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Overdrive

Es scheint, als würde Sinn im digitalen Zeitalter durch Geschwindigkeit ersetzt. Ich weiß zwar nicht, wo ich hin will, aber dafür bin ich schneller dort, ist das neue Credo. Tempo jedoch ist eine ganz besondere Sache.




These are the days of lasers in the jungle/Lasers in the jungle somewhere Staccato signals of constant information These are the days of miracle and wonder/This is the long distance call The way the camera follows us in slo-mo The way we look to us all
(Paul Simon, The Boy In The Bubble

Das Problem der wechselnden Moden erübrigt sich in dem Augenblick, in dem man sich mit Lichtgeschwindigkeit umziehen kann. Informatik und Gentechnik werden in einer großen gemeinschaftlichen Leistung Gewebe entwickeln die farblich und strukturell umschaltbar sind. Zu heiß? Die Maschen auf Zuruf größer ziehen. Zu unauffällig? Das Kleid auf Sonnenrot umschalten. In Design-Datenbänken wird die gesamte Entwurfspalette menschlichen Modeschaffens zum Download in iWear und eShirts bereitstellen. Die Kleidung wird zum Sofortbildschirm.

Es war Anfang der achtziger Jahre, und ich dachte, Computer machen immer alles sofort. Ich schrieb ein kleines Programm für meinen ersten eigenen PC, das die damals beliebten 3D-Funktionen darstellen konnte, die aussehen wie Sombreros.

Ich dachte erst, das Programm hat einen Fehler. Denn nach ein paar Minuten sah ich, dass die Maschine von der linken oberen Ecke aus ab und zu einen Punkt entlang der ersten Bildschirmzeile zeichnete. Nach drei Stunden hatte der Computer gerade mal einen Fingerbreit von der Grafik geschafft. Ich war davon ausgegangen, dass die Zauberformel von Mikrochips lautet: Dummheit mal Geschwindigkeit. Ein Computer kann zwar nicht einmal bis zwei zählen (er schafft nur 0 und 1), das aber in atemberaubendem Tempo. Große Enttäuschung.

Der Traum also hieß: die Jetzt-sofort-alles-Maschine. Denn Warten heißt die Zeit, in der wir fühlen, wie gleichermaßen banal und bedeutend das ist, was wir Freiheit nennen.

Warten in seiner mitteleuropäischen Form ist die dunkle Seite des Müßiggangs. Je weiter man nach Süden kommt, desto mehr wandelt es sich in Lebensqualität. In Athen oder Kairo macht die Zeit im Kaffeehaus nicht mehr ticktack, sondern mmh. Man geht Fragen nach wie der, weshalb die so genannte Echtzeit stets von einem Gefühl der Leblosigkeit und Absolutheit begleitet ist. Es müsste doch wundervoll sein: Alles geschieht, wie mit dem Zauberstab angetippt, sofort. Zeit müsste man einfrieren können und später wie Eiswürfel wieder auftauen. Schlucke aus dem Stundenglas, on the rocks.

Zu beobachten ist die Individualisierung von CNN. Jeder ist ein Künstler - das war gestern, heute ist jeder Reporter. Die Dabei-sein-Spezialisten mit ihren Handys und Subnotebooks bringen Live-Reportagen von den Brennpunkten des Nichts. Menschen mit Kommunikationsmitteln auf der Höhe der Zeit, ohne Ahnung, was zu sagen ist, ohne Stil, wie es zu sagen ist, und ohne Empfinden dafür, worum es geht.

Der moderne Mensch leidet an chronischer Abwechslung. Mit den Beschleunigungen von Bildschirmfrequenzen und Computer-Befehlszyklen, die unsere unbewaffnete Wahrnehmung überschreiten und unser angeborenes Gefühl für Rhythmen hinter sich lassen, wird die Abwechslung zu einem merkwürdigen Maximum getrieben: dem Overdrive.

Am Computer kann man beispielhaft sehen, wie die Beschleunigung des Stillstands zum Hauptziel der Technologie geworden ist. Alles läuft darauf hinaus, dass die Maschinen immer schneller warten.

Computerprogramme werden langsam programmiert, um dann zu rasen.

Zur Geschwindigkeit gehört das Gefühl, nicht mithalten zu können mit den Beschleunigungen des Jetzt-hinein-in-die-Echtzeit, von immer kürzeren Sätzen und schnelleren Schnitten. Wir befinden uns, falls das irgendjemanden beruhigen sollte, in einem Phasenübergang. Und die Beschleunigung gehört zu den Symptomen des Übergangs und nicht zu den nachfolgenden Verhältnissen.

Was wir derzeit erleben, ähnelt dem Bildschirmflimmern. Es nervt so lange, bis die Frequenz auf über 70 Hertz beschleunigt wird. Dann wird das Bild plötzlich ruhig und klar, auch wenn man weiter beschleunigt.

Ich ging ans Fenster. Die Zeit verging, als wäre nichts. Was sollte sie auch tun? Vor dem Fenster Sonnenblumen. Ich sah, dass Schnecken Löcher in die Blätter fraßen. An den Mülltonnen traf ich meinen Nachbarn, einen sehr alten Herrn. Er grub für mich eine leere Champagnerkraut-Dose, die er gerade weggeworfen hatte, wieder aus dem Abfall. Dose zwischen den Blumen eingraben, Bier rein. Eine Schneckenfalle.

Geschwindigkeit ist für meinen Freund, den Programmierer Vic, etwas, das die Aufmerksamkeit schärft und ihm erlaubt, ganz in der Gegenwart aufzugehen. Er fährt Motorrad, Anspannung als Entspannung, und segelt auch gem - mit einem Katamaran, "weil der besonders schnell ist. Wenn das Ding abhaut, das macht einfach Spaß" .

Noch schneller geht es mit dem Speed-boat, einem Boston Whaler, das ihm zur Hälfte gehört. Ein weiteres Stück Wasserrasanz ist leider gerade defekt - der Air Foil, ein Zweimann-Flugboot, von dem nur acht Exemplare weltweit gebaut wurden, ausgelegt auf 150 Stundenkilometer Reisegeschwindigkeit.

Vic mag die Freiheit der Boote. Keine Verkehrsschilder im Wasser. Einen Aspekt dieser Freiheit hat er auch in der digitalen Welt gefunden. Der Computer trumpft mit seiner Verheißung auf, jede Geschwindigkeitsbeschränkung in Echtzeit beiseite zu fegen. Vic schätzt diese Art Geschwindigkeit, weil sie die Gedanken spiegelt. Das schnelle Denken. "Beim Verstehen war ich immer Erster." Vor einiger Zeit kam Vic zu Besuch und kippte als Gastgeschenk eine Handvoll Glasscherben auf meinen Schreibtisch. An einem warmen Sonnentag war er auf einem schnurgeraden Autobahnstück mit seinem Porsche 968 auf Glatteis geraten. Der Wagen überschlug sich ein paar Mal, mähte ein Stück Wald ab, der Mann blieb unverletzt. "Das Risiko ist die Antwort auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Leben und Tod", sagt Vic.

Wer ihm dabei zuschaut, wie er programmiert, sieht einen Daten-Debussy, der komponiert. Den rasanten Schaltgeschwindigkeiten der Computer steht das Programmieren als extreme Form von Zeitlupe gegenüber. Wochenlang tüfteln Leute wie Vic, indem sie geplante Geschehensweisen Nanosekunde für Nanosekunde beschreiben, an einem Ereignis, das sich schließlich innerhalb eines Augenblicks abspielen wird: dem Programmlauf.

Ich beschloss, über die Bierfalle hinaus noch Gift zu kaufen. Schneckenkorn. Über Monate hatte ich den Sonnenblumen Licht zugefächelt, und sie waren langsam zu mir hochgewachsen. Krieg den Schnecken. Neulich habe ich Faginelli, einen anderen meiner programmierenden Freunde, am Flughafen getroffen. Fr hielt das "Manager Magazin", zu einem steifen Hochglanzknüppel gerollt, in der rechten Faust und haute damit, während wir uns unterhielten, unentwegt auf eine verchromte Querstange. Fr schlug die Zeit tot.

Sein Urerlebnis war der Übergang vom Dreirad zum Tretroller gewesen. Die damit verbundene Zunahme an Aktionsradius hatte ihm ein Gefühl von Freiheit beschert, das er seither wieder und wieder zu erleben sucht. Das Tempo ließ sich via Mofa, Auto und Flugzeug mit dem Erwachsenwerden weiter forcieren. Wie ich, so fand auch Faginelli schließlich das Geschwindigkeits-Eldorado im Computer. Der Wermutstropfen: Mit dem Tempo zeigt auch die Ungeduld neue Qualitäten. Wenn sein Laptop zehn Sekunden braucht, um ein Programm zu laden, windet sich Faginelli vor Ungeduld.

Am Ankunftsflughafen teilten wir uns ein Taxi in die Stadt. Der Fahrer kroch mit 50 dahin, obwohl Faginellis Armbanduhr mehrmals mahnend piepste. Bei solchen Gelegenheiten wird deutlich, wie sich an dem Wunsch, dass es richtig abgehen möge, das Abgehen in zwei konträre Bedeutungen aufspaltet.

Als Cray starb, warben Banner: "We'll take Your breath away".

Zum einen: Speed. Zum anderen: Mangel. Es geht etwas ab. Was fehlt, ist nicht Zeit, sondern: keine Zeit. Tut sich ein unerwartetes Loch im Zeitdruck auf, so haben wir nicht plötzlich mehr Zeit zur Verfügung, sondern nicht mehr keine Zeit. Das quälende Gefühl heißt moderne Ungeduld. Schnecken sind eine langsame Plage.

Im Baumarkt, so erfuhr ich, könne ich Schneckenkorn bekommen. Halbe Stunde Weg, netter Spaziergang. Kein Schneckenkorn. Nur in der Filiale auf der anderen Seite der Stadt, da dort jemand mit einer Apothekerbefähigung angestellt sei. Nur der dürfe das Gift abgeben, das viel schneller wirkt als Bier, in dem die Schnecken ersaufen. Ich kaufte auf dem Rückweg doch eine Dose Bier - zur anderen Filiale war es mir zu weit.

Seymour Cray galt als Ausnahmetalent unter den Computerkonstrukteuren. Um sich von den Anstrengungen bei der Komposition seiner Supercomputer zu entspannen, stieg er in den Keller seines Hauses in Chippewa Falls und trieb mit der Spitzhacke einen mannshohen Tunnel durch die Erde voran. Durch den sorgsam mit Holz ausgekleideten Stollen, durch den er sich über Jahre auf einen nahen Wald zu grub, kamen, so erzählte er, die Elfen zu ihm: "Wenn sie merken, dass ich aus meinem Arbeitszimmer gehe, kommen sie und lösen alle Probleme, die ich zurückgelassen habe." Die Verdrahtung der Cray-Maschinen wurde von Hand gezogen, um keinen Zentimeter zu verschenken, der wertvolle Millionstelsekunden an Datenlaufzeit kosten könnte. Um jede Cray hemm ist eine Art gepolsterter Ofenbank angebracht -die extrem dicht gepackten Chips kommen tatsächlich fast ins Glühen (an der Universität von Minnesota wurde mit der Abwärme einer Cray eine Garage beheizt).

Am 5. Oktober 1996 starb Seymour Cray im Alter von 71 Jahren. Ein Auto war in seinen Jeep Cherokee gerast. Auf der Web-Seite der Firma Cray Research wurde der Tod des Firmengründers angezeigt, darunter flatterte ein Werbe-Banner mit einem Slogan der Firma Silicon Graphics, die Mitte der neunziger Jahre das Unternehmen übernommen hatte - "We'll take Your breath away".

Ich war tagelang unterwegs, um Schneckenkorn zu bekommen. Das dauert. Schließlich bestellte meine Apotheke es für mich. Ich vertrieb mir die Zeit mit Computerei, wie überhaupt in den letzten 20 Jahren. Als ich, die Dose mit dem Gift in der Hand, in den Hinterhof trat, sah ich, dass meine Nachbarin sich einen Hundewelpen aus lauter Ohren und Pfoten zugelegt hatte. In Augenblicksgeschwindigkeit war er bei mir, soff die Krautdose mit dem Bier leer und verzehrte die zwei toten Schnecken, die darin schwammen.

Okay, kein Gift.