht rasch wieder in den Wirtschaftskreislauf investiert wird. Geldhorte sind uns verboten und würden sich auch nicht lohnen.

Ein Zinsverbot bremst die Ökonomie aber kräftig.

Das stimmt so nicht. Die Ökonomie entwickelt sich zwar langsamer, dafür aber organischer. Das islamische Modell einer Beteiligungswirtschaft ähnlich dem Kommunitarismus wäre auch eine gesellschaftliche Alternative. Es gibt dafür aus der Geschichte genügend Belege. Auch heute entwickeln sich schon beachtliche Nischen islamischen Wirtschaftens.

Wo denn?

In Malaysia ist islamisches Investment sehr populär. Einschlägige Fonds haben die Asienkrise viel besser verkraftet als die Konkurrenz.

Die meisten islamischen Staaten sind nicht gerade für ihre erfolgreiche Wirtschaftspolitik bekannt.

Nicht überall, wo Islam draufsteht, hält man sich an die Prinzipien.

Glauben Sie tatsächlich an eine zinslose Weltwirtschaft?

Natürlich ist es ein langer Weg dorthin. Voraussetzung wäre eine Gemeinschaft von Gläubigen und eine starke Bindung an Gott. Ich bin überzeugt, dass religiöse Grundwerte in unserer materialistischen Gesellschaft eine neue Konjunktur erleben werden.

Wie haben Sie eigentlich bisher Ihr Geld angelegt, Herr Köhler?

Darüber musste ich mir mangels Masse glücklicherweise keine Gedanken machen.

Marktlücke Islam In diesen Wochen soll der Al-Sukoor European Equity Fund in Deutschland vermarktet werden. Aufgelegt hat ihn die Commerzbank Tochter CICM, die sich von islamischen Rechtsgelehrten beraten lässt. Ein " Sharia-Board", dem fünf Scheichs angehören, wacht streng darüber, dass nur gottgefällige europäische Unternehmen aufgenommen werden. Draußen bleiben müssen firmen, die mit Alkohol, Tabak, Glücksspiel, Pornografie, Waffen oder Schweinefleisch Geschäfte machen, einen Verschuldungsgrad von mehr als 30 Prozent aufweisen oder mehr als fünf Prozent ihrer Einnahmen in Form von Zinsen erwirtschaften. Eigentlich verbietet der Koran jegliche Zinseinkünfte. "Wir haben aber beim besten Willen kein Unternehmen gefunden, das dieses Kriterium erfüllt", sagt der Fonds-Manager Ulrich Schellenberg. Um Allah milde zu stimmen, werden die Zinseinkünfte an eine wohltätige Organisation im Nahen Osten gespendet. Geld verdienen sollen die Anleger trotzdem. So lag die Performance der ausgewählten, im Sinne des Islams korrekten Unternehmen laut Verkaufsprospekt im Vergleich der vergangenen drei Jahre über dem Index MSCI Europe. Im Portfolio sind Firmen wie Swatch und Bayer; Unternehmen wie Glaxo Welcome (Verschuldungsgrad) oder Daimler-Chrysler (Zinseinkünfte) fielen durch. Bei der Kundschaft sind die Banker weniger streng: Neben den rund 2,5 Millionen Muslimen in Deutschland dürfen auch Ungläubige investieren.